{"id":1567,"date":"2015-06-29T00:55:20","date_gmt":"2015-06-29T00:55:20","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1567"},"modified":"2020-07-23T13:50:12","modified_gmt":"2020-07-23T13:50:12","slug":"heimat-und-vergangenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1567","title":{"rendered":"Heimat und Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec war als Kunde <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1564\">Teil einer paradigmatischen Szene in einer Trafi<\/a>k. Darin wirft die Verk\u00e4uferin ihm, unter den Augen des strengen Inhabers, einen Blick zu, der den Kunden auf seine Seite ziehen will. Der Blick wird zum Symbol f\u00fcr einen Aspekt von Heimat. Eine Frage wird aufgeworfen:<\/p>\n<blockquote><p>(Wie) Kann man aus diesem Blick, einem unhinterfragbarem Vertrauensbeweis, \u201cimmer weitere M\u00f6glichkeiten erhalten\u201d?<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Frage macht einen Aspekt sichtbar, der <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1555\">in meinem letzten Blog-Beitra<\/a>g \u00fcber Heimat und Fremdheit ausgeblendet wurde. Heimat erm\u00f6glicht nicht nur die Erkundung von Neuem durch die Tatsache, dass man irgendwo angefangen hat. Konstellationen in der Heimat stellen einen vor die Wahl, eine begrenzende Wahl: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=GqH21LEmfbQ\">Weggehen oder bleiben<\/a>. Doch diese Wahl ist eine scheinbare, weil man die Heimat weder loswerden noch in ein urspr\u00fcngliches Verh\u00e4ltnis zu ihr kommen kann. Das macht Heimat und Vergangenheit verwandt. Im Folgenden ein paar \u00dcberlegungen dazu. Darin flie\u00dfen eigene Erfahrungen sowie die Lekt\u00fcre von Texten von Michel de Certeau und Paul Ric\u0153ur (via Hans-Dieter Gondek) ein. Sie kommen schlie\u00dflich auf die Schuldenkrise Griechenlands zu sprechen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Die &#8220;Ur&#8221;-szene ist nicht (ausreichend) durch den Effekt des Blicks verst\u00e4ndlich, der in dem Betroffenen Absto\u00dfungs- oder Anziehungsbewegungen ausl\u00f6st. Ihr gehen Entwicklungen und die Einbettung in eine Umgebung voraus. So auch bei der Heimat: Die abstrakte Erkenntnis, dass ich angezogen und abgestossen bin l\u00e4sst sich nicht dadurch konkretisieren und erweitern, dass ich mich auf den <em>Moment<\/em> beziehe, der Aufbruch bzw. Sesshaftigkeit erzeugt hat. Die M\u00f6glichkeiten, die ein solcher pointierter R\u00fcckbezug er\u00f6ffnet, sind beschr\u00e4nkt und erfordern eine Erweiterung des Horizonts, zeitlich und r\u00e4umlich.<\/li>\n<li>&#8220;Woher kommst du?&#8221;, fragt mich jemand. Heimat ist zun\u00e4chst ein Wort, mit dem wir auf einen Ort Bezug nehmen, den wir als Anfang und wichtig festsetzen bzw. den jemand f\u00fcr uns festgesetzt hat. Das Wort wird oft gebraucht, wenn man gerade nicht an diesem Ort ist, z.B. auf Reisen. Die ersten S\u00e4tze, wenn man eine Fremdsprache lernt, handeln vom Namen und von der Heimat: &#8220;I am Andy. I am from Austria.&#8221;. Man identifiziert sich mit dem Namen und der Herkunft. Ein anderer Gebrauch ist die Abgrenzung von einem gegenw\u00e4rtigen Zustand und einem Bekenntnis zu dem, was fr\u00fcher einmal war. Das Paradebeispiel in \u00d6sterreich f\u00fcr popul\u00e4res Heimatgef\u00fchl liefert das Lied von Reinhard Fendrich, &#8220;I am from Austria&#8221;, das beginnt mit dem Beklagen des Umstands, dass die H\u00f6hepunkte vorbei sind: &#8220;Deine hohe Zeit ist lange vor\u00fcber&#8221; und dann im Refrain wird die Zugh\u00f6rigkeit beschworen, die man nicht r\u00fcckg\u00e4ngig machen kann: &#8220;Auch wenn wir es schon vergessen haben: Ich bin dein Apfel, du mein Stamm&#8221;.<\/li>\n<li>Heimat hat mit Vergangenheit gemeinsam, dass man der Heimat seltsamerweise dadurch gegen\u00fcber steht, dass man mit ihr (fort)gegangen ist. Wenn man hier steht (und ein Verh\u00e4ltnis zu ihr einnimmt) hei\u00dft das, dass etwas von ihr fortbesteht, das mitgekommen ist. Je nachdem ein Ballast oder ein Talent. Was sieht man, wenn man &#8211; mit dem, was mitgekommen ist &#8211; auf sie zur\u00fcckschaut? Es ist ja kein neutraler Blick, sondern ein unvermeidlich vorbelasteter. Auch die Erinnerungen sind verschwommen und Ergebnis von verschiedensten \u00dcberlagerungen. Man korrigiert sie durch Zeugnisse, Artefakte, Dokumente und versucht eine Rekonstruktion dessen, wie es so weit kommen konnte, dass man jetzt hier steht. Kleine Puzzleteile finden sich, verweisen auf Weiteres. K\u00f6nnen sich die Details zu einem Gesamtbild und zu einer Geschichte f\u00fcgen?<\/li>\n<li>Ein sch\u00f6nes Zeugnis f\u00fcr das Arbeiten mit den Vorbelastungen, die wir haben wenn wir (in diesem Fall die spirituelle) Heimat darstellen, gibt Michel de Certeau in einem Aufsatz von 1966: &#8220;Der Mythos von den Urspr\u00fcngen&#8221; untersucht die Situation der Jesuiten. Der Autor, selbt ein Jesuit, begibt sich auf die Spuren seiner Gr\u00fcndungsv\u00e4ter. Welchen Aussicht auf Erfolg hat diese Spurensuche? Die Analyse ist eine <i>Re<\/i>organisation\u00a0der Vergangenheit, weil wir von der Gegenwart aus unsere eigenen Schwerpunkte setzen. Doch kann man dadurch \u00fcberhaupt zu einem fairen Verst\u00e4ndnis der Vergangenheit kommen? Oder tut man der Vergangenheit immer Gewalt an, weil man sie &#8211; so genau auch immer man vorgeht &#8211; implizit lobt oder tadelt, also beurteilt, aufgrund einer Position, von der man nicht Abstand nehmen kann oder will und die selbst gepr\u00e4gt ist von der Vergangenheit. Es gibt verschiedene Zug\u00e4nge zur Vergangenheit, hier zwei zur Kontrastierung. Historiker widmen sich der Beschreibung der Geschichte aus Interesse und\/oder wegen beruflicher Verpflichtungen. Sie verbinden wenig Pers\u00f6nliches mit dem Urteil dieser Vergangenheit. Dann gibt es Leute, die in der Tradition stehen, dessen Geschichte sie analysieren. Jemand, der sich auf eine Gemeinschaft beruft, hat die Intention, etwas von den zentralen Gedanken dieser Gemeinschaft am Leben zu erhalten bzw. hat zumindest etwas zu verlieren, wenn er beschlie\u00dft, dies nicht zu tun. Deswegen die Besch\u00e4ftigung mit der Vergangenheit der eigenen Tradition. Es k\u00f6nnte ja sein, dass die Vor-Generation etwas \u00fcbersehen hat. So wie man heute etwas \u00fcbersehen kann, wenn man \u00fcber die Heimat spricht, weil man bestimmte Bed\u00fcrfnisse hat. Certeau steht in einer Tradition, die er untersucht und muss unterscheiden zwischen Haltungen, die er \u00fcbernehmen kann, und anderen, die er hinter sich l\u00e4sst, was leicht gesagt ist:<\/li>\n<\/ul>\n<blockquote><p>&#8220;Was unser Vorhaben angeht, die Gesellschaft Jesu in ihrer Entstehung zu fassen, erscheint die Vergangenheit zugleich als das Land unserer Geburt und als das Land, das wir verlassen haben. [&#8230;] Wir hoffen dort den noch transparenten urspr\u00fcnglichen Geist zu finden, den eine Weiterentwicklung nur verf\u00e4lscht h\u00e4tte, aber wir lehnen seine Sprache ab, die heute nicht mehr gesprochen wird und in der wir uns nicht mehr zuhause f\u00fchlen k\u00f6nnen. Einserseits gibt es eine Anfangswahrheit, auf die wir zur\u00fcckkommen m\u00fcssten, um in ihr das Kriterium f\u00fcr die heutigen Entscheidungen zu erblicken; andererseits walten da hinsichtlich der Welt, des Heils und der letzten Ziele, der Heiden und der menschlichen Beziehungen, der Vaterrolle, der F\u00fchrung oder der Religionspsychologie, kurz hinsichtlich aller Dimensionen der Existenz, eine Mentalit\u00e4t und Vorstellungen, zu denen wir nur auf Abstand gehen k\u00f6nnen. [&#8230;] Der Anfang w\u00fcrde zugleich den Ort des Essentiellen und den Ort des \u00dcberholten darstellen, den Ort dessen, was f\u00fcr die Gegenwart am notwendigsten und am femdartigsten ist.&#8221; (Michel de Certeau: GlaubensSchwachheit. Hrsg. von Luce Giard. 2009. S64)<\/p><\/blockquote>\n<ul>\n<li>Man sucht also in der Vergangenheit, um das Essentielle vom \u00dcberholten zu trennen. Was hat sich zugetragen? Wie war das wirklich? Was heisst es, ein Jesuit zu sein? Oder aus dem nieder\u00f6sterreichischem Weinviertel zu kommen? Oder <a href=\"https:\/\/audiothek.philo.at\/podcasts\/werkstattgespraeche\/sie-verbittet-sich-verbitterung-stephen-frears-phi\">sein Kind weggenommen zu bekommen<\/a>? Die Taschenlampe des Historikers oder des Psychoanalytikers leuchtet. Mit ihnen am Weg: Menschen die etwas verloren haben: Melancholiker. Und Leute, die sich die Frage &#8220;Woher komme ich?&#8221; stellen. Die Erwartung ist: Ein Ereignis, etwas Verdr\u00e4ngtes, einen Skandal, oder einen Schatz zu finden. Etwas versteckt sich und lockt uns, ihm auf die Spur zu kommen. Kleine Puzzleteile finden sich, verweisen auf Weiteres. K\u00f6nnen sich die Details zu einem Gesamtbild f\u00fcgen? Hier muss man entschieden sagen: Die Reise, d.h. die Suche nach dem, was sich versteckt, hat kein Ende, wenn man das ultimative Panorama-Bild sucht und das Ende der Geschichte. Es braucht eine Entscheidung, die der Bringschuld ein Ende bereitet und ein Verh\u00e4ltnis zum Geschehenen einnimmt, basierend auf dem, was man wei\u00df und dem, was man will. Das Risiko ist, dass man sich t\u00e4uscht.<\/li>\n<li>Paul Ricoeur (ich folge hier der Rezeption von Hans-Dieter Gondek und Laszlo Tengelyi: Neue Ph\u00e4nomenologie in Frankreich, 2011) sieht in der Vergangenheit weniger etwas, zu dem man gern Verbindung aufnehmen m\u00f6chte, sondern das sowieso an einem klebt und von dem man zuerst einmal Abstand gewinnen soll, um das Vergangene als vergangen anzuerkennen &#8211; und dadurch f\u00fcr sich etwas gewinnen kann. Ricoeur hat sich dem Thema der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung gewidmet in: <em>Das R\u00e4tsel der Vergangenheit. Erinnern &#8211; Vergessen &#8211; Verzeihen. 1998<\/em>. Es geht um die Aufgabe der Geschichtsforschung, die darin besteht, darzustellen, dass das Vergangene vergangen ist. Das hei\u00dft, dass es eine Distanz gibt zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart und dass die Vergangenheit nicht aktualisierbar ist. Es ist eine Gefahr, der die Geschichtsforschung begegnen muss, dass man, von der Gegenwart kommend, etwas in die Vergangenheit legt, das nicht von ihr kommt. Man muss die Vergangenheit ruhen lassen. Wie aber l\u00e4sst man sie ruhen? Nicht dadurch, dass man sie ignoriert, dann kommt sie n\u00e4mlich unbemerkt mit. Man muss sie &#8211; hier erkennt Gondek Begriffe von Michel de Certeau (acte de s\u00e9pulture &#8211; mise au tombeau) &#8211; zu Grabe legen (Gondek S.474). Das hei\u00dft aber, ein Verh\u00e4ltnis einzunehmen zu dem was (leider oder zum Gl\u00fcck) aufh\u00f6rt. Bei Ricoeur ist der Fokus auf die Schuldfrage zentral bei der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung. Sie geht von der Erfahrung aus, dass man etwas \u00e4ndern bzw. wieder gut machen m\u00f6chte, das sich nicht mehr \u00e4ndern l\u00e4sst. Die Unwiderruflichkeit kann dazu f\u00fchren, dass man immer wieder darauf zur\u00fcckkommt. Man wird nicht mehr losgelassen von der Vergangenheit. Au\u00dfer es gibt eine Aussicht auf Vergebung, die den Sinn der Begebenheiten ver\u00e4ndern kann:<\/li>\n<\/ul>\n<blockquote><p>&#8220;[&#8230;D]er Sinn dessen, was sich zutrug, [steht] nicht ein f\u00fcr alle Mal fest. [&#8230;D]ie moralische Last, die mit dem Verh\u00e4ltnis der Schuld zur Vergangenheit zusammenh\u00e4ngt, [kann] schwerer oder leichter werden &#8211; je nachdem, ob der Vorwurf den Schuldigen in das schmerzliche Gef\u00fchl des Unwiderruflichen bannt oder ob das Verzeihen die Aussicht auf eine Erl\u00f6sung von der Schuld er\u00f6ffnet, was einer Verwandlung des Sinns des Ereignisses gleichkommt.&#8221; (Ricoeur S.125f)<\/p><\/blockquote>\n<ul>\n<li>Ricoeurs Motto am Ende des Buches: La dette sans faute &#8211; Schuld(en) ohne Schuld: &#8220;Eine subtile Arbeit des Bindens und Entbindens ist im Herzen der Schuld (dette) selbst zu verrichten: einerseits die Entbindung von der Verfehlung (faute), andererseits die nie aufl\u00f6sbare Bindung eines Schuldners.&#8221; Sagt er damit, dass es gar keine Verfehlung gab oder gibt? Nein. Ich verstehe das so: Um ein distanziertes und damit freies Verh\u00e4ltnis zur Vergangenheit zu bekommen, muss man die Schuldfrage entsch\u00e4rfen. Daf\u00fcr braucht es die Vergebung der Schuld, also dar\u00fcber, dass man etwas falsch gemacht hat. Daf\u00fcr muss man um Verzeihung bitten. Und dann &#8211; das kann man nicht fordern &#8211; bekommt man darauf vielleicht eine Antwort.<\/li>\n<li>Haben diese \u00dcberlegungen Auswirkungen auf die Sicht, wie wir heute handeln und denken? Ein Versuch: Zur Zeit gibt es in der europ\u00e4sichen Politik eine gro\u00dfe Frage nach den Schulden und nach der Schuld. Griechenland hat viele Schulden, steht in der Schuld der Gl\u00e4ubiger. Die Hilfspakete werden an Bedingungen gekn\u00fcpft. &#8220;Geben zwingt dazu, zur\u00fcckzugeben&#8221;, schreibt Ricoeur. &#8220;Geben schafft unter der Hand Ungleichheit, indem die Gebenden eine Position herablassender \u00dcberlegenheit einnehmen; Geben bindet den Beg\u00fcnstigten, verwandelt ihn in einen Schuldner der zu Dankbarkeit verpflichet ist; Geben erdr\u00fcckt den Beg\u00fcnstigten unter der Last einer untilgbaren Schuld.&#8221; (S.738) Was im aktuellen Schuldenstreit nicht passiert ist eine Vergebung der Verfehlung, sondern ein Handel mit der Menge der Schulden. Was bedeutet es aber in dieser Situation, die Verfehlung zu vergeben? Der franz\u00f6sische \u00d6konom Thomas Piketty schl\u00e4gt in einem <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2015\/26\/thomas-piketty-schulden-griechenland\">Interview in &#8220;Die Zeit&#8221; <\/a>vor, dem Land die Schulden nachzulassen, weil man vom Blick auf die Vergangenheit wegkommen und in Richtung Zukunft gehen muss. Dies hat Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg wirtschaftlich schnell auf die Beine geholfen und soll nun auch wieder helfen:<\/li>\n<\/ul>\n<blockquote><p>&#8220;Nach gro\u00dfen Krisen, die eine hohe Schuldenlast zur Folge haben, kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem man sich der Zukunft zuwenden muss. Man kann von neuen Generationen nicht verlangen, \u00fcber Jahrzehnte f\u00fcr die Fehler ihrer Eltern zu bezahlen. Nun haben die Griechen zweifellos gro\u00dfe Fehler gemacht. Bis 2009 haben die Regierungen in Athen ihre Haushalte gef\u00e4lscht. Deshalb aber tr\u00e4gt die junge Generation der Griechen heute nicht mehr Verantwortung f\u00fcr die Fehler ihrer Eltern als die junge Generation von Deutschen in den 1950er und 1960er Jahren. Wir m\u00fcssen jetzt nach vorne schauen. Europa wurde auf dem Vergessen der Schulden und dem Investieren in die Zukunft gegr\u00fcndet. Und eben nicht auf der Idee der ewigen Bu\u00dfe. Daran m\u00fcssen wir uns erinnern.&#8221;<\/p>\n<p>Sich erinnern, dass die Gr\u00fcndung mit dem Vergessen der Schulden beginnt? Vergleiche mit Ricoeur&#8217;s Vorschlag: Schulden ohne Schuld: Es gibt es den Schuldner weiterhin, aber die Verfehlung wird vergeben und das erlaubt, sich der Zukunft zuzuwenden. Hier geht es nicht nur um die moralische Last, sondern um die Frage, wie sich der Staatshaushalt aufrechterhalten kann. Die Schulden verweisen n\u00e4mlich auf den Gl\u00e4ubiger und seine bedrohliche Pr\u00e4senz; wenn die Vergebung nicht nur eine leere Geste ist, wird sie handfeste Konsequenzen haben.<\/p><\/blockquote>\n<ul>\n<li>Hier verbindet sich die Frage nach Heimat und Schuld dramatisch und aktuell. Sollen und m\u00fcssen die jungen Griechinnen und Griechen die Verantwortung daf\u00fcr \u00fcbernehmen, was in ihrer Heimat vor ihrer Zeit passiert ist? Sollen sie &#8211; repr\u00e4sentiert durch die gew\u00e4hlte griechische Regierung &#8211; um Verzeihung bitten? Die Geste des Bittens setzt voraus, dass man die Verfehlung eingesehen hat, das hei\u00dft, dass man die Geschichte durchgearbeitet hat und sich schuldig<em> bekennt<\/em>.<\/li>\n<li>Ricoeur setzt bei der Vergebung auf die Analyse der Gabe. Es handelt sich um ein Tauschverh\u00e4ltnis: Der Bitte um Verzeihung wird entsprochen. Doch unter welchen Bedingungen? Es gibt einen Unterschied zwischen der berechneten Gabe und der gro\u00dfz\u00fcgigen Gabe. Erstere verpflichtet auf eine Gegengabe und letzere begn\u00fcgt sich damit, den Empf\u00e4nger zu ehren, ohne ihn zu Weiterem zu zwingen (ihn aber anzuspornen). Die Gro\u00dfz\u00fcgigkeit (in der Art: wir tun das, weil wir dich lieben), muss man sich erst einmal leisten k\u00f6nnen. Sie setzt voraus, dass man nicht selbst in Verh\u00e4ltnissen von Zwang und Schuld festgefahren ist.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec war als Kunde Teil einer paradigmatischen Szene in einer Trafik. 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