{"id":1503,"date":"2015-01-08T01:16:04","date_gmt":"2015-01-08T01:16:04","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1503"},"modified":"2018-11-15T16:35:06","modified_gmt":"2018-11-15T16:35:06","slug":"kein-leeres-blatt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1503","title":{"rendered":"Kein leeres Blatt"},"content":{"rendered":"<p>Vor 2 Wochen wurde ich auf Facebook nominiert. Eine Art virale Kampagne. Die Anleitung lautete in etwa:<\/p>\n<ul>\n<li>Nimm ein leeres Blatt Papier.<\/li>\n<li>Schreibe eines deiner Talente\u00a0auf das Papier.<\/li>\n<li>Poste in Facebook\/Twitter ein\u00a0Selfie, auf dem du mit dem Blatt zu sehen bist.<\/li>\n<li>Nominiere drei Freunde.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Hier bitte, mit einer kleinen Verschiebung:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Verspielte_Ernsthaftigkeit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1504 aligncenter\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Verspielte_Ernsthaftigkeit-300x300.jpg\" alt=\"Verspielte_Ernsthaftigkeit\" width=\"300\" height=\"300\" \/><\/a><em><br \/>\n<\/em><strong>K<\/strong><em>ein leeres Blatt<\/em><br \/>\n<em>ein gerastertes, palimpsestartiges Gebilde<\/em><br \/>\n<em>eine Schicht verblasst<\/em><br \/>\n<em>Neues schreibt sich in das Bestehende ein<\/em><br \/>\nm<em>anchmal von unserem Willen gestaltet<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>I<\/strong><em>m R\u00fccken die B\u00fccher<\/em><br \/>\n<em>so zeige ich euch Text auf einem Tablet<\/em><br \/>\n<em> man photographiert nicht gegen das Licht<\/em><br \/>\n<em> darum bleibt der Bildschirm schwarz<\/em><br \/>\n<em> Eine App modifiziert einige Pixel<\/em><br \/>\n<em> und hinterl\u00e4sst eine Signatur im Bild<\/em><br \/>\n<em> ohne mich zu fragen<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dieser Aktion zeigt man seine Unterst\u00fctzung der Kampagne &#8220;<a href=\"https:\/\/www.jedeskind.org\/blog\/ein-anderes-weihnachten\">Jedes K!nd<\/a>&#8220;, die eine &#8220;Bildungswende&#8221; in \u00d6sterreich fordert. Eine herzerw\u00e4rmende Initiative zu Weihnachten. Was im Verbreiten durch Selfies in den Hintergrund r\u00fcckt ist eine Diskussion der Inhalte oder Forderungen dieser Bewegung.<\/p>\n<p>Mit<em>machen<\/em>? Klar, auf Facebook. Der Hang zur Selbstdarstellung wird f\u00fcr die Werbung eines\u00a0guten Zwecks eingespannt. Ein Fall von <a href=\"http:\/\/www.clicktivist.org\/what-is-clicktivism\/\">Clicktivism<\/a>.<em><br \/>\n<\/em>Mit<em>reden<\/em>? Jein: Teilnehmen an\u00a0einer Umfrage auf der Homepage\u00a0<a href=\"https:\/\/www.jedeskind.org\/node\/39\">im Rahmen eines Formulars<\/a>.<\/p>\n<p>Das sind die Regeln des Mitmachens. Solche Kanaldefinitionen sind nicht ver\u00e4chtlich, sondern Teil einer Initiative, die mit Feedback rechnen muss, um erfolgreich zu sein.<\/p>\n<p>Ich bin Mitglied in einem <a href=\"http:\/\/www.talenteoesterreich.at\">Verein zur F\u00f6rderung von Talenten. <\/a>Da passt das Weiterleiten solcher Kampagnen zum Konzept. Was tun wir bei einer solchen Kampagne? Photographieren, posten und nominieren. Ist das die Zivilgesellschaft im 21. Jahrhundert? Abnicken und Weiterleiten? So eng darf man das nicht sehen: Es gibt noch mehr M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Im Folgenden ein paar gemischte Anmerkungen\u00a0zu Form und Inhalt der Kampagne, sowie einen weiterf\u00fchrenden Gedanken. Ein sch\u00f6nes Thema rund um den Jahreswechsel. Man\u00a0findet das Gestern im Heute und fragt nach dem Morgen.<\/p>\n<p><strong>1. D\u00e9j\u00e0-vu?<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Die folgenden S\u00e4tze finden sich auf der Webpr\u00e4senz von &#8220;Jedes K!nd&#8221;:<\/p>\n<ul>\n<li>Bildung hei\u00dft: Jedes Kind zur Teilhabe in der Gesellschaft erm\u00e4chtigen<\/li>\n<li>Jedes Kind braucht die beste Bildung<\/li>\n<li>Vieles stammt noch aus dem 19. Jahrhundert<\/li>\n<li>Kinder sollen nicht als Spielb\u00e4lle politischer Gruppierungen missbraucht werden<\/li>\n<li>Je fr\u00fcher ein Mensch seine Talente entdeckt, desto fr\u00fcher steigt Selbstwert.<\/li>\n<li>Kein Talent darf verk\u00fcmmern<\/li>\n<li>Kein Kind darf zur\u00fcckgelassen werden (Jedes Kind hat das Recht, mitgenommen zu werden)<\/li>\n<li>\u00d6sterreich braucht jedes Kind<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zutaten: Das Thema Bildung, griffige, kaum abzulehnende\u00a0Slogans (&#8220;Die beste Bildung f\u00fcr jedes Kind&#8221;),\u00a0und Social Media um das Anliegen zu verbreiten.<\/p>\n<p>Habt ihr das schon einmal gesehen? Genau, #unibrennt, 2009. Hier jedoch organisiert\u00a0sich nicht eine Menge von protestierenden\u00a0Studierenden, sondern eine NGO, die am Bestehenden r\u00fctteln will. Sie entstand wohl\u00a02013\u00a0<a href=\"http:\/\/www.alpbach.org\/de\/jedeskind\/\">rund um das Forum Alpbach<\/a> und dem <a href=\"http:\/\/www.alpbach.org\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/ReThink_Austria2014_long.pdf\">&#8220;Re:Think Ideenlabor&#8221;<\/a>. Man findet auch <a href=\"http:\/\/www.alpbach.org\/de\/vortrag\/wozu-arbeiten-wofuer-lernen-welche-gesellschaftlichen-herausforderungen-kommen-auf-uns-zu\/\">Audio-Mitschnitte zum Thema<\/a> von der Journalistin Sibylle Hamann. (Nebenbei erw\u00e4hnt: Unterst\u00fctzt wird die NGO u.a. durch eine Politikberatungsfirma, die 2009 die Moderation zwischen Universit\u00e4tsleitung und #unibrennt Protestierenden bei den <a href=\"http:\/\/unibrennt.jvales.net\/wiki\/index.php\/Arbeitsforen_zum_Hochschuldialog\">Arbeitsforen im Hochschuldialog<\/a> \u00fcbernommen hat und dessen fr\u00fcherer Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer eine neue Partei gegr\u00fcndet hat. Nichts Verwerfliches. Die Welt ist klein).<\/p>\n<p><strong>2. Bildung? Nennt &#8220;das Kind&#8221; beim Namen<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Bildung hei\u00dft: Jedes Kind zur Teilhabe in der Gesellschaft erm\u00e4chtigen&#8221;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist ein wichtiger Punkt. In der Umsetzung gehen die Meinungen stark auseinander. Spr\u00fcche wie &#8220;Kein Talent darf verk\u00fcmmern&#8221; und &#8220;\u00d6sterreich braucht jedes Kind&#8221; sind <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4l-Rw4J3yoE\">im Werbevideo<\/a> stark mit warmen Gef\u00fchlen der F\u00fcrsorge und des Mitgef\u00fchls verkn\u00fcpft, die vielleicht f\u00fcr Familienfilme passen, nicht aber wenn es um die Diskussion von Vorschl\u00e4gen geht, wie der \u00f6sterreichische Staat seinen Bildungsauftrag f\u00fcr Kinder und Jugendliche gestalten soll.<\/p>\n<p>Man kann einen zentralen Gedanken dieser NGO neutraler formulieren: Ein Land\u00a0braucht gute Arbeitskr\u00e4fte und clevere\u00a0B\u00fcrgerinnen. Das passiert heute nicht so stark durch expliziten Drill, sondern durch das Wecken des eigenen Interesses. Man sagt jedem Kind wo es gut ist\u00a0&#8211; und wo es sogar noch besser werden k\u00f6nnte. &#8220;Die St\u00e4rken st\u00e4rken&#8221; hei\u00dft das in der Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung und der Erwachsenenbildung.<\/p>\n<p>Diese Maxime hat ihre Grenzen wenn es um Grundf\u00e4higkeiten geht: Es gibt ein Werkzeug, das man unabh\u00e4ngig von seinen St\u00e4rken und Talenten erlernen sollte, um in einer Gemeinschaft leben zu k\u00f6nnen. Das geh\u00f6rt zum Bildungsauftrag des Staates.<\/p>\n<p><strong>3. Kein Kind zur\u00fccklassen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/mut.neos.eu\/opposite-the-editorial-oesterreich-braucht-jedes-kind\/\">Eine der wenigen inhaltlichen Kommentare<\/a> die ich rund um die Initiative gefunden habe kommt von der Journalistin und Mitbegr\u00fcnderin Sibylle Hamann, die in einem Magazin der NEOS die NGO wie folgt beschreibt:<\/p>\n<blockquote><p>Wir wollen:\u00a0Eine Schule, die Kinder nicht nach ihren Defiziten beurteilt und auseinandersortiert, sondern ihre Talente individuell f\u00f6rdert. Eine Schule, die wertsch\u00e4tzt und ermutigt und befl\u00fcgelt. Eine Schule, die kein Kind zur\u00fcckl\u00e4sst, ehe es nicht erfahren hat, was es kann, was es will und was es mit seinem Leben anfangen soll.<\/p>\n<p>\u00bbLeave No Child Behind\u00ab, sagte einst der konservative US-Pr\u00e4sident George W. Bush dazu. Eine solidarische Schule ist n\u00e4mlich kein Gutmenschen-Projekt. Es ist eine \u00f6konomische Notwendigkeit. Ein Land, das im Wettbewerb bestehen will, muss all seine Ressourcen nutzen. \u00d6sterreichs Wirtschaft braucht die Talente aller seiner Kinder. Auch jener Kinder, die das Pech haben, bei bildungsfernen, desinteressierten, \u00fcberforderten oder schwachen Eltern aufzuwachsen.<\/p>\n<p>\u00bbJedem Kind die Fl\u00fcgel heben\u00ab war einer der ersten PR-S\u00e4tze von Matthias Strolz. Die Forderung nach Autonomie f\u00fcr die Schulen war eine der ersten Forderungen der NEOS. Autonomie ist gut\u00a0\u2013 aber sie ist nur die H\u00e4lfte der Geschichte. Autonomie allein w\u00fcrde alle aktuellen Probleme unseres Schulsystems noch versch\u00e4rfen, deren wichtigstes die soziale Undurchl\u00e4ssigkeit ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich habe an den Schulen &#8211; und Hochschulen &#8211; in \u00d6sterreich und in der Schweiz vieles gelernt. Eines ist, dass Bildung nicht etwas ist, was man bekommt, sondern ein thrive, den man selbst verfolgt, obwohl man nicht genau wei\u00df, wohin das f\u00fchrt. Nagut, man braucht ein Umfeld: In einem gemeinsamen Zusammenhang, in einer Organisation, in einem Projekt oder in einem heterogenem Zusammenhang wie in einer Klasse, wo nicht alle das gleiche Ziel verfolgen. Jedoch:\u00a0Der thrive ist nicht deckungsgleich mit den Erwartungen, den die Gruppe oder Institution an jemanden anlegen, damit man dazugeh\u00f6rt. &#8220;Kein Kind zur\u00fccklassen&#8221; ist eine andere Formulierung des Dazugeh\u00f6rens.<\/p>\n<p><strong>4. Ignoranz als Antrieb?<\/strong><\/p>\n<p>Wie wenig hat\u00a0mich das interessiert, dass \u00d6sterreich gute Arbeitskr\u00e4fte braucht, als man mir in der HTL das Feilen, das Drehen, das L\u00f6ten und das Ohm&#8217;sche Gesetz beigebracht hat? Man tut es um durchzukommen und zu Hause h\u00e4ngt man im IRC ab, spielt Ego Shooters oder liest Stanislaw Lem. Zumindest f\u00fcr eine Weile.<\/p>\n<p>Es war nachtr\u00e4glich betrachtet ein positiver Aspekt, dass\u00a0die Schulen sich um manche Bereiche \/ Talente nicht systematisch gek\u00fcmmert haben. Zwischen den F\u00e4higkeiten des Lesens, Schreibens, Rechnens und Bauens die man in der Schule lernt, und der Tatsache, dass das Lebensziel undeutlich und unterbestimmt ist, entsteht ein Gap, der erkundet werden kann (nicht muss). Man kann sich etwa\u00a0mit Dingen befassen, die von den Autorit\u00e4ten einer Schule weder beurteilt werden noch f\u00fcr sie sonderlich interessant sind, obwohl man dadurch einige der in der Schule gelernten F\u00e4higkeiten anwendet.<\/p>\n<p>Kann die Schule lehren, was ich mit meinem Leben anfangen soll? Nein, nicht als Institution. Das verstehe ich auch nicht als\u00a0Ziel des staatlichen Bildungsauftrags. Man kann das nicht von Systemen verlangen. Vielleicht helfen manche Personen, die man innerhalb der Institution trifft, Schulkolleginnen, Lehrer usw. Schule ist nicht die f\u00fcrsorgliche Instanz, die jede Sch\u00fclerin wertsch\u00e4tzen, ermutigen oder &#8220;befl\u00fcgeln&#8221; soll. Wenn, dann sind Personen, nicht Institutionen, die Akteure dieser T\u00e4tigkeiten. Eine Institut kann solche M\u00f6glichkeiten zwar f\u00f6rdern, doch wie?<\/p>\n<p>Wenn man Strukturen verlangt, die, wie von der NGO gefordert, &#8220;radikal individualisieren&#8221;, geht es dann um die engmaschige Kategorisierung von Menschen um sie recht schnell auf die Bahnen einer beruflichen Laufbahn zu bringen? Interessenslagen k\u00f6nnen wechseln. Ja, man kann sich nicht alles f\u00fcr immer offenhalten. Doch allzu schnelle Festnageln auf vermeintliche St\u00e4rken k\u00f6nnte die Chance nehmen, in der Jugendzeit zu experimentieren.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es m\u00f6glich, in der Schule Grundf\u00e4higkeiten zu lernen, die einem eigene Interessen verfolgen lassen, im Verh\u00e4ltnis zu Erwartungen und Bed\u00fcrfnissen von anderen Menschen. Klingt recht hoch gestochen, f\u00fcr technische oder andere berufsbildende Schulen.<\/p>\n<p><strong>5. Schule und Talentf\u00f6rderung<\/strong><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte nicht Schule mit Talentf\u00f6rderung gleichsetzen. Ein Talent ist das, was sich durchsetzt, trotz individuellem oder kollektivem F\u00f6rderunterricht, trotz der kleinteiligen Alignierungsversuchen eines noch so wohl intendierten Schulsystems. Ein Talent ist, was man als Antwort auf und parallel zu den Strukturen einer\u00a0Disziplinierungsanstalt beh\u00e4lt und weiterentwickelt.<\/p>\n<p><strong>6. Den Staat verklagen auf Einhaltung der Bildungspflicht<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.alpbach.org\/de\/vortrag\/wozu-arbeiten-wofuer-lernen-welche-gesellschaftlichen-herausforderungen-kommen-auf-uns-zu\/\">Im Vortrag im Forum Alpbach im November 2014<\/a> stellt Frau Hamann eine m\u00f6gliche Aktion der NGO in den Raum:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Es gibt eine Bildungspflicht. Und es gibt einen staatlichen Auftrag, jedem Kind etwas beizubringen. Der Staat hat einen Bildungsauftrag. Wir pr\u00fcfen gerade M\u00f6glichkeiten, ob man dieses staatliche Versprechen einklagen kann. Ein Kind das sich bem\u00fcht, dennoch es in der Pflichtschule nicht schafft, die notwendigen Kompetenzen f\u00fcr sein weiteres Leben zu erwerben, hat die Schule verlassen, ohne ausreichend gelernt zu haben. Kann man den Staat auf Einhaltung dieses Versprechens verklagen?&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Entschuldigung? Die Bildungspflicht ist eine Selbstverpflichtung, etwa: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2014\/46\/marshmallow-test-erfolg-geduld-selbstdisziplin\">diszipliniert sein <strong>und<\/strong> seinen Leidenschaften folgen<\/a>. Der Staat bietet im Rahmen der Schulpflicht die Vermittlung von F\u00e4higkeiten an, die unmittelbar und im weitesten Sinne von gesellschaftlichem Nutzen sind. In welcher Form bietet er es an? Ist das zeigem\u00e4\u00df? Das ist eine Frage der Argumente und der Auseinandersetzungen, d.h. politisch und fachlich beeinflusst.<\/p>\n<p><strong>7. Die leere Seite. Ein Nebenschauplatz.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Zum Schluss noch eine weiterf\u00fchrende \u00dcberlegung zur Social Media Kampagne: Die zu Beginn erw\u00e4hnten Aufforderungen (wie z.B.: &#8220;Nimm ein leeres Blatt Papier&#8221;), gehen von zwei Dingen aus: Einem wei\u00dfen Blatt und dem Gestaltungswillen einer Person, recht klassische Mittel des Ausdrucks und der Selbstdarstellung. Der franz\u00f6sische Forscher Michel de Certeau, dessen Buch &#8220;Kunst des Handelns&#8221; <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1497\">im letzten Artikel<\/a> erw\u00e4hnt wurde, hat hierzu geschrieben:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Zun\u00e4chst die leere Seite: ein &#8220;eigener&#8221; Raum grenzt einen Produktionsort f\u00fcr das Subjekt ein. Dabei handelt es sich um einen Ort, der von den Zweideutigkeiten der Welt befreit ist. Er erm\u00f6glicht die Zur\u00fcckgezogenheit und die Distanz eines Subjekts gegen\u00fcber einem Aktivit\u00e4tsbereich. Er steht f\u00fcr eine partielle, aber \u00fcberschaubare Handlung bereit. Eine Trennung durchzog\u00a0den traditionellen Kosmos, in dem das Subjekt noch von den Stimmen der Welt abhing. Eine autonome Oberfl\u00e4che wird unter das Auge des Subjekts geschoben, das sich somit ein Feld f\u00fcr sein eigenes Tun verschafft. Also die cartesianische Geste eines Einschnitts, der mit dem Ort der Schrift die Herrschaft (und Isolation) eines Subjektes gegen\u00fcber einem Objekt erzeugt.<\/p>\n<p><span style=\"color: maroon;\">Jedes Kind<\/span> wird vor seinem wei\u00dfen Blatt bereits in die Position des Industriellen, des St\u00e4dtebauers oder des cartesianischen Philosophen versetzt &#8211; in die Position, den eigenen und abgetrennten Raum organisieren zu m\u00fcssen, in dem ein eigenes Wollen ins Werk gesetzt werden soll.&#8221;<br \/>\n(Michel de Certeau:\u00a0<i>Kunst des Handelns<\/i>,\u00a0Merve Verlag, Berlin 1988, S. 246)<\/p><\/blockquote>\n<p>Mittlerweile gibt es kooperative R\u00e4ume, die nicht mehr voraussetzen, dass man in einer totalen Distanz und Autonomie einem passiven Raum gegen\u00fcbersteht. Die Fiktion des &#8220;eigenen&#8221;, leeren Raumes l\u00e4sst sich dort, wo Leute gemeinsam Wissen organisieren, nur noch in Randbereichen halten. Im Internet verblassen die\u00a0Produktionen, werden \u00fcberschrieben, m\u00fcssen verteidigt werden. Die Personen,\u00a0die an diesen Oberfl\u00e4chen\u00a0arbeiten, m\u00fcssen ihre Schlusspunkte selbst setzen. F\u00e4higkeiten der Navigation werden wichtiger: sich in einem komplexen Netz an Informationen zurechtzufinden, in dem man vielleicht nicht ALLES ganz genau wissen und kontrollieren kann, sondern wei\u00df, an welchen Stellen man im konkreten Fall genauer nachsehen muss, was man &#8211; f\u00fcrs Erste &#8211; unanalysiert l\u00e4sst, welche Quellen man als vertrauensw\u00fcrdig ansehen kann, und vieles mehr. Sich einbringen k\u00f6nnen, in solchen R\u00e4umen, nicht nur Spielball zu sein f\u00fcr Expertinnen von Technologie-Konzernen oder von Community Managern oder <a href=\"http:\/\/m.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/pegida-ueber-den-umgang-mit-einem-phaenomen-13331379.html\">Pegida-Wortf\u00fchrern<\/a>, wird wichtig f\u00fcr den Bildungsauftrag im 21. Jahrhundert sein.<\/p>\n<p><strong><br \/>\n<\/strong>Das kann hei\u00dfen, selbst Expertin werden. Und\/Oder: Philosophin:<\/p>\n<blockquote><p>[D]er Experte und der Philosoph: Beide haben eine Vermittlungsaufgabe zwischen Wissen und Gesellschaft: ersterer, indem er seine speziellen F\u00e4higkeiten in den weiten und komplexen Bereich gesellschaftspolitischer Entscheidungen einbringt, und letzterer, indem er gegen\u00fcber den einzelnen Techniken (Mathematik, Logik, Psychiatrie, Geschichte, etc.) auf der Relevanz von allgemeinen Fragestellungen beharrt. Beim Experten setzt sich Kompetenz in gesellschaftliche Autorit\u00e4t um; beim Philosophen werden banale Fragen zu einem Prinzip des Verdachts gegen\u00fcber einem technischen Bereich. [&#8230; Ein] zwiesp\u00e4ltiges Verh\u00e4ltnis (mal Faszination, mal Ablehnung) des Philosophen zum Experten [&#8230;]<br \/>\n(Michel de Certeau:\u00a0<i>Kunst des Handelns<\/i>,\u00a0Merve Verlag, Berlin 1988, S. 44)<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dieser Aktion zeigt man seine Unterst\u00fctzung der Kampagne &#8220;Jedes K!nd&#8221;, die eine &#8220;Bildungswende&#8221; in \u00d6sterreich fordert. Eine herzerw\u00e4rmende Initiative zu Weihnachten. Was im Verbreiten durch Selfies in den Hintergrund r\u00fcckt ist eine Diskussion der Inhalte oder Forderungen dieser Bewegung.<\/p>\n<p>Im Folgenden ein paar gemischte Anmerkungen zu Form und Inhalt der Kampagne, sowie einen weiterf\u00fchrenden Gedanken. Ein sch\u00f6nes Thema rund um den Jahreswechsel. Man findet das Gestern im Heute und fragt nach dem Morgen.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,13],"tags":[39,41,77,142,169,200],"class_list":["post-1503","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienphilosophie","category-politik-2","tag-beziehung","tag-bildung","tag-expertin","tag-politik","tag-stil","tag-werbung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1503","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1503"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1503\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2178,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1503\/revisions\/2178"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1503"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1503"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1503"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}