{"id":1225,"date":"2013-03-30T04:21:44","date_gmt":"2013-03-30T04:21:44","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1225"},"modified":"2018-11-15T16:48:33","modified_gmt":"2018-11-15T16:48:33","slug":"attraktive-dynamiken-all-you-need-is-love","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1225","title":{"rendered":"Attraktive Dynamiken: All you need is love?"},"content":{"rendered":"<p>Jean-Luc Marions Buch &#8220;Das Erotische. Ein Ph\u00e4nomen&#8221; beschreibt das Moment der Verf\u00fchrung. Als Modell dient der Frauenheld Don Juan, der \u00fcberraschend den ersten Schritt macht. Der andere wird angezogen. Daraus l\u00e4sst sich Kapital schlagen. Einseitig: &#8220;Sie wird mich lieben, aber ich, nein, ich liebe sie nicht.&#8221;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/saudek_the_deep_devotion_2003.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1228\" alt=\"saudek_the_deep_devotion_2003\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/saudek_the_deep_devotion_2003-300x268.jpg\" width=\"300\" height=\"268\" \/><\/a><\/p>\n<p>So gesehen ist Verf\u00fchrung die Kunst des einseitigen Verbl\u00fcffens, die den anderen dahinschmelzen l\u00e4sst. Man verspricht dem anderen unsterbliches Investment, mit dem Ziel, ihn zur Hingabe zu bewegen.\u00a0Die Verf\u00fchrung zeichnet sich dadurch aus, dass einseitig geblufft wird.\u00a0Der zweite kann das voraussehen: &#8220;Ich spiele das Spiel genauso gut wie du&#8221;.<\/p>\n<p>Beginnend bei der Verf\u00fchrung, kommt es manchmal vor, dass das Interesse nicht endet, etwa weil sich der andere nicht einfangen l\u00e4sst. Man bekommt ihn nicht ganz in den Blick, und m\u00f6chte au\u00dferdem nicht aufh\u00f6ren, es zu versuchen. Wird man vom \u00fcberlegenen Verf\u00fchrer zum Verf\u00fchrten? Wie widerstehlich ist unwiderstehlich?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Marion zur Verf\u00fchrung:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Ich werde einfach einen Vorschuss auf die Liebe gegeben haben, der mir mit Gewinn zur\u00fcckbezahlt wird. Da der andere mir die Liebe, die ich ihm zun\u00e4chst gutgeschrieben habe, am Ende unweigerlich wieder zur\u00fcckzahlen wird, wird sie wieder in meinen Besitz und mein <em>Ego<\/em> zur\u00fcckkehren, das dann erneut zum Zentrum des Kreises wird. [&#8230;] Die Verf\u00fchrung will, dass man geliebt wird, ohne letztlich selbst zu lieben [&#8230;] Ich verliere mich in ihr nur deshalb, damit der andere zu mir kommt und ich mich in ihm wiederfinde; oder eher noch, damit ich ihn finde, ohne dass er mich allerdings jemals wieder finden wird. [&#8230;] In der Verf\u00fchrung bin ich es, der Lust empfindet, aber diese Lust ist eine sehr einsame.&#8221; (Marion, 2011, \u00a718, S. 125)<\/p><\/blockquote>\n<p>Man t\u00e4tigt eine initiale Investition, der andere findet sich aufgewertet und steuert &#8211; fasziniert von der vorgeblichen Anerkennung &#8211; zur Dynamik bei. Die Verf\u00fchrerin gibt ein beschr\u00e4nktes Investment zu Beginn, kann zusehen was sich ergibt und potentiell unbeschr\u00e4nkt profitieren, n\u00e4mlich indem sie das zustr\u00f6mende Investment genie\u00dft. Die Verf\u00fchrte profitiert zuerst, von dem proaktiven Investment, und kann potentiell unbeschr\u00e4nkt verlieren, die Schranken sind durch die eigenen Kapazit\u00e4ten gegeben.<\/p>\n<p><strong>Handel mit Optionen<\/strong><\/p>\n<p>In der \u00d6konomie wird das Verh\u00e4ltnis von Gewinn und Verlust im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Option_%28Wirtschaft%29#Asymmetrischer_Gewinn_und_Verlust\">Optionenhandel<\/a> in Diagrammen dargestellt:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Payoff_call_option.svg_.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1227\" alt=\"Payoff_call_option.svg\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Payoff_call_option.svg_-300x200.png\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a>Die K\u00e4uferin (Long)\u00a0der Call-Option steigt mit initialen Kosten (hier 10) ein. Sie bekommt daf\u00fcr f\u00fcr eine Weile die M\u00f6glichkeit (Option), den Basiswert von der Options-Verk\u00e4uferin (Short oder Stillhalter) zu einem bestimmten Preis (hier 100) zu kaufen (Call), unabh\u00e4ngig vom Preis des Basiswerts zum Kaufzeitpunkt.<\/p>\n<p>Die K\u00e4uferin wettet auf (bzw. bef\u00fcrchtet) eine sich aufheizende Dynamik. Gegeben, der Preis steigt auf 120 an, kann sie ihre Option realisieren und den Basiswert um 100 kaufen, w\u00e4hrend die Verk\u00e4uferin (Stillhalter) die Differenz zwischen aktuellem Preis (120) und Kaufpreis der Option (100) zahlen muss (also 20, wobei sie 10 vom Verkauf der Option erhalten hat). In diesem Fall erhielt die Verk\u00e4uferin zwar initiales Investment, doch verliert bei steigender Kurssteigerung unbegrenzt, w\u00e4hrend die K\u00e4uferin die zunehmende Preisdifferenz genie\u00dfen kann.<\/p>\n<p>Was einem in der Betrachtung des Diagramms auff\u00e4llt ist, dass der Verk\u00e4uferin nicht notwendigerweise eine Verlierer-Rolle zukommt.\u00a0 Ein Short call zahlt sich aus, wenn der Kurs nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig steigt oder sogar f\u00e4llt. Dann streift die Verk\u00e4uferin jedes Mal den Preis jener Option ein, die die K\u00e4uferin nicht realisieren wird, oder wenn sie die Option &#8220;gegen die Verk\u00e4uferin&#8221; realisiert, dann mit Verlusten.<\/p>\n<p>Was durch das Diagramm verblasst ist die Frage nach der Bestimmung des Basiswerts. Das Diagramm suggeriert, dass dieser vom Ort des Marktes mit Hilfe von Preisen bestimmt wird. In Bezug auf den Basiswert sind Optionsh\u00e4ndler in der Metarolle. Sie wetten auf eine steigende oder sinkende Preisbildung des Basiswerts. Ihr Bezug ist nicht notwendigerweise inhaltlich, d.h. sie haben nicht immer Interesse am Basiswert, bei dem es sich um Getreide, Wetter, Unternehmensanteile usw. handelt, sondern an der Preisdifferenz dieser Werte im Lauf der Zeit.<\/p>\n<p>Die \u00d6konomie der Verf\u00fchrerin \u00a0ist strukturell die eines Long Calls. Die Verf\u00fchrerin entscheidet einseitig, ob sie die Option &#8220;gegen den Stillhalter&#8221; aus\u00fcbt, oder &#8220;die Option verfallen l\u00e4sst&#8221;.<\/p>\n<p>Nun zu den Unterschieden: Die Verf\u00fchrte, diejenige, gegen die die Option ausge\u00fcbt wird, verkauft nicht einen von ihm unabh\u00e4ngig bestehenden Basiswert zu einem bestimmten Preis. Der Wert ist die bereichernde, absichernde, Investition in die Verf\u00fchrerin, ausgel\u00f6st durch Attraktion. Das Ma\u00df f\u00fcr diesen Wert ist kein Preis. Wie geht man mit der Frage um: Wer steigt besser aus? Einerseits kann man sich nach der Verf\u00fchrung betrogen f\u00fchlen, andererseits hat man keine Handhabe, um die Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit anzuklagen, denn die Ausblendung der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit geh\u00f6rte zum Wert dieses &#8220;Handels&#8221;. Die Verf\u00fchrerin hat dies reflektiert und f\u00fcr sich genutzt, um bei minimalem Investment viel zu bekommen. Die Spannung liegt also darin, dass die Verf\u00fchrerin gibt, um irgendwann wieder zu nehmen und die Verf\u00fchrte gibt um zu geben. Letztere hat hinterher keine Erkl\u00e4rung. Indem man sich betrogen f\u00fchlt, will man nehmen, wenn es zu sp\u00e4t ist. Die Ent-T\u00e4uschung macht der Verf\u00fchrten deutlich, dass es sich von Beginn an um ein Spiel der Reziprozit\u00e4t gehandelt hat und dass der eigene Genuss dabei zu kurz gekommen ist.<\/p>\n<p>Auch die Verf\u00fchrerin kann betrogen werden. Das Motto der mutma\u00dflich Verf\u00fchrten ist: &#8220;<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=BykAy4YboeU\">Ich spiele das Spiel genauso gut wie du.<\/a>&#8221;\u00a0Die \u00f6konomische Perspektive tritt weiter in den Vordergrund. Beide Seiten setzen ihr erotisches Kapital ein, w\u00fcrde Catherine Hakim sagen, um etwas zu erreichen.<\/p>\n<p><strong>Die erotische Reduktion<\/strong><\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen der Liebe geht jedoch weiter.\u00a0Marions Buchprojekt macht einen Unterschied zwischen Verf\u00fchrung und\u00a0<em>erotischer Reduktion<\/em>, die reine Variante der Verf\u00fchrung, in der die Option des Ausstiegs oder Verkaufs nicht realisiert wird.\u00a0Der proaktive und asymmetrische Schritt, der bei der Verf\u00fchrung in Hinblick auf eine Kosten\/Nutzen-Rechnung unternommen wird, ist bei der Reduktion dem Anspruch nach haltlos, und wird getriggert durch die Anziehung des anderen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Der erste Schritt verlangt [..] einen st\u00e4ndig neuen Einsatz, bei dem ich nur in dem Ma\u00dfe im Rennen bleibe, wie ich immer aufs Neue mein Gleichgewicht verliere; [&#8230;] Entsprechend der allgemeinen Definition der ph\u00e4nomenologischen Reduktion kommt auch die erotische Reduktion (in ihrer radikalisierten Form des &#8220;Kann ich selbst als Erster lieben?&#8221;) letztlich nur dadurch zur Vollendung, dass sie nie aufh\u00f6rt, sich zu vollziehen. Das <em>Ego<\/em> wird niemals mehr das Zentrum werden; bis zum Schluss muss es sich in Hinblick auf ein immer neu zukommendes Zentrum dezentrieren, in Hinblick auf den anderen, an dem ich mich stets neu ausrichte.&#8221; (Marion, 2011, \u00a718, S. 126)<\/p><\/blockquote>\n<p>Wohin f\u00fchrt das? Kann man sich beim st\u00e4ndigen Verlust des Gleichgewichts orientieren? Was motiviert uns zum Schritt hin zum anderen? Die Bedrohung, dass unsere Existenz sonst wertlos w\u00e4re. Descartes demonstriert, dass wir jeweils, wenn wir denken, sicher sein k\u00f6nnen, dass wir (als denkendes Ding) existieren. Das beantwortet noch nicht die Frage, wozu wir existieren. \u00a0Was macht es f\u00fcr einen Unterschied, ob es uns gibt oder nicht? Eine Antwort auf diese Frage, die unserem Leben einen Wert gibt, kann sich das Ego nicht allein geben: Man muss daher, so Marion&#8230;<\/p>\n<blockquote><p>&#8230;&#8221;den absurden Ehrgeiz aufgeben, ich k\u00f6nnte mir selbst die d\u00fcrftige Gewissheit einer bedingten Existenz in gleicher Weise garantieren wie die eines Objekts oder eines Seienden in der Welt. In meinem Fall, in meinem ganz besonderen Fall verlangt [..] Absicherung sehr viel mehr als eine Existenz, die gewiss ist, ja \u00fcberhaupt viel mehr als eine Gewissheit. Sie verlangt, dass ich mich in dieser Existenz als gegen die Nichtigkeit gewappnet betrachten kann, befreit vom Verdacht der Vergeblichkeit, gefeit gegen das &#8220;Wozu?&#8221;. Um sich dieser Anforderung stellen zu k\u00f6nnen, gen\u00fcgt es nicht mehr die Gewissheit des Seins zu erlangen, sondern es bedarf der Antwort auf eine andere Frage &#8211; &#8220;Werde ich geliebt?&#8221; (Marion 2011, \u00a73, S.36f)<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8220;All you need is love&#8221;? Das ist eine Vereinfachung, die im Rahmen einer Reduktion, das hei\u00dft einer Einklammerung anderer Aspekte des Lebens, nachvollziehbar ist. In Konfrontation provoziert sie eine entgegengesetze <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=NSMLx44DqFc\">Allaussage<\/a>, die vielleicht Resentiment oder ein erfrischender erster Orientierungsschritt ist. Tats\u00e4chlich kommt Marion von der Forderung nach Liebe \u00fcber die Unm\u00f6glichkeit der Selbstliebe zum Selbsthass. Dieser ist \u00fcberwindbar indem man das, was man von anderen fordert, selbst tut: Zuerst zu lieben.<\/p>\n<p><strong>Sich verlieren<\/strong><\/p>\n<p>Mittags entschuldigt die Bedienung in der Kantine eine versalzene Pasta damit, dass der Koch verliebt war. Man versch\u00e4tzt sich leicht, wenn man sich selbst verliert. Marion sieht darin eine Tugend:<\/p>\n<blockquote><p>Man muss es tats\u00e4chlich als eine Errungenschaft betrachten, dass die erotische Reduktion das <em>Ego<\/em> in seinem Innersten trifft, indem sie es ein f\u00fcr alle Mal als dasjenige verabschiedet, das sich in seiner Gewissheit und Existenz selbst hervorbringt. [&#8230;] Ich trete in den Herrschaftsbereich der Liebe ein, in dem ich augenblicklich die Rolle desjenigen zugesprochen bekomme, der lieben kann, der geliebt werden kann und der glaubt, dass man ihn lieben soll &#8211; des <em>Liebenden<\/em>. (Marion 2011, \u00a74, S.47)<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier treffen sich die Maslow&#8217;sche Bed\u00fcrfnispyramide und Marion&#8217;s Vorg\u00e4ngigkeit der Heteronomie: Die F\u00e4higkeit zur Selbstverwirklichung ergibt sich im Rahmen eines Zustands, der von der Best\u00e4tigung\/Widerlegung anderer gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><strong>Gott ist die Liebe<\/strong><\/p>\n<p>Denken k\u00f6nnen auch die Tiere und die Roboter, schreibt Marion an einer Stelle. Der Mensch ist das liebende Wesen. Das hat er mit Gott gemeinsam, wird am Ende des Buches verk\u00fcndet. Denn Gott liebt auf dieselbe Weise wie wir, nur dass er unendlich viel mehr liebt. Er ist es, der die erotische Reduktion durchzieht. Im doppelten Sinn: (1) Er vollzieht die erotische Reduktion voll, w\u00e4hrend wir sie mit Br\u00fcchen umsetzen. (2) Unserer Anziehungskr\u00e4fte zeugen in jeder Gestalt von ihm.<\/p>\n<p>Nach Joseph Pieper ist Thomas von Aquin derjenige, der das Prinzip des abendl\u00e4ndischen Entwurfs als Erster ausspricht: &#8220;die Verkn\u00fcpfung des Gewu\u00dften mit dem Geglaubten. Allerdings handelt es sich um eine gedankliche Struktur nicht blo\u00df von \u00e4u\u00dferster Differenziertheit. Kaum ist sie verwirklicht -und schon regen sich rundum die Kr\u00e4fte der Aufl\u00f6sung.&#8221; Pieper, Joseph (1981): Thomas von Aquin. Leben und Werk, dTV, S.125).<\/p>\n<blockquote><p>Auf der Bahn dieses (verf\u00fchrerischen) Prinzips, der &#8220;theologisch gegr\u00fcndeten Wirklichkeit&#8221; liegt, dass &#8220;alle Funde der nat\u00fcrlichen Welterkenntnis, in Astronomie, Entwicklungslehre, Biologie, Atomphysik und aller Wissenschaft sonst, von vornherein &#8211; buchst\u00e4blich: bereits vorweg! &#8211; als etwas Willkommenes und Positives begr\u00fc\u00dft und akzeptiert werden (gar nicht zu reden von der Akzeptierung der nat\u00fcrlichen Realit\u00e4ten des Menschlichen selbst: Politik, Eros, Technik &#8211; und so fort) und da\u00df zugleich andererseits der Anspruch erhoben und durchgehalten wird, all dies zu verkn\u00fcpfen, es nicht nur zusammenzudenken, sondern zusammenzuleben mit den Normen einer \u00fcbermenschlichen und \u00fcbernat\u00fcrlichen Wahrheit.&#8221; (Pieper 1981, S.126)<\/p><\/blockquote>\n<p>Bahnen \u00fcben, wie Pieper sagt, eine faktische N\u00f6tigung aus. Ich w\u00fcrde einen Term aus der Mathematik verwenden: Eine Nebenbedingung ist eine Vorgabe, die sich aus einem Zusammenhang ergibt. Bei Marions Buchprojekt zeigt sich die Bahn der Verkn\u00fcpfung des Gegebenen mit dem Geoffenbarten f\u00fcr das erotische Ph\u00e4nomen verwirklicht und thematisiert:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;[W]enn, \u00fcbrigens <strong>von<\/strong> <strong>anderswoher <\/strong>[n\u00e4mlich durch Offfenbarung],<strong> <\/strong>Gott sich mit dem Namen selbst der Liebe bezeichnet, muss man dann daraus folgern, dass Gott so liebt, wie wir lieben, mit derselben Liebe wie wir und entsprechend der einzigartigen erotischen Reduktion? Man kann freilich davor zur\u00fcckscheuen, dies zu glauben, aber man kann es nicht ausschlie\u00dfen. [&#8230;] Gott liebt im selben Sinne wie wir.<\/p>\n<p>Fast, bis auf einen unendlichen Unterschied. Denn wenn Gott liebt (und er h\u00f6rt tats\u00e4chlich nie auf zu lieben), dann liebt er unendlich viel mehr als wir. [&#8230;] Und am Ende stelle ich nicht nur fest, dass mich ein anderer schon geliebt hat, noch bevor ich ihn liebe, und dass sich folglich dieser andere schon vor mir zum Liebenden gemacht hat, sondern vor allem, dass dieser erste Liebende schon von jeher Gott gehei\u00dfen hat. [&#8230;] <strong>Gott \u00fcberragt uns als der am meisten Liebende<\/strong>. (Marion 2011, \u00a742, S.318f)<\/p><\/blockquote>\n<p>Endstation? Alles gut und abgerundet? Soweit sind wir nicht. Die Antwort auf die Frage, wozu man existiert, wird man bei aller Liebe selbst finden. Eine Antwort ist nicht verschreibbar, falls sich die Frage stellen l\u00e4sst, was in Wittgensteins Traktatus am Ende (6.52-6.522) bezweifelt wird.<\/p>\n<p>Thomas von Aquin schreibt nach Besuch der Messe: &#8220;Alles, was ich geschrieben habe, erscheint mir wie Stroh &#8211; verglichen mit dem, was ich geschaut habe und was mir offenbart worden ist.&#8221; Pieper erg\u00e4nzt: &#8220;Und bei dieser Weigerung ist es geblieben. Das bedeutet, da\u00df der Fragment-Charakter der &#8220;Summa theologica&#8221; mit zu ihrer Aussage geh\u00f6rt.&#8221;<\/p>\n<p><strong><em>Philo-<\/em>sophie?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr einen anderen zeitgen\u00f6ssischen Philsophen aus Frankreich, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Q_VPCCMGNl4#t=3m29\">Alain Badiou<\/a>, sind Wittgenstein und &#8211; vermutlich \u00fcber das letzte Zitat &#8211; auch Thomas von Aquin Antiphilosophen:<\/p>\n<blockquote><p>There exists, in our experience, a sort of distance without measure\u00a0 [&#8230;] Very often its the distance between finite and infinite or between man and god. Many great philosophers are in religious contexts. It&#8217;s the case for Pascal, Rousseau, Kierkegaard. Precisely, it&#8217;s the case for Wittgenstein. It is very important to know that Wittgenstein has finally a mystical vision of the problem of the distance. [&#8230;] To produce something concerning this distance, we cannot use concepts. [&#8230;] In the case of antiphilosophy we must<em> do<\/em> the thing and not only <em>show<\/em> the thing. [&#8230;] In the antiphilosophy we have the necessity of a testimony of the antiphilosopher himself as a singularity. It is a practical decision. <strong>The transmission of the experience of the distance without measure is a personal transmission. [&#8230;] An antiphilosopher is someone who pays the price of his proper life of the testimony for the distance without measure.<\/strong> It is why, when we have an antiphilosopher, we have a narrative concerning his life inside the text. For example, the relationship of Kierkegaard with the women is a constitutive part of the development of the thinking of Kierkegaard. It is really the singularity of one existence which is finally the support of the vision of the antiphilosopher.<\/p><\/blockquote>\n<p>Den Status der Liebenden kann man der Antiphilosophin im obigen Sinn aus ihrem Lebenswerk entnehmen. Die neutrale Betrachtung des Gegebenen m\u00f6chte durch eine Intervention im Text bis ins Unsagbare gedehnt werden. Als ob man sich am freiwilligen Tod\u00a0Gottes am Kreuz, dieser r\u00e4tselhaften, ma\u00dflosen Hingebung, ein Beispiel nimmt. Nietzsche ist hin- und hergerissen:<\/p>\n<blockquote><p>Dieser Jesus von Nazareth, als das leibhafte Evangelium der Liebe, dieser den Armen, den Kranken, den S\u00fcndern die Seligkeit und den Sieg bringende \u201eErl\u00f6ser\u201c \u2014 war er nicht gerade die Verf\u00fchrung in ihrer unheimlichsten und unwiderstehlichsten Form (Nietzsche, Genealogie der Moral, Erste Abhandlung, \u00a78)<\/p><\/blockquote>\n<p>Schreibt Marion als Liebender? Unterliegt er der Verf\u00fchrung einer Nachfolge von Christus? Er schreibt in der ersten Person. Es handelt sich aber nicht erkennbar um eine Geschichte \u00fcber seine Person, keine Darstellung des pers\u00f6nlichen Leidenswegs, sondern er beansprucht, stellvertretend \u00fcber den Liebenden in uns zu schreiben, um auf unsere eigene Erfahrung zu verweisen:<\/p>\n<blockquote><p>Ich w\u00fcrde [..] l\u00fcgen, wenn ich eine scheinbare Neutralit\u00e4t vort\u00e4uschen w\u00fcrde: Ich also, ich und niemand anders, werde von diesem erotischen Ph\u00e4nomen, das ich erfahre, sprechen m\u00fcssen, und so, wie ich es erfahre. [&#8230;] Ich werde also auf eigenes Risiko und auf eigene Gefahr <em>ich<\/em> sagen. Aber ich werde es &#8211; mein Leser, das sollst du wissen! &#8211; in deinem Namen sagen. [&#8230;] Vom erotischen Ph\u00e4nomen wissen wir nicht dasselbe, aber wir wissen alle davon gleich viel; wir stehen alle vor ihm in einer Gleichheit, die genauso vollkommen ist wie unsere Einsamkeit. (Marion 2011, Vorwort, S.22)<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jean-Luc Marions Buch &#8220;Das Erotische. Ein Ph\u00e4nomen&#8221; beschreibt das Moment der Verf\u00fchrung. Als Modell dient der Frauenheld Don Juan, der \u00fcberraschend den ersten Schritt macht. Der andere wird angezogen. Daraus l\u00e4sst sich Kapital schlagen. Einseitig: &#8220;Sie wird mich lieben, aber ich, nein, ich liebe sie nicht.&#8221; So gesehen ist Verf\u00fchrung die Kunst des einseitigen Verbl\u00fcffens,<a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1225\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[26,39,127,188],"class_list":["post-1225","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-philosophie-klassisch","tag-attraktor","tag-beziehung","tag-marion","tag-verfuhrung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1225","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1225"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1225\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2214,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1225\/revisions\/2214"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1225"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1225"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1225"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}