{"id":1054,"date":"2012-02-14T01:22:50","date_gmt":"2012-02-14T01:22:50","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1054"},"modified":"2018-11-18T10:49:50","modified_gmt":"2018-11-18T10:49:50","slug":"sowohl-als-auch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1054","title":{"rendered":"Sowohl als auch"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Blog gab es bereits ein paar Artikeln zu Alain Badiou. In der Zeitschrift Critical Inquiry wurde in der Sommerausgabe 2011 eine\u00a0<a href=\"http:\/\/criticalinquiry.uchicago.edu\/uploads\/pdf\/nirenbergs_badiousnumber_complete.pdf\">kritische Analyse von Alain Badious Werk &#8220;Sein und Ereignis&#8221;<\/a>\u00a0geliefert. Die Autoren &#8211; die Gebr\u00fcder Nirenberg (Ricardo und David) &#8211; konzentrierten sich auf den mathematischen, konzeptuellen Bereich des Werks. Ist ihre Diagnose ad\u00e4quat, h\u00e4tte das negative Konsequenzen f\u00fcr die Glaubw\u00fcrdigkeit des Projekts von &#8220;Sein und Ereignis&#8221;, in dem ein zentraler Eckpfeiler &#8211; Mengentheorie als Ontologie &#8211; ins Wanken ger\u00e4t.\u00a0Zuletzt wurde in derselben Zeitschrift auch eine Replik zur Kritik ver\u00f6ffentlicht, <a href=\"http:\/\/pastehtml.com\/view\/bo1zmm4o3.html\">eingeleitet von Badiou<\/a> und verfasst von zwei seiner &#8220;australischen Freunde&#8221; &#8211; <a href=\"http:\/\/pastehtml.com\/view\/bo20snbz7.html\">Bartlett und Clemens: &#8220;Neither Nor&#8221;<\/a>. Die Nirenberg-Br\u00fcder haben au\u00dferdem <a href=\"http:\/\/pastehtml.com\/view\/bo219i443.html\">auf die Replik geantwortet<\/a>.<\/p>\n<p>Nachdem ich im Sommer die Nirenberg-Kritik gelesen habe, war mein Eindruck, dass sie zwar heikle Punkte erw\u00e4hnten, dass einige der Einw\u00e4nde sich aber kl\u00e4ren lassen, indem man Badious Verst\u00e4ndnis von Ontologie ernst nimmt. Bei den anderen Punkten war ich interessiert, wie sich ein Philosoph der Gegenwart dieser Kritik stellen w\u00fcrde. Ich hatte also gro\u00dfe Erwartungen an die Antwort von Badiou und dem Badiou-Freundeskreis.<\/p>\n<p>&#8220;Aber was f\u00fcr eine Entt\u00e4uschung!&#8221; um es mit Badious eigenen Worten aus der Replik zu sagen. Mein erster Eindruck: Das ist unter dem Niveau einer wissenschaftlichen Diskussion.\u00a0Ein destruktives Herumzanken. Personen wird mangelnde Kompetenz, Dummheit oder ideologische Voreingenommenheit unterstellt. Ich war entt\u00e4uscht von der harschen, unfreundlichen und proto-aggressiven Antwort, die an die Nirenberg-Kritik gerichtet war. So reagiert man also in der Badiou-Szene auf Versuche, (dunkle) Stellen in &#8220;Sein und Ereignis&#8221; skeptisch zu analysieren und in Frage zu stellen?<\/p>\n<p>Nun, nachdem der erste Schock \u00fcber den Stil etwas abgeklungen ist, ein Versuch, dieses B\u00fcndel von Kritiken und Repliken zu lesen und nennenswerte Punkte hervorheben. Immerhin geht es ja um ein interessantes, riskantes Thema, \u00a0ein zeitgem\u00e4\u00dfes Verst\u00e4ndnis von Ontologie, von Wahrheit, Politik und Mathematik. Ziemlich viel&#8230; ich beginne in diesem Artikel mit dem kleinsten Text, Badious Einleitung von &#8220;Neither Nor&#8221;.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>1. Politische Motivation<\/strong><\/p>\n<p>Badiou sagt: Die Polemik der Nirenbergs h\u00e4ngt von politischen \u00dcberzeugungen ab, die sie, im Gegensatz zu Badiou selbst, nicht offen legen. Damit ist gesagt, dass auch Badious Werk von politischen \u00dcberzeugungen abh\u00e4ngt (wie, dazu werden in Punkt 4 noch \u00dcberlegungen angestellt). Welcher Art die politischen \u00dcberzeugungen bei den Nirenbergs sind, das expliziert Badiou nicht.<\/p>\n<p><strong>2. Mathematische Kompetenz<\/strong><\/p>\n<p>Badiou weist auf Paul Cohens generische Erweiterungen hin. F\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Wahrheit in &#8220;Sein und Ereignis&#8221; sei dieses mathematische Konzept der Schl\u00fcssel. Die Nirenbergs jeodch haben das Konzept gar nicht verstanden; deswegen verbleibt ihre Kritik auf dem ideologischen Level. Ob und wie Cohens generische Erweiterung im Rahmen der Technik des Forcing \u00a0zu verstehen ist, w\u00e4re pr\u00fcfenswert. Hier k\u00f6nnte man sachlich etwas beitragen. Badiou \u00e4u\u00dfert sich jedenfalls folgenderma\u00dfen dazu:<\/p>\n<blockquote><p>But, dear friends, the force of a generic extension is to obtain models that validate propositions other than those that validate the ground model and not to conserve the same semantics! For this, it is necessary that what supplements the ground model is generic and therefore, in a precise sense, not constructible on the basis of that model. Otherwise one remains in the same semantics. It is precisely this characteristic, at once supplementary and nonconstructible, that makes the generic the formal schema of truths; they are added to the situation without being able to be directly deduced from it, and their deployment thus unveils unknown possibilities of the primitive situation. This attests that they aim at, in the situation, what the language of this situation cannot separate in it before the supplementation. This is why I call truths generic procedures. This definition can be contested, but you\u2019ve still got to understand the formalism.<\/p><\/blockquote>\n<p>Badiou liest sich am Ende dieses Zitats ein wenig wie ein cholerischer Zen-Meister, der sich wundert, dass seine Besucher noch nicht erleuchtet sind und sie daher gleich wieder wegschickt. Er nennt sie &#8220;dearest friends&#8221;. Der Hauch von V\u00e4terlichkeit wird aber schnell hinweggefegt, indem er von vielz\u00e4hligen &#8220;gewissenlosen Fehlern&#8221; beim Verst\u00e4ndnis spricht und davon, dass seine Besucher blo\u00df vort\u00e4uschen, zum Herz der philosophischen Fragen von &#8220;Sein und Ereignis&#8221; vorzudringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Mengenlehre als Ontologie:<\/strong><\/p>\n<p>Die Nirenbergs sagen &#8211; gem\u00e4\u00df Badiou -, dass Hasen und Eifersucht keine \u00c4hnlichkeit mit Mengen aus der Mengenlehre haben. Weniger polemisch formuliert, weisen sie auf eine Diskrepanz zwischen unserer Erfahrung und einer Ontologie auf Basis einer Mengenlehre hin. So eine Ontologie w\u00fcrden n\u00e4mlich fordern, dass Objekte von anderen Objekten nicht beeinflusst\/ver\u00e4ndert werden d\u00fcrfen. Das mag mit mathematischen Objekten gehen, aber nicht mit physischen.<\/p>\n<p>Badiou h\u00e4lt dem entgegen, dass dieser Vorwurf f\u00fcr viele mathematische Modelle gemacht werden k\u00f6nnte. Denn auch Sterne und Kometen haben keine \u00c4hnlichkeit mit jenen mathematischen Objekten, die in den Gleichungen der Astrophysik vorkommen. Und trotzdem k\u00f6nnen sie das Verhalten von Sternen erkl\u00e4ren bzw. zumindest verst\u00e4ndlicher machen.<\/p>\n<p>Hier muss man den Nirenbergs entgegenhalten &#8211; und das tun Bartlett und Clemens schon zu Beginn mit einem Zitat &#8211; dass sie ein anderes Verst\u00e4ndnis von Ontologie zur Pr\u00fcfung heranziehen als Badiou: &#8220;The thesis that I support does not in any way declare that being is mathematical, which is to say composed of mathematical objectivities. It is not a thesis about the world but about discourse. It affirms that mathematics, throughout the entirety of its historical becoming, pronounces what is expressible of being qua being.&#8221;<\/p>\n<p>Es geht nicht darum, Mengen als die einzig realen Objekte zuzulassen. Im ontologischen Diskurs \u00e1 la Badiou wird die Mechanik der Pr\u00e4sentation (die Pr\u00e4sentation der Pr\u00e4sentation) studiert und beschrieben. Hier gehen die verschiedensten Annahmen von Badiou ein, die dann zu folgenden Schluss f\u00fchren: Um zu verstehen, wie die Z\u00e4hlung von Vielheiten zu strukturierten Einheiten (Situationen) vor sich geht, ist die Mengentheorie hilfreich (bei &#8220;Sein und Ereignis&#8221;\u00a0nicht nur hilfreich, sondern die einzige Wahl).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Eine politische Ontologie?<\/strong><\/p>\n<p>Die Nirenbergs glauben nicht, dass Politik und Ontologie in &#8220;Sein und Ereignis&#8221; zwei strikt isolierte Bereiche bei Badiou sind. Dazu m\u00f6chte ich folgendes sagen: Politik und Ontologie bei Badiou sind zwar von einander isoliert, doch nur wenn man die Rechnung ohne Philosophie macht. Seine Philosophie hat n\u00e4mlich die Politik als Bedingung (wie <a href=\"http:\/\/philo.at\/wiki\/index.php\/Benutzer:Andyk\/Badiou\/CriticalInquiryInterview\">aus einem Interview<\/a> hervorgeht ); Politik ist <em>vor<\/em> der Philosophie. Die von (kontingenter) Politik gepr\u00e4gte Lebensform betreibt im Fall von Badiou Philosophie und stellt fest: &#8220;Mathematik = Ontologie&#8221;. Badiou argumentiert dies, indem er ein bestimmtes Verst\u00e4ndnis von Ontologie festsetzt und dann zeigt, wie es mit Mengentheorie zusammenh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Wir sind jeweils durch etwas Kontingentes motiviert. Doch d\u00fcrfen wir nicht den genetischen Fehlschluss begehen, dass dadurch die Resultate auf dem selben Kontingenzlevel angesiedelt sind.<\/p>\n<p>Zu er\u00f6rtern ist die Frage, ob die Rechnung von &#8220;Sein und Ereignis&#8221; aufgeht &#8211; bei den getroffenen und wohl verstandenen Annahmen und Fixierungen. Handelt es sich um einen Missbrauch der mathematischen Konzepte? Sind sie in &#8220;Sein und Ereignis&#8221; richtig verstanden? Und in den Texten seiner Kritiker? Aus dem Nachvollzug von Extrempositionen ist oft Brauchbares gewachsen und manchmal Bewegendes entsprungen, warum nicht hier?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Blog gab es bereits ein paar Artikeln zu Alain Badiou. In der Zeitschrift Critical Inquiry wurde in der Sommerausgabe 2011 eine\u00a0kritische Analyse von Alain Badious Werk &#8220;Sein und Ereignis&#8221;\u00a0geliefert. Die Autoren &#8211; die Gebr\u00fcder Nirenberg (Ricardo und David) &#8211; konzentrierten sich auf den mathematischen, konzeptuellen Bereich des Werks. 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