{"id":1577,"date":"2015-07-07T16:53:30","date_gmt":"2015-07-07T16:53:30","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1577"},"modified":"2018-11-15T16:29:50","modified_gmt":"2018-11-15T16:29:50","slug":"athen-und-bologna","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1577","title":{"rendered":"Athen und Bologna"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/2010-08-22_13-26-28.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1579\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/2010-08-22_13-26-28.jpg\" alt=\"2010-08-22_13-26-28\" width=\"600\" height=\"451\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jean-Claude Juncker spielt seit dem Scheitern der Verhandlungen vorletzte Woche keine \u00f6ffentliche Rolle in der Griechenlandkrise. Antonis Samaras, der fr\u00fchere Premierminister, hat den Parteivorsitz zur\u00fcckgelegt. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Ablehnung der Vorschl\u00e4ge aus Br\u00fcssel l\u00e4sst f\u00fcr Vermittlungsversuche keinen Platz. Beide haben versucht, zwischen der Herrschaftslogik der Geldgeber und den Lebensanspr\u00fcchen der griechischen Bev\u00f6lkerung zu lavieren und sich dabei schlie\u00dflich eine Abfuhr geholt.<\/p>\n<p>Die Abfuhr ist verst\u00e4ndlich <strong>und<\/strong>: ich stehe auf der Seite der beiden Verlierer. Diese in sich gebrochene Position soll ein R\u00fcckblick auf Erfahrungen in der Universit\u00e4tspolitik erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Auf die Abschaffung der Gremienuniversit\u00e4t und ihre Ausrichtung am Modell von Wirtschaftsbetrieben durch das UG 2002 hatte ich mit lautstarkem Protest reagiert. Als die unter den neuen Regeln gew\u00e4hlten zwei Mittelbauvertreter im Senat ein Mitglied der Curricularkommission zu nominieren hatten, verfielen sie auf mich, einen Vertreter der herk\u00f6mmlichen Selbstverwaltung. Eines Tages trat der Vorsitzende dieser Kommission wegen eines fakult\u00e4tsinternen Streits von seiner Funktion zur\u00fcck. Sein Stellvertreter r\u00fcckte nach, n\u00e4mlich Herbert Hrachovec.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit war den Universit\u00e4ten per Gesetz ein weiterer einschneidender Bruch vorgeschrieben worden, die Bolognareform. Die Curricularkommission war die zentrale Schaltstelle, \u00fcber die sie an der Universit\u00e4t Wien laufen musste. Ihr Vorsitzender, ein erkl\u00e4rter Gegner der Diktate, war f\u00fcr die Durchf\u00fchrung verantwortlich. Soviel war unumst\u00f6\u00dflich, aber ich h\u00e4tte es nicht tun m\u00fcssen.<\/p>\n<p>So hat sich, scheint mir, auch Yanis Varoufakis vorgefunden. Ein Gegner der Politik der Europ\u00e4ischen Union wird Finanzminister eines Mitgliedsstaates und damit in gewissen Ma\u00dfe auch verantwortlich f\u00fcr das Ganze. Die Reaktionen des Ministers und des Vorsitzenden der Curricularkommission auf diese Klemme sind auf den ersten Blick vergleichbar: Erf\u00fcllung der Amtspflichten, verbunden mit deftiger Polemik gegen die Rahmenbedingungen. Ich hatte eigens eine Mailing Liste als kritisches Forum ins Leben gerufen. In einer Sitzung des Universit\u00e4tsrates, also des h\u00f6chsten Beratungs- und Beschlussgremiums der Universit\u00e4t, bezeichnete ich die Bolognareform als maoistische Kulturrevolution.<\/p>\n<p>Am provokanten Auftreten Varoufakis&#8217; nehme ich also keinen Ansto\u00df. Meine Gegenposition hat einen anderen Grund. Es ist ein Unterschied, einerseits innerhalb einer Organisation drastische Kritik an geltenden Regeln zu formulieren und sich andererseits als Funktion\u00e4r einer Teileinheit bedingunglos gegen diese Regeln zu engagieren. Das h\u00e4tte gehei\u00dfen, auf breitester Front gegen den Bolognaprozess aufzutreten, also auch die Ressourcen der Curricularkommission daf\u00fcr einzusetzen, ihn zu st\u00f6ren und letzlich zu Fall zu bringen.<\/p>\n<p>Zwei Gr\u00fcnde sprachen gegen ein solches Vorgehen. Erstens ist es illoyal gegen\u00fcber der Organisation, <em>innerhalb<\/em> derer diese Konflikte auftreten und zweitens ist die Strategie, gegen eine im Endeffekt irreversible Politik aufschiebende Hoffnungen zu n\u00e4hren, im Kern defaitistisch.  Dazu ein Bild.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\n<figure id=\"attachment_1580\" aria-describedby=\"caption-attachment-1580\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/nopen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1580\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/nopen.jpg\" alt=\"TOPSHOTS A distressed pensioner sits on the ground outside a national bank branch, as banks opened only for pensioners to allow them to withdraw their pensions, with a limit of 120 euros, in Thessaloniki, on July 3, 2015. Greece is almost evenly split over a crucial weekend referendum that could decide its financial fate, with a 'Yes' result possibly ahead by a whisker, the latest survey Friday showed. Prime Minister Alexis Tsipras's government is asking Greece's voters to vote 'No' to a technically phrased question asking if they are willing to accept more tough austerity conditions from international creditors in exchange for bailout funds. AFP PHOTO \/SAKIS MITROLIDIS\" width=\"400\" height=\"267\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1580\" class=\"wp-caption-text\">TOPSHOTS<br \/> A distressed pensioner sits on the ground outside a national bank branch, as banks opened only for pensioners to allow them to withdraw their pensions, with a limit of 120 euros, in Thessaloniki, on July 3, 2015. Greece is almost evenly split over a crucial weekend referendum that could decide its financial fate, with a &#8216;Yes&#8217; result possibly ahead by a whisker, the latest survey Friday showed. Prime Minister Alexis Tsipras&#8217;s government is asking Greece&#8217;s voters to vote &#8216;No&#8217; to a technically phrased question asking if they are willing to accept more tough austerity conditions from international creditors in exchange for bailout funds. AFP PHOTO \/SAKIS MITROLIDIS<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So wird ersch\u00fctternd deutlich gemacht, wie menschenfeindlich der oktroyierte Sparkurs ist. Gleichzeitig wird jedoch verschwiegen, dass es zur gegenst\u00e4ndlichen Szene nur dadurch gekommen ist, dass die griechische Regierung die Br\u00fcsseler Verhandlungen verlassen hat. Sie hat das Leid, das ihr zum Argument dient, klaren Auges versch\u00e4rft, um ihre Ziele leichter zu erreichen.[1. Ich \u00fcbersehe nicht, dass es massenhaftes Elend durch die Troika-Politik gibt. Die Frage ist, ob man es <em>vermehren<\/em> soll, um eine bessere Handhabe dagegen zu besitzen.] Ab einem gewissen Punkt geraten Revolution\u00e4re in Versuchung, die Verh\u00e4ltnisse zu verschlimmern, um erfolgreicher k\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Widerstand gegen diesen Reflex verbindet mich mit Juncker und Samaras. Es handelt sich wahrlich nicht um sympathische Politiker. Den Glanz der rhetorischen Konfrontation ziehe ich allemal den Besch\u00f6nigungen und der Systemerhaltung vor, f\u00fcr welche sie bekannt sind. Mein Gott ist Varoufakis auf seinem Motorrad schick und die Kompromissbildung im Schatten dominanter Gegenkr\u00e4fte unansehnlich.   <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Jean-Claude Juncker spielt seit dem Scheitern der Verhandlungen vorletzte Woche keine \u00f6ffentliche Rolle in der Griechenlandkrise. Antonis Samaras, der fr\u00fchere Premierminister, hat den Parteivorsitz zur\u00fcckgelegt. 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