{"id":1248,"date":"2013-05-30T01:31:25","date_gmt":"2013-05-30T01:31:25","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1248"},"modified":"2018-11-15T16:47:42","modified_gmt":"2018-11-15T16:47:42","slug":"wikis-jenseits-des-papierprinzips","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1248","title":{"rendered":"Wikis. Jenseits des Papierprinzips"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/The-Wunderblock-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1249 aligncenter\" alt=\"The Wunderblock\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/The-Wunderblock-1-300x300.jpg\" width=\"179\" height=\"179\" \/><\/a><\/p>\n<blockquote><p>\u201cWhat else than a natural and mighty palimpsest is the human brain? Such a palimpsest is my brain; such a palimpsest, O reader! is yours. Everlasting layers of ideas, images, feelings, have fallen upon your brain softly as light. Each succession has seemed to bury all that went before. And yet in reality not one has been extinguished.\u201d <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Palimpsest\">Thomas De Quincey &#8211; <i>Suspiria de Profundis<\/i><\/a> (1845)<\/p><\/blockquote>\n<p>Inhalte in Wikis sind weder in Stein gemei\u00dfelt noch verfliegen sie wie Schall &amp; Rauch. In einer Diskussion nahm ich den Standpunkt ein, dass diese Zwischenposition eine St\u00e4rke f\u00fcr den Einsatz von Wikis in Betrieben ist: Situationen \u00e4ndern sich und so das Wissen zu ihrer Bew\u00e4ltigung. Personen in einer (Zweck-)Gemeinschaft teilen ihre Erkenntnisse, indem sie gegebene Oberfl\u00e4chen f\u00fcr ihre Zwecke anpassen.<\/p>\n<p>Ein alternativer Standpunkt ist: Weil Wikis weder &#8220;Fisch noch Vogel&#8221; sind, darum sind sie kein verl\u00e4sslicher Bezugspunkt in einer sich st\u00e4ndig \u00e4ndernden Umgebung. Sie f\u00fcgen sich in die Betriebsamkeit ein, anstatt ihre Komplexit\u00e4t durch eine Verfestigung oder Verfl\u00fcchtigung zu reduzieren. \u00dcberlegen wir an einem konkreten Fall&#8230;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dilbert arbeitet in einer Firma in der Buchhaltung und m\u00f6chte seine Bilanz als PDF exportieren, mit der betriebseigenen Buchhaltungssoftware Book X. Dilbert wei\u00df nicht wie das geht und besucht das Wiki seines Unternehmens. Das Wiki enth\u00e4lt Informationen f\u00fcr den gesuchten Zweck. Als Dilbert sie in die Tat umsetzen m\u00f6chte, bemerkt er, dass die Anleitung nicht auf die Men\u00fcstruktur von Book X passt. Ein Anruf bei Maria, IT-Abteilung. Die IT-Hotline ist \u00fcberlastet. 20 Minuten Wartezeit. Dann: Maria hilft Dilbert beim Speichern der Bilanz als PDF. Dilbert ist so freundlich und aktualisiert die Anleitung im Wiki, damit seine Kolleginnen sich gro\u00dfartige Recherchen ersparen.<\/p>\n<p>Was Dilbert nicht wei\u00df ist, dass die vorgefundene Beschreibung zu einer fr\u00fcheren Version von Book geh\u00f6rte: Book <strong>W<\/strong>. Seine Kollegin Sharon &#8211; in einem anderen Geb\u00e4ude &#8211; benutzt noch Book W. Sie m\u00f6chte ebenfalls eine Bilanz als PDF speichern. Man kann sagen: Die Wiki-Funktion der Versionierung relativiert den Eingriff von Dilbert.\u00a0Wie l\u00f6st Sharon ihr Problem? Sharon m\u00fcsste sich blo\u00df fr\u00fchere Versionen derselben Wiki-Seite ansehen. Sharons Zeit ist jedoch knapp. Ihre Geduld war au\u00dferdem bereits \u00fcberspannt, als die Software beim Speichern abgest\u00fcrzt ist und 2 Stunden Arbeit verloren gingen. Nachdem sie nicht wei\u00df, welche der Versionen auf ihre Situation passt, wird sie ebenso Maria anrufen. Die Betriebsamkeit erlaubt kein allzu langes St\u00f6bern in der Vergangenheit. &#8220;Each succession has seemed to bury all that went before.&#8221;<\/p>\n<p>Leserinnen der obigen Situationsbeschreibung werden einwenden, dass die aktuelle Wiki-Seite sowohl die Anleitungen f\u00fcr Book W als auch f\u00fcr Book X enthalten sollte. Dilbert k\u00f6nnte das durch Beobachten der Versionen bemerken und anpassen. Das ist ein Vorteil eines Wikis: Sobald verschiedene Perspektiven entdeckt werden, k\u00f6nnen sie explizit gemacht werden, obwohl sie in keinem Benutzerhandbuch stehen und niemand von den Experten sich darum k\u00fcmmert: &#8220;Achtung! \u00dcberpr\u00fcft eure Book Version, die Schritte zum Exportieren von PDFs sind in Book X und Book Y unterschiedlich&#8221;, k\u00f6nnte am Beginn stehen. Die Erfahrung Einzelner wird f\u00fcr ein Kollektiv nutzbar gemacht und auf die Probe gestellt. Der Freiheitsgrad von Wikis im Vergleich zu statischen Dokumenten und Experten besteht darin, dass Betroffene ihre Probleme ad hoc l\u00f6sen und die gesamte Gruppe l\u00e4nger davon profitieren kann &#8211; bzw. l\u00e4nger mit teils veralteten &#8220;quick fixes&#8221; bel\u00e4stigt wird.<\/p>\n<p>F\u00fcr Benutzer, die f\u00fcr die Zwecke der schnellen Orientierung einer Anleitung bed\u00fcrfen, bedeutet gerade der Freiheitsgrad eine Schwierigkeit: Wikis sind weder so aktuell wie Ausk\u00fcnfte von Experten noch so verbindlich wie eng umgrenzte Dokumente. Der Freiheitsgrad erlaubt n\u00e4mlich Unverbindlichkeit: Man kann unterschreiben und das Unterschriebene \u00fcberschreiben. Es gibt weder (1) einen Schluss-Strich noch (2) eine fl\u00fcchtige Synchronisation in einer konkreten Situation. Genauer gesagt: Man findet beides (Fixierungen und Verblassen), nur h\u00e4ngt die Gestaltung beider Aspekte von Interesse, Bereitschaft, und Umgebung der Beteiligten ab, w\u00e4hrend Papier irgendwann nichts Neues mehr aufnehmen kann; w\u00e4hrend T\u00f6ne in einem Gespr\u00e4ch unweigerlich verstummen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cWhat else than a natural and mighty palimpsest is the human brain? Such a palimpsest is my brain; such a palimpsest, O reader! is yours. Everlasting layers of ideas, images, feelings, have fallen upon your brain softly as light. Each succession has seemed to bury all that went before. 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