{"id":1609,"date":"2015-12-25T20:25:51","date_gmt":"2015-12-25T20:25:51","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1609"},"modified":"2018-11-15T16:26:33","modified_gmt":"2018-11-15T16:26:33","slug":"konkurrenzglaube","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1609","title":{"rendered":"Konkurrenzglaube"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1613 aligncenter\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/s4.jpg\" alt=\"s4\" width=\"181\" height=\"276\" \/><\/p>\n<p>Eine Frau mit Kopftuch, und Waffe; auf der Haut arabische Schriftzeichen. Von wo kommt dieses Bild? Vom IS-Propaganda-Magazin <em>Dabiq?<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es findet sich am Titelblatt einer Ausgabe der Hochglanzbrosch\u00fcre <em>Wespennest<\/em> von 2005 und erregte meine Aufmerksamkeit bei der Lesung &#8220;<a href=\"http:\/\/derstandard.at\/2000026124296\/Stimmen-aus-dem-Iran-Eine-Insel-im-Ozean-der-Propaganda\">Stimmen aus dem Iran<\/a>&#8220;:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wespennest.at\/w_zeitschrift.php?id=MTM4\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1610 aligncenter\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/wn_138.jpg\" alt=\"wn_138\" width=\"169\" height=\"220\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es handelt es sich um eine Photographie in der Reihe <em>Women of Allah<\/em> aus den 1990er-Jahren, von Shirin Neshat und ist eine Auseinandersetzung mit der Islamischen Revolution im Iran. Verst\u00e4rken oder durchkreuzen diese Photos die Stereotype vom Orient (fanatisch, gewaltbereit, unterdr\u00fcckt, r\u00fcckst\u00e4ndig, exotisch)? Die Photo-Serie ist ein <a href=\"http:\/\/www.aljazeera.com\/indepth\/opinion\/2015\/06\/contemporary-art-outdated-shirin-neshat-iran-150604112955818.html\">eigenes Thema<\/a> f\u00fcr sich. Mojgan Khosravi hat dazu 2011 eine <a href=\"http:\/\/scholarworks.gsu.edu\/art_design_theses\/73\/\">Masterarbeit<\/a> verfasst.<\/p>\n<p>Das Titelblatt gibt jedenfalls einen Hinweis auf orientale Eigenheiten in unserer Vorstellung. Was f\u00e4ngt man damit an? Das Fremde kann anziehend wirken, oder erschreckend, oder beides. Wie geht man damit um, wenn die Vorstellungen, die man durch Medien und Lekt\u00fcre vom Orient gebildet hat, auf Situationen im Alltag treffen, und man mit Menschen in Begegnung kommt, die aus dieser (vorgestellten) Region kommen?<\/p>\n<p>M\u00f6gliche Haltungen:<\/p>\n<ul>\n<li>Abwertung: &#8220;Eure Religion is primitiv. Wir haben unsere Lektion schon bei den Kreuzz\u00fcgen gelernt. Der Orient ist jedoch um Jahrhunderte hinten nach. Noch heute muss dar\u00fcber argumentiert werden, ob Sklaverei dem Koran nach erlaubt ist.&#8221;<\/li>\n<li>\u00dcberh\u00f6hung: &#8220;Wir im Westen haben schon lange vergessen, dass Glaube ein gesellschaftlicher Auftrag ist. Im Orient durchdringt die Fr\u00f6mmigkeit das ganze Leben, im Westen, wenn \u00fcberhaupt, ein paar Tage im Jahr.&#8221;<\/li>\n<li>Kompromiss: &#8220;Jedem seine Wertvorstellungen. Wir sollten friedlich zusammenleben, und fordern, dass die Menschenrechte eingehalten werden.&#8221;<\/li>\n<li>Konkurrenz: &#8220;Zeig mir, wie ihr mit Ungl\u00e4ubigen umgeht &#8211; und dann vergleichen wir mit meiner Religion.&#8221;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Vor allem die letzte, vergleichende Haltung tritt in den aktuellen Debatten in den Hintergrund. Man \u00fcberspringt den Schritt, vom anderen zu fordern, sich zu messen. Entweder weil man meint, dass man mit Fundamentalisten gar nicht mehr diskutieren kann, oder weil man f\u00fcrchtet, selbst als Fundamentalist abgestuft zu werden.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund der m\u00f6glichen Haltungen und der Lekt\u00fcre der genannten Zeitschrift folgen nun:<\/p>\n<ul>\n<li>1. Eine Erg\u00e4nzung zur Reconquista, der &#8220;R\u00fcckeroberung&#8221; des muslimischen Spaniens durch christliche Heere, die in den beiden letzten Beitr\u00e4gen von Herbert Hrachovec (\u00fcber <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1607\">Kreuzz\u00fcge<\/a> und <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1603\">Dschihad) <\/a>vorkommt<\/li>\n<li>2. Ein Erfahrungsbericht zu konkurrierenden &#8220;Glaubenssystemen&#8221;, auf einer weniger existenziellen Ebene, und zwar in der Community von Smartphone-Entwicklern. Apple iOS oder Google Android?<\/li>\n<\/ul>\n<hr \/>\n<p><strong>1. R\u00fcckeroberung?<\/strong><\/p>\n<p>Herbert Hrachovec schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Islamische Heere haben einen Angriffskrieg gegen Europa gef\u00fchrt. Die Kreuzz\u00fcge fallen mit der Bewegung der Reconquista zusammen. Das legitimiert sie keinesfalls, aber es heisst, dass sich in diesen kriegerischen Abl\u00e4ufen, wenn man schon mit Kategorien des Mittelalters operiert, keine Partei als unschuldig bezeichnen kann.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Soll man beide Parteien also als schuldig bezeichnen?<\/p>\n<p>Der Schriftsteller Ilija Trojanov schreibt im Artikel &#8220;Europas verdr\u00e4ngte Wurzeln&#8221; im Wespennest \u00fcber Al-Andalus (vom 8. bis zum 15. Jahrhundert unter muslimischer Herrschaft), dass es ein &#8220;intensives, oft fruchtbares Miteinander von Muslimen, Christen und Juden&#8221; gab. Man soll au\u00dferdem nicht von einer <em>Fremd<\/em>herrschaft sprechen, weil der Islam ebenfalls zu Europa geh\u00f6rt.Unter muslimischer Herrschaft und durch muslimische Gelehrte wurde die griechische Philosophie diskutiert, wissenschaftliche Forschung betrieben und die christliche Scholastik beeinflusst. Die Arabistin\/Germanistin Silvia Horsch geht in einem <a href=\"http:\/\/www.al-sakina.de\/inhalt\/artikel\/Islam_Europa\/islam_europa.html\">Vortrag in Berlin 2008 in eine \u00e4hnliche Richtung<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: Verdana,Tahoma,Arial,Helvetica,sans-serif;\">Spanien war in unterschiedlicher Ausdehnung vom 8. bis ins 15. Jahrhundert unter muslimischer Herrschaft. Insgesamt lebten Muslime dort \u00fcber 900 Jahre bis die spanische Inquisition, die nach dem erfolgreichen Ende der Reconquista einsetzte, sie zusammen mit den Juden vertrieben oder get\u00f6tet hat. Muslime lebten also ann\u00e4hernd ein Jahrtausend in Westeuropa und das reicht nicht, um den Islam in die Reihe der europ\u00e4ischen Traditionen aufzunehmen?<\/span><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Tahoma,Arial,Helvetica,sans-serif;\">Man kann sagen, dass die muslimische Pr\u00e4senz in Andalusien zweimal endete, einmal mit Vertreibung und Inquisition und ein zweites Mal in den Geschichtsb\u00fcchern, in denen diese Epoche aus der europ\u00e4ischen Geschichte ausgetragen wurde, indem man eine Phase der Fremdherrschaft daraus machte. Die Verdr\u00e4ngung des Islams aus der europ\u00e4ischen Geschichte wird ihrerseits verdr\u00e4ngt, und so entsteht der Eindruck, Europa sei etwas, das sich ganz unabh\u00e4ngig vom Islam entwickelt habe. Europa konstruiert sich auf diese Weise selbst \u00fcber einen \u201eMechanismus des Ausschlusses\u201c (Navid Kermani).<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Sie verweist au\u00dferdem auf einen <a href=\"http:\/\/sammelpunkt.philo.at:8080\/739\/1\/wolf_islam.pdf\">Vortrag von Frieder Otto Wolf (FU Berlin)<\/a>, von 1999: &#8220;Ohne die islamische Philosophie h\u00e4tte es weder Scholastik noch Aufkl\u00e4rung geben k\u00f6nnen! Philosophiehistorische Anhaltspunkte f\u00fcr eine europ\u00e4ische Haltung zum Islam&#8221;.<\/p>\n<p>Nun, es ist zwecklos, die Vergangenheit zu verkl\u00e4ren und aktuelle Bed\u00fcrfnisse hineinzulegen, darauf macht etwa der spanische Mittelalter-Forscher <span class=\"artSingleAuthor\">Francisco Garcia Fitz in<\/span> <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article220620\/Auf-dem-Weg-zum-Djihad.html\">diesem Beitrag in &#8220;die Welt&#8221;<\/a> aufmerksam. Doch es scheint ausreichend belegt, dass es zu dieser Zeit einen regen Austausch gab zwischen islamischen und christlichen Praxen und Gedanken, und das obwohl Christen und Juden (<i>dhimmis<\/i>) nicht die gleichen Rechte wie Muslime hatten und teilweise spezielle Kleidervorschriften zur leichteren Identifikation zu befolgen hatten. Auch die Job-Aussichten waren f\u00fcr Nicht-Muslime stark begrenzt. Manchmal konnte man sich arrangieren und kam mit dem Zahlen von zus\u00e4tzlichen Steuern davon. Als durchschnittlicher Mensch war man dem Regime und der G\u00e4ngelung aus der Gruppe der Herrschenden jedoch eher ausgeliefert. Das konnte in manchen F\u00e4llen bedeuten, in einem Pogrom umzukommen (1011 in Cordoba, oder das Massaker von Granada 1066).<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund kann man die \u00dcberlegung, dass beide Seiten nicht unschuldig waren, erweitern und sagen, dass die Stilisierung zu zwei Seiten ebenfalls nicht unschuldig ist. Mit Hilfe der Unterteilung hat sich ein europ\u00e4isches Selbstverst\u00e4ndnis herausgebildet, das ein Bild vom Orient voraussetzt, das man nicht so einfach aufgeben kann, und zu dem man laufend Fakten finden kann.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re eine Illussion und ein Missverst\u00e4ndnis, wahrgenommene Unterschiede zu nivellieren &#8211; oder daran zu appellieren, sich doch zu besinnen, weil wir fr\u00fcher alle gemeinsam waren, usw.<\/p>\n<p>Was aber sonst tun?<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>2. Konkurrenz der Systeme<\/strong><\/p>\n<p>Aus meiner Berufserfahrung kenne ich eine weniger dramatische, \u00fcberschaubarere Zwei-Seiten-Konstellation, die nicht das gesamte Weltverst\u00e4ndnis betrifft, aber zunehmend Bereiche des Alltags: Smartphones und ihr Betriebssystem.<\/p>\n<p>In &#8220;unserem Team&#8221; gibt es keinen Zweifel daran, dass Smartphones wichtig sind. Unser Arbeitsplatz h\u00e4ngt au\u00dferdem daran. Die \u00dcberzeugungen divergieren jedoch dar\u00fcber, welches Betriebssystem f\u00fcr User und Programmiererinnen besser geeignet ist: Android oder iOS? Beide versprechen in der Produktpr\u00e4sentation vieles, und k\u00f6nnen im Alltag nicht alles halten. Ebenfalls sind Programmiererinnen in der Lage, das Ausma\u00df der M\u00fche zu beurteilen, mit der die gl\u00e4nzenden Effekte hergestellt werden.<\/p>\n<p>Apples iPhone hat die Mehrheit in jenem Schweizer Marktsegment, f\u00fcr die wir Apps anbieten. Entssprechend sind die iOS-Entwickler im Team vielz\u00e4hliger und mit entsprechendem Selbstbewusstsein. Die Android-Sympathisanten dagegen sind in der Minderheit. Sie haben ein waches Auge auf alle Nachteile, die beim Entwicklen von iPhone Apps entstehen &#8211; und verpassen keine Gelegenheit, die \u00dcberlegenheit von Android herauszustellen. Da wird man oft von den Apple Fanboys bel\u00e4chelt. Sie verteidigen &#8220;ihr&#8221; Betriebssystem, und l\u00e4cheln, wenn sie mal kein Argument haben. Hin und wieder gibt es Konvertiten, die von der Ex-Fraktion mit Kopfsch\u00fctteln beurteilt werden. Oft kommt man darauf zu sprechen, und jedes gewonnene Argument ist Anlass, den Konvertiten aufzufordern, doch wieder zum &#8220;rechten Glauben&#8221; zur\u00fcckzuwechseln. Mit einem Augenzwinkern.<\/p>\n<p>Meine Erfahrung ist, dass man durch das konkurrierende System wachsam bleibt, weil seine Vorurteile einer Auseinandersetzung standhalten m\u00fcssen. So lernt man die Schw\u00e4chen seines Betriebssystems kennen. Die Erfahrung der Konkurrenz ist bereichernd wenn die Gemeinschaft, mit der man auf der Suche nach dem besten Betriebssystem f\u00fcr die jeweilige Anforderung ist, ausreichend Humor hat, um auch einmal eine Niederlage zu verkraften und ausreichend Nachsicht, um die Versuche, den eigenen Glauben schlechter dastehen zu lassen, gelassen zu nehmen. Die Erfahrung, dass man eine Niederlage einsteckt, aber keine fatalen Konsequenzen bef\u00fcrchten muss, h\u00e4lt die Gemeinschaft zusammen, obwohl &#8211; vielleicht sogar: weil &#8211; die \u00dcberzeugungen auseinandergehen.<\/p>\n<p>Vielleicht schreibt deswegen der englische Poet und christliche Apologet Gilbert Chesterton, in Bezug auf die Faktoren der Stiftung von Einheit:<\/p>\n<blockquote><p>\u201cIt is not merely true that a creed unites men. Nay, a difference of creed unites men \u2013 so long as it is a clear difference. A boundary unites. Many a magnanimous Moslem and chivalrous Crusader must have been nearer to each other, because they were both dogmatists, than any two agnostics. \u201cI say God is One,\u201d and \u201cI say God is One but also Three,\u201d that is the beginning of a good quarrelsome, manly friendship.\u201d \u2013 The New Hypocrite, <em><a href=\"http:\/\/www.gutenberg.org\/files\/1717\/1717-h\/1717-h.htm\">What\u2019s Wrong with the World<\/a><\/em><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<p>Was w\u00e4re, wenn man den Leuten ein iPhone mit einer neuen iOS-Version in die Hand gibt, das jedoch ein angepasstes Android-Betriebssystem installiert hat? Was, wenn man dies auf \u00e4hnliche Weise mit Koran und Bibel machen w\u00fcrde? Die Leute von &#8220;Dit is Normaal&#8221; zeigen das in zwei You-Tube-Videos:<\/p>\n<p>Das Eigene im Fremden:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Apple Fanboys LOVE Android\" width=\"780\" height=\"439\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/dhBdPx53pfQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\nDas Fremde im Eigenen:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"The Holy Quran Experiment\" width=\"780\" height=\"439\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/zEnWw_lH4tQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Frau mit Kopftuch, und Waffe; auf der Haut arabische Schriftzeichen. Von wo kommt dieses Bild? 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