{"id":1591,"date":"2015-08-24T01:08:41","date_gmt":"2015-08-24T01:08:41","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1591"},"modified":"2018-11-15T16:28:22","modified_gmt":"2018-11-15T16:28:22","slug":"fluchtlinge-europaische-vision-und-lokale-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1591","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlinge. Europ\u00e4ische Vision und lokale Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Sprechen wir \u00fcber Fl\u00fcchtlingspolitik in den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Die lokalen Kr\u00e4fte reden sich auf mangelnde europ\u00e4ische Einigung aus. Damit haben sie zwar Recht, dass man sich in der europ\u00e4ischen Union nicht auf ein solides Management der Verteilung von Fl\u00fcchtlingen geeinigt hat. Doch an den einzelnen Orten ist Management sehr wohl m\u00f6glich. Was passiert ist jedoch, dass die Lage eskaliert.<\/p>\n<p>Es folgen ein paar Gedanken dazu anl\u00e4sslich des Films &#8220;Wir sind jung. Wir sind stark&#8221;, der die Ausschreitungen im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen thematisiert.<\/p>\n<p>Dazu kommen die <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2015-08\/heidenau-rechtsextremismus-fluechtlinge-gewalt\">gewaltt\u00e4tigen Proteste in den letzten Tagen<\/a> in Fl\u00fcchtlingsheimen in Sachsen. Zuletzt in Heidenau, in der ein Imagevideo &#8220;Mein Heidenau&#8221; &#8211; ein Exzess von Idealisierungen &#8211; mit der Realit\u00e4t von gewaltt\u00e4tigen Demonstranten vor der gerade er\u00f6ffneten Notaufnahmestelle f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge konfrontiert wird:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Unser Song - &quot;Mein Heidenau&quot;\" width=\"780\" height=\"439\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/aaukoy_H9oo?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Als <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Goz4pmbd5RQ\">Reaktion darauf<\/a> hat man recht provokant die Tonspur des Imagevideos mit Videos von Lichtenhagen 1992 kurzgeschaltet.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<hr \/>\n<p>Ein Fl\u00fcchtlingsheim in Rostock-Lichtenhagen im August 1992. Das Heim ist stark \u00fcberf\u00fcllt. Viele Einheimischen machen ihrem Unmut \u00fcber die Verschlechterung ihrer eigenen Situation Luft. Ein Schuldiger ist gefunden. &#8220;Deutschland den Deutschen, Ausl\u00e4nder raus.&#8221;. Die zust\u00e4ndigen Politiker und f\u00fchrende Polizeikr\u00e4fte verstecken sich gro\u00dfteils und fahren wie \u00fcblich \u00fcbers Wochenende ins ehemalige Westdeutschland. Bis die Lage eskaliert. Steine werden geworfen. Das Leben der Fl\u00fcchtlinge ist bedroht. Zun\u00e4chst wird von Polizei und Politik entschieden, nicht gro\u00dfartig zu handeln. In Deutschland wird zu dieser Zeit eine Debatte \u00fcber die Ver\u00e4nderung der Asylgesetze diskutiert. Weder Polizei noch Politiker wollen hier falsche Signale aussenden. Trotzdem wird sp\u00e4ter eines der beiden Sonnenblumenh\u00e4user evakuiert. Jenes, das die Zentrale Annahmestelle f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern beherbergte. Das zweite Haus &#8211; haupt\u00e4chlich bewohnt von vietnamesischen Vertragsarbeiterinnen (m\/w) &#8211; wurde nicht evakuiert. Die Bewohnerinnen m\u00fcssen, nachdem pl\u00f6tzlich die Polizei abzieht, der Willk\u00fcr des aufgebrachten Mobs \u00fcberlassen, die das Haus in Brand steckt, sich selbst retten. Die Feuerwehr erreicht wegen der vielen Schaulustigen und Gewaltt\u00e4tigen nicht die Brandstelle.<\/p>\n<p>Der Journalist Jochen Schmidt, der selbst als Teil eines ZDF-Teams im Haus eingeschlossen war, vertritt 10 Jahre sp\u00e4ter in einem Buch die These, dass die Bewohner gezielt aufs Spiel gesetzt wurden, um ein politisches Ziel leichter erreichen zu k\u00f6nnen: die Versch\u00e4rfung des Asylrechts und eine Beschr\u00e4nkung der Zuwanderer.<\/p>\n<p>Die Rolle der Medien war ebenfalls problematisch. Im Vorfeld wurden in voller L\u00e4nge rassistische Leserbriefe in den Lokalzeitungen ver\u00f6ffentlicht. Am Ort des Geschehens wurde eine Erwartungshaltung aufgebaut, die Jugendliche und Erwachsene eine B\u00fchne f\u00fcr ihre Wut bot. Auch die bekannte Ablichtung des Baumaschinisten Harald Ewert ist eher fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Heute &#8211; 23 Jahre sp\u00e4ter &#8211; spielen Facebook und andere soziale Medien eine Rolle, die die Stimmung wiedergeben und auch verst\u00e4rken. Was als Satire &#8211; und damit als gebilligte Meinung &#8211; z\u00e4hlt, und was als &#8220;Hassbotschaft&#8221; wird von Mitarbeitern des Unternehmens entschieden. Die Moderationsrolle wird nach globalen Richtlinien (&#8220;Gemeinschaftsstandards&#8221;) ausge\u00fcbt, so die Facebook-Sprecher. Das ist ein schwieriges Thema, doch manchmal sind\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/digital\/facebook-nein-zu-bruesten-ja-zu-rassismus-1.2610256\">die Postings so eindeutig<\/a>, dass man sich \u00fcber manche Entscheidung, das Posting nicht zu l\u00f6schen, schon wundern muss.<\/p>\n<p>Die stillschweigende Moderation von Facebook soll nicht das einzige Ma\u00df bleiben, das man an die Kommentare anlegt, es braucht lokale Korrekturen Einzelner. Manche &#8220;Freunde&#8221; und auch eine Freundin von mir teilten Links von <a href=\"https:\/\/www.netzplanet.net\/fluechtlinge-werfen-verpflegungsbeutel-einfach-weg\/comment-page-2\/#comments\">Netzplanet<\/a>, eine Website, die voll von fehlgeleiteten Artikeln ist. An dieser Stelle kann Facebook nichts tun, hier muss man selbst kommentieren und die Sachlage richtig stellen. Das Argument &#8220;F\u00fcr uns wird nichts getan, aber alles f\u00fcr die Asylanten&#8221; habe ich dabei oft lesen m\u00fcssen. Dass Leute Angst haben, wenn Fremde kommen, ist vor allem in l\u00e4ndlichen Gebieten verbreitet.<\/p>\n<p>Als jemand, der einen fixen Job und Wohnung hat, und dessen Wohnort nicht auffallend viele Fl\u00fcchtlinge beherbergt, habe ich es vergleichsweise einfach, Solidarit\u00e4t mit Fl\u00fcchtlingen zu propagieren. Au\u00dferdem habe ich die n\u00f6tige Medienkompetenz, um die Vertrauensw\u00fcrdigkeit mancher Quellen anzuzweifeln und zus\u00e4tzliche Informationen zu holen. Genau darum erlaube ich mir, freundlich aber bestimmt auf Fehlinformationen hinzuweisen. Manche waren froh \u00fcber die Berichtigung, l\u00f6schten den Beitrag und teilten eine Klarstellung, andere waren schwer zu \u00fcberzeugen. Da steht dann Aussage gegen Aussage &#8211; und das Gef\u00fchl geht in eine bestimmte Richtung, die man nicht pl\u00f6tzlich korrigieren kann. Die Funktion des Teilens von Artikeln ist mehr eine Kundgebung \u00fcber die eigene Meinung und Befindlichkeit als der Hinweis auf einen bereichernden Text.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend sich stellenweise an den sozialen Medien und konventionellen Medien eine Stimmung gegen Fl\u00fcchtlinge breit macht, fliegen vor einigen Fl\u00fcchtlingsheimen die Steine, etwa dieses Wochenende in Heidenau, vorher in anderen Orten in Sachsen.<\/p>\n<p>Die Situation in \u00d6sterreich in Traiskirchen ist ebenfalls bekannt. Sie liegt einerseits am Widerstand der Gemeinden, andererseits am Missstand im Management und der mangelnden Vorbereitung auf die absehbaren Wanderbewegungen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Welche Strategien haben Akademikerinnen anzubieten, in der Frage der Fl\u00fcchtlinge, welche in ganz Europa in den Schlagzeilen ist? <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2015-08\/fluechtlingspolitik-philosophie-adorno-heidegger-kant-drama\">&#8220;Die Zeit&#8221; bringt ein Drama<\/a> mit den Philosophen Kant, Adorno, Derrida und (als Kontrast) Heidegger, eher ein intellektuelles Spiel mit Zitaten als eine konkrete Analyse der Lage.<\/p>\n<p>Allgemeine Strukturen und viele kleine Zeichen schaffen ein Klima, das Zuwanderung eher als Belastung statt als normalen Teil von gesellschaftlichen Prozessen darstellt. Die Forscherin <a href=\"http:\/\/cba.fro.at\/269864\">Hanne Margaret Birckenbach hat dazu im Jahr 2014 einen Vortrag gehalten<\/a>.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnte uns ein Syrer erz\u00e4hlen? Er k\u00f6nnte das, was wir f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich nehmen, ersch\u00fcttern durch die Gr\u00fcnde und Umst\u00e4nde seiner Flucht. Die Bloggerin <a href=\"https:\/\/medium.com\/@iwona_w\/2723-kilometer-2871a3b3d260\">Iwona Laub hat in ihrem Blog<\/a> eine Geschichte eines Syrers ver\u00f6ffentlicht. Der Blog handelt \u00fcblicherweise \u00fcber Lifestyle (Rezepte, Einrichtung, Kinderspielzeug, usw.). So wird &#8220;das Fremde&#8221; zu einer fremden Person, die langsam Konturen bekommt. Dem wird mancher entgegnen, dass man selbst genug Probleme hat &#8211; und wetteifern dar\u00fcber, wem es schlechter geht. Den Fl\u00fcchtlingen wird so viel Medien-Aufmerksamkeit und Zuwendung gewidmet &#8211; da wird mancher neidisch &#8211; oder hat Angst.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Szene in dem Film &#8220;Wir sind jung. Wir sind stark&#8221; zeigt die jugendlichen Protagonisten auf dem Weg zum Sonnenblumenhaus, wo sie kr\u00e4ftig mitmischen, Molotov Cocktails werfen, in die Wohnung einer leer stehenden vietnamesischen Familie einbrechen und die Einrichtung zerst\u00f6ren. Die Szene also:<\/p>\n<div style=\"width: 640px;\" class=\"wp-video\"><video class=\"wp-video-shortcode\" id=\"video-1591-1\" width=\"640\" height=\"346\" preload=\"metadata\" controls=\"controls\"><source type=\"video\/mp4\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/jugendliche-SD.mp4?_=1\" \/><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/jugendliche-SD.mp4\">http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/jugendliche-SD.mp4<\/a><\/video><\/div>\n<p>Zwei Verliebte, ein Schwenk auf einen Jugendlichen, der sich \u00e4rgert, weil er ein Hakenkreuz auf der Stirn hat (ein Streich seiner Kollegen als er in der Sonne schlief) und der Versuch einer der Jugendlichen, die anderen dazu zu bewegen &#8220;Deutschland, ein Volk stirbt aus&#8221; zu gr\u00f6hlen. Stattdessen singen die anderen die Internationale. Es gibt mehere solche Szenen im Film, die zeigen sollen, dass die Jugendlichen aus Leichtsinn und Zerst\u00f6rungswut mitmachen, und aus Mangel an Perspektive. Es gibt hier eine Zerrissenheit: Das Wissen, dass sie das, was sie sagen, gar nicht wirklich meinen &#8211; und die Tatsache, dass ihre Taten in eine gewaltt\u00e4tige Richtung tendieren.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Slavoj Zizek macht in <a href=\"https:\/\/soundcloud.com\/akalypse\/zizek-multikulturalismus-und\/s-K5XiG\">&#8220;Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Intoleranz&#8221;<\/a> einen von Hegel vorgezeichneten dialektischen Move: Die abstrakte Allgemeinheit, die friedliche, ausgehandelte Ko-Existenz ist ein objektiver Exzess, ein hermetisch abgeriegeltes und ausgekl\u00fcgeltes System von Political Correctness, das ein subjektives Ventil induziert, n\u00e4mlich das willk\u00fcrliche Ausleben von Launen:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Die multikulturalistische Vision einer Einheit im Unterscheid, alle sind gleich, alle sind verschieden, l\u00e4sst als einzige Art und Weise einen Unterschied zu markieren die proto-sublimatorische Geste der Erh\u00f6hung des kontingenten Anderen (sei es in puncto Rasse, Geschlecht oder Religion) in die absolute Anderheit eines unm\u00f6glichen Dings der Gestalt \u00e4u\u00dferster Bedrohung unserer Identit\u00e4t zu. Ein Ding, das vernichtet werden muss, wenn wir \u00fcberleben wollen.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Die g\u00e4ngige aufgekl\u00e4rte Formel &#8220;Sie tun es, weil sie nicht wissen was sie tun&#8221;. wird hier verkehrt. Der gewaltt\u00e4tige Skinhead wei\u00df ganz genau was er tut, h\u00f6rt aber trotzdem nicht auf damit. Das symbolisch wirksame Wissen desintegriert einerseits in exzessive irrationale Gewalt und andererseits in eine impotente \u00e4u\u00dferliche Reflexion. In der Gestalt dieses zynisch impotenten, reflektierenden Skinheads, der mit einem ironischen Grinsen dem erstaunten Journalisten die Wurzeln seines unsinnig gewaltt\u00e4tigen Verhaltens darlegt, erh\u00e4lt der aufgekl\u00e4rte und tolerante Multikulturalist, der verstehen will, seine eigene Botschaft in ihrer verkehrten aber wahren Form retour.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Entscheidend ist hier die Unterscheidung zwischen einer exzessiven, dysfunktionalen Gewalt und der obsz\u00f6nen Gewalt, die als impliziter Tr\u00e4ger einer ideologischen allgemeinen Standardvorstellung dient.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<div style=\"width: 720px;\" class=\"wp-video\"><video class=\"wp-video-shortcode\" id=\"video-1591-2\" width=\"720\" height=\"388\" preload=\"metadata\" controls=\"controls\"><source type=\"video\/mp4\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/interview.mp4?_=2\" \/><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/interview.mp4\">http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/interview.mp4<\/a><\/video><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprechen wir \u00fcber Fl\u00fcchtlingspolitik in den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. 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