{"id":1589,"date":"2015-08-01T15:32:22","date_gmt":"2015-08-01T15:32:22","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1589"},"modified":"2018-11-15T16:28:59","modified_gmt":"2018-11-15T16:28:59","slug":"i-want-to-confess-to-you","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1589","title":{"rendered":"&#8220;I want to confess to you&#8230;&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Als erste Reaktion auf einen <a href=\"https:\/\/audiothek.philo.at\/podcasts\/werkstattgespraeche\/entschuldigung-bitte\">Podcast \u00fcber Verzeihung<\/a> ver\u00f6ffentliche ich einen kurzen Text, den ich vor 2 Jahren geschrieben habe. Er beschreibt ein wenig die widrige Situation, wenn Verzeihung ein Thema ist:<\/p>\n<hr \/>\n<p>Mein Tag hat heute morgen damit begonnen, eine Episode meiner Arbeitskollegen \u00fcber Gest\u00e4ndnisse mitzuh\u00f6ren &#8220;I want to confess to you&#8230;&#8221;. Jemand hat den Punkt gemacht, dass man nach dem Gest\u00e4ndnis f\u00fcnf Ave Maria betet und dadurch seine S\u00fcnden losgesprochen werden. Das ist auf mein Interesse gesto\u00dfen, weil es nicht so einfach ist.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nMeine erweiterte Version, die wie immer von den philosophischen Wegen und S\u00fcmpfen gepr\u00e4gt ist, lautet: Die Lossprechung kann man weder erwarten noch fordern. Sie ist eigentlich etwas Unm\u00f6gliches, zumindest vom Standpunkt des T\u00e4ters, der seine Schuld einsieht. Wenn sie kommt, kommt sie als Geschenk, deswegen ist sie so erl\u00f6send. Weil man sie nicht verdient hat. Man kommt bei allem Bedauern nicht an den Punkt an dem man f\u00fcr sich selbst sagen kann: Jetzt ist die Tat ges\u00fchnt. Man braucht jemand anderen dazu, eigentlich das Opfer. (Deswegen gibt es im Christentum die Erh\u00f6hung eines gekreuzigten Gottes, der stirbt und danach wieder aufersteht, um denen, die ihn gekreuzigt haben, zu vergeben, und so versuchsweise die Menschen vor den Fl\u00fcchen von Schuld und unbegrenzter Gegengewalt zu retten; dass das nicht (mehr) so gut klappt, kann man beobachten). Doch das Opfer hat keine M\u00f6glichkeit, den T\u00e4ter zu verstehen; keine Geschichte des T\u00e4ters reicht dazu aus, auch nicht dass er &#8220;Feuer und Flamme&#8221; war.<\/p>\n<p>Derrida schreibt dazu in etwa[1. <a href=\"http:\/\/eprints.biblio.unitn.it\/1970\/1\/BThJ_10.pdf\">Ermenegildo Bidese: Die unm\u00f6gliche Vergebung und das unm\u00f6gliche Ich: Derridas Subjektivit\u00e4tstheorie aus dem Wesen der Vergebung<\/a>. S. XI. Ver\u00f6ffentlicht in: Brixner Theologisches Jahrbuch \/ Annuario Teologico Bressanone. 1\/2010, 23-34]:<\/p>\n<blockquote><p>Sollte die Bitte um Vergebung nicht mehr m\u00f6glich sein, weil das Opfer sie nicht mehr entgegennehmen und gew\u00e4hren oder nicht gew\u00e4hren kann, oder sollte der T\u00e4ter nicht da sein, weil unbekannt oder nur von einem Kollektiven vertreten, ist Gott der Name, der einzige Name, der an der Stelle einer Singularit\u00e4t stehen kann. Gott ist der Name der M\u00f6glichkeit f\u00fcr mich, ein Verborgenes, ein Geheimnis zu wahren, das im Inneren sichtbar ist, aber nicht im \u00c4u\u00dferen. Sobald es diese Struktur eines Bewusstseins, eines Mit-Sich-Seins, eines Sprechens, das hei\u00dft einer Hervorbringung unsichtbaren Sinns gibt, sobald ich, dank dem unsichtbaren Sprechen als solchem, einen Zeugen in mir habe, den die anderen nicht sehen, und der folglich zugleich anders ist als ich und mir innerlich n\u00e4her als ich selbst, sobald ich eine geheime Beziehung mit mir bewahren und nicht alles sagen kann, sobald es Geheimnis und einen geheimen Zeugen in mir gibt, gibt es das, was ich Gott nenne [&#8230;] Gott ist in mir, er ist absolutes \u201aich\u2018, er ist die Struktur der unsichtbaren Innerlichkeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Zizek, mehr von au\u00dfen kommend, sagt jedoch, dass dieses Geheimnis eine L\u00fcge ist [2. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=dEZ_tklUzLg\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=dEZ_tklUzLg<\/a>] &#8211; es f\u00fchrt zumindest nicht zur Aufkl\u00e4rung der <em>Taten<\/em>, von denen andere Menschen betroffen sind. Auch wenn wir selbst auf so ein Geheimnis in uns angewiesen sind. Der Zeuge in mir, dem ich meine Geschichten erz\u00e4hlen kann, ist eine Schutzfunktion, die wir stellenweise brauchen um zu \u00fcberleben. Er ist, um es poetisch zu sagen, das Tornadoauge psychischer St\u00fcrme. Andererseits, wenn mich jemand verstehen will, spielt er sich dabei nur vor, n\u00e4her beim &#8220;wirklichen Ich&#8221; zu sein, wenn er zu diesem Tornadoauge vordringen will. Die Suche nach dem Geheimnis f\u00fchrt uns manchmal im Kreis herum. Es gibt einen Bruch zwischen der (indirekten) Kommunikation mit dem (inneren) Zeugen &#8211; sei es Gott, der Priester, oder mein engster Kreis &#8211; und den Folgen meiner Taten f\u00fcr andere Menschen:<\/p>\n<blockquote><p>Let&#8217;s take this noble motto &#8220;An enemy is someone who&#8217;s story you have not heard&#8221; and do something very vulgar. Let&#8217;s just replace the general name with a concrete example. Would you also say, Hitler was our enemy because we did not really try to hear his story?<\/p>\n<p>The problem is deeper here, than it may appear. Namely: We think, the story we are telling ourselves about ourselves, our inner authentic self experience, is the point of truth. If you humanize the other, if you get him or her of their innermost, then you can say, this is what they truly are. But if there is a lesson of psychoanalysis, it is that we should radically abandon this automatic presupposition.<\/p>\n<p>Hitler was, as we know from his secretary, who died only two years ago, he could have been quite kind, compassionate, he liked to serve cakes to small children, gentle, vegetarian, and so on. And I am even quite sure that he was absolutely sincere in this. This is the important lesson of Hannah Arendt. That people who cause great evil, we should not elevate them into sublime, demoniac figures of evil. The gap between their intimate experience and the horror of their act is always immense. <strong>The story we tell ourselves about ourselves is fundamentally a lie. It is not the point of truth.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als erste Reaktion auf einen Podcast \u00fcber Verzeihung ver\u00f6ffentliche ich einen kurzen Text, den ich vor 2 Jahren geschrieben habe. Er beschreibt ein wenig die widrige Situation, wenn Verzeihung ein Thema ist: Mein Tag hat heute morgen damit begonnen, eine Episode meiner Arbeitskollegen \u00fcber Gest\u00e4ndnisse mitzuh\u00f6ren &#8220;I want to confess to you&#8230;&#8221;. 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