{"id":1595,"date":"2015-09-11T10:25:59","date_gmt":"2015-09-11T10:25:59","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1595"},"modified":"2018-11-15T16:28:13","modified_gmt":"2018-11-15T16:28:13","slug":"vergeblichkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1595","title":{"rendered":"Vergeblichkeiten"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/IMG_1907.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1596\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/IMG_1907.jpg\" alt=\"IMG_1907\" width=\"600\" height=\"451\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein winziges Anzeichen des Fl\u00fcchtlingstroms, der vergangenes Wochenende durch Wien rollte, war der schmale, vielleicht 20-j\u00e4hrige, junge Erwachsene, der mir gegen\u00fcber im Abteil des Nachtzugs nach Z\u00fcrich sa\u00df. [1. Andreas Kirchner schlie\u00dft seinen <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1591#more-1591\">vorhergehenden Beitrag<\/a> mit einer \u00dcberlegung zur Diskrepanz zwischen allgemein hoff\u00e4higer Vernunft und dem nicht steuerbaren individuellen Ausbruch aus dieser Regulierung. Hier eine Umkehrung: von der individuellen Desorientierung zu ihrer gesellschaftlichen Integration.] Stumm, ohne Bewegung, defensiv in sich eingeschlossen, strahlte er eine Extraterritorialit\u00e4t aus, die davon abhielt, ihm n\u00e4her zu kommen. So fremd, dass man sich kaum dazu brachte, ihn als &#8220;Fl\u00fcchtling&#8221; zu klassifizieren. <\/p>\n<p>Bis an der Schweizer Grenze die Polizei durch die Waggons ging und Ausweise verlangte. Der Mann stand auf, holte seinen Rucksack vom Gep\u00e4cksnetz und tat so, als w\u00fcrde er das Dokument suchen. Der Polizist wartete geduldig. Nach einer Minute die Geste, dass es keinen Ausweis gibt. &#8220;What country do you come from?&#8221; &#8220;Syria&#8221;. Mitkommen. Widerspruchslos folgte der Syrer dem Schweizer, der ihn aus dem Zug holte.<\/p>\n<p>Was war der Sinn dieser Episode? Warum f\u00e4hrt jemand durch ganz \u00d6sterreich, um sich am Ende abfangen und retournieren zu lassen? Die Frage steht stellvertretend f\u00fcr die Hilf- und Ratlosigkeit, welche die gegenw\u00e4rtige Entwicklung ausl\u00f6st. (Ich spreche nicht von der befreienden Solidarit\u00e4t, sondern vom Fehlen einer l\u00e4ngerfristigen politischen Perspektive.) Unter diesem Fragezeichen verbrachte ich die n\u00e4chsten Tage in Z\u00fcrich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In der Anwendergruppe f\u00fcr Eprints, einer Software zur frei verf\u00fcgbaren Archivierung wissenschaftlicher Arbeiten, berichtete ein Entwickler von einer Datenbank, welche bibliographische und juridische Informationen von \u00fcber 2000 akademische Zeitschriften enth\u00e4lt.<a href=\"http:\/\/www.sherpa.ac.uk\/romeo\/\"> SHERPA\/RoMEO<\/a> ist eine umfangreichere Sammlung derselben Daten, mit dem einzigen Unterschied. dass sie nicht verzeichnet, ob ein Journal Peer Review praktiziert oder nicht. Auf speziellen Wunsch einiger Professoren wird eine Parallelaktion gestartet, deren einziger Zweck darin besteht, die Angabe &#8220;peer reviewed&#8221; hinzuzuf\u00fcgen oder vorzuenthalten.<\/p>\n<p>Dazu muss man bemerken, dass niemand diese Qualifikation kontrolliert. Zeitschriften k\u00f6nnen sagen, was ihnen beliebt. Sie k\u00f6nnen auch ein elaboriertes Peer-Review-Verfahren vorspiegeln und sich darum nicht k\u00fcmmern. Manche tun das auch. Die informatische Aktivit\u00e4t ist hochqualifiziert, beruflich erforderlich &#8211; und vergebliche Liebesm\u00fch&#8217;, um nicht zu sagen sinnlos. Sie l\u00e4sst sich in einzelne Schritte zerlegen, die alle ihre Plausibilit\u00e4t besitzen; insgesamt &#8220;ist es f\u00fcr die Katz&#8221;. Eine Fahrt zur Grenze und wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dann noch ein drittes Beispiel f\u00fcr Vergeblichkeit. Ich sitze, im blitzblanken Z\u00fcrich, am Limmatquai auf einer Holzbank, den Blick gesenkt, denn ich lese ein Buch. Unten, am Boden vor der Bank, b\u00fcckt sich eine fragile Frau, gut gekleidet, sorgf\u00e4ltig frisiert, Handschuhe aus durchsichtigem Plastik und einen ebensolchen Beutel in der Hand. Sie hebt zwei kurze Holzstiele auf, die da herumliegen. Auf meinen fragenden Blick l\u00e4chelt sie zur\u00fcck. Da ich nicht verstehe, folge ich auf Distanz. Eine Z\u00fcrcher B\u00fcrgersfrau, ohne Abzeichen und Attit\u00fcde, reinigt den Limmatquai von weggeworfenen Dosenverschl\u00fcssen und Papierzetteln. (Zigarettenstummel l\u00e4sst sie liegen.)<\/p>\n<p>Ist das nun krankhaft oder heiligm\u00e4\u00dfig? Ich kann nicht umhin, an die Bewegung der &#8220;Arbeiterpriester&#8221; zu denken, die in einem  strikt s\u00e4kularen Umfeld Transzendenz markierten. Eine Geste des Brotbrechens, eine Geste der Reinigung. Vergeblich ist nicht l\u00e4cherlich, dennoch tut es weh. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein winziges Anzeichen des Fl\u00fcchtlingstroms, der vergangenes Wochenende durch Wien rollte, war der schmale, vielleicht 20-j\u00e4hrige, junge Erwachsene, der mir gegen\u00fcber im Abteil des Nachtzugs nach Z\u00fcrich sa\u00df. [1. Andreas Kirchner schlie\u00dft seinen vorhergehenden Beitrag mit einer \u00dcberlegung zur Diskrepanz zwischen allgemein hoff\u00e4higer Vernunft und dem nicht steuerbaren individuellen Ausbruch aus dieser Regulierung. 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