{"id":1615,"date":"2016-01-20T12:59:37","date_gmt":"2016-01-20T12:59:37","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1615"},"modified":"2018-11-15T16:25:48","modified_gmt":"2018-11-15T16:25:48","slug":"wahre-empfindungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1615","title":{"rendered":"wahre Empfindungen"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1617\" aria-describedby=\"caption-attachment-1617\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?attachment_id=1617\" rel=\"attachment wp-att-1617\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1617\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Csontv\u00e1ry_Kosztka_Tivadar_-_ismeretlen_d\u00e1tum_-_Er\u0151d\u00edtm\u00e9ny_tev\u00e9s_arabokkal.jpg\" alt=\"Csontv\u00e1ry_Kosztka_Tivadar_-_ismeretlen_d\u00e1tum_-_Er\u0151d\u00edtm\u00e9ny_tev\u00e9s_arabokkal\" width=\"600\" height=\"372\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1617\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Csontv%C3%A1ry_Kosztka_Tivadar_-_ismeretlen_d%C3%A1tum_-_Er%C5%91d%C3%ADtm%C3%A9ny_tev%C3%A9s_arabokkal.jpg\"> Kostka Tivadar Csontv\u00e1ry<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>In der letzten Vorlesungsstunde zu <a href=\"https:\/\/audiothek.philo.at\/podcasts\/big-data\/big-data-12\">Big Data<\/a> bezog ich mich unter anderem auf einen <a href=\"http:\/\/philo.at\/wiki\/index.php?title=Der_Mythos_des_Vorgegebenen_(BD2015)\">Text Christian Geyers<\/a> aus der FAZ vom 13.1.2016. Er registriert die Verunsicherung durch zahlreiche Metadiskussionen zum Fl\u00fcchtlingsproblem und die (vergebliche) Suche nach elementaren Bildern und Geschichten. Der Anlass seiner \u00dcberlegung ist das Bild hungernder Kinder in Madaya, Syrien. Wann, wenn nicht hier, sollte es Gewissheiten geben. Jedoch:<\/p>\n<blockquote><p>Unser Albtraum ist, dass wir solche Albtr\u00e4ume nur in abgeleiteten, von der Deutungsmaschinerie erhitzten Kategorien wie Fluchtursachen, Einzelf\u00e4llpr\u00fcfung und Kriminalit\u00e4tsstatistik wahrzunehmen gew\u00f6hnt sind. Unser Albtraum ist, dass wir auf diese Raster angewiesen bleiben, soll &#8220;Syrien&#8221; uns \u00fcberhaupt betreffen k\u00f6nnen.<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Beim Versuch, die Plausibilit\u00e4t dieses Gedankens der gelinden Verzweiflung angesichts der durchg\u00e4ngigen <em>Vermittlung<\/em> des Unmittelbaren, zu beschreiben, unterbrach mich ein Kollege mit dem berechtigten Einwand. &#8220;Wir wissen doch mittlerweile &#8211; und diese Vorlesung hat dazu beigetragen &#8211; dass es keine Unschuld der medialen Vermittlungen gibt. Alles ist pr\u00e4formiert. Das ist doch wohl die Lehre davon, dass es keine Rohdaten gibt.&#8221; Und darum auch keine klinisch sauberen Empfindungen, auf die man sich berufen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&#8220;Die Stunde der wahren Empfindung&#8221; (Peter Handke) kann nicht schlagen. Ein kurzer Blick in aktuelle Debatten \u00fcber &#8220;emotions&#8221; zeigt, dass deren Rolle im Erkenntnisprozess zwar zunehmend gew\u00fcrdigt wird, doch in der Regel in vorbereitender und unterst\u00fctzender Funktion. Wenn man mit &#8220;Wahrheit&#8221; nicht eine Erleuchtung meint, die von jenseits der Argumentationsm\u00f6glichkeiten kommt, bleibt die Rede von &#8220;wahren Empfindungen&#8221; eine Gestikulation.<\/p>\n<p>Was tun mit meiner Absicht, Christian Geyers &#8220;Albtraum&#8221; zumindest verst\u00e4ndlich zu machen? Eine m\u00f6gliche Formulierung scheint mir &#8220;unschuldige Empfindungen&#8221; zu sein. Auch \u00fcber die Behauptung, es g\u00e4be so etwas, kann diskutiert werden. Das setzt jedoch, in einer seiner vielen Varianten, den Glauben an Erbs\u00fcnde voraus. Gesetzt dagegen der Fall, wir verf\u00fcgten \u00fcber ein (einigerma\u00dfen) konsolidiertes Sprachspiel der Schuldzuweisung, dann erh\u00e4lt &#8220;unschuldig&#8221; darin einen guten Sinn. Und den k\u00f6nnte man in Anspruch nehmen, um zu beschreiben, was einen bei den genannten Bildern bewegt.<\/p>\n<p>Empfindungen sind in diesem Zusammenhang keine Begr\u00fcndung f\u00fcr irgend etwas. Aber sie k\u00f6nnen in die Diskussion eingebracht werden, ohne dass man sich anh\u00f6ren muss, sie seien manipulativ.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der letzten Vorlesungsstunde zu Big Data bezog ich mich unter anderem auf einen Text Christian Geyers aus der FAZ vom 13.1.2016. Er registriert die Verunsicherung durch zahlreiche Metadiskussionen zum Fl\u00fcchtlingsproblem und die (vergebliche) Suche nach elementaren Bildern und Geschichten. Der Anlass seiner \u00dcberlegung ist das Bild hungernder Kinder in Madaya, Syrien. 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