{"id":1235,"date":"2013-04-20T21:12:56","date_gmt":"2013-04-20T21:12:56","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1235"},"modified":"2018-11-15T16:48:09","modified_gmt":"2018-11-15T16:48:09","slug":"genugend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1235","title":{"rendered":"Gen\u00fcgend"},"content":{"rendered":"<p>Eine Lehre aus dem Film &#8220;<a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0277027\/\">Ich bin Sam<\/a>&#8221; geht um die Frage nach der Beurteilung von Grenzen. Sam Dawson (gespielt von Sean Penn), ein geistig beschr\u00e4nkter Vater will das Jugendamt \u00fcberzeugen, dass er gegeben seine Einschr\u00e4nkungen in der Lage ist, f\u00fcr sein Kind,\u00a0die siebenj\u00e4hrige Lucy, zu sorgen. Die Mutter, eine Obdachlose, will weder mit Sam noch Lucy etwas zu tun haben. Lucy soll zu einer Adoptivfamilie, laut Jugendamt. Darum ein Rechtsstreit.<\/p>\n<p>Auf dem Zeugenstuhl gesteht Sam aus \u00dcberforderung mit der Befragungssituation ein, dass er ohne Hilfe nicht f\u00fcr Lucy sorgen wird k\u00f6nnen. Sam scheitert im ersten Versuch, trotz Anw\u00e4ltin Rita Harrison (gespielt von Michelle Pfeifer), die in dem Ruf steht, niemals einen Fall zu verlieren. F\u00fcr diesen Ruf hat sie das vernachl\u00e4ssigt, weswegen sie ihren &#8220;pro bono&#8221;-Mandanten Sam vertritt: Zeit mit dem eigenen Kind. Nach der richterlichen Niederlage m\u00f6chte Sam aufgeben, besucht seine Tochter nicht bei der Gastfamilie, und schlie\u00dft sich in der Wohnung ein:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Ich bin Sam - Nicht gen&amp;uuml;gend\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/64455730?dnt=1&amp;app_id=122963\" width=\"640\" height=\"478\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/tosuffice.webm\">(Download: Videoclip)<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Rita und Sam kommunizieren \u00fcber eine wohlgeformte Origami-Barriere hinweg. Rita: Er k\u00f6nne doch nicht aufgeben. Sam: Sie k\u00f6nne gar nicht wissen, was er zu erleiden hat. Er klagt seine Rechtsanw\u00e4ltin an: Sie wei\u00df nicht, was sie fordert, wenn sie verlangt, weiterzuk\u00e4mpfen. Sie unterliege ja keinen Beschr\u00e4nkungen. Rita bricht durch. Sie legt ihre Unnahbarkeit ab und gesteht dem eigenen Mandanten ihre Hilflosigkeit, wenn es um ihr eigenes Leben und ihr ebenfalls siebenj\u00e4hriges Kind geht. Der Hilfsbed\u00fcrftige wird in den Stand gesetzt, selbst zu helfen. Die Szene endet in einer Umarmung und weissem Licht.<\/p>\n<p>Kein Horizont erlaubt den Aufstieg zum imaginierten Jenseits. Wenngleich man sich dorthindenkt, man kann sich nicht hinaufschleppen. Das wird keine Anklage \u00e4ndern. Es geht darum, von der Imagination des Nicht-gen\u00fcgens und der Erh\u00f6hung des Anderen auf den Boden <em>herunter<\/em>zukommen. Das Pendel schwingt aber nicht um auf etwas, das im Computerspiel &#8220;Portal&#8221; unter dem zynischen Ausspruch &#8220;<a href=\"http:\/\/knowyourmeme.com\/memes\/the-cake-is-a-lie\">The cake is a lie<\/a>&#8221; bekannt ist. Es muss nicht alle Hoffnung aufgegeben werden. Die als jenseitig vorgestellte, Frieden und Wunschzustand bringende, Instanz ist <em>hier &#8211;<\/em> und ist &#8211; wie wir &#8211; Beschr\u00e4nkungen ausgesetzt. Wie damit umgehen? Hilf dir selbst, dann hilft dir &#8230; die Anw\u00e4ltin? Hilf der Anw\u00e4ltin, und sie hilft dir.<\/p>\n<p>Der Clip zeigt eine Grenz\u00fcberschreitung, die eine tempor\u00e4re \u00dcbereinstimmung bewirkt. In einer sp\u00e4teren Szene schickt Sam seine Freunde weg, die ihn zum rituellen w\u00f6chentlichen Filmeabend mitnehmen wollen. Stattdessen essen Sam und Rita Kuchen und besprechen ihr Verh\u00e4ltnis: &#8220;Man soll immer Kunden freundlich behandeln, freundlich aber distanziert. Ich k\u00f6nnte n\u00e4mlich Ihr Freund sein.&#8221; Keine Verschmelzung, sondern Kooperation. Die Beziehung oszilliert zwischen Intimit\u00e4t und Professionalit\u00e4t (In der deutschen Synchronisation ist die Doppeltheit deutlicher: Rita und Sam siezen sich und sprechen sich mit dem Vornamen an). Rita redet von Sams M\u00f6glichkeiten, sein Kind \u00f6fter zu sehen, dann von ihrer eigenen Familie, und schlie\u00dft mit: &#8220;Bisher habe ich noch nie verloren, noch nie.&#8221; Anstatt nur ein Fall zu sein, den man der Form halber gewinnen will, erh\u00e4lt sein Ausgang diesmal existenzielles Gewicht. Sein Verlauf beeinflusst das <em>curriculum vitae<\/em> im vollen Sinn von Lebens(ver)lauf und Berufserfahrung. Die Art und Weise, wie man seinen Mandanten vertritt, wirkt zur\u00fcck auf die eigene Beurteilung und Form des Lebens: un-gen\u00fcgend (&#8220;ohne Beurteilung&#8221;), nicht gen\u00fcgend (Feststellung eines Mangels), gen\u00fcgend (Perspektiven im Rahmen der Einschr\u00e4nkungen).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Lehre aus dem Film &#8220;Ich bin Sam&#8221; geht um die Frage nach der Beurteilung von Grenzen. 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