{"id":1395,"date":"2014-03-21T00:15:29","date_gmt":"2014-03-21T00:15:29","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1395"},"modified":"2018-11-15T16:40:21","modified_gmt":"2018-11-15T16:40:21","slug":"girls-with-guns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1395","title":{"rendered":"Girls with Guns"},"content":{"rendered":"<p>Am 8. M\u00e4rz sah ich einen Film aus dem Genre &#8220;Rape &amp; Revenge&#8221;: <em>A Gun For Jennifer<\/em>. Eine junge Frau wird von einer Gruppe von R\u00e4cherinnen aus den F\u00e4ngen zweier Vergewaltiger gerettet, mit einer Waffe ausgestattet und in die extreme Gruppe aufgenommen. Ein Strip-Club dient als Basis, von dem aus die Gruppe potenzielle Vergewaltiger ausfindig macht, kastriert und t\u00f6tet. Eine schwarze Polizistin ermittelt gegen sie, doch hat ebenfalls die M\u00e4nner in ihrem Polizeirevier satt. Selbstjustiz \u00e0 la Batman im Gotham City f\u00fcr Gender-Angelegenheiten. Nach dem Film bin ich so klug wie zuvor. Vielleicht hilft Literatur&#8230;<\/p>\n<p>Bei der Darstellung von \u00dcberschreitung und versuchter Vergeltung begibt man sich auf vermintes Terrain. Mit dieser Erkenntnis beendet Julia Reifenberger ihre Jogging-Tour durch die Filme des Rape-and-Revenge Genres in dem kleinen Buch &#8220;Girls with Guns: Rape &amp; Revenge Movies: Radikalfeministische Erm\u00e4chtigungsfantasien?&#8221; (Bertz + Fischer 2013)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" alt=\"http:\/\/www.jpc.de\/image\/w600\/front\/0\/9783865057211.jpg\" src=\"http:\/\/www.jpc.de\/image\/w600\/front\/0\/9783865057211.jpg\" \/><\/p>\n<p><!--more-->Day Of The Woman, Thriller &#8211; En Grym Film, Baise-Moi, Irr\u00e9versible, Hard Candy, Girl With The Dragon Tattoo.<\/p>\n<p>Alle diese Filme konstruieren Schaupl\u00e4tze, Grenzgebiete an denen sich der &#8220;Krieg der Geschlechter&#8221; in verschiedensten Schlachten abspielt. Was zeigt man den Zuschauern? Herablassende Kommentare im Alltag? Das gewaltsame Eindringen in einen K\u00f6rper? Die Rache nach dem Verlust der territorialen Integrit\u00e4t? Und <em>wie<\/em> zeigt man es? Eine Vergewaltigung darzustellen kann zur Folge haben, dass sich der Zuschauer (m &#8211; manchmal w) mit dem T\u00e4ter identifiziert. Die Opferrolle kann als selbstverschuldet dargestellt werden: &#8220;She asked for it&#8221;.<\/p>\n<p>Gewalt ist eine Antwort auf Ohnmacht, auf die Impotenz in einer Situation. Julia Reifenberger zitiert die These der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Vergewaltigung ist das Verbrechen das uns am meisten gendert. Nicht, weil es das Verbrechen ist, das uns aufgrund unseres Geschlechts passieren kann, sondern weil es uns mitteilt, was unser Geschlecht ist, wie unsere Geschlechterrollen sind und wie viele Geschlechter es gibt, n\u00e4mlich zwei.&#8221; Im Rape-Revenge-Film reagieren die T\u00e4ter mit sexualisierter Gewalt auf die verwirrend uneindeutigen Geschlechtspositionen ihrer Opfer, in dem sie sie \u00fcber die Vergewaltigung als gendernden Akt in eine eindeutig weibliche Geschlechtsrolle zu zwingen versuchen. Die \u00dcberschreitung der Geschlechterverh\u00e4ltnisse soll so r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht, die Frau f\u00fcr die Grenz\u00fcberschreitung bestraft und eine patriarchale symbolische Ordnung erneuert werden.&#8221;(S.68)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das wirft ein neues Licht auf die Wrecking Ball Geschichte vom Miley Cyrus Song: I came in <em> like<\/em> a wrecking ball &#8230; but then you <em>actually <\/em><em>wrecked<\/em> me. Die Protagonistin m\u00f6chte die dichten Grenzvorstellungen des Anderen aufbrechen, was diesen verwirrt und zu einem Zerst\u00f6rungsakt fehlleitet. Das vorgesehene Schema bei Rape &amp; Revenge Filmen nimmt eine weitere Wendung. Die Zerst\u00f6rung ist nicht vollst\u00e4ndig und &#8211; das ist eine Sichtweise &#8211; der Auftakt zur Selbsterm\u00e4chtigung:<\/p>\n<blockquote><p>Die Opfer aber weigern sich konsequent, sich gewaltsam &#8220;regendern&#8221; zu lassen. Die Vergewaltigung, die die angstbesetzten Projektionen der M\u00e4nner beim Anblick der geschlechtlich uneindeutigen Frau verscheuchen soll, l\u00f6st die Transformation des Opfers zur R\u00e4cherin erst aus. Als leibhaftige Verk\u00f6rperung des imaginierten Schreckens der m\u00e4nnlichen Protagonisten entsteht die phallische Frau mit der Waffe. (S.68)<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine weitere Beobachtung ist, dass eine Frau mit Waffe mindestens so attraktiv f\u00fcr die (m\u00e4nnliche) Schaulust dargestellt werden kann. So etwa im Film <em>Thriller &#8211; En Grym Film<\/em> &#8211; inklusive Handtasche:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9tuKkeQDSek\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1398 aligncenter\" alt=\"racheengel_mit_handtasche\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/racheengel_mit_handtasche1-1024x576.png\" width=\"591\" height=\"332\" \/><\/a><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Ca1vsoPJkFs\">Liebe ist ein Rausch- <strong>und<\/strong> Tauschgesch\u00e4ft<\/a>, singt\u00a0Bernadette La Hengst. Nur was ist die &#8220;gerechte Strafe&#8221; bei Fehlen einer Gegenseitigkeit, bei Missachtung von bilateraler Partnerschaft? Bei h\u00e4uslicher Gewalt? Bei gedankenlosen, degradierenden Aussagen? Manches ist unverzeihlich. Vergebung kann man nicht erwarten: die Tat ist irreversibel. Darum ist es kurz gegriffen, Vergewaltiger mit einer Gegen-Vergewaltigung b\u00fc\u00dfen zu lassen, &#8220;um ihnen eine Lektion zu erteilen&#8221;. Die Spiegelung der Gewalt als Revanche schafft keinen Ausgleich. Es bleibt ein unvergeltbarer Rest:<\/p>\n<blockquote><p>Im aktuellen Rape-Revenge-Film sind es [..] besonders h\u00e4ufig Blicke der Figuren in die Kamera, die die Betrachter_innen mit ihrer eigenen Zeugenschaft der filmischen Gewalt konfrontieren und ihnen damit die M\u00f6glichkeit rauben, sich auf eine moralisch distanzierte Position zur\u00fcckzuziehen. Wenn sie, wie in DESCENT oder STRAIGHTHEADS, am Ende der Filme zum Einsatz kommen, also dann, wenn die Rache vollzogen und die Vergewaltiger bestraft sind, fordern sie zudem das bin\u00e4re Opfer-T\u00e4ter-Konzept des Genres heraus und verweisen auf die virale Qualit\u00e4t von sexualisierter Gewalt. Gerade der Blick der Protagonistin in DESCENT verfolgt eindeutig dieses Ziel. Mayas Rache ist, im Gegensatz zu ihrer Vergewaltigung, als erotisches Tableau inszeniert, in dem der Mann zum Objekt der sadistischen sexualisierten Gewalt der Frau wird. Auf die Frage eines Komplizen ihrer Racheaktion, ob mit der Vollendung der Vergeltung nun wieder alles in Ordnung sei, bleibt Maya stumm. W\u00e4hrend sie den Blick in die Kamera wendet, rollt eine Tr\u00e4ne ihre Wange herab.&#8221; (S.93)<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 8. M\u00e4rz sah ich einen Film aus dem Genre &#8220;Rape &amp; Revenge&#8221;: A Gun For Jennifer. Eine junge Frau wird von einer Gruppe von R\u00e4cherinnen aus den F\u00e4ngen zweier Vergewaltiger gerettet, mit einer Waffe ausgestattet und in die extreme Gruppe aufgenommen. 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