{"id":1231,"date":"2013-04-22T11:48:55","date_gmt":"2013-04-22T11:48:55","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1231"},"modified":"2018-11-15T16:47:59","modified_gmt":"2018-11-15T16:47:59","slug":"wunsch-nach-anerkennung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1231","title":{"rendered":"Wunsch nach Anerkennung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/3828450280_f5b58fe1bf_z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-1232\" alt=\"somerset\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/3828450280_f5b58fe1bf_z.jpg\" width=\"384\" height=\"289\" \/><\/a><\/p>\n<p>\nEine Vorlesung bringt es mit sich, dass Studierende mit zun\u00e4chst neutralen Gesichtern vor einem sitzen und darauf warten, was ihnen gesagt wird. Als Vortragender muss ich eine Sache darlegen, aber das ist nicht alles.<\/p>\n<p>Es handelt sich auch um Szenen mit &#8220;attraktiver Dynamik&#8221;, speziell auch mit der von Andreas Kirchner angesprochenen <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1210\">Bed\u00fcrftigkeit<\/a>. Sie besteht auf beiden Seiten: die H\u00f6rerinnen m\u00f6chten gerne etwas wissen und sie m\u00f6chten es so erfahren, dass sie &#8220;etwas damit anfangen k\u00f6nnen&#8221;. Dass es sie informiert, unterh\u00e4lt, auf neue Gedanken bringt. Und der Vortragende m\u00f6chte sein Thema verst\u00e4ndlich machen, anerkannt werden, Interesse und Sympathie wecken.<\/p>\n<p>Die Gr\u00f6\u00dfe des Auditorium macht nat\u00fcrlich etwas aus. Die Dimension des Wiener H\u00f6rsaals 3D, zehn bis siebzig Studierende, ist ein gutes Experimentierfeld f\u00fcr die Verf\u00fchrung zwischen &#8220;Fremdbedarfsdeckung&#8221; und &#8220;Eigenbedarf&#8221;. Ein Blick in den Saal, aus der Position des Vortragenden, ist nicht neutral. Sehr rasch kristallisieren sich Figuren heraus, die ihn quasi verf\u00fchren wollen bzw. die er zu verf\u00fchren trachtet. Das beginnt mit der Art, wie jemand sitzt (oder l\u00fcmmelt) und ist im Gesichtsausdruck manifest.<\/p>\n<p>Unglaublich desinteressierte Kommilitoninnen oder Kommilitonen bev\u00f6lkern die H\u00f6rs\u00e4le, zumindest wenn man die Nagelmanek\u00fcre, die schl\u00e4frige Absenz oder das Tuscheln mit dem Freund als Indikator nehmen kann. Umgekehrt gibt es &#8211; im Wortsinn &#8211; Teilnehmerinnen an der Vorlesung. Mit ihnen baut sich das Spiel der Verf\u00fchrung auf. Sie <em>reagieren<\/em> nicht einfach dadurch, dass sie mitschreiben. Sie zeigen auch, dass sie eine Pointe verstanden haben und genie\u00dfen. Im Vorlesungsbetrieb k\u00f6nnen sich kleine Epiphanien ergeben, in denen eine &#8220;Materie&#8221; vor aller Augen in eine Inspiration verwandelt wird. Das ist der Verf\u00fchrungsversuch durch die Vortragende.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Also gut, ein Beispiel. Vergangenen Freitag erl\u00e4uterte ich in einer Diskussion des Empirismus den Unterschied zwischen den sensorischen Einfl\u00fcssen, welchen Menschen ausgesetzt sind, und ihrer sprachlichen Fassung. Der Schnittpunkt ist im Wiener Kreis &#8220;Beobachtungss\u00e4tze&#8221; genannt worden. Sie sind eine Art Relais zwischen der Wahrnehmung und der Behauptung. Das wollte ich illustrieren und sagte &#8220;Es ist so, wie wenn jetzt eine Kollegin aufsteht und den Raum verl\u00e4\u00dft. Wir alle sehen das und ich sage &#8216;Jetzt sind wir eine weniger&#8217;.&#8221;<\/p>\n<p>Sofort wurde mir klar, dass ich eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit und einen Unsinn gesagt hatte. Das Beispiel eignet sich gut dazu, unsere Intuition &#8220;sinnlicher Gewissheit&#8221; zu demonstrieren. Jede sieht die Person in Bewegung, niemand kann Zweifel daran anmelden, dass sich etwas zugetragen hat. Aber der Satz, den ich damit assoziierte, ist auf geradezu pathetische Weise <em>kein<\/em> Beobachtungssatz. Er zeigt sehr sch\u00f6n, wie unsere Beobachtungen untrennbar mit Theorien verbunden sind. Was ausgezeichnet dazu passte, was ich im Kontext des Quine&#8217;schen Holismus sowieso sagen wollte.<\/p>\n<p>Kann jemand mit so etwas verf\u00fchren? Es ist wie eine Drehung beim Eiskunstlauf, die beinahe danebengeht und mit extra Gusto aufgefangen wird. Also eher eine Show, als eine Verf\u00fchrung. Ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.<br \/>\n~                                  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Vorlesung bringt es mit sich, dass Studierende mit zun\u00e4chst neutralen Gesichtern vor einem sitzen und darauf warten, was ihnen gesagt wird. Als Vortragender muss ich eine Sache darlegen, aber das ist nicht alles. 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