{"id":1317,"date":"2013-11-19T22:13:18","date_gmt":"2013-11-19T22:13:18","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1317"},"modified":"2018-11-15T16:43:09","modified_gmt":"2018-11-15T16:43:09","slug":"i-came-in-like-a-wrecking-ball","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1317","title":{"rendered":"I came in like a wrecking ball"},"content":{"rendered":"<p>Die \u00dcberschreitung einer Grenze von einem Staat zum anderen ist in Europa eine regul\u00e4re Aktivit\u00e4t. Man kann als Europ\u00e4erin ohne Reisepass von Wien nach Z\u00fcrich fliegen, solange man nicht zu viel Wasser mitnimmt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" alt=\"Bei Fl\u00fcgen ab 2013 wieder Fl\u00fcssigkeiten im Handgep\u00e4ck erlaubt\" src=\"http:\/\/www.nordbayerischer-kurier.de\/sites\/default\/files\/styles\/media_gallery_large\/public\/galleries\/2012-07-17-20\/3877644cd68e5e50ffa6e72320e8bf71.jpg\" width=\"418\" height=\"235\" \/><\/p>\n<p>Das Hoheitsgebiet eines Landes, seine Souver\u00e4nit\u00e4t, transformiert sich. Ein Staat ist nun eine Organisation unter vielen, die zugestimmt hat, sich an Spielregeln zu halten (durch bilaterale Abkommen, durch Vertr\u00e4ge der Europ\u00e4ischen Union) und dessen Einwohnerinnen vielf\u00e4ltige Ziele verfolgen.<\/p>\n<p>Die Homogenisierung der internationalen Rechtslage erodiert nationale Grenzen und schafft andere. Da eine Person nach \u00dcberfliegen der Staatsgrenze vergleichbaren Gesetzen unterliegt, ist die Feststellung ihrer Identit\u00e4t an Staatsgrenzen weniger wichtig.<\/p>\n<p>Die Konsistenz des (multi)kulturellen Staates muss bei steigender Mobilit\u00e4t anders erreicht werden. Verhaltensanalyse und konformes Verhalten (im Rahmen zul\u00e4ssiger Abweichungen) sind wichtiger denn je, wenn man Individuen in der Welt nicht stabil zu Gruppen mit fixen Merkmalen z\u00e4hlen kann.<\/p>\n<p>Die just in time Gruppenzuweisung erstickt die Tendenzen der Zugewiesenen. Grenz\u00fcberschreitungen k\u00f6nnen zwar \u00fcberall und jederzeit auftreten, doch Staaten und Organisationen m\u00f6chten darum- unter bestimmten Bedingungen &#8211; \u00fcberall nachsehen und erschaffen f\u00fcr praktisch jede Abweichung ihre Cluster. Die technischen Errungenschaften helfen dabei (Scanner am Flughafen, extensive Datenanalyse bei elektronischer Kommunikation). Was manchmal zu vertigin\u00f6sen und allergischen Reaktionen f\u00fchrt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&#8212;-<\/p>\n<p>Die europ\u00e4ische Richtung weist von der Sprengung des Rahmens durch Expansionspolitik zur Rahmung des Gesprengten durch Methoden und Abkommen: In Vielfalt geeint. Das sch\u00f6ne Motto der Europ\u00e4ischen Union soll durch drei Methoden der Entscheidungsfindung erreicht werden:<\/p>\n<ul>\n<li>der Gemeinschaftsmethode der supranationalen Organe (Europ\u00e4ische Kommission, Rat, Parlament und Gerichtshof), das hei\u00dft: die Entscheidungen werden durch eine von den Staaten abstrahierte Ebene getroffen;<\/li>\n<li>der intergouvermentalen Methode, das hei\u00dft: Die einzelnen Regierungen kommen durch einstimmige Aushandlung zu Entscheidungen;<\/li>\n<li>der offenen Methode der Koordinierung, in der bei Fehlen einer Rechtsgrundlage staaten\u00fcbergreifende Empfehlungen, Erfahrungen, Leitlinien, Statistiken ausgetauscht werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Supra-\/Inter- und Transnational; diese Trinit\u00e4t weist auf perspektivische Grenzen und basiert ideal auf Gegenseitigkeit, da es ein Interesse an sich selbst unterschiedener Einheit gibt. Ein Staat entscheidet \u00fcber Angelegenheiten anderer mit, l\u00e4sst sich bei den eigenen Angelegenheiten etwas sagen, und gibt die Perspektive &#8220;die einen hier&#8221;, &#8220;die anderen da&#8221; stellenweise auf.<\/p>\n<p>Das klingt nach einem reifen, ausgekl\u00fcgelten Nachbarschaftsumgang.<br \/>\nWas braucht man mehr?<br \/>\nOder: Was gibt es sonst?<br \/>\n(1) <em>Intra<\/em>-nationales, (2) konkrete Personen, auf die die Summe der methodisch getroffenen Entscheidungen f\u00e4llt, und (3) einseitige Grenz\u00fcberschreitung.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Es ist intuitiv, zwischen dem \u00dcberfliegen einer Grenze und ihrer Zerst\u00f6rung zu unterscheiden: In einem Fall bleibt die Grenze bestehen; man hat die M\u00f6glichkeit, auf die \u00dcberschreitung hinzuweisen und die Grenze wieder zu aktivieren. Im Kontrast dazu erlaubt eine Verschmelzung oder Annexion von Angrenzendem h\u00f6chstens ein Nachtrauern zerst\u00f6rter Grenzen wenn m\u00f6glich mit Wiederaufbau.<\/p>\n<p>Dagegen: Am Gebrauch von Computern zeigt sich, dass Grenzen weniger offensichtlich und zunehmend perspektivisch sind. Bereits das kognitive Vordringen auf die &#8220;andere Seite&#8221; kann destruktive Konsequenzen haben, etwa wenn es zu \u00fcberraschenden , irreversiblen Wissens- und Machtasymmetrien f\u00fchrt; Abh\u00f6raktionen trennen Verb\u00fcndete.<\/p>\n<p>Grenzen sind eine Funktion von Vorstellungen und Umst\u00e4nden zum Schutz und zur Orientierung: Die offensichtlichen Begrenzungen von Landschaften (Fl\u00fcsse, Berge, W\u00e4lder), Volksgruppen oder Geschlechter taugen momentan nicht so gut zur Unterscheidung und Lokalisierung. Unternehmen agieren grenz\u00fcberschreitend; Personen verstehen sich als Transgender; radioaktive Strahlung \u00fcberschreitet m\u00fchelos W\u00e4lder sowie Staatsgrenzen.<\/p>\n<p>Die Reaktion, teilweise \u00dcberreaktion, ist, innerhalb und zwischen Staaten differenziertere Kontrollen zu implementieren: Bereits das \u00dcberfliegen einer Grenze kann zur Bedrohung der &#8220;nationalen Sicherheit&#8221; werden, wenn man zu hohe Mengen an Fl\u00fcssigkeit mit sich f\u00fchrt (die Folge des 11. September). Bereits l\u00e4nder\u00fcbergreifende Daten\u00fcbertragung ist interessant und teilweise verd\u00e4chtig, wenn man einschl\u00e4gige W\u00f6rter oder Dienste verwendet.<\/p>\n<p>Die Mobilit\u00e4t von Personen und Daten erh\u00f6ht die Vorgaben f\u00fcr deren Formatierung. Da k\u00f6nnen Fl\u00fcchtlinge nicht mithalten.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund des gesellschaftlichen Umbaus von Identit\u00e4tschecks zu grenz\u00fcberschreitender Verhaltensanalyse springt das Pop-Video des letzten Sommers &#8220;Wrecking Ball&#8221; von Miley Cyrus in die Charts. Eine Erinnerung an stabile Mauern, ein Wunsch nach deren \u00dcberwindung, ein Bedauern vor dem Scherbenhaufen &#8211; kurz gesagt.<\/p>\n<p>Es geht um eine Abfolge aus Ekstase und Resignation nach dem Versuch der durch Liebe induzierten Grenz\u00fcberschreitung. Der initiale Wunsch beim Anderen anzukommen resultiert in der Zerst\u00f6rung (des Eigenen):<\/p>\n<blockquote><p>All I wanted was to break your walls<br \/>\nAll you ever did was wreck me<\/p>\n<p>I never meant to start a war<br \/>\nI just wanted you to let me in<br \/>\nAnd instead of using force<br \/>\nI guess I should\u2019ve let you win<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Wunsch auf der einen Seite \u00fcbertr\u00e4gt sich, und kommt zur\u00fcck als Tat der anderen. Was bleibt von Krieg, Kraft, und Sieg sind Ruinen; &#8211;\u00a0 Worte aus dem Vokabular des Ausnahmezustands zur \u00dcbersetzung eines psychischen Zustandes.<\/p>\n<p>Wie wird \u00fcber das Video gesprochen? Man emp\u00f6rt sich \u00fcber die nackte Haut einer Frau; die W\u00f6rter sind jedoch wenn man die Beschwichtigungen (never meant to, just wanted to, should have) wegl\u00e4sst, mindestens so provokant.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Can it get any worse? Ja: Was bitte hat Miley Cyrus mit der Europ\u00e4ischen Union zu tun? Beim Versuch Verbindungen herzustellen \u00fcberschreite ich Grenzen. Fraglich ist ob ich damit mehr zerst\u00f6re als gewinne, bzw. ob dadurch eine Lokalisierung erm\u00f6glicht wird. Risiken und Wirkungen des Fortschritts &#8211; und der \u00c4sthetisierung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Can it get any worse? Ja: Was hat Miley Cyrus mit der Europ\u00e4ischen Union zu tun? Beim Versuch, Verbindungen herzustellen, \u00fcberschreite ich Grenzen.  Fraglich ist, ob ich damit mehr zerst\u00f6re als gewinne, bzw. ob dadurch eine Lokalisierung erm\u00f6glicht wird. 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