{"id":1621,"date":"2016-02-10T12:04:02","date_gmt":"2016-02-10T11:04:02","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1621"},"modified":"2016-02-10T12:04:02","modified_gmt":"2016-02-10T11:04:02","slug":"wer-ist-harald-schmidt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1621","title":{"rendered":"Wer ist Harald Schmidt?"},"content":{"rendered":"<div align=\"right\">\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?attachment_id=1623\" rel=\"attachment wp-att-1623\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1623\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/VRHS.jpg\" alt=\"VRHS\" width=\"150\" height=\"224\" \/><\/a><\/p>\n<\/div>\n<p>Der junge deutsche Youtuber Robert Michel alias Rob Vegas ist vor ein paar Jahren durch die Medienwelt gegeistert, weil er einen Pseudo-Twitteraccount von Harald Schmidt angelegt hatte (@bonito.tv), der schon nach kurzer Zeit beachtliche Follower-Zahlen erreichte. Obwohl Michel regelm\u00e4ig darauf hingewiesen hatte, dass er nicht vom echten Fernsehmoderator betreut wurde, erfreute sich der Twitteraccount h\u00f6chster Beliebtheit, denn es gelang dem jungen Medienschaffenden den Stil des Entertainers \u00fcberzeugend zu kopieren und deswegen wollten dessen Bewunderer weiterhin ihre \u201ct\u00e4gliche Dosis Schmidt\u201d.<\/p>\n<p>Ende 2015 ist eine von Michel verfasste Biographie im Goldmann-Verlag ver\u00f6ffentlicht worden. Gut lesbar steht darauf oberhalb des Titels: \u201cIch, Harald Schmidt\u201d, die Warnung: \u201cVorsicht F\u00e4lschung\u201d. Die Tautotologie im Titel verst\u00e4rkt den Effekt der Warnung noch. Die Lebensbeschreibung basiert nach Michels Aussage, aufgrund der mangelnden Mitwirkung des Beschriebenen, ausschlie\u00dflich auf kompilierten Anekdoten, die Schmidt in seiner Fernsehsendung zum Besten gab und die der Jungautor seinem eigenen Gutd\u00fcnken nach in Relation zueinander setzte. Die dabei entstehenden L\u00fccken im Lebenslauf wurden interpretativ gef\u00fcllt.<\/p>\n<p>Nun befindet sich Harald Schmidt in einem Alter, in dem noch zu viele Seiten in der Biographie frei bleiben m\u00fcssten. Zudem ist bekannt, dass ihm sehr daran gelegen ist, sein Privatleben geheim zu halten. \u00dcberraschenderweise hat der Fernsehunterhalter allerdings keine rechtlichen oder sonstige Schritte eingeleitet. Man sollte meinen, dass es ihm unangenehm sein m\u00fcsste, wenn er als Mittel benutzt wird, um einem Youtuber zu mehr Bekanntheit zu verhelfen. Michel selbst <a href=\"https:\/\/soundcloud.com\/robvegasshow\/rob-vegas-im-nordwestradio-zu-ich-harald-schmidt\">verweist darauf<\/a>, dass Schmidt in einem Radiointerview gesagt habe, dass er die Pseudo-Biographie begr\u00fc\u00dfe, weil es zur Vernebelung seines Privatlebens beitragen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Es ergeben sich hier einige Fragen. Auf drei dieser Fragen m\u00f6chte ich ein wenig eingehen: <\/p>\n<ol>\n<li>Wer wird in der Pseudo-Biographie beschrieben? <\/li>\n<li>Wieso lassen sich Bewunderer wissentlich auf einen bekannten Identit\u00e4tsklauer ein? <\/li>\n<li>Inwiefern dient die Biographie zur \u201cVernebelung\u201d des Privatlebens von Schmidt?<\/li>\n<\/ol>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Identit\u00e4t ist wie eine Baustelle. Sich die Geschichte der Baustelle (als wandernde heterogene Assoziation) anzusehen, ist etwas anderes als sich die Geschichte des Geb\u00e4udes anzusehen.<\/p>\n<p>Wenn eine Verputzschicht nicht anziehen will, dann macht man sich auf der Baustelle dar\u00fcber Gedanken, ob der Betonmischer richtig funktioniert. Ist dieser einwandfrei gewartet und fachberecht bedient worden, wenn das Mischverh\u00e4ltnis der Baustoffe stimmt und der Mischer trotzdem der Baumasse nicht die richtige Konsitstenz verleiht, dann richtet man sich an den Hersteller. Dieser pr\u00fcft den Produktionsablauf und die beteiligten Betriebsmittel. Arbeiten auch diese einwandfrei, bringen aber trotzdem das falsche Ergebnis hervor, dann misstraut man den Kontrollmechanismen selbst, ist aber dann wiederum auf Kontrollsysteme angewiesen, welche die Kontrollsysteme kontrollieren, usw.<\/p>\n<p>Dass nicht so leicht ist, Identit\u00e4t herzustellen, zeigt zum Beispiel eine aktuelle Fernsehserie auf Netflix, die \u201cMaking a Murderer\u201c hei\u00dft. Um das Ende der Serie nicht zu spoilen m\u00f6chte ich nur eine Episode herausgreifen. Es ging darum festzustellen, ob in einem Mordfall als Beweismittel verwendete Blutspuren, die zweifelsfrei dem Angeklagten zugeschrieben werden konnten, wirklich belegten, dass dieser sich an einem bestimmten Ort befand. Es war unklar, ob die Blutspritzer von einer offenen Wunde des Angeklagten oder aus einer Blutprobenampulle stammten und von jemand dort platziert worden waren. Um den Unterschied festzustellen, musste ein chemischer Test entwickelt werden, der Spuren eines Konservierungsmittels anzeigen konnte, das zur Lagerung von Blutproben verwendet wurde. Dieser Test war, der Aussage einer Sachverst\u00e4ndigen zufolge, aber nicht absolut zuverl\u00e4ssig, denn es konnte nicht festgestellt werden, ob der Test negativ ausfallen w\u00fcrde, weil die Probe keine Anteile des Stoffes enthielt, oder weil der Test nicht auf durch vorhergehende Spektrumseingrenzung unanzeigbar gemachte Messausschl\u00e4ge ansprechen w\u00fcrde hat. Man m\u00fcsste einen Test entwickeln, um die Voraussetzungen zu pr\u00fcfen. &#8211; Man kann sich vorstellen, dass dem Angeklager mulmig wurde, weil er einem potentiell \u00e4u\u00dferst langwierigen Prozess entgegensah.<\/p>\n<p>Schlussendlich aber musste die Gerichtsverhandlung weitergehen. Der Richter war in der Position, den Prozess mit einem Ruck zum Stoppen zu bringen, indem er die Sachverst\u00e4ndige unter Eid fragte: \u201cK\u00f6nnen Sie die Frage nach der Herkunft Ihrer Sachverst\u00e4ndigkeit als Wissenschaftlerin gem\u00e4\u00df mit Ja oder Nein beantworten?\u201d Es handelt sich dabei dann um keine Frage nach den Tatsachen, sondern eher um eine Gewissensfrage. Es scheint, als k\u00f6nne man sich im Endeffekt nur auf \u201cZeugenaussagen\u201d verlassen, anstatt Tatsachenberichte zu bekommen.<\/p>\n<p>Nun sitzt man gl\u00fccklciherweise in seinem Leben entweder nie, oder wenn, dann nur relativ kurz in einem Gerichtssaal. Weniger d\u00fcster stellt sich die Geschichte rund um den Identit\u00e4tsklau um Harald Schmidt dar. Allerdings nicht weniger interessant.<\/p>\n<p>Die \u201cDNS\u201d des Biographietextes setzt sich zusammen aus Anekdoten von Schmidt und der Interpretationsgabe von Michel. Die Anekdoten wurden im Rahmen der Fernsehsendung pr\u00e4sentiert, aus dem Grund muss man annehmen, dass Michel hier das eigentlich bemerkenswerte Kunstst\u00fcck vollbracht hat, eine Biographie des \u201cMeta-Schmidt\u201d zu schreiben, d. h. eine Biographie der Person, so wie sie sich selbst in einer Fernsehsendung beschrieben hatte. Ein f\u00fcr Zuschauer produziertes Produkt wird dadurch, dass einer dieser Zuschauer es reflektiert, zu einem Ganzen komplettiert. Dieses Ganze ist sicher nicht eine Beschreibung von Harald Schmidt. Aber: Wer ist Harald Schmidt? Und wer au\u00dfer \u201cZeugen\u201d k\u00f6nnte diese Frage beantworten?<\/p>\n<p>Dass die Identit\u00e4t Harald Schmidts in dieser Hinsicht \u201coffen\u201d bleiben muss, l\u00e4sst es zu sich der zweiten Frage zu n\u00e4hern: Wieso lassen sich Menschen wissentlich auf einen ausgewiesenen Identit\u00e4tsklauer ein?<\/p>\n<p>Die Bewunderer von Schmidt wollen nicht ihn, sondern sie wollen jemanden, der genauso ist wie er. Michels Gags auf Twitter und die Interpretationen, welche die L\u00fccken im Lebenslauf des Beschriebenen schlie\u00dfen, stehen in einer Reihe mit den Gags und Interpretationen, die Schmidts sendungsverantwortliche Redakteure geschrieben haben. So bewunderswert das unterhaltende Talent des Moderators auch ist, vollkommen auf sich alleine gestellt w\u00e4re er nicht die Figur, die er selbst abgibt. Diese Figuration ist, wird die Baustelle ausgeblendet, \u00e4u\u00dferst instabil und ruht dann ganz auf der \u00dcberzeugung der Bewunderer.<\/p>\n<p>Die Begeisterung, die Michel entgegengebracht wird, ist die Manifestation der Erzeugung des Harald Schmidt durch seine Bewunderer. So gesehen, hat der junge Autor die Offenheit der Identit\u00e4t Schmidts vergr\u00f6\u00dfert; in Schmidts Identit\u00e4t ist jetzt mehr Platz.<\/p>\n<p>Was bedeutet nun: \u201cmehr Platz\u201d? Die dritte Frage lautete: Inwiefern dient die Biographie Michels zur Vernebelung des Privatlebens von Schmidt? In Zeiten, in denen die \u201c\u00dcberwachungskrake\u201d, der \u201cgl\u00e4serne Mensch\u201d, das \u201cEnde der Privatsph\u00e4re\u201d usw. propagiert werden, spricht die pointierte Aussage Schmidts f\u00fcr erstaunliche Gelassenheit. Es scheint auf den ersten Blick der Intuition zu widersprechen, die nahelegt, dass Privatsph\u00e4re den sorgf\u00e4ltigen Ausschluss von zirkulierenden Informationen bedeutet.<\/p>\n<p>Aus der bisher dargestellten Perspektive auf die Identit\u00e4t jedoch scheint die Aussage schl\u00fcssig. Je mehr Informationen zug\u00e4nglich gemacht werden, desto eher werden sich diese ineinader verstricken, sich widersprechen, \u201cKontrollsysteme\u201d notendig machen, die auf Dauer scheitern, durch Bezeugungen gest\u00fctzt werden und dann nur noch Gerede erzeugen.<\/p>\n<p>In dem Moment, in dem ein Geb\u00e4ude fertiggestellt ist, beginnt sein Verfall. Sobald die Identit\u00e4t festgestellt ist, wird ihre Passivit\u00e4t ersichtlch. Je mehr die Bewunderer von Schmidt diesen Verfallsprzess aufhalten, desto mehr verunm\u00f6glichen sie auch die Bestimmung dessen, was sie da eigentlich verfr\u00fcht restaurieren. Wenn man nichts preisgeben m\u00f6chte muss man st\u00e4ndig irgendetwas preisgeben.<\/p>\n<p>Was ist aber im umgekehrten Fall, also dann, wenn Schmidt seine Identit\u00e4t nicht vernebeln will? Wenn der echte Harald Schmidt ohne Ausweis an einer L\u00e4ndergrenze aufgehalten wird, kann streng genommen rein durch \u201cTests\u201d nicht festgestellt werden, ob er der ist, der er vorgibt zu sein. Im Endeffekt braucht es daf\u00fcr menschliche oder verbriefte Zeugen (Zeugnisse). Dass diese \u201cZeugen\u201d nicht immer verl\u00e4sslich sind, weil sie zum Beispiel eigene Interessen vertreten, zeigt der Fall Michel. Wer ist also der Beschriebene? Mit Sicherheit nicht Harald Schmidt. Aber: Wer ist Harald Schmidt? Die Tautologie: \u201cIch, Harald Schmidt\u201d, wohl als \u00dcberzeichnung intendiert, dr\u00fcckt ein \u201cZuviel\u201d aus, das anscheinend der Person ein Namensschild verpasst, damit man diese erkennt.<\/p>\n<p>Ein etwas absurdes Gedankenspiel: Stellen wir uns einen wirklich unangenehmen Z\u00f6llner vor, dem Schmidt ohne Ausweis an der Grenze begegnet. Unangenehm ist er deswegen, weil er ein grotesk \u00fcberzogenes Pflichtbewusstsein hat, das sich in der beschriebenen Situation als ausgepr\u00e4gtes Dissentertum bemerkbar macht. Egal was Schmidt anstellt, der Beamte hat immer Zweifel an dessen Identit\u00e4t. Es ist ein Gedankenbeispiel, also treiben wir das ganze so weit, dass der Zollbeamte eine Verschw\u00f6rung vermutet und die Familie und Mitarbeiter Schmidts, ebenso wie die Beamtin im Einwohnermeldeamt f\u00fcr Schauspieler, die Situation f\u00fcr eine Inszenierung h\u00e4lt.<\/p>\n<p>F\u00fcr sich wei\u00df Schmidt, dass er die Person ist, die er vorgibt zu sein. Und f\u00fcr alle die Zeugnis ablegen, dass er es ist, ist er es auch. Im Identit\u00e4tsbegriff von Schmidt sind das die Nebellichter.<\/p>\n<p>Je mehr M\u00f6glichkeiten zur Kontroversenbildung sich entwickeln, je mehr man \u00fcber sich preisgibt, desto mehr werden die vielen Vermittlungen des Preisgebens dazu f\u00fchren, dass die Identit\u00e4t unklar wird, sich ein Interpretationsraum vergr\u00f6\u00dfert. \u00dcbrig bleibt nur der Glaube an die Identit\u00e4t der Person. Dieser Glaube betrifft das Geb\u00e4ude und nicht die Baustelle und f\u00fcllt den Identit\u00e4tsbegriff auf diese Weise restlos aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der junge deutsche Youtuber Robert Michel alias Rob Vegas ist vor ein paar Jahren durch die Medienwelt gegeistert, weil er einen Pseudo-Twitteraccount von Harald Schmidt angelegt hatte (@bonito.tv), der schon nach kurzer Zeit beachtliche Follower-Zahlen erreichte. 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