{"id":1672,"date":"2016-05-04T08:32:50","date_gmt":"2016-05-04T08:32:50","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1672"},"modified":"2018-11-15T08:53:27","modified_gmt":"2018-11-15T08:53:27","slug":"unbedingt-asyl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1672","title":{"rendered":"unbedingt Asyl"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\">\n<a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?attachment_id=1673\" rel=\"attachment wp-att-1673\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1673\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/luft.jpg\" alt=\"luft\" width=\"400\" height=\"390\" \/><\/a>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Symposium zu &#8220;FLUCHT UND ASYL. Sozialphilosopische Perspektiven&#8221; im Rahmen des FWF Projektes <a href=\"https:\/\/language.univie.ac.at\/\">Sprache und Gewalt <\/a> am Institut f\u00fcr Philosophie der Universit\u00e4t Wien befasste sich ausf\u00fchrlich mit dem Thema Asyl. Eine exponierte Position hat Jacques Derrida in <a href=\"http:\/\/www.passagen.at\/cms\/index.php?id=62&#038;isbn=9783709201541&#038;L=2\">Von der Gastfreundschaft<\/a> vertreten. Er spricht von &#8220;absoluter und bedingungsloser Gastfreundschaft&#8221;[1. Wie bei Derrida \u00fcblich ist diese Redeweise in ein komplexes Argumentationsverfahren eingebettet. H.W. Sneller hat es in einem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/2362377\/Ethische_Aporien_die_Paradoxe_der_Gastfreundschaft_\">Ethische Aporien: die Paradoxe der Gastfreundschaft<\/a> detailliert er\u00f6rtert. Die vorliegende Notiz folgt Derridas Man\u00f6vern nicht und setzt sich dem Vorwurf der unzul\u00e4ssigen Vereinfachung aus.]. Einige Teilnehmerinnen (m\/w) machten sich diesen Gedanken zu eigen. Es folgt ein Versuch, diese Formulierung als sprachliche Wendung mit praktischen Auswirkungen zu analysieren.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Unbedingtheit und Absolutheit sind steile Vorgaben. Sie fallen aus dem gew\u00f6hnlichen Lebensverlauf. Auch Derrida stellt sie den &#8220;gem\u00e4\u00dfigten&#8221;, im pragmatischen Umgang gebr\u00e4uchlichen, Regelungen gegen\u00fcber. Es ist daher hilfreich, sich an Praktiken zu erinnern, in denen diese hochgesteckten Anspr\u00fcche auf weitgehenden Konsens treffen und regelm\u00e4\u00dfig umgesetzt werden. Spit\u00e4ler im Kriegsgebiet, betrieben vom &#8220;Roten Kreuz&#8221; oder von den &#8220;Medizinern ohne Grenzen&#8221;, nehmen Verletzte abgesehen von allen Restriktionen auf. Und auch <a href=\"http:\/\/www.kirchenasyl.de\/erstinformation\/\">das Kirchenasyl<\/a> steht unabh\u00e4ngig von Herkunft und Schuld offen.<\/p>\n<p>F\u00fcr beide Beispiele gilt ein Prinzip, das <a href=\"http:\/\/www.peter-zeillinger.at\/\">Peter Zeilinger<\/a> auf der Wiener Tagung als die Forderung vertreten hat, Asyl vor der Asylpr\u00fcfung zu gew\u00e4hren. Das Schutzgebot hat Vorrang vor der b\u00fcrokratischen \u00dcberpr\u00fcfung der Rechtm\u00e4ssigkeit des Verlangens. Die Aufnahmebereitschaft kennt, wie Derrida ausf\u00fchrt, einen Modus der Bedingungslosigkeit. Zeilinger verallgemeinert das f\u00fcr jede Asylpraxis.<\/p>\n<p>Darin steckt eine m\u00e4chtige Voraussetzung. Spit\u00e4ler und Kirchen sind r\u00e4umlich und institutionell eng umrissene Orte. <strong>Sie k\u00f6nnen Aufnahmekapazit\u00e4ten ohne Bedingungen nur sehr begrenzt zur Verf\u00fcgung stellen.<\/strong> Zum Asylverst\u00e4ndnis, das sich mit ihnen verbindet, geh\u00f6rt, dass diese Orte nicht universalisierbar sind. Spit\u00e4ler inmitten von Kampfhandlungen m\u00fcssen triagieren. In diesem Fall werden die beiden von Derrida diskutierten &#8220;Gastfreundschaften&#8221; (bedingt und unbedingt) nebeneinander praktiziert: im Prinzip alle, de facto aber nur beschr\u00e4nkt viele Hilfesuchende k\u00f6nnen behandelt werden.<\/p>\n<p>Gastfreundschaft, und Aufnahmebereitschaft generell, sind begrifflich so verfasst, dass sie nicht verabsolutiert werden k\u00f6nnen. Eine schwache Lesart dieser Behauptung besagt, es w\u00e4re zwar w\u00fcnschenswert, sie uneingeschr\u00e4nkt gelten zu lassen, nur k\u00f6nnten wir das leider nicht in vollem Umfang verwirklichen. Ich vertrete eine st\u00e4rkere Lesart: die Worte verlieren ihren Sinn, wenn das bezeichnete Verhalten keine Individualisierung (mehr) zul\u00e4sst. Eine beliebige Person, die Unterkunft verlangt, ist kein Gast. Sie <em>kann<\/em> zum Gast <em>werden<\/em>, wenn jemand sie aufnehmen <em>kann<\/em>. Diesem K\u00f6nnen sind Grenzen gesetzt, die sich nicht beliebig ausdehnen lassen.<\/p>\n<p>Dagegen spricht der alte sozialistische Gru\u00df &#8220;Freundschaft&#8221; und die Tradition des idealistischen Humanismus, die sich in Schillers <a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Ode_an_die_Freude\">Ode an die Freude<\/a>[2. Geschrieben <a href=\"http:\/\/freimaurer-wiki.de\/index.php\/Freude_sch%C3%B6ner_G%C3%B6tterfunken\">f\u00fcr eine Dresdener Freimaurerloge<\/a> 1785] zu den h\u00f6chsten T\u00f6nen aufschwingt. <\/p>\n<blockquote><p>Rettung von Tirannenketten,\u2028<br \/>\nGro\u00dfmut auch dem B\u00f6sewicht,\u2028<br \/>\nHoffnung auf den Sterbebetten,<br \/>\nGnade auf dem Hochgericht!<br \/>\nAuch die Toden sollen leben!\u2028<br \/>\nBr\u00fcder trinkt und stimmet ein,\u2028<br \/>\nAllen S\u00fcndern soll vergeben,\u2028<br \/>\nund die H\u00f6lle nicht mehr seyn.\u2028\u2028\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist eine himmlische Willkommenskultur. Man muss es genauer sagen: der Himmel <em>ist<\/em> eine solche Willkommenskultur. Wenn man davon absieht, dass er nach der Abschaffung der H\u00f6lle diesen Namen nicht mehr verdient[3. Hakan G\u00fcrses hat Migranten zitiert, welche die aktuelle Situation in der T\u00fcrkei als <a href=\"https:\/\/audiothek.philo.at\/podcasts\/werkstattgespraeche\/an-den-grenzen-zur-hoelle-fluechtlingsfragen\">&#8220;die H\u00f6lle&#8221;<\/a> bezeichnen.]. Es erstaunt, dass Dekonstruktivistinnen, die ausf\u00fchrlich mit der Durchleuchtung etablierter Selbstverst\u00e4ndlichkeiten besch\u00e4ftigt sind, sich nicht an folgender Textstrophe der Europahymne versuchen:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Seid umschlungen Millionen!<br \/>\nDiesen Ku\u00df der ganzen Welt!<br \/>\nBr\u00fcder \u2013 \u00fcberm Sternenzelt\u2028<br \/>\nmu\u00df ein lieber Vater wohnen.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein Symposium zu &#8220;FLUCHT UND ASYL. Sozialphilosopische Perspektiven&#8221; im Rahmen des FWF Projektes Sprache und Gewalt am Institut f\u00fcr Philosophie der Universit\u00e4t Wien befasste sich ausf\u00fchrlich mit dem Thema Asyl. Eine exponierte Position hat Jacques Derrida in Von der Gastfreundschaft vertreten. Er spricht von &#8220;absoluter und bedingungsloser Gastfreundschaft&#8221;[1. Wie bei Derrida \u00fcblich ist diese<a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1672\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,13],"tags":[],"class_list":["post-1672","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-philosophie-klassisch","category-politik-2"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1672","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1672"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1672\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2151,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1672\/revisions\/2151"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1672"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1672"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1672"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}