{"id":1210,"date":"2013-03-20T22:46:40","date_gmt":"2013-03-20T21:46:40","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1210"},"modified":"2013-03-20T22:46:40","modified_gmt":"2013-03-20T21:46:40","slug":"attraktive-dynamiken-bedurftigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1210","title":{"rendered":"Attraktive Dynamiken: Bed\u00fcrftigkeit"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Erotisches Kapital&#8221; hei\u00dft ein Buch von Catherine Hakim. Ein <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/partnerschaft\/article13676658\/Sex-Appeal-hilft-auf-dem-Weg-zu-beruflichem-Erfolg.html\">Artikel in der Welt<\/a> stellt die These vor, dass Erfolg oft mit erotischer Ausstrahlung zusammenh\u00e4ngt, und dass man letztere gestalten kann. Dabei wird zum Dr\u00fcberstreuen ein franz\u00f6sischer Philosoph referenziert, weswegen ich darauf gesto\u00dfen bin:\u00a0Jean-Luc Marion. Die Resultate des ~300-Seiten Buches &#8220;Das Erotische. Ein Ph\u00e4nomen&#8221; werden in drei S\u00e4tzen wie folgt zusammengefasst:<\/p>\n<blockquote><p>[Marions] Erkenntnis: Wer geliebt werden will, muss etwas daf\u00fcr tun. Anerkennung erreicht man vor allem \u00fcber Bildung. Dazu z\u00e4hlt er ausdr\u00fccklich Herzensbildung mitsamt der Kunst des Lockens, Hinhaltens und endlichem Gew\u00e4hrenlassens.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Verf\u00fchrung ist bei Marions Buch Teil einer vielgestaltigen Bewegung des Eros: Verf\u00fchrung, Erregung, Geschlechtsverkehr, H\u00f6hepunkt\/Abbruch, Eifersucht, Heirat, Kind, Freundschaftliche Liebe, Gottes Liebe. Im Rahmen der sich an Einw\u00e4nden und Gegeneinw\u00e4nden entfaltenden Bewegung ergibt sich im Buch die M\u00f6glichkeit der Unterscheidung zwischen dem Wunsch nach weltlichen Objekten (Geld, Drogen, Sex, Macht und Erfolg) und dem Streben nach einer anderen Instanz, die einem eine Antwort finden l\u00e4sst auf die Frage wozu man existiert.<\/p>\n<p>Plakativ formuliert: G\u00f6tzen und Gott. Die Unterscheidung ist ziemlich prek\u00e4r. In einem <a href=\"http:\/\/philo.at\/wiki\/index.php\/Benutzer:Andyk\/Unreduzierbares\">Vortrag in Wien<\/a> gibt Marion zu, dass die Rede \u00fcber Gott dazu verf\u00fchrt, sie mit Gott zu identifizieren und zu verehren. Jede Identifizierung wird als voreilig argumentiert, im Sinne von &#8220;netter Versuch&#8221;. Dann wird sie eingeklammert &#8211; und weiter geht die Fahrt.<\/p>\n<p>Die Suche nach Gott sowie das erotische Streben teilen &#8211; wenn man ihren <em>Anspruch<\/em> verdeutlicht &#8211; die Haltung, (1) das Gefundene zu registrieren, sogar sein Angebot wie ein Gast anzunehmen, (2) bei dieser Annahme immer wieder Neues zu entdecken und dadurch (3) beim Gefundenen nicht dauerhaft einzuziehen. Verf\u00fchrung ist ein Ausdruck des Liebens: zubringend, nicht hinreichend:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=U88jj6PSD7w#t=1m05\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1220\" alt=\"dreieck\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/dreieck-300x183.jpg\" width=\"347\" height=\"211\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Fremdbedarfsdeckung<\/strong><\/p>\n<p>Marions Buch erschien 2003, im 21. Jahrhundert, das ist erstaunlich. Wenn man es liest, f\u00fchlt man sich versetzt in eine Zeit, in der Thomas von Aquin in Paris lehrte und versuchte Wissensformen und Offenbarung zu verbinden:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Die Ordnung der Glieder des Alls zueinander besteht kraft der Ordnung des ganzen Alls auf Gott hin.&#8221; (Thomas, <i>De potentia Dei, q. 7, art. 9, conclusio)<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Und heute? Fremdbedarfsdeckung oder Kundenorientierung ist eine prim\u00e4re Motivation von Projekten, zumindest vorgeblich. Der Kunde ist K\u00f6nig. Ein Unternehmen will jedoch den Bedarf vom Externen abdecken, um von ihm anerkannt zu werden. Die Vision vom Bedarf des Externen erzeugt eine Dynamik, die auf ein Ziel gerichtet ist. Ein Projekt definiert das Ziel und plant Schritte zu seiner Erf\u00fcllung. Selbst wenn man bis zum definierten Punkt kommt, \u00e4ndert sich recht bald das Verh\u00e4ltnis zur Definition. Man argumentiert, dass sich der Bedarf des Externen ge\u00e4ndert hat: &#8220;Die Kunden sind heute anspruchsvoller.&#8221; Weitere Projekte werden interessant. Auf diese Art bleibt man <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=-tVLDeLi9KM\">in Betrieb<\/a>.<\/p>\n<p>Es geht um die Entfaltung des Wunsches nach Anerkennung durch eine Externalit\u00e4t, oder weniger abstrakt: Man erwartet einen externen Effekt, der einem abnimmt, dass man jemand ist.<\/p>\n<p><strong>Eigenbedarf<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Es kann sich herausstellen, dass man ihr, der Anerkennung, nicht hinterherlaufen <em>muss<\/em><em>, <\/em>da sie einen genau wegen seinem Eigenbedarf anerkennt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Am Ende stelle ich nicht nur fest, dass mich ein anderer schon geliebt hat, noch bevor ich ihn liebe, [&#8230;] sondern vor allem, dass dieser erste Liebende schon von jeher Gott gehei\u00dfen hat.&#8221; (Marion, Jean-Luc: &#8220;Das Erotische. Ein Ph\u00e4nomen.&#8221; (2011), Karl Aberer Verlag, \u00a718, S. 318)<\/p><\/blockquote>\n<p>Man braucht die Erwartung eines externen Effekts der Abnahme, aber nicht notwendigerweise seine Vorschrift im Sinne eines Diktats.<\/p>\n<p>Der Bogen von der Verf\u00fchrung bis zur Idee Gottes ist eine Vorzeichnung. Im konkreten Fall finden eigene Verl\u00e4ufe statt. Das Eingangszitat aus einem Artikel der Welt beschreibt einen Moment in diesem Bogen in einem Rahmen, den man in ph\u00e4nomenologischen Kreisen nat\u00fcrliche Einstellung nennt. Attraktive Dynamiken lassen sich nicht immer durchschauen.\u00a0 Anziehungskr\u00e4fte finden in komplexeren Settings statt, in denen sie umgeleitet, eingespannt, vermischt oder gebrochen werden, unerwidert bleiben oder im Kreis laufen, und vieles mehr. Kurz gesagt: Die Nachricht &#8220;Du bist geliebt&#8221; ist nicht selbstverst\u00e4ndlich aber selbst zu verstehen.<\/p>\n<p>Die Reduktion des Buches von Marion ist ein Projekt, den Gestalten, die man einer attraktiven Dynamik entnimmt, Logik abzugewinnen. Zur gefundenen Logik wird man ein Verh\u00e4ltnis einnehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Erotisches Kapital&#8221; hei\u00dft ein Buch von Catherine Hakim. Ein Artikel in der Welt stellt die These vor, dass Erfolg oft mit erotischer Ausstrahlung zusammenh\u00e4ngt, und dass man letztere gestalten kann. Dabei wird zum Dr\u00fcberstreuen ein franz\u00f6sischer Philosoph referenziert, weswegen ich darauf gesto\u00dfen bin:\u00a0Jean-Luc Marion. Die Resultate des ~300-Seiten Buches &#8220;Das Erotische. 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