{"id":1506,"date":"2015-02-01T13:07:17","date_gmt":"2015-02-01T13:07:17","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1506"},"modified":"2018-11-15T16:34:26","modified_gmt":"2018-11-15T16:34:26","slug":"bildung-dekomposition-und-kick-off","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1506","title":{"rendered":"Bildung: Dekomposition und Symphoniekonzert"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\">\n<a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/IMG_0490.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1507\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/IMG_0490-280x300.jpg\" alt=\"IMG_0490\" width=\"380\" height=\"410\" \/><\/a>\n<\/p>\n<p><\/p>\n<p>Andreas Kirchner hat sich auf meine Bemerkungen zur kritischen Analyse als Aufgabe der Philosophie bezogen und ihnen als Alternative die Entwicklung von Spielr\u00e4umen gegen\u00fcbergestellt:<\/p>\n<p>&#8220;<a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1486#more-1486\">Eine Aufgabe der Philosophie ist Begriffskl\u00e4rung<\/a>. Eine andere ist Erfindung \u2013 das Erkunden von Wegen und das Aufzeigen von Optionen.&#8221; <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1497\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte das Verh\u00e4ltnis der beiden Aufgaben anhand von \u00dcberlegungen nachzeichnen, die mich im vergangenen Semester besch\u00e4ftigten, ausgehend nochmals vom Begriff <em>Bildung<\/em>. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Meine bisherige Kritik lief darauf hinaus, dass es sich um einen Hilfsbegriff f\u00fcr gesellschaftliche Aufsteiger handle, eine &#8220;<a href=\"http:\/\/philo.at\/wiki\/index.php\/Gewinnstrategien_im_Kulturkampf_(bpb)\">Gewinnstrategie im Kulturkampf<\/a>&#8220;. Die Lekt\u00fcre von F. Schillers einflussreichen Briefen \u00fcber die \u00e4sthetische Erziehung des Menschen bringt eine andere Perspektive. Schiller promulgiert eine Koproduktion zwischen Natur und Kultur. Sie ist zu sch\u00f6n, um wahr zu sein:<\/p>\n<blockquote><p>So holt er (sc. der Mensch), auf eine k\u00fcnstliche Weise, in seiner Vollj\u00e4hrigkeit seine Kindheit nach, bildet sich einen Naturstand in der Idee, der ihm zwar durch keine Erfahrung gegeben, aber durch seine Vernunftbestimmung nothwendig gesetzt ist, leiht sich in diesem idealischen Stand einen Endzweck, den er in seinem wirklichen Naturstand nicht kannte &#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist unm\u00f6glich, angesichts dieser Schw\u00e4rmerei nicht mit Nachdruck darauf aufmerksam zu machen, dass in dieser Konstruktion einer vorgeblich neutralen Ausgangssituation ein Idealbild aufgepfropft wird, das eine vorgeblich naturale Weiterentwicklung des &#8220;Menschengeschlechtes&#8221; induziert. Ich habe es zur\u00fcckhaltend, aber mit kritischem Beiklang, so paraphrasiert:   <\/p>\n<blockquote><p>Ein Vorentwurf der Natur wird vom Menschen, der seiner Freiheit gewahr wird, als erster Schritt zu einem vern\u00fcnftigen Endzweck angeeignet. Ein Kreis schlie\u00dft sich. Der Naturverlauf zielt, \u00fcber die Schaltstelle &#8220;Freiheit&#8221;, zur &#8220;hellen Einsicht&#8221;. <a href=\"http:\/\/philo.at\/wiki\/index.php\/Schiller_zum_Spieltrieb_(BD14)\">[2]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Die pr\u00e4stabilisierte Harmonie zwischen den empirischen Voraussetzungen und den idealisierenden Zweckbestimmungen <em>muss man<\/em> auseinandernehmen. Gleichzeitig bin ich allerdings, in zwei ganz anderen Feldern, auf Denkfiguren gesto\u00dfen, die ungeniert nach diesem Muster vorgehen und denen gegen\u00fcber ich &#8211; anders als beim Bildungsthema &#8211; eine gewisse Sympathie entgegenbringe. Die Bereiche sind ziemlich divergent: eine katholische Bekenntnisschrift (Francois Mauriac) und eine atheistische Meta-Philosophie (Alain Badiou). Mauriac \u00fcberh\u00f6ht das Nat\u00fcrliche durch eine vorweg wirksame Entscheidung f\u00fcr die \u00dcbernatur:<\/p>\n<blockquote><p>Schon als ganz junger Mann habe ich mir alle Einw\u00e4nde aufgez\u00e4hlt, zu denen der Glaube an das \u00dcbernat\u00fcrliche einen durchschnittlichen Gebildeten herausfordert &#8230; Aber ich gestehe, da\u00df ich an diese Einw\u00e4nde immer mit einer gewissen Voreingenommenheit heranging: mit dem Wunsch, sie zu widerlegen. Meine Wahl war von vorneherein getroffen &#8211; weniger die Wahl einer bestimmten Religion, einer bestimmten Kirche, als die Wahl Eines, mit dem ich dank dieser Kirche und dank dieser Religion in Verbindung trete. (Francois Mauriac: Was ich glaube. M\u00fcnchen 1963. S.12f)<\/p><\/blockquote>\n<p>Noch vor Kurzem habe ich die beschriebene Unwilligkeit, sich auf Zweifel wirklich einzulassen, als Ausrede und Diskussionsverweigerung betrachtet. Aber die Ehrlichkeit Mauriacs hat etwas f\u00fcr sich. Man wird nicht &#8220;objektiver&#8221;, wenn man die Antriebe wegl\u00e4sst, die das eigene Leben mitgestalten. Und \u00e4hnlich kleinkariert klingt der Einwand gegen &#8220;\u00fcberspannte&#8221; Theoretiker (Nietzsche, Wittgenstein, Lacan), ihre &#8220;Siegesgewissheit&#8221; w\u00e4re Gr\u00f6\u00dfenwahn. Alain Badiou macht mehr daraus: <\/p>\n<blockquote><p>La certitude anticip\u00e9e de la victoire &#8211; ce sera mon point de d\u00e9part &#8211; est une dimension subjective absolument r\u00e9currente dans l&#8217;antiphilosophie, et qui se d\u00e9marque de la temporalit\u00e9 propre \u00e0 la subjectivit\u00e9 philosophique dont le discours est toujours \u00e0 la fois intemporel et adress\u00e9 au pr\u00e9sent. &#8220;Un jour ma philosophie vaincra&#8221;, d\u00e9clare Nietzsche dans Ecce homo; et Wittgenstein, dans la pr\u00e9face au Tractatus, affirme : &#8220;La v\u00e9rit\u00e9 des pens\u00e9es communiqu\u00e9es ici me para\u00eet intangible et d\u00e9finitive&#8221;; Lacan enfin : &#8220;Ce n&#8217;est pas moi qui vaincrai, c&#8217;est le discours que je sers&#8221; (L&#8217;Etourdit). Ces d\u00e9clarations, \u00e0 premi\u00e8re vue pr\u00e9somptueuses, sont au contraire selon moi les t\u00e9moins de la fonci\u00e8re probit\u00e9 du sujet qui les \u00e9nonce. <a href=\"http:\/\/www.entretemps.asso.fr\/Badiou\/94-95.Lacan.htm\">[3]<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Vorwegnahme des Erfolgs ist danach ein Unterpfand der &#8220;elementaren Rechtschaffenheit&#8221; der Sprecher. Badiou ist provokant. Heilsgewissheit und Siegesgewissheit klingen chauvinistisch, dagegen ist das Bildungsideal geradezu harmlos. Andererseits sind diese beiden Gewissheiten sympathisch unversch\u00e4mt, stellenweise attraktiv. Ist es vertretbar, in diese Richtung zu denken? Jedenfalls nur, wenn man die kritische Analyse absolviert, die der Bildungsbegriff erfordert. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas Kirchner hat sich auf meine Bemerkungen zur kritischen Analyse als Aufgabe der Philosophie bezogen und ihnen als Alternative die Entwicklung von Spielr\u00e4umen gegen\u00fcbergestellt: &#8220;Eine Aufgabe der Philosophie ist Begriffskl\u00e4rung. 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