{"id":1564,"date":"2015-06-10T10:14:18","date_gmt":"2015-06-10T10:14:18","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1564"},"modified":"2018-11-15T16:31:12","modified_gmt":"2018-11-15T16:31:12","slug":"heimat-hafen-und-holle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1564","title":{"rendered":"Heimat: Hafen und H\u00f6lle"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_0499.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1565\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_0499.jpg\" alt=\"IMG_0499\" width=\"600\" height=\"451\" \/><\/a><\/p>\n<p>Andreas Kirchner schreibt <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1555\">im vorigen Blogeintrag<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Daraus kann ich mein Verst\u00e4ndnis von Heimat gewinnen: Das, was einem erm\u00f6glicht, etwas Neues auszuprobieren. Ein Ort, von dem aus man aufbrechen und aus dem man immer weitere M\u00f6glichkeiten erhalten kann. Genauso wie meine Identit\u00e4t ist dieser Ort nicht eindeutig, er ist entzogen, zeigt sich fragmentarisch.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich m\u00f6chte das an einer kurzen Episode testen, die sich unl\u00e4ngst in einer Tabaktrafik zugetragen hat. Es geht dabei nicht direkt um Heimat, wohl aber um die Herstellung von Identit\u00e4t und Fragmentierung an einem Ort der M\u00f6glichkeit und Flucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nDas Gesch\u00e4ft betrete ich nur im Notfall, denn seinen Besitzer verd\u00e4chtige ich der Sympathie mit der FP\u00d6. Ein aggressiv-ressentimentaler Wiener. Nur wenn mein bevorzugter \u00e4gyptischer Laden sonntags die &#8220;Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung&#8221; (die beste Wochenzeitung, die ich kenne) nicht mehr hat, versuche ich es am Montag in diesem Laden. Diesmal bedient mich, zu meiner \u00dcberraschung, eine Frau, freundlich und etwas unbeholfen. Ich \u00fcberlege, wie sie wohl zum Prolo steht und denke, dass sie zu jenen Partnerinnen geh\u00f6rt, die in einer giftigen Atmosph\u00e4re einen Teil ihrer Unbescholtenheit bewahren.<\/p>\n<p>Sie hantiert an der Kassa und sagt &#8220;Geht das so? Du sagst ja immer &#8230;&#8221; und er murmelt &#8220;Ja, geht eh so.&#8221; Sie steht mir frontal gegen\u00fcber, er sieht sie von der Seite an. W\u00e4hrend er spricht &#8220;wirft mir die Frau einen Blick zu&#8221;. Das ist die zugeh\u00f6rige Redewendung, aber sie passt nicht recht. Es ist ein instinktiver visueller Seufzer, der ungefiltert auf mich trifft. Er sagt: &#8220;Es ist ein Jammer, aber Du verstehst es ja&#8221;. Wirklich in einem Sekundenbruchteil. Als fremde Person in diesem Dreieck werde ich zum Mitwisser und Zeugen einer Unp\u00e4sslichkeit. Sie ist sofort vorbei und diskursiv nicht einl\u00f6sbar, doch die Interaktion liegt vor jedem Zweifel.<\/p>\n<p>Das hat etwas von Heimat. Vor der Kassa der Trafik bin ich Teil einer Verst\u00e4ndigung von Personen, die mich so nehmen, wie ich bin und die ich nicht in Frage stelle. F\u00fcr einen Moment teilen wir die Urszene der Familie, die Mutter ist auf den Kind\/Kunden ausgerichtet, w\u00e4hrend der Vater Autorit\u00e4t sehen l\u00e4sst. Der Blick erzeugt ein irrevozibles Einverst\u00e4ndnis unter Bedingungen des Patriarchats. Er ist ein Geschenk &#8212; eines das man fliehen muss.<\/p>\n<p>Die Frage lautet: (Wie) Kann man aus diesem Blick, einem unhinterfragbarem Vertrauensbeweis, &#8220;immer weitere M\u00f6glichkeiten erhalten&#8221;?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas Kirchner schreibt im vorigen Blogeintrag: Daraus kann ich mein Verst\u00e4ndnis von Heimat gewinnen: Das, was einem erm\u00f6glicht, etwas Neues auszuprobieren. 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