{"id":1531,"date":"2015-04-28T12:32:28","date_gmt":"2015-04-28T12:32:28","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1531"},"modified":"2018-11-15T16:32:34","modified_gmt":"2018-11-15T16:32:34","slug":"israeliticam-dignitatem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1531","title":{"rendered":"israeliticam dignitatem"},"content":{"rendered":"<p align=\"center\"><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/st.gallen-sakramentar.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1532\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/st.gallen-sakramentar-191x300.png\" alt=\"st.gallen-sakramentar\" width=\"191\" height=\"300\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/st.gallen-sakramentar2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1533\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/st.gallen-sakramentar2-205x300.png\" alt=\"st.gallen-sakramentar2\" width=\"205\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p>Lessings Ringparabel hat Saison. Sie passt gut in das Profil der Veranstaltungen zur 650-Jahr-Feier der Universit\u00e4t Wien[1.<a href=\"http:\/\/medienportal.univie.ac.at\/uniview\/veranstaltungen\/detailansicht\/artikel\/lessings-ringparabel-und-die-verstaendigung-zwischen-den-religionen\/\">Lessings Ringparabel und die Verst\u00e4ndigung zwischen den Religionen<\/a>]. Sie markiert den Kontrast zum m\u00f6rderischen Religionskrieg im mittleren Osten und gibt Gelegenheit, die eigene Toleranz zu feiern. Man sollte sich dabei vor Augen halten, dass der Effekt des Lehrgedichts auf Voraussetzungen beruht, die selbst nicht fraglos gelten[2.<a href=\"http:\/\/philo.at\/wiki\/index.php\/Ann%C3%A4herungen_%28T%29\">Ann\u00e4herungen an Toleranz<\/a>]. Lessing l\u00e4sst jedoch keinen Zweifel dar\u00fcber aufkommen, worin die Pointe besteht.<\/p>\n<blockquote><p>Alle positiven und geoffenbarten Religionen sind folglich gleich wahr und gleich falsch.[3.<a href=\"http:\/\/philo.at\/wiki\/index.php\/Lessing_%C3%BCber_geoffenbarte_Religion\">Lessing \u00fcber geofffenbarte Religion<\/a>]<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Intellektuelle verbirgt sich hinter einem sphinxischen L\u00e4cheln. Das ist mir zu einfach. <em>Noch einfacher<\/em> w\u00e4re akzeptabel, wenn er die die ganze Frage f\u00fcr unsinnig erkl\u00e4ren w\u00fcrde. Aber das ambivalente Spiel mit Wahrheit und Falschheit ist eine Rafinesse f\u00fcr Connaisseurs. Unter Umst\u00e4nden muss Wahrheit auch Ansto\u00df erregen. Ein Anschauungsbeispiel folgt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die katholische Osternachtsliturgie erinnert in einer Lesung aus dem Buch Exodus[4.<a href=\"&lt;http:\/\/www.uibk.ac.at\/theol\/leseraum\/bibel\/ex14.html#14\">Ex 14, 15ff<\/a>] an den Auszug des j\u00fcdischen Volkes aus \u00c4gypten, durch das wunderbar ge\u00f6ffnete Rote Meer. Ein Zwischengebet schlie\u00dft daran an[5.Die exemplarisch wortgetreue \u00dcbersetzung stammt von <a href=\"http:\/\/commonweb.unifr.ch\/artsdean\/pub\/gestens\/f\/as\/files\/3650\/22683_114240.pdf\">A. Zerfa\u00df<\/a>]:<\/p>\n<blockquote><p>Gott,\u00a0dessen\u00a0uralte\u00a0Wundertaten\u00a0wir\u00a0auch\u00a0in\u00a0unserer\u00a0Zeit\u00a0aufblitzen\u00a0sehen,<\/p>\n<p>da\u00a0du\u00a0das,\u00a0was\u00a0du\u00a0einem\u00a0Volk\u00a0durch\u00a0die\u00a0Macht\u00a0deiner\u00a0Rechten\u00a0zuteilwerden\u00a0lie\u00dfest,<br \/>\num\u00a0es\u00a0von\u00a0der\u00a0Verfolgung\u00a0durch\u00a0den\u00a0Pharao\u00a0zu\u00a0befreien,\u00a0zum\u00a0Heil\u00a0der\u00a0V\u00f6lker\u00a0durch<br \/>\ndas\u00a0Wasser\u00a0der\u00a0Wiedergeburt\u00a0wirkst,<br \/>\ngib,<\/p>\n<p>dass\u00a0die\u00a0F\u00fclle\u00a0der\u00a0ganzen\u00a0Welt\u00a0zu\u00a0S\u00f6hnen\u00a0Abrahams\u00a0und\u00a0zur\u00a0W\u00fcrde\u00a0Israels\u00a0\u00fcbergehe.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine erstaunliche Bitte. Das &#8220;Wasser der Wiedergeburt&#8221; (die Taufe) kennzeichnet Christinnen und diese m\u00f6gen, zusammen mit aller Welt, die Bedeutung Israels erlangen. Eine ziemliche Zumutung:<\/p>\n<blockquote><p><strong>ut\u00a0in\u00a0Abrahae\u00a0filios\u00a0et\u00a0in\u00a0Israeliticam\u00a0dignitatem\u00a0totius\u00a0mundi\u00a0transeat\u00a0plenitudo<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Provokant ist die Textstelle in beide Richtungen. Einerseits verbitten sich Juden[6.<a href=\"http:\/\/www.rivtsion.org\/f\/index.php?sujet_id=1395\"> Menahem Macina: L&#8217;attribution de l&#8217;\u00abisraelitica dignitas\u00bb aux chr\u00e9tiens est-elle un concept substitutionniste?<\/a>]<br \/>\nangesichts des endemischen christlichen Antisemitismus die Kooptierung ihres Glaubensinhaltes. Andererseits klingt der Satz auch f\u00fcr durchschnittliche Katholiken skandal\u00f6s. Greifbare Belege f\u00fcr den Widerstand gegen diese mindestens seit dem 7.Jahrhundert in der Liturgie gebr\u00e4uchliche Formel finden sich in den lokalen \u00dcbersetzungen des lateinischen Missales, die sich um den Ansto\u00df (heute kann man sagen) herumschwindeln. Eine \u00e4ltere deutsche Version ersetzt die lateinische Vorgabe durch eine abmildernde Exegese:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/israeliticam1a.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"  wp-image-1535 aligncenter\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/israeliticam1a.png\" alt=\"israeliticam1a\" width=\"630\" height=\"310\" \/><\/a><\/p>\n<p>Eine italienische Fassung spricht von <em>der Rolle<\/em>, welche die S\u00f6hne Abrahams zu spielen hatten, schlie\u00dflich findet sich aber auch eine franz\u00f6sische Version, welche die <em>dignitas Israelitica<\/em> sogar zu &#8220;de la grandeur et des avantages du peuple d&#8217;Israel&#8221; verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/israeliticam3a.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-1536\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/israeliticam3a.png\" alt=\"israeliticam3a\" width=\"557\" height=\"298\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/israeliticam4a.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-1537\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/israeliticam4a.png\" alt=\"israeliticam4a\" width=\"546\" height=\"185\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die F\u00fcrbitte im globalisierenden Lateinisch skizziert eine gewagte Querverbindung zwischen einer Stammesreligion, einer Gegenstr\u00f6mung, die sich von ihr lossagt und Aussichten f\u00fcr alle. Wie schon gesagt, man kann sich derartige Recherchen sparen, wenn man das Thema der Erl\u00f6sung der Menschheit durch g\u00f6ttlichen Einfluss fallen l\u00e4sst. Das f\u00fchrt zur Frage, warum sich jemand ernsthaft, auch ohne Glaubens\u00fcberzeugung, damit befassen sollte.<\/p>\n<p>Eine unverf\u00e4ngliche Antwort kann auf die Faszination der Arbeit mit Texten hinweisen. Wenn es, wie Andreas Kirchner <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1520\">hier vor Kurzem demonstriert hat<\/a>, der Informatik gestattet ist, in ihren Quelltexten Strategien zum Umgang mit dem Unendlichen zu verfolgen, und wenn die in schriftlicher Tradition \u00fcberlieferten Best\u00e4nde nicht weniger interessant sind, als die unergr\u00fcndlichen big data Depots, kann man es sich herausnehmen, auch atheistisch im Fundus der westlichen Tradition nach \u00dcberraschungen zu suchen. Aber ist das nicht doch eine apologetische Ablenkung angesichts der \u00dcbel, welche die Religionen auf die Welt gebracht haben?<\/p>\n<p>Von Lessing ist die Distanz zur Glaubensverk\u00fcndigung der verschiedenen Kirchen zu \u00fcbernehmen. Im ersten Durchgang geht f\u00fcr einen s\u00e4kularen Betrachter gar nichts. An dieser Stelle kann man sagen: &#8220;Dann eben nicht. Ende der Durchsage.&#8221; Oder die Sache wird mehrdimensional. Jahrhunderte barbarischer Kreuzz\u00fcge und Hoffnungstr\u00e4gerinnen hoher Integrit\u00e4t kommen ins Spiel. Lessing bietet, welcher Intellektuellen w\u00e4re das nicht vertraut, einen Schleiertanz. Eine Alternative f\u00fcr Geisteswissenschaftlerinnen besteht darin, nicht den Glaubensgegenstand, aber immerhin im Glauben festgehaltene Zusammenh\u00e4nge in historisch-systematischer Verantwortung festzuhalten.<\/p>\n<p>Darin liegt Hochmut und Bescheidenheit. Im Licht der soeben angef\u00fchrten Faktoide bietet die aktuelle Gebetsversion der &#8220;Oratio&#8221; aus der Karwochenliturgie[7.<href =\"http:\/\/www.erzabtei-beuron.de\/schott\/register\/osterzeit\/schott_anz\/index.html?file=osterzeit%2Fostersonntag%2FNacht_2B.htm\">Schott: Wortgottesdienst zum Karsamstag, Lesejahr 2] weichgesp\u00fcltes Wohlsein. Angesichts der 1500 Jahre, in denen die Formel weitergereicht wurde, empfiehlt sich Zur\u00fcckhaltung, auch seitens der Parteig\u00e4nger Lessings.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/schott.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1538\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/schott.png\" alt=\"schott\" width=\"562\" height=\"740\" \/><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"center\">\n<\/href>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lessings Ringparabel hat Saison. 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