{"id":1067,"date":"2012-03-26T00:07:33","date_gmt":"2012-03-26T00:07:33","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1067"},"modified":"2018-11-18T10:48:15","modified_gmt":"2018-11-18T10:48:15","slug":"kunst-kommt-von-konnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1067","title":{"rendered":"Kunst kommt von k\u00f6nnen?"},"content":{"rendered":"<p>In <a href=\"http:\/\/nakedsecurity.sophos.com\/2012\/03\/22\/art-computer-virus\/?utm_source=feedburner&amp;utm_medium=feed&amp;utm_campaign=Feed%3A+nakedsecurity+%28Naked+Security+-+Sophos%29\">einem Blog \u00fcber Computersicherheit<\/a> finden sich eine Erz\u00e4hlung \u00fcber die Entwicklung von Schadsoftware und die \u00dcberlegung, dass die Erstellung von Computerviren heute keine Kunst mehr ist:<\/p>\n<p>Computerviren in den 90ern wurden von Hand gemacht, teilweise mit Witz in der Erscheinung und mit Einfallsreichtum beim Verstecken vor Antivirensoftware. Heute l\u00e4uft die Entwicklung von Computerviren weitgehend industrialisiert ab. Sie werden zum Beispiel mit wenigen Clicks durch Viren- und Exploitgeneratoren massenweise produziert. Weiters haben sie nicht den Zweck, die KollegInnen aus der Szene zu beeindrucken oder sich grinsend vorzustellen, wie die Mitarbeiter von Antivirensoftware sich die N\u00e4chte um die Ohren schlagen, um den Virus unsch\u00e4dlich zu machen. Es geht nun prim\u00e4r um Zugriff von und Handlen mit sensitiven Daten &#8211; oder die Eingliederung von Computern in Botnetzen; viel pragmatischer also.<\/p>\n<p>Den Blog-Autor und Security-Experten <a title=\"View all posts by Graham Cluley\" href=\"http:\/\/nakedsecurity.sophos.com\/author\/gcluley\/\">Graham Cluley<\/a> irritieren und am\u00fcsieren &#8211; diese Erz\u00e4hlung im Hintergrund &#8211; die Werke und die Selbstdarstellung der neuen Bilder-Kollektion des K\u00fcnstlers <a title=\"Link to artist's website\" href=\"http:\/\/www.bonifacho-art.com\/\" rel=\"nofollow\">Bratsa Bonifacho<\/a>:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/virus-art.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1068\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/virus-art-300x256.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"256\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Bild ist inspiriert von Malware, so Bonifacho. Cluley dazu:<\/p>\n<blockquote><p>A layman like me wouldn&#8217;t have understood that Bonifacho &#8220;communicates and expresses essentially non-verbal thoughts and emotions abstractly, within the discipline of formalism &#8211; through colour and shape, gesture and surface..&#8221; unless I had visited his website.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Security-Experte wie Cluley, der sich vermutlich die N\u00e4chte um die Ohren geschlagen hat mit Computerviren, findet sich bei diesem Kunstwerk auf demselben Level wie andere Laien.<\/p>\n<p>Es scheint hier zwei Arten von Kunst zu geben:<\/p>\n<p>(1) Die Kunst als F\u00e4higkeit, Malware auf eine elegante Art zu erstellen. Das Ergebnis ist ein Kunstwerk, das funktionieren muss, sich unentdeckt verbreiten kann, in ihrer Erscheinung und\/oder in ihrem Aufbau beeindruckend ist. Die Meisterwerke sind keine Theorien \u00fcber Schadsoftware, sondern <a href=\"http:\/\/gsa.ca.com\/virusinfo\/virus.aspx?ID=5295\">konkrete Programme<\/a> oder Programmfetzen, die etwa in einer Standard Windows-Konfiguration wirksam werden und gew\u00fcnschte (bzw. unerw\u00fcnschte) Effekte hervorrufen.<\/p>\n<p>(2) Davon zu unterscheiden ist Kunst, die sich die Effekte von Malware &#8211; Zerst\u00f6rung, Penetranz, Manipulation, Transparenz, usw. &#8211; als Quelle der Inspiration hernimmt. Das Ergebnis ist ein ausstellbares, posierendes Kunstwerk, das gut in die Kunst-Szene passt. Der K\u00fcnstler gibt der Sache einen <em>sch\u00f6nen<\/em> Titel mit Anspielung auf spezielle Computerviren und eine <em>sch\u00f6ne<\/em> Interpretation. Leute aus der Malware-Szene haben keinen privilegierten Zugang zum Verst\u00e4ndnis dieses Werks.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im ersten Fall freut\/\u00e4rgert man sich \u00fcber die geniale und einfallsreiche Verwendung von Programmiert\u00e4tigkeit, also Handwerkskunst. Der funktionale Zusammenhang des Betriebssystems wird gest\u00f6rt &#8211; obwohl (ja weil) Malware sich direkt einschaltet. Doch das Zielpublikum ist die Szene der (Anti)-Malware-ErzeugerInnen, nicht ein allgemeines Publikum, das durchs Betrachten entz\u00fcckt, irritiert, gelangweilt, ver\u00e4rgert, etc. wird, wie im zweiten Fall. Oder um es genauer zu sagen: Diejenigen User die sich den Virus einfangen sind \u00fcblicherweise nicht diejenigen, denen die Malware \u00e4sthetisches Vergn\u00fcgen bereitet. Die Sache verh\u00e4lt sich eher wie zwischen Hannibal Lecter und der Agentin Clarice Starling: die Spannung baut sich nur \u00fcber Opfer auf. Oder allgemeiner, immerhin geht es nicht um Mord: die Malware-K\u00fcnstlerin instrumentalisiert Computersysteme. Auf diese Weise erfolgreich instrumentalisierte Systeme dienen dazu, (Anti)-Malware-ErzeugerInnen zu beindrucken.\u00a0 Das &#8216;Opfer&#8217; bleibt zwar wo es ist (das Betriebssystem wird zumeist nicht zerst\u00f6rt), doch dessen Funktionen werden manipuliert, etwa um weitere Systeme zu instrumentalisieren.<\/p>\n<p>Im Fall von Bonifacho ist Malware das Medium um &#8220;non-verbal thoughts and emotions&#8221; auszudr\u00fccken. Genauer: Bonifacho verwendet nicht die Produkte selbst, sondern nimmt einige Aspekte zum Anlass f\u00fcr Bilder. Auch hier eine Instrumentalisierung, doch sie ist selbst nicht mehr Software. Bonifacho instrumentalisiert einen ganzen Bereich von durch (Kunst)fertigkeiten entstandenen Produkten; doch zu einer Zeit der Massenproduktion von Malware, wo Botnetze f\u00fcr Spam-Auftr\u00e4ge vermietet werden (f\u00fcr eine systematischere Behandlung von Malware siehe etwa <a href=\"http:\/\/www.iseclab.org\/papers\/malware_survey.pdf\">ein Paper von Manuel Egele<\/a>, TU Wien) und der Spa\u00df nicht mehr die dominierende Motivation einnimmt.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnten Programmierer oder Malware-Erstellerinnen geneigt sein zu sagen, dass sie die zweite Art von Kunst f\u00fcr unsinnig, unproduktiv, langweilig oder sch\u00f6ngeistig halten. Sie finden das, was die Programmiert\u00e4tigkeit ausmacht, nicht auf dieselbe Weise wieder, wie sie das durch ihr Training gewohnt sind. Sie &#8211; die Expertinnen &#8211; m\u00fcssen sich pl\u00f6tzlich etwas sagen lassen \u00fcber Malware. Doch dann lesen sie das auf Bonifachos Homepage:<\/p>\n<p>&#8220;Because my work is couched in formal terms, it may concomitantly stand or fall under formal critical scrutiny. Its critical mass, however,<strong> the flares and phantoms of my internal sensibilities, are unassailable<\/strong>. These emotions are the glue in the interstices that hold together the elements of form.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Es geht um nichts&#8221;, werden sie denken, &#8220;nicht f\u00fcr uns&#8221;, und sich beruhigt zur\u00fccklehnen, sich anderen Dingen zuwenden oder es wie Cluley mit Humor nehmen: &#8220;Golly. What a chance I missed entering the field of computer security rather than art criticism.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Blog \u00fcber Computersicherheit finden sich eine Erz\u00e4hlung \u00fcber die Entwicklung von Schadsoftware und die \u00dcberlegung, dass die Erstellung von Computerviren heute keine Kunst mehr ist: Computerviren in den 90ern wurden von Hand gemacht, teilweise mit Witz in der Erscheinung und mit Einfallsreichtum beim Verstecken vor Antivirensoftware. 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