{"id":1132,"date":"2012-07-26T23:00:57","date_gmt":"2012-07-26T23:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1132"},"modified":"2018-11-18T10:49:19","modified_gmt":"2018-11-18T10:49:19","slug":"was-ist-ontologie-hybride-hybris","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1132","title":{"rendered":"Was ist Ontologie? Hybride Hybris."},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Die Insistenz der Leere &#8216;in-konsistiert&#8217; als Delokalisierung.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8220;Sein und Ereignis&#8221;, Meditation 6: Alain Badiou synchronisiert <a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Philosophie\/M\/Aristoteles\/Physik\/4.+Buch\/6.+Capitel\">aristotelische \u00dcberlegungen \u00fcber die Leere<\/a> mit von der Mengenlehre inspirierten \u00dcberlegungen. Oben befindet sich das Ergebnis. Es ist wie wenn einer die Tonspur eines Films auf stumm stellt und eine Radiosendung dar\u00fcberlegt. Das f\u00fchrt zu neuen Effekten bei der Rezeption: Die Leere wird vom <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Horror_vacui\">Horror<\/a> zum Attraktor. Die Argumentation von Aristoteles bleibt weitgehend gleich, mit einer radikalen Wendung: Die Leere ist kein Ort an dem nichts ist, sondern ein Un-Ort, ein einziger a-topischer Punkt, wie die leere Menge.<\/p>\n<p>Kreativ und faszinierend ist das sicher. Was entsteht ist weder die textgetreue Nacherz\u00e4hlung des traditionellen Materials noch eine streng-formalistische Einf\u00fchrung in die Mengenlehre, sondern ein <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hybrid_system\">Hybrid<\/a>, &#8220;a system that can both flow and jump&#8221;. Ein <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hybrid_vehicle\">Hybridauto<\/a> bringt distinkte Antriebe unter eine Haube. Die Behauptung bei Badiou: Aristoteles metaphysische Schriften und Mengenlehre passen zusammen. Aber wie?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die eigent\u00fcmliche<em> Innovation<\/em> in Meditation 6 ist die konsequente Ersetzung der aristotelischen Illustrationen aus der Erfahrung. Als ob Aristoteles das Konzept der Leere nicht richtig denken konnte, wenn er sich an Beispielen wie einen ins Wasser getauchten Holzw\u00fcrfel abarbeitete und sich dazu einen &#8220;gleichgro\u00dfen Leeren&#8221; imaginierte; als ob die Verwendung physikalisch-handgreiflicher Beispiele sp\u00e4ter zum Kurzschluss zwischen einem technisch erzeugten Vakuum und dem Konzept der Leere als &#8220;Raum in dem nichts ist&#8221; verleitet h\u00e4tte. Ein erhobener Zeigefinger: Schon im Grundstudium Philosophie lernt man, dass Physik bei Aristoteles auf die Gewinnung einer korrekten Definition im Rahmen eines Begriffssystems abzielt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Wenn man von Aristoteles lernen oder ihn gar widerlegen will, muss man das Gedankengeb\u00e4ude betrachten, in dem die Begriffe und ihre Definitionen funktionieren. Die Leere ist f\u00fcr den Griechen keine experimentell erfahrbare Differenz, sondern eine ontologische Kategorie, eine Annahme bez\u00fcglich dessen, was sich in <em>nat\u00fcrlicher Weise<\/em> als Figuren des Seins entfaltet.&#8221; (Badiou)<\/p><\/blockquote>\n<p>Dazu weht uns ein Hauch von Heidegger entgegen: Wir m\u00fcssen den Griechen nach-denken anstatt an den modernen technisch-wissenschaftlichen Errungenschaften anzuschlie\u00dfen. Nur ein Hauch Heidegger. Badiou entwickelt keine &#8220;Ontologie der Pr\u00e4senz&#8221;: Wir m\u00fcssen den Griechen nach-denken <em>und<\/em> an modernen formal-mathematischen Errungenschaften anschlie\u00dfen. Wenn man Aristoteles ernst nimmt, nimmt man Strukturen zu Hilfe, um die exakten Bedingungen anzugeben, unter denen sich das Unstrukturierte entzieht. Obwohl sich keine Struktur des Seins-als-Seins denken l\u00e4sst, ist das Projekt einer materialistisch gewendeten Ontologie: zu sagen, was sich sagen l\u00e4sst, und zwar: es genau zu sagen, ohne Appell an die Intuition, ohne einer fl\u00fcsternden Stimme &#8220;Du wei\u00dft es doch immer schon, es ist dein Eigenstes (glaub mir)!&#8221; auszukommen. Die von Aristoteles herangezogenen Beispiele aus der Erfahrung mit Naturexperimenten werden ersetzt durch Beispiele aus der Erfahrung mit deduktiven Systemen.<\/p>\n<p>Ontologie als strukturierte Lehre des Unstrukturierten und dessen Strukturierendem. Eine Lehre impliziert, dass das Gesagte etwas vermittelt. Bei aller Liebe zu den verstehbaren Einzelheiten im Detail (und zu Formulierungen mit Tiefenstruktur): Wenn die Auseinandersetzungen komprimiert-geheimnisvolle Komplexe wie &#8220;Die Insistenz der Leere &#8216;in-konsistiert&#8217; als Delokalisierung.&#8221;ergeben, sind sie gerade mal einem eingeschworenen intellektuellen Kreis oder Geduldsamen zug\u00e4nglich. Wir h\u00e4tten also gleich bei Heidegger stehenbleiben k\u00f6nnen. Die Herausforderung f\u00fcr eine hybride Hybris, also einer T\u00e4tigkeit die Verschiedenes unversch\u00e4mt zusammenstellt, ist durchdachte Komplexit\u00e4tsreduktion. An diesem Punkt liegt noch Arbeit vor uns.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Insistenz der Leere &#8216;in-konsistiert&#8217; als Delokalisierung. &#8220;Sein und Ereignis&#8221;, Meditation 6: Alain Badiou synchronisiert aristotelische \u00dcberlegungen \u00fcber die Leere mit von der Mengenlehre inspirierten \u00dcberlegungen. Oben befindet sich das Ergebnis. Es ist wie wenn einer die Tonspur eines Films auf stumm stellt und eine Radiosendung dar\u00fcberlegt. 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