{"id":1472,"date":"2014-09-21T03:44:36","date_gmt":"2014-09-21T03:44:36","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1472"},"modified":"2018-11-15T16:36:39","modified_gmt":"2018-11-15T16:36:39","slug":"klartext-rappen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1472","title":{"rendered":"Klartext rappen"},"content":{"rendered":"<p>Wie mit Missst\u00e4nden &#8211; unbefriedigenden Zust\u00e4nden &#8211; umgehen? Eine praktische Antwort, die mich schon eine Weile fasziniert aber auch herausfordert kommt von der Rapper-K\u00fcnstlerin Sookee. Die 31-j\u00e4hrige ist in der eher M\u00e4nner- dominierten Hip-Hop Szene Berlins aktiv, einer Szene die Labels wie &#8220;Aggro Berlin&#8221; geboren hat, bei dem Bushido und Sido unter Vertrag waren.<\/p>\n<p>Sookee&#8217;s Songs basieren ebenfalls auf mitrei\u00dfenden Beats, Punchlines und rhythmisch gesprochenen Texten. Jedoch ist ihre Beziehung zu Hip Hop kaum zustimmend. Zum Beispiel geht es in Songs wie &#8220;Who Owns Hip Hop?&#8221; Oder &#8220;Purpleize Hip Hop&#8221; um Praktiken und Sprechweisen in der Szene und den Mut, diese zu ver\u00e4ndern. Wenn eine Person ihr Selbstbewusstsein dadurch aufbaut, dass sie andere kontinuierlich zu Opfern stilisiert, wenn Macht und Muskeln als Argument ausreichend sind, und Songs in diesem Stil die Charts st\u00fcrmen, dann k\u00f6nnte einem die Luft wegbleiben. Doch Sookee rappt:<\/p>\n<blockquote><p><em> &#8220;We don\u2019t imitate &#8211; we intimidate&#8221;.<\/em><\/p>\n<p>&#8220;Unsere Waffe hei\u00dft Subversion. Sie steckt in unserem Lachen, im Unterton.<br \/>\nDu wirst schon merken, wie real dis is, fragen \u2018was jetzt?!\u2019<br \/>\nWenn deine Lady dich dropt und mich abschleppt&#8221;<br \/>\n(Sookee &#8211; Purpleize Hip Hop)<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/szene.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1473 aligncenter\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/szene-300x206.jpg\" alt=\"szene\" width=\"300\" height=\"206\" \/><\/a><\/p>\n<p>Jemand nimmt die Herausforderung an und fordert seinen Platz im Kampf ein. Zu welchem Preis? Schreibt sich die Spur des Bestehenden ein? Wenn ich mich auf eine Konfrontation einlasse, beanspruche ich Macht in der Auseinandersetzung. Ich brauche etwas Effektives, um die bestehende Herrschaft herauszufordern. Das ist bedrohlich. Ist es auf dieselbe Art bedrohlich wie die herrschenden Verh\u00e4ltnisse f\u00fcr die Marginalisierten? Kommt also die Imitation durch die Hintert\u00fcr? Oder gibt es eine Macht, die es zwar erm\u00f6glicht, sich selbst in ein Verh\u00e4ltnis zu einer Szene zu setzen, dann aber nicht voraussetzt, andere permanent in Rollen zu zw\u00e4ngen, die nicht ihre sind?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Als ich zwei von Sookees Alben beim Label Springstoff bestellt\u00a0 habe, bekam ich zus\u00e4tzlich eine Sammlung von Flyern und Stickern. Mein Favorit enth\u00e4lt den Satz: <em>Eine Szene ist das was du daraus machst.<\/em> Obwohl mein Leben mit den Gewohnheiten in einer (Sub)-Kultur durchwachsen ist, habe ich &#8211; graduell &#8211; die M\u00f6glichkeit, mit den Gewohnheiten zu arbeiten, sie zu \u00f6ffnen, zu gestalten, zu ent-\u00fcben. Graduell. Sookee verarbeitet diese niemals-totale-Gestaltungsm\u00f6glichkeit zum Beispiel in &#8220;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=P78c2XMVsP8\">Vorl\u00e4ufiger Abschiedsbrief<\/a>&#8220;.<\/p>\n<p>Das Ent\u00fcben von Gewohnheiten war unter anderem ein Thema bei einem <a href=\"https:\/\/audiothek.philo.at\/media\/herrschaft-analysieren-kritisieren-oder-entuben-ub\">Vortrag von Ruth Sonderegger, der in der Philosophischen Audiothek von Gerhard Unterthurner ver\u00f6ffentlicht wurde<\/a>. Inspiriert von den Gedanken dieses Podcasts, anbei noch ein paar allgemeinere \u00dcberlegungen, die zum Ziel haben, die Praktiken von Sookee einzuordnen:<\/p>\n<p>Es gibt mehrere Arten, auf eine unbefriedigende Alltags-Situation zu antworten. Schematisch:<\/p>\n<ul>\n<li>(1) Aus der Situation rausspringen\n<ul>\n<li>(1a) Andere \u00fcber die Missst\u00e4nde informieren (Situationsanalyse, so etwa im <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1466\">letzten Blog-Post \u00fcber ein predatory journal<\/a>)<\/li>\n<li>(1b) Sich umdrehen und sich anderem zuwenden (&#8220;Den Staub von sich sch\u00fctteln&#8221;)<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>(2) In der Situation bleiben (Weiterhin mitmachen)\n<ul>\n<li>(2a) Versuche innerhalb der Gewohnheiten eine Ver\u00e4nderung zu induzieren (z.B. kann schon das Z\u00f6gern ein Nachdenken hervorrufen)<\/li>\n<li>(2b) Akzeptiere (&#8220;Es ist wie es ist.&#8221; Mein Kopf wei\u00df um das Unrecht, die einge\u00fcbten Praktiken akzeptieren es aber.)<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>In dieser Liste zielen nur 2 der 4 Optionen darauf ab, die Situation entsprechend einer eigenen Perspektive zu gestalten. 1b und 2b verweigern die Herausforderung, die sich durch die Frustration mit dem Status Quo ergibt. N\u00e4mlich: Stammt das, was mich frustriert, nur von meinen individuellen Bedingungen her? Oder gibt es Anhaltspunkte in der Situation? Kann ich das Problem in der Situation beschreiben, ohne auf eine starke Referenz meiner eigenen Befindlichkeiten und Pr\u00e4ferenzen zur\u00fcckzugreifen? Muss ich den Missstand beschreiben? Hilft eine Beschreibung? Sollte ich ihn nicht besser demonstrieren? Oder verschieben? Abschw\u00e4chen? Subvertieren?<\/p>\n<p>Sookee befindet sich als jemand, der Gender Studies und Literaturwissenschaften studiert hat, und sich in linken politischen Zusammeh\u00e4ngen engagiert, dann aber auch noch in die Hip-Hop-Szene gewachsen ist, an der Grenze zwischen (1) und (2).<\/p>\n<p>Wie Ruth Sonderegger mit Bezug auf das soziologische Werk &#8220;Das Elend der Welt&#8221; ausf\u00fchrt, f\u00e4llt es Individuen, die Zwischenpositionen einnehmen, z.B. einer jungen Frau, die in die m\u00e4nnliche Rapper-Welt einsteigen will, leichter, Gewohnheiten zu hinterfragen. Wieder Sookee:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Alles was mir bleibt ist mein Mut zur Schw\u00e4che: Wann hat ein Mann je gezweifelt, ob es ihm zusteht zu rappen?&#8221; (<a href=\"http:\/\/www.sookee.de\/material\/lesen\/rap-lyrics\/lila-samt-lyrics\/\">Sookee &#8211; Vorl\u00e4ufiger Abschiedsbrief<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Sich in einer Zwischenposition zu befinden ist einerseits eine Verunsicherung. Das ist ein Zustand, der in einer globalisierten Welt immer h\u00e4ufiger auftritt, siehe Migration: &#8220;Andere L\u00e4nder, andere Sitten&#8221;. Andere Sprache, andere Selbstverst\u00e4ndlichkeiten. Man sollte an dieser Stelle jedoch vorsichtig mit einer verallgemeinernden \u00dcberh\u00f6hung sein. Eine Verherrlichung dieser entgrenzenden Zwischenposition \u00fcbersieht, dass die Entwurzelung, zum Beispiel f\u00fcr Migrantinnen, eine traumatische Erfahrung sein kann, der man nicht gerecht wird, wenn man von vornherein die Hybridit\u00e4t der Lebensstile abfeiert. Der Umgang mit Verunsicherung und Orientierungslosigkeit ist ein zentrales Thema im Hip Hop. Andererseits kann die Verunsicherung dazu f\u00fchren, dass Selbstverst\u00e4ndlichkeiten in einer Szene in Frage gestellt werden. Hier ist Sookee ein hoffnungsvolles Role-Model, das den umk\u00e4mpften Platz am Mikrofon f\u00fcr einige Zeit nicht nur den herrschenden Skandal-Rappern Berlins \u00fcberlassen hat und sich eine m\u00e4chtigere Rolle freispielte:<\/p>\n<div style=\"width: 640px;\" class=\"wp-video\"><video class=\"wp-video-shortcode\" id=\"video-1472-1\" width=\"640\" height=\"360\" preload=\"metadata\" controls=\"controls\"><source type=\"video\/webm\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Sookee_ber_RAPutation_Realness_und_Rap_als_Therapi.webm?_=1\" \/><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Sookee_ber_RAPutation_Realness_und_Rap_als_Therapi.webm\">http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Sookee_ber_RAPutation_Realness_und_Rap_als_Therapi.webm<\/a><\/video><\/div>\n<p>Sich mit den herrschenden Verh\u00e4ltnissen anzulegen ist ein Risiko, das in Kauf zu nehmen Courage oder Selbstzerst\u00f6rung bedeutet, je nach Spielraum (siehe auch <a href=\"http:\/\/herzteile.org\/2014\/09\/die-gewalt-der-gamer\/\">diesen Beitrag f\u00fcr die j\u00fcngsten Ereignisse im Fall der Gamer-Szene<\/a>). Nicht immer ist dies abzusehen, doch kann praktisch, schrittweise erkundet werden. Sookee jedenfalls hat sich in einem Facebook-Eintrag im August erstmal von den B\u00fchnen verabschiedet, um andere K\u00fcnstlerinnen zu unterst\u00fctzen:<\/p>\n<blockquote><p><span class=\"userContent\">ich hab die letzten 5 jahre vorallem auf stages verbracht und brauche nun dringend mal ne runde abstand um rauszufinden wiesoweshalbwarum, denn die gleichzeitigkeit von zuspruch und ablehnung hat es in sich und die verantwortung, die sich dar<span class=\"text_exposed_show\">aus ergibt, ist auch nicht zu untersh\u00e4tzen. I need to gain some clarity. Zudem hab ich lust auf labelarbeit (bitte checkt die seite meines lieben labels SPRINGSTOFF, da sind so viele tolle artists, von denen ihr vielleicht noch nichts wisst), denn meine neue leidenshaft hei\u00dft &#8216;i [love] leute empfehlen\u2019.<br \/>\n<\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Vielleicht ist Sookee eine zeitgen\u00f6ssische Kynikerin, die nachdem sie Klartext gerappt hat, weiterzieht. Eine Frage der Haltung &#8230; und <a href=\"http:\/\/rap.genius.com\/Sookee-lernprozess-ii-lyrics\">der Lernprozesse<\/a>. Oder schlussendlich ein Fall von Idolatrie auf meiner Seite&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie mit Missst\u00e4nden &#8211; unbefriedigenden Zust\u00e4nden &#8211; umgehen? Eine praktische Antwort, die mich schon eine Weile fasziniert aber auch herausfordert kommt von der Rapper-K\u00fcnstlerin Sookee. 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Sookee&#8217;s<a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1472\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,13],"tags":[41,120,125,130,139,173,186],"class_list":["post-1472","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienphilosophie","category-politik-2","tag-bildung","tag-lebenskunstler","tag-macht","tag-musik","tag-parrhesia","tag-subversion","tag-umstritten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1472","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1472"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1472\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2183,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1472\/revisions\/2183"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1472"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1472"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1472"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}