{"id":1283,"date":"2013-07-22T00:45:15","date_gmt":"2013-07-22T00:45:15","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1283"},"modified":"2018-11-15T16:46:48","modified_gmt":"2018-11-15T16:46:48","slug":"wenn-du-vor-mir-stehst-und-mich-ansiehst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1283","title":{"rendered":"Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt einen Unterschied zwischen Bricolage &#8211; als T\u00e4tigkeit von Individuen, sich in einem einschr\u00e4nkenden System unerwartete M\u00f6glichkeiten freizuspielen, und Bricolage &#8211; als einem System, das sich totale Freiheit auf die Fahnen schreibt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/bricolage_total_freedom.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1285\" alt=\"bricolage_total_freedom\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/bricolage_total_freedom-300x249.png\" width=\"300\" height=\"249\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anders gesagt: Was bedeutet freispielen in einem Zeitalter, wo leichtgewichtige Aggregation und Entfesselung zum System wurden? Der vorliegende Artikel stellt keine Antwort dar. Wir sehen uns ein Beispiel von Bricolage an, 40 Jahre fr\u00fcher, das trotz (oder wegen) einer ehrf\u00fcrchtigen Verwendung des Vorgefundenen, stabilisierte Erwartungen durchkreuzt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der italienische Filmemacher Michelangelo Antonioni wurde in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts f\u00fcr 22 Tage nach China geschickt, um eine Dokumentation zu drehen. Er und sein Filmteam waren einem strengen Zeitplan ausgesetzt. Die Drehorte wurden von der kommunistischen Partei Chinas (KPC) bestimmt, die Ereignisse an den Drehorten oftmals inszeniert. Und trotzdem: Was dabei herauskam war zun\u00e4chst eine Entt\u00e4uschung sowohl der westlichen als auch chinesischen Erwartungen: &#8220;<a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0068375\/\"><em>Chung Kuo<\/em> &#8211; Cina<\/a>&#8220;, eine etwa 3-st\u00fcndige Darstellung des chinesischen Alltagslebens &#8211; ohne pomp\u00f6se Ausstellung einer gro\u00dfen, koh\u00e4renten (Miss-)Erfolgsgeschichte der Kulturrevolution.<\/p>\n<p>Zu dem Film ist einiges zu sagen. Die <a href=\"http:\/\/sensesofcinema.com\/2013\/editorial\/welcome-to-issue-67-of-our-journal\/\">aktuelle Ausgabe<\/a> der australischen Online-Filmzeitschrift &#8220;Senses of Cinema&#8221; enth\u00e4lt <a href=\"http:\/\/sensesofcinema.com\/2013\/feature-articles\/when-ordinary-seeing-fails-reclaiming-the-art-of-documentary-in-michelangelo-antonionis-1972-china-film-chung-kuo\/\">eine ausf\u00fchrliche Besprechung<\/a>.<\/p>\n<p>Im gegenw\u00e4rtigen Zusammenhang sind mir zwei Aspekte wichtig:<\/p>\n<p><strong>(1) Dem Fremden begegnen<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Das Filmteam schafft es, unangek\u00fcndigt in einem kleinen Dorf zu filmen. Es ist nicht zu \u00fcbersehen, wie die Kamera durch ihre Pr\u00e4senz die Szene ver\u00e4ndert:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"We are Foreign\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/70738101?dnt=1&amp;app_id=122963\" width=\"640\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Soviel zur Neutralit\u00e4t. Wir kommen mit einem Interesse am Fremden an und sehen so viel Allt\u00e4gliches, ja Langweiliges, das jedoch eine Fundgrube von \u00dcberraschungen bietet, die man nicht inszenieren k\u00f6nnte und die das Klischee einer durchorganisierten, normierten Masse herausfordert.<\/p>\n<p>Im Verhalten der Personen auf die wir unsere Kamera direkt halten wird au\u00dferdem klar, dass wir selbst als Fremde erscheinen. Das Interesse scheint auf beiden Seiten zu bestehen und keiner kennt die Motivationen und Intentionen der jeweils anderen; ein R\u00e4tsel. Wir versuchen es mit dem, was wir sehen&#8230; und starren.<\/p>\n<p><strong> (2) Ensemble von Details<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Der Film beginnt mit folgender Ank\u00fcndigung:<\/p>\n<blockquote><p>We are not pretending to understand China. All we hope for is to present a large collection of faces, gestures, customs.<\/p><\/blockquote>\n<p>Anstatt die Menschen als Material f\u00fcr politische Machtk\u00e4mpfe zu verwenden, oder zur Selbstvergewisserung der eigenen Kritikf\u00e4higkeit, begn\u00fcgt man sich mit der Darstellung der allt\u00e4glichen Besch\u00e4ftigungen der Bev\u00f6lkerung. Daraus l\u00e4sst sich unmittelbar weder ein dystopisches noch ein utopisches Szenario entnehmen. Die Menschen zur Zeit der Kulturrevolution scheinen sich trotz simplen Verh\u00e4ltnissen Wege zu pers\u00f6nlichen Vergn\u00fcgungen freigespielt zu haben, so wie Antonioni&#8217;s Team, dessen Filmaktivit\u00e4ten st\u00e4ndig beaufsichtigt wurden.<\/p>\n<p>Im Kontrast zu dem, was man in der \u00fcber Jahre entstandenen Mao-Biographie von Jung Chang zu lesen bekommt, stimmt die Darstellung des Alltags bei Antonioni hoffnungsvoller. Die Bev\u00f6lkerung, die bei Chang haupts\u00e4chlich als manipulierte und eingesch\u00fcchterte Masse, als Statisten rund um den \u00dcbelt\u00e4ter Mao dargestellt wird (siehe auch <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1255\">letzter Artikel<\/a>), nimmt sich bei Antonioni heraus, sich selbst zu organisieren, zum Beispiel um die Schw\u00e4chen einer rationierten Versorgung mit einem lokalen (und illegalen) Marktplatz auszugleichen, d.h. Dinge mit anderen zu tauschen, die man \u00fcber das offizielle Verteilungssystem nicht bekommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Gegen Ende schlie\u00dft Antonioni an sein Eingangsstatement an:<\/p>\n<blockquote><p>China has opened its doors, but it still remains a distant and largely unknown world. We&#8217;ve given it but a single glance. There is an old saying in China: &#8220;You can depict a tiger&#8217;s skin, but not his bones. You can depict people&#8217;s faces, but not their hearts.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Weigerung, jeden kleinsten Aspekt des Lebens auf einen Beitrag einer gro\u00dffl\u00e4chigen Geschichte zu reduzieren, erlaubt den Zuschauerinnen, inmitten von Profanit\u00e4t entscheidende Gesten zu erkennen, die man mit Bezug auf die Geschichte Chinas mit ihren gro\u00dfen Ereignissen als irrelevant zur Seite schieben w\u00fcrde. Es sind Details, die das Leben ertr\u00e4glich und Ordnungen br\u00fcchig machen:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/draft.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1287\" alt=\"draft\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/draft.jpg\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><\/p>\n<p>Indem das Gezeigte nicht sofort kategorisiert und mit Intentionen belastet wird, bekommt es eine Chance, bedeutsam zu werden.<\/p>\n<p>Damit wird man sich oft nicht begn\u00fcgen. Aber es ist ein guter Start.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt einen Unterschied zwischen Bricolage &#8211; als T\u00e4tigkeit von Individuen, sich in einem einschr\u00e4nkenden System unerwartete M\u00f6glichkeiten freizuspielen, und Bricolage &#8211; als einem System, das sich totale Freiheit auf die Fahnen schreibt. &nbsp; Anders gesagt: Was bedeutet freispielen in einem Zeitalter, wo leichtgewichtige Aggregation und Entfesselung zum System wurden? 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