{"id":1024,"date":"2012-07-07T01:56:45","date_gmt":"2012-07-07T01:56:45","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1024"},"modified":"2018-11-18T10:49:02","modified_gmt":"2018-11-18T10:49:02","slug":"brennende-fragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1024","title":{"rendered":"Brennende Fragen"},"content":{"rendered":"<p>Ein <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?feature=player_embedded&amp;v=QaSkouvCWoU#!\">Auftritt des K\u00fcnstlers und Absolventen des Philosophiestudiums<\/a> David Wendefilm alias David Tynnauer\u00a0in der Vorlesung &#8220;Antiakademisches Philosophieren&#8221; und <a href=\"http:\/\/www.univie.ac.at\/philosophieforum\/viewtopic.php?f=2&amp;t=2630\">die daran anschlie\u00dfende Diskussion im Philosophieforum<\/a> hat mich dazu motiviert, einen unfertigen Blogpost \u00fcber die T\u00e4tigkeit des Studierens umzuschreiben.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/brennendeFragen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1123\" title=\"brennendeFragen\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/brennendeFragen-300x160.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"160\" \/><\/a><\/p>\n<p>Alexander Van der Bellen hat <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=IZYDUMf7FOA&amp;feature=player_embedded#t=4m09\">in seiner letzten Rede im Parlament<\/a> darauf hingewiesen, dass man an der Uni nicht lernt, wie man gute, ausgefeilte Reden vor einem gro\u00dfen Publikum h\u00e4lt, sondern &#8220;auf der Uni sind wir gewohnt, <em>alles<\/em> zu \u00fcberdenken, neu zu pr\u00fcfen; k\u00f6nnt nicht irgendwo ein Fehler sein, usw.&#8221;<\/p>\n<p>Der Auftritt von Herrn Wendefilm wirkt sehr souver\u00e4n; was angesichts der R\u00fcckmeldungen des Publikums und dessen, was man sonst so bei Referaten in Seminaren am Institut kennt, bemerkenswert ist. Ich m\u00f6chte mir die Sache n\u00e4her ansehen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wendefilm spricht \u00fcber unerf\u00fcllte Erwartungen an das Studium der Philosophie und \u00fcber akademische T\u00e4tigkeit an der Universit\u00e4t Wien im Allgemeinen. Er gibt an, nach seiner Lehre als Verk\u00e4ufer Philosophie studiert \u00a0zu haben, um etwas Erf\u00fcllendes zu machen. Daran schlie\u00dft sich ein Vergleich von Professoren mit \u00c4rzten an: So wie die \u00c4rzte sich heute keine Zeit f\u00fcr ihre PatientInnen nehmen um sie von ihren Krankheiten zu heilen, so nimmt sich der Professor nicht seiner Studenten an, um die so brennende Frage nach der richtigen Lebensweise zu kl\u00e4ren. Was man bekommt sind Massenveranstaltungen, lange Wartezeiten, Gedr\u00e4nge, und Standardrezepte.<\/p>\n<p>Nietzsche beschreibt die Situation einer klassischen Vorlesung so:<\/p>\n<blockquote><p>Der Student h\u00f6rt. Wenn er spricht, wenn er sieht, wenn er gesellig ist, wenn er K\u00fcnste treibt, kurz wenn er lebt, ist er selbst\u00e4ndig das heisst unabh\u00e4ngig von der Bildungsanstalt. Sehr h\u00e4ufig schreibt der Student zugleich, w\u00e4hrend er h\u00f6rt. Dies sind die Momente, in denen er an der Nabelschnur der Universit\u00e4t h\u00e4ngt. Er kann sich w\u00e4hlen, was er h\u00f6ren will, er braucht nicht zu glauben, was er h\u00f6rt, er kann das Ohr schliessen, wenn er nicht h\u00f6ren mag. Dies ist die &#8220;akromatische&#8221; Lehrmethode.<\/p>\n<p>Der Lehrer aber spricht zu diesen h\u00f6renden Studenten. Was er sonst denkt und thut, ist durch eine ungeheure Kluft von der Wahrnehmung des Studenten abgeschieden. H\u00e4ufig liest der Professor, w\u00e4hrend er spricht. Im Allgemeinen will er m\u00f6glichst \u00a0viele solche H\u00f6rer haben, in der Noth begn\u00fcgt er sich mit Wenigen, fast nie mit Einem. Ein redender Mund und sehr viele Ohren, mit halbsoviel schreibenden H\u00e4nden &#8211; das ist der \u00e4usserliche akademische Apparat, das ist die in Th\u00e4tigkeit gesetzte Bildungsmaschine der Universit\u00e4t. Im \u00dcbrigen ist der Besitzer dieses Mundes von den Besitzern der vielen Ohren getrennt und unabh\u00e4ngig: und diese doppelte Unabh\u00e4ngigkeit preist man mit Hochgef\u00fchl als &#8220;akademische Freiheit&#8221;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Insofern passt der Auftritt zum Thema &#8220;antiakademisches Philosophieren&#8221; wie bestellt (der Vortragende wehrt sich im \u00dcbrigen zun\u00e4chst nicht gegen die St\u00f6rung von Wendefilm). Ich muss zugeben, dass ich die Beschreibung Nietzsches mancherorts passend finde. Ich selbst habe, wie \u00fcberraschend, in den meisten Vorlesungen zugeh\u00f6rt und mitgeschrieben &#8211; und finde nichts dabei, das zu tun, denn akademische Freiheit \u00a0ist nicht hinreichend damit beschrieben, es geht auch um die Fragen, die man (sich) als Reaktion auf den Vortrag stellt.<\/p>\n<p>Danach befragt, begr\u00fcndet ein \u00e4lterer Zuh\u00f6rer aus dem Publikum seine Anwesenheit in der Vorlesung &#8220;antiakademisches Philosophieren&#8221; damit, dass man auch fallweise in die Oper geht. Man l\u00e4sst sich inspirieren vom Flow des Professors (auch der renovierte H\u00f6rsaal 33 hat noch das Katheder auf einem Podest stehen und es gibt eine Galerie f\u00fcr extragutem Blick auf den sprechenden\/lesenden Professor).<\/p>\n<p>Was ist die Reaktion von PhilosophiestudentInnen im Saal auf Herrn Wendefilms Ansprache? So wie wenn jemand eine Opernvorstellung st\u00f6rt: &#8220;Auf Wiedersehen&#8221;, &#8220;Wir wollen Sie nicht mehr sehen&#8221;, &#8220;Wir bitten Sie, den Raum zu verlassen&#8221;, &#8220;Wen interessiert das was du denkst?&#8221;, &#8220;Genug&#8221;, &#8220;Buh&#8221;, &#8220;Abschied&#8221;, &#8220;Wir wollen Liessmann h\u00f6ren&#8221;.\u00a0Man denkt an Nietzsche und die Nabelschnur.<\/p>\n<p>Ein weiterer Trigger, durch den die T\u00e4tigkeit des Studierens fragw\u00fcrdig werden kann ist der folgende: W\u00e4hrend einiger Pr\u00fcfungen am Institut wird offenbar nicht ausreichend durch Aufsichtspersonen \u00fcberpr\u00fcft, mit welchen Hilfsmitteln man die Fragen beantwortet (Einfl\u00fcsterungen, offene Skripten, Pr\u00fcflinge die raus und rein gehen). Anders gesagt: Man erschummelt sich das Bestehen der Pr\u00fcfung. Aus\u00a0einer \u00e4lteren Forumsdiskussion dazu ergibt sich das Argument, dass das ganze Studium keinen Sinn hat, wenn man nicht in der Lage ist, f\u00fcr sich selbst die Pr\u00fcfung zu bearbeiten. &#8220;Studenten [sollen] ihr Studium ernst nehmen und der akademischen Bildung nicht noch den letzten Rest an Glaubw\u00fcrdigkeit abschneiden. Schummeln ist nicht \u00c4u\u00dferung einer Zweckorientiertheit, sondern Symptom besch\u00e4mender Infantilit\u00e4t.&#8221; Die Institution Universit\u00e4t sollte die Einzelleistung der Studierenden \u00fcberpr\u00fcfen, um den Studiengang nicht zur Farce werden zu lassen.<\/p>\n<p>Darauf <a href=\"http:\/\/www.univie.ac.at\/philosophieforum\/viewtopic.php?f=4&amp;t=2085#p9995\">wird geantwortet<\/a>: &#8220;Die Universit\u00e4t gibt Wissen an Leute weiter, die es interessiert. Punkt. [&#8230;]\u00a0Wir sind schlie\u00dflich nicht in der Medizin, wo Leben von einer profunden Ausbildung abh\u00e4ngen. [&#8230;]\u00a0Was gibt Dir das Recht, Erwartungen an die Weise zu stellen, wie andere Studenten ihr Studium auffassen?&#8221;<\/p>\n<p>Was gibt uns das Recht? Ich brauche kein abgesichertes Recht, um Erwartungen an andere zu stellen, die \u00a0sich aus meinem Verst\u00e4ndnis von Studieren ergeben. Es geh\u00f6rt zum Studium, sich mit anderen (Kolleginnen, Professorinnen, Freundinnen,&#8230;) dar\u00fcber zu verst\u00e4ndigen, worum es in dem Studium geht, wof\u00fcr man studiert, wie die gelernten Inhalte zur\u00fcckwirken auf die T\u00e4tigkeit des Studierens?\u00a0Wenn es egal w\u00e4re, k\u00f6nnte man den Eindruck haben: Es geht um nichts. Ein Minimalverst\u00e4dnis zumindest mit jenen Leuten zu erzielen, mit denen man zusammenarbeitet, ist darum sinnvoll.<\/p>\n<p>Herr Wendefilm ist entt\u00e4uscht dar\u00fcber, dass es zwischenmenschliche Auseinandersetzungen dieser Art im Studium nicht gibt; man produziert nur isolierte Abschlussarbeiten die Altbekanntes wiederholen, die niemand liest, die nur daf\u00fcr produziert werden, um einen Titel zu bekommen, nicht um (gemeinsam ethische) Probleme zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Wendefilm hat jedoch den Duktus der Bildungsmaschine, gegen den er sich stellt, selbst verinnerlicht. Die Verbrennung seines Diplomzeugnisses hilft ihm nicht dar\u00fcber hinweg, dass er den Mund repr\u00e4sentiert und das Publikum die vielen Ohren (die aber nicht h\u00f6ren wollen). Anstatt w\u00e4hrend dem Studium die Auseinandersetzungen unter KollegInnen zu suchen, steigt er am Ende des Studiums aufs Podest und beklagt sich:\u00a0Das was ich mache, das was wir alle machen, ist M\u00fcll. Unser Studium enth\u00e4lt\u00a0&#8220;eine Ethik die nichts ver\u00e4ndert, die nur da ist, damit wir uns selbst reden h\u00f6ren&#8221;. Und was ist der Status dieses Auftritts?<\/p>\n<p>Es ist wie beim Faust&#8217;schen Seufzer gegen die Gelehrtenrepublik, den Friedrich Kittler auf geniale Weise zerlegt (Vgl. erstes Kapitel von F.Kittler: Aufschreibesysteme 1800-1900). Wendefilm beschwert sich, dass wir ein Leben lang nach Worten kramen und st\u00e4ndig die gleichen Phrasen wiederholen. Dem ist hinzuzuf\u00fcgen, dass der Gestus, sich hinzustellen und seinen Beschluss zu verk\u00fcnden, im Doktorat &#8220;mit dem Abschreiben aufzuh\u00f6ren, und mit dem Denken anzufangen&#8221; ebenfalls eine Phrase ist, siehe Faust:<\/p>\n<blockquote><p>Das Pergament, ist das der heil&#8217;ge Bronnen,<br \/>\nWoraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?<br \/>\nErquickung hast du nicht gewonnen,<br \/>\nWenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr mich ist der Auftritt am\u00fcsant anzusehen &#8211; auf Kosten der Glaubw\u00fcrdigkeit, dass es um die Sache, n\u00e4mlich Studieren am Institut f\u00fcr Philosophie, geht. Er zeigt aber auch: Das Publikum reagiert v\u00f6llig emotional und versucht gar nicht erst, die M\u00f6glichkeit zur Diskussion zu nutzen. Fragen wie &#8220;wer liest denn die ganzen Abschlussarbeiten&#8221; und welchen Sinn haben sie, sind auch f\u00fcr mich brennend. Die Tatsache, dass der Auftritt professionell gefilmt wurde, gibt zumindest im Anschluss ausreichend Gelegenheit, den Event und das Thema zu analysieren &#8211; bzw. den Namen Wendefilm zu googeln und auf seine Homepage zu sto\u00dfen. \ud83d\ude42<\/p>\n<p>Nachdem der Zentrale Informatikdienst der Universit\u00e4t Wien demn\u00e4chst meinen Account einfrieren wird und ich daher <s>formal<\/s> formell gesehen nicht l\u00e4nger an der Universit\u00e4t Wien studiere, habe ich ebenfalls eine Art Retrospektive vorgesehen.\u00a0Sie besteht nicht darin, meinen Abschluss f\u00fcr wertlos zu halten und ihn zu verbrennen.<\/p>\n<p>Studieren ist erstens kognitives Training zum Zwecke der Orientierung und zweitens volitives Training zugunsten der Spezialisierung und der Praxis.\u00a0Trotz der Vielfalt an Einf\u00fchrungen in Herangehensweisen, die ich am Institut f\u00fcr Philosophie im Bachelorstudium besuchte, gab es die M\u00f6glichkeit, Anziehungskr\u00e4fte und eigene Schwerpunkte zu entwickeln. Das h\u00e4ngt nicht nur an Prozessen, sondern auch an jenen Menschen, mit denen man interagiert. Ein Studienplan bremst die allzu schnelle Begeisterung. Man ist gezwungen, andere Aspekte kennenzulernen. Bleiben die initialen Anziehungskr\u00e4fte stabil? Halten sie Gegenargumenten und Gegenkr\u00e4ften stand? Verst\u00e4rken sie den Wunsch, sich stellenweise zu vertiefen? Man wird differenzieren lernen.<\/p>\n<p>Trotz bereits genannter und einiger ungenannter Punkte, die ich kritisch sehe, ist das Institut f\u00fcr Philosophie der Universit\u00e4t Wien ein Ort, in dem spannende Auseinandersetzungen mit analytischer und kontinentaler Philosophie m\u00f6glich sind; es gibt Einf\u00fchrungen in die verschiedensten Spielarten der Philosophie, sowie weiterf\u00fchrende Veranstaltungen, auch im Bachelorstudium. Es gibt Potenzial, Lesekreise zu besuchen oder zu organisieren, man kann Aufzeichnungen von Vorlesungen\/Diskussionen mit Hilfe der Philosophischen Audiothek austauschen und nutzen &#8211; was die klassische Vorlesungssituation \u00e0 la Nietzsche zumindest modifiziert.<\/p>\n<p>Es bleiben viele aufgeworfene Fragen offen. Zum Beispiel: L\u00f6sen wir im Philosophiestudium Probleme und inwiefern? Als ich die oben zitierte Nietzsche-Stelle im Buch von Kittler getroffen habe, war ich geneigt zu antworten: Philosophie fertigt Beschreibungen an, die manchmal den Effekt haben, dass uns die Normalit\u00e4t stellenweise sonderbar, diskussionsw\u00fcrdig erscheint. Man hat jedoch nichts Bestimmtes hinzugef\u00fcgt. Wie wenn einer das Gummiband eines Ph\u00e4nomens nimmt, spannt und abrupt losl\u00e4sst. Die Ph\u00e4nomene beginnen sich zu drehen und neu zu gruppieren. Einige Eigenheiten werden damit klarer, andere dunkler.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Auftritt des K\u00fcnstlers und Absolventen des Philosophiestudiums David Wendefilm alias David Tynnauer\u00a0in der Vorlesung &#8220;Antiakademisches Philosophieren&#8221; und die daran anschlie\u00dfende Diskussion im Philosophieforum hat mich dazu motiviert, einen unfertigen Blogpost \u00fcber die T\u00e4tigkeit des Studierens umzuschreiben. 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