{"id":1165,"date":"2012-11-03T21:42:52","date_gmt":"2012-11-03T21:42:52","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1165"},"modified":"2018-11-18T09:57:26","modified_gmt":"2018-11-18T09:57:26","slug":"beschreiben-und-erschweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1165","title":{"rendered":"beschreiben und erschweigen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/yves_klein_blue.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-1166\" title=\"yves_klein_blue\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/yves_klein_blue-232x300.jpg\" alt=\"\" width=\"204\" height=\"263\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Tractatus von Ludwig Wittgenstein scheint zun\u00e4chst gek\u00fcnstelt, eine durchorganisierte Ausstellung. Die nummerierten und geordneten S\u00e4tze k\u00f6nnen zur Meditation einladen, wie eine Serie von Gem\u00e4lden <em>eines<\/em> K\u00fcnstlers. Wenn man annimmt, dass es ums Ganze geht, verf\u00fchren die pointierten S\u00e4tze zum Verharren und Abdriften: &#8220;4.1212 Was gezeigt werden kann, kann nicht gesagt werden.&#8221; Die folgenden drei Screenshots setzen sich mit diesem Satz auseinander, sowie der Frage wie weit sich die Disjunktion von Zeigen und Sagen halten l\u00e4sst, ausgehend von (m)einer <em>unabgeschlossenen<\/em> Welt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" title=\"More...\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/wordpress\/img\/trans.gif\" alt=\"\" \/><br \/>\n<strong>1. Indifferenz:<\/strong> Letztes Wochenende im Mus\u00e9e d&#8217;Orsay in Paris: Nach einer Stunde anstehen vor dem Eingang gehe ich durch die R\u00e4ume des fr\u00fcheren Bahnhofs, wo thematisch und nach Autoren sortiert Gem\u00e4lde ausgestellt sind. Ich bemerke, dass <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gustave_Courbet\">ein und derselbe K\u00fcnstler<\/a> gro\u00dfformatige realistische Szenen sowie das skandaltr\u00e4chtige Bild mit dem metaphysischen Titel &#8220;Ursprung der Welt&#8221; malen konnte. Bilder sind in einem Rahmen ausgestellt; erst nach einem Abstand wartet das n\u00e4chste Bild: ein anderes Bild in einem anderen Rahmen. Man hat auf eigene Faust mit Br\u00fcchen zwischen den Bildern umzugehen, wenn man ihre Einheit sehen m\u00f6chte. Ein Museum beherbergt diese Bilder nur und l\u00e4sst beides zu: (1) die Br\u00fcche zu vermitteln und (2) den Zustand, den das letzte Bild bei einem verursacht hat, zu distanzieren, indem man einen &#8220;Reset&#8221; nach jedem Bild anstrebt. Das Bild eines K\u00fcnstlers schweigt wie der Satz bei Wittgenstein \u00fcber seine Form und damit auch \u00fcber seine Vergleichbarkeit mit anderen Bildern. Aber sie kann sich <em>uns<\/em> zeigen, oder spiegeln (T 4.1.2.1).<\/p>\n<p><strong>2. Nachtr\u00e4glichkeit:<\/strong> Am n\u00e4chsten Abend <a href=\"http:\/\/meinzuhausemeinblog.blogspot.ch\/2012\/11\/soap-skin-paris-281012.html\">lebendige Kunst aus \u00d6sterreich in Paris<\/a> : Ein Konzert von Soap&amp;Skin im Theater La Cigale. Das Klatschen &#8211; allgemeiner: die Reaktion des Publikums &#8211; bildet \u00fcblicherweise den Rahmen eines St\u00fccks. Eine Sequenz fand ich im Zusammenhang mit der M\u00f6glichkeit des &#8220;Resets&#8221; von Zust\u00e4nden besonders: Anja Plaschg spielt mit Ensemble ihrem Klavier und Macbook ein St\u00fcck mit unheimlichen Kl\u00e4ngen: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yGNxfCOnOPE\">Clint Mansell &#8211; Meltdown<\/a>. Am Ende kann &#8211; der Titel l\u00e4sst es erahnen &#8211; niemand aus dem Publikum klatschen. Man muss sich erst wieder sammeln (Das verlinkte Video stammt nicht aus dem Konzert im La Cigale. In anderen Konzerten war es also nicht der Fall, dass das Publikum wie gel\u00e4hmt war). Da will die K\u00fcnstlerin ohne Rahmen weitergehen. Als w\u00e4re nichts gewesen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=UdfWew05SK4\">beginnt sie mit dem Refrain von &#8220;Lana del Ray &#8211; Videogames&#8221;<\/a>, langsam gespielt, und beginnt allm\u00e4hlich zu L\u00e4cheln und ihren Kopf zu verdrehen. Das Publikum ahnt noch nicht den Sinn des L\u00e4chelns, doch macht intuitiv mit: vereinzelt h\u00f6rt man kurzes Auflachen. Vielleicht ist es der akustische Kontrast, der den Moment so komisch macht. Als der Song abgebrochen wird mit dem Kommentar: &#8220;I forget&#8221;, gibt es gro\u00dfen Beifall und entspannendes Gel\u00e4chter. Zwei Anmerkungen dazu:<\/p>\n<ul>\n<li>Erst der knappe Satz erm\u00f6glichte dem Publikum, auf den Zustand zu reagieren und zu realisieren, welche Form sich im Dargestellten zeigt. Wir k\u00f6nnen nun das Z\u00f6gerliche in der Performance ausmachen und das Grinsen deuten. Sie wusste schon nach ein paar Takten nicht mehr, ob sie das ganze St\u00fcck zusammenbringt.<\/li>\n<li>Der &#8220;Reset&#8221; nach dem unheimlichen &#8220;Meltdown&#8221; gelang nicht instantan, der vorangegangene Zustand war persistenter als geplant und interferierte. Bestimmte Assoziationen waren nicht verf\u00fcgbar. St\u00e4rker formuliert: Es prallten zwei Weltzust\u00e4nde aufeinander. Weder die K\u00fcnstlerin noch das Publikum waren bereit f\u00fcr den context switch. So bildete ein Zwischenfall, ein Ged\u00e4chtnisausfall, den Rahmen und &#8211; durch das Kommentar &#8211; die M\u00f6glichkeit eines Abschlusses.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Unterscheidung einer Form, die sich im Gesprochenen zeigt und dem Gesprochenen, das seine eigene Form nicht auch noch artikulieren kann, l\u00e4sst sich nicht beim Sprechen treffen. Erst im Nachhinein werden im Gegebenen Gestaltmomente sichtbar. Form ist erst mit der Distanzierung eines Zustands festgelegt, nach dem Sprechen, Schreiben, Malen, Auff\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>3. Hinausgehen:<\/strong> Der Tractatus arbeitet an der Herstellung <em>eines<\/em> Zustandes, der die allgemeine Form von Zust\u00e4nden aufweisen m\u00f6chte, ohne die Form als Ganzes ausstellen zu k\u00f6nnen. Er tut dies durch eine Sequenz von S\u00e4tzen\/Bildern. Der Zustand soll durch die Rezeption der Sequenz hergestellt werden, kann aber nicht in der Konjunktion der S\u00e4tze aufgehen. Dies ist vielleicht ein wichtiger Grund, warum Wittgenstein die Quantoren der Pr\u00e4dikatenlogik kritisiert: Weil man mit &#8220;f\u00fcr jedes x&#8221; nicht an &#8220;alles&#8221; herankommt (Vgl. dazu auch <a href=\"http:\/\/audiothek.philo.at\/media\/04-vo-l-wittgensteins-tractatus\">Richard Heinrich&#8217;s vierte Vorlesung zu Wittgensteins Tractatus<\/a>). Der Nutzen der Sequenz von S\u00e4tzen im Tractatus besteht nicht darin, <em>zu sagen<\/em>, was die Form eines (Welt-)Zustands ausmacht, sondern <em>mit<\/em> den S\u00e4tzen<em> zu zeigen<\/em>, wie man<em> \u00fcber<\/em> diese S\u00e4tze hinausgeht. (T 6.54) Aber wohin? Ins wissende Schweigen? In die st\u00e4ndige T\u00e4tigkeit ohne Fixierung? Vom einzelnen Bild zum Video, wenn ein Video nicht wieder ein Artefakt w\u00e4re? &#8221; Fixier- und vermittelbar ist von dem, was das Denken \u00fcbersteigen sollte, nichts als das Denken.&#8221; schreibt Alain Badiou am Ende von &#8220;Wittgensteins Antiphilosophie&#8221;, zu der noch mehr zu sagen ist.<\/p>\n<p>Herbert Hrachovec nimmt in &#8220;Bildung und Datenbanken&#8221; die Disjunktion zwischen unbezeichenbaren Formen und S\u00e4tzen zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass &#8220;das Bezeichnungsverbot f\u00fcr allgemeine Welt-Determinanten [&#8230;] eine Absichtserkl\u00e4rung gegen Versuche [ist], das Auftreten platonischer Formen in der Welt begreiflich zu machen&#8221; (S.44). W\u00e4hrend Platon einen Zusammenhang zwischen den gerechten Dingen und <em>der<\/em> Gerechtigkeit provoziert, kappt Wittgenstein die Verbindung. Weder Philosophinnen noch sonst jemand kann die Form der Welt wissend begreifen. Das sei ein egalit\u00e4rer Zug des Tractatus. Politisch zugespitzt: F\u00fcr eine klassenlose Gesellschaft. Angesichts der Form der Welt sind wir gleicherma\u00dfen unwissend. Interessanterweise hat die antiplatonische Absichtserkl\u00e4rung jedoch das Zeitalter der Datenbanken vorbereitet, das die Asymmetrie von Formen und Daten-S\u00e4tzen <em>in der Welt<\/em> einf\u00fchrt und das damit gleichzeitig &#8220;<a href=\"https:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=pb&amp;dig=2012%2F09%2F22%2Fa0068&amp;cHash=4ad9f7145bc891c60dc47816a6b8e3d8\">ein Zeitalter ist [&#8230;], in dem [&#8230;] auch das Getrennteste miteinander in Verbindung treten kann<\/a>&#8220;.\u00a0 <em>In<\/em>formatics rules, falls au\u00dferhalb der Welt kein Thema mehr ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tractatus von Ludwig Wittgenstein scheint zun\u00e4chst gek\u00fcnstelt, eine durchorganisierte Ausstellung. 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