{"id":1175,"date":"2012-12-30T15:40:01","date_gmt":"2012-12-30T15:40:01","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1175"},"modified":"2018-11-18T09:56:58","modified_gmt":"2018-11-18T09:56:58","slug":"alte-schlauche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1175","title":{"rendered":"Alte Schl\u00e4uche"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Beim St\u00f6bern in den Archivschr\u00e4nken entdeckt Renate pl\u00f6tzlich etwas. &#8220;Komm mal her Alice&#8221;, ruft sie. Sie zeigt mir ein Buch mit dem Foto einer sehr sch\u00f6nen Frau und fragt: &#8220;Hast du die schon mal gesehen?&#8221; Nein. Wie hei\u00dft sie?<br \/>\nH-e-d-w-i-g D-o-h-m. Den Namen hatten wir noch nie geh\u00f6rt&#8221; Aber uns beeindruckt, wie klug und sch\u00f6n die Frau auf dem Cover des Buches aussieht, das sie offensichtlich selbst geschrieben hat. Wir begeben uns auf die Spur der sch\u00f6nen Unbekannten. Doch es wird noch Jahre dauern, bis wir das ganze Ausma\u00df des Desasters begreifen: Hedwig Dohm (1831-1919) war vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zu ihrem Tod die bekannteste, brillanteste und streitbare Feministin in Deutschland; sie hat Dutzende von B\u00fcchern und Artikel ver\u00f6ffentlicht &#8211; und eine mindestens ebenso gro\u00dfe Anzahl von Schriften ist \u00fcber und gegen sie erschienen. Und wir &#8220;neuen Feministinnen&#8221;? Wir kennen nur ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter noch nicht einmal mehr ihren Namen! (Alice Schwarzer &#8211; Lebenslauf, S.297)<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Heute k\u00f6nnten wir die Eckdaten von Hedwig Dohm auf dem Smartphone nachschlagen, bzw. eine Liste aller Feministinnen googeln. Wir k\u00f6nnten&#8230; doch w\u00fcrde das helfen? Was hilft es, zu sagen, dass alles schon einmal gesagt, geschrieben und getan wurde, wenn die Probleme jetzt bestehen? Es gibt eine Dynamik, in der man sich nicht so sehr darum k\u00fcmmert, was es fr\u00fcher gab, weil man ad hoc herausgefordert wird. Die gegenw\u00e4rtige Lage fordert einen auf. Dann muss man sich mangelnde Umsicht vorwerfen lassen oder wird selbst bemerken, dass man im Gedanken an Neues in alte Fahrwasser gekommen ist.<\/p>\n<p>Geschichtspflege ist ein wichtiger Aspekt in professioneller Philosophie. Zum Beispiel: die Problemlage rund um das immanente Seinsprinzip in Aristoteles Kategorienschrift nachvollziehen, Interpretationen und Weiterentwicklungen sammeln, zusammenf\u00fchren, vergleichen. Diese beschreibende, weniger konfrontativ vorgehende Weise muss sich vorwerfen lassen, \u00a0mit Gel\u00e4nder auf fertigen Bahnen zu denken; oder man wird selbst bemerken, dass man <em>sich<\/em> im Detail verliert.<\/p>\n<p>Man kann es so sehen: Gegeben die eigenen Erfahrungen, die man &#8211; in Proklamation seiner Unabh\u00e4ngigkeit &#8211; gemacht hat, und die Beulen die man sich geholt hat, beginnt eine Besch\u00e4ftigung mit \u00dcberliefertem. Nicht nur gegen das Vergessen; auch, um das Eigene im Anderen zu finden.<\/p>\n<p>Nur: Alte Schl\u00e4uche k\u00f6nnen brechen &#8211; beim neuen Wein. Es ist keine Notwendigkeit, dass das \u00dcberlieferte \u00a0Entscheidungen in der aktuellen Lage vorwegnimmt. Darum die Besch\u00e4ftigung mit ihm, zur Erhellung und Differenzierung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim St\u00f6bern in den Archivschr\u00e4nken entdeckt Renate pl\u00f6tzlich etwas. &#8220;Komm mal her Alice&#8221;, ruft sie. 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