{"id":1702,"date":"2016-11-07T17:35:31","date_gmt":"2016-11-07T16:35:31","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1702"},"modified":"2016-11-07T17:35:31","modified_gmt":"2016-11-07T16:35:31","slug":"rbtv-der-chad-und-schiller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1702","title":{"rendered":"RBTV, der &#8220;Chad&#8221; und Schiller"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/rbtvchat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1703\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/rbtvchat.jpg\" alt=\"rbtvchat\" width=\"345\" height=\"363\" \/><\/a><\/p>\n<p>(Bildquelle: https:\/\/twitter.com\/__gngr)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In diesem Beitrag wird die Herangehensweise an \u201cInteraktivit\u00e4t\u201d zwischen Sendungsmachern und Zuschauern des Internetfernsehsenders Rocketbeans.tv (RBTV) als Fallbeispiel herangezogen, um eine neuartige Rolle des \u201cChats\u201d vorzustellen. Diese neue Funktion wird mit den Gedanken Friedrich Schillers zum Chor in der griechischen Trag\u00f6die in Bezug gesetzt, wie sie der Autor in der Vorrede zu dem Werk <em>Die Braut von Messina oder Die feindlichen Br\u00fcder<\/em> formuliert hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Anfang dieses Jahrhunderts entstand die Medienplattform GIGA.de, die ihre Inhalte auf dem gleichnamigen &#8211; heute nicht mehr existierenden &#8211; Spartensender und im Internet verbreitete. Einige der Mitarbeiter wechselten 2006 zu MTV und produzierten das TV-Videospielemagazin \u201cGame One\u201d, zu dem auch eine Youtube-Seite geh\u00f6rte. Nachdem die Sendung 2014 eingestellt wurde, gr\u00fcndeten die Macher den ersten deutschen lizensierten Internetfernsehsender mit Namen <em>Rocketbeans.tv<\/em> (RBTV), der rund um die Uhr Programm anbot und auf der Seite des streaming-Protals <em>Twitch<\/em> zu finden war. Am 1. September\u00a0 2016 wechselte der Sender von <em>Twitch<\/em> zu <em>Youtube<\/em>. Er bietet weiterhin ganzt\u00e4giges Liveprogramm bestehend aus eigenproduzierten und fremdproduzierten Inhalten und einen Video on demand-Service (VOD).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Macher von RBTV sind nicht nur daran interessiert, ihre Inhalte im unidirektionalen Verfahren an die Zuschauer zu bringen, sondern vor allem daran, interaktiv mit diesen zu arbeiten. Der Wunsch nach und das gro\u00dfe Interesse an Interaktivit\u00e4t erkl\u00e4rt sich dadurch, dass der Sender sich zum Gro\u00dfteil \u00fcber Direktspenden und Abos und nur marginal \u00fcber Werbeschaltungen finanziert. Seit der Gr\u00fcndung stehen also Ma\u00dfnahmen zur Bildung einer Community im Vordergrund. Aus diesem Grund ist der Internetsender ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie erreicht werden kann, was bisher kein anderes Medienprotal in dieser Form geschafft hat, inklusive dem traditionellen &#8211; und nur noch als Schatten seiner ehemaligen Gr\u00f6\u00dfe vorhandene &#8211; Fernsehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier einige Beispiele daf\u00fcr, inwiefern RBTV in Sachen Interaktivit\u00e4t herk\u00f6mmlichen Medienanbietern \u00fcberlegen ist:<\/p>\n<ul>\n<li>Eine unregelm\u00e4\u00dfig ausgestrahlte Sendung namens \u201cQ&amp;A\u201d bietet den Zuschauern die M\u00f6glichkeit, entweder im Vorfeld \u00fcber verschiedenen Plattformen (Twitter, Facebook, Reddit, Forum der Webseite des Senders) oder live Fragen \u00fcber RBTV im Allgemeinen, besondere (auch betriebsinterne) Vorkommnisse, Sendepl\u00e4ne, Sendungsangebot, Verhalten der Moderierenden, Verhalten der Community usw. zu stellen.<\/li>\n<li>Ein eigenes Format namens \u201cChat Duell\u201d (es wird kein Hehl daraus gemacht, dass das Format von einer bekannten Familienunterhaltungssendung im deutschen Privatfernsehen abgekupfert wurde). Anstatt \u201c100 Leute\u201d auf der Stra\u00dfe zu befragen, wie in der orignialen Sendung, wird auf RBTV der Chat in Echtzeit (also kurz bevor die jeweilige Frage den Kandidaten im Studio gestellt wird) befragt.<\/li>\n<li>Sogenannte \u201cLet`s Plays\u201d, also Sendungen, in denen die Zuschauer einem oder mehreren Moderatoren (die bei RBTV auch Redakteurinnen, B\u00fchnenbauer, Putzpersonal, usw. &#8211; jedenfalls mit Erfahrung mit Videospielen) dabei zusehen, wie Videospiele gespielt werden. Der Chat kann den Spielstil, bestimmte Entscheidungen in den Spielen und die Spiele selbst bestimmen und zudem mit den Spielenden in Echtzeit kommunizieren.<\/li>\n<li>Es gibt Wikis, Foren und Treffpunkte in Spielen (vgl. etwa die \u201cRocketminers\u201d, die Inhalte von RBTV in dem Spiel \u201cMinecraft\u201d illustrieren), wo die Community sich untereinander und mit Mitarbeitern von RBTV austauschen kann.<\/li>\n<li>Es gibt Communityevents, teils von der Community selbst, teils von Mitarbeitern des Senders organisiert, etwa bei Auftritten auf Spielemessen, Musikfestivals, Filmvorf\u00fchrungen in daf\u00fcr gebuchten Kinos, usw.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt finanziert sich der Sender zum Gro\u00dfteil \u00fcber direkte Spenden der Community. Es ist also von existentieller Bedeutung f\u00fcr die Macherinnen, eine starke Verbindung zu und eine zufriedenstellende Einbeziehung der Zusehenden zu gew\u00e4hrleisten. Dies geschieht haupts\u00e4chlich \u00fcber den Chat, der von den Sendungsmacherinnen liebevoll \u201cChad\u201d genannt, also anthropomorphisiert und personalisiert wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Chat wurde 1988 als \u201cInternet Relay Chat\u201d entwickelt und geh\u00f6rt wohl, auch in Zukunft, zu den wichtigsten Funktionen des Internets. Bisher war der Chat jedoch ein Chor, dem die Protagonisten fehlen vergleichbar. In diesem Beitrag soll daf\u00fcr argumentiert werden, dass neuere Entwicklungen der Netzkultur, im besonderen Inititiven von Seiten des Bereich der Videospiele, zu \u00c4nderungen der Rolle des Chats gef\u00fchrt haben, die diesen der ihm urspr\u00fcnglich in der Antike zugesprochenen Rolle des Chors erneut ann\u00e4hern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie allgemein bekannt, hatte der Chor im griechischen Theater zwei Funktionen: 1. Die Beschreibung von Umst\u00e4nden, die nicht auf der B\u00fchne selbst zu sehen sind und 2. Die Kommentierung der Handlung des St\u00fccks und der Aktivit\u00e4ten von Protagonisten, Deuteragonisten, Antagonisten, usw. Eine sehr \u00e4hnliche Funktion erh\u00e4lt seit kurzer Zeit der Chat, zumindest im Bereich der Videospielkultur. Dass der Chat erst seit kurzem und vorwiegend in dem erw\u00e4hnten Bereich diese Funktion \u00fcbernommen hat, macht eine relativ neue Kombination zweier Komponenten aus: 1. Im Internet in Realzeit zu sehende Vorstellungen von Videospielen, unter dem Namen \u201cLet`s Play\u201d bekannt und 2. Die Einbindung der Chatteilnehmer bei diesen Spieledemonstrationen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Neuerung besteht darin, dass Chatteilnehmer, etwa im Rahmen eines \u201cLet`s Play\u201d, einem Protagonisten dabei zusehen, wie er ein bestimmtes Videospiel spielt und das Spiel, die Art, wie der Protagonist spielt kommentieren und Randbemerkungen aus dem Dunstkreis der Thematik beitragen. Nur selten wird \u00fcber etwas Themenfernes gesprochen und wenn, dann wird die geschickte \u201cLet`s Playerin\u201d dies umgehend in die &#8220;Handlung&#8221;, also dem Ganzen des Programms, einzubinden versuchen. Diese Art der Interaktivit\u00e4t hat den Chat der griechischen Form des Chors wieder erheblich angen\u00e4hert, da nun die beiden oben kurz erw\u00e4hnen Funktionen des Chors dem Chat zukommen: 1. Die Chatteilnehmer reden &#8211; im Dunstkreis der Thematik des Let`s Play &#8211; \u00fcber z. B. Dinge, die der Let`s Player nur angedeutet, aber nicht genauer behandelt hat, Dinge, die der Let`s Player nicht wei\u00df oder nicht richtig wiedergegeben hat, weiterf\u00fchrende Informationen zum Spiel, zum Entwickler oder zu Konkurrenzprodukten, usw. und 2. Die Chatteilnehmer kommentieren das Spiel der Let`s Playerin und diese hat die M\u00f6glichkeit, auf diese Kommentare in Echtzeit (mit einer marginalen Latenz von einigen Skunden) zu reagieren. Dem Chat alleine fehlt der gemeinsame Bezugspunkt (Let`s Player), dem Protagonisten alleine ohne Chat, wenn er das Spiel etwa im Fernsehen spielen w\u00fcrde, fehlt die vieldeutige und \u00e4u\u00dfert heterogene Art der R\u00fcckmeldung, wie sie nur ein Chat bieten kann. Das \u201cPublikum\u201d, die Zuseherinnen, die sich nicht am Chat beteiligen, sehen diesen mit auf der \u201cB\u00fchne\u201d stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Notwendigkeit, mit den Zuschauern zu interagieren, damit das streaming-Format \u00fcberleben kann, gepaart mit der Ambition, diese in \u201cLet`s Plays\u201d einzigartige From der Interaktivit\u00e4t in ein breiteres Programmspektrum zu integrieren, hat die Macher von RBTV dazu angeregt, diese Interaktivit\u00e4t in einem Ma\u00df zu entwickeln, das die Initiativen anderer Medien (f\u00fcr die die Interaktion nur ein palliatives Element, aber nicht den Hauptfokus ausmacht) im Vergleich dazu eher gewollt, aufgesetzt und dadurch l\u00e4cherlich wirken l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass die Macher von RBTV den Chat so ernst nehmen, dass er nicht nur ein \u00c4u\u00dferes, eine Draufgabe, darstellt, ist der erste Aspekt, der mit Schillers Betrachtungen zum Chor in der griechischen Trag\u00f6die in Zusammenhang\u00a0 gebracht werden kann. Der Chat wird solange als ein \u201cAu\u00dfending, als ein fremdartiger K\u00f6rper und als ein Aufenthalt erscheinen, der nur den Gang der Handlung unterbricht, der die T\u00e4uschung st\u00f6rt, der den Zuschauer erk\u00e4ltet\u201d, solange er nicht in das Wesen der Handlung integriert wird. Das setze voraus, dass die Handlung nicht blo\u00df als \u201cSchein\u201d, sondern als \u201cReeles und Objectives\u201d gesehen wird. Die gezeigte Handlung soll also gleicherma\u00dfen einer Realit\u00e4t entsprechen und \u201cideell\u201d sein. Solange nur eines der beiden Ziele (gar auf Kosten des anderen) erreicht werde, verfehle man beides<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcbertragen auf Unterhaltungsmedien zeigt sich das etwa, wenn blo\u00df Interaktivit\u00e4t im Vordergund steht, die nicht wirklich Zugang zum Innersten der Medienproduktion erm\u00f6glicht (\u00fcbrig bleibt entweder z.B. ein d\u00fcrftiges TED-Voting, das Individuen auf statistischem Wege quantifizert, sie also nur als \u201cideale Repr\u00e4sentation der Zuseher\u201d behandelt, oder etwa ein isolierter Chat-room, in dem sich zwar Individuen unterhalten k\u00f6nnen, der aber keinen Beitrag zum ausgestrahlten Programm in Echtzeit darstellen kann).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was RBTV im Vergleich dazu macht ist, was Schiller mit den folgenden Worten andeutet:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Die Einf\u00fchrung des Chors w\u00e4re der letzte, der entscheidende Schritt &#8211; und wenn derselbe auch nur dazu diente, dem Naturalism in der Kunst offen und ehrlich den Krieg zu erkl\u00e4ren, so sollte er uns eine lebendige Mauer sein, die die Trag\u00f6die um sich herumzieht, um sich von der wirklichen Welt rein abzuschlie\u00dfen und sich ihren idealen Boden, ihre poetische Freitheit zu bewahren.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n<p>Anstatt also eine Trennung zwischen \u201cideeler\u201d Handlung und \u201crealer\u201d Zuschauerschaft zu ziehen und den Chat entweder auf der einen oder auf der anderen Seite zu verorten, soll dieser einen \u201cRaum\u201d eingrenzen, in dem auf \u201cideeller\u201d Basis (der Schein der Handlung) Reales (die Meldungen der aktiven Zuschauerinnen im Chat) stattfinden kann. Anstatt also, wie in herk\u00f6mmlichen Initiativen zur F\u00f6rderung der Interaktivit\u00e4t \u00fcblich, entweder Ausssagen statitistisch zu quantifizieren und damit zu reduzieren, wobei die kleinen Unterschiede zwischen individuellen Aussagen verlorengehen, oder einen \u201crealen\u201d Raum anzubieten, in dem die Individuen miteinander kommunizieren k\u00f6nnen, ohne allerdings am \u201cSchein\u201d der Handlung direkt beteiligt zu sein, ziehen die Macher von RBTV eine Grenze zwischen den Zuschauern, die nur passiv zusehen und jenen, die aktiv an der Gestaltung der Handlung beteiligt sind, integrieren letztere also in ihr Programm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was dabei herauskommt, sind Situationen, in denen der \u201cSchein\u201d des Programms durch \u201creale\u201d \u00c4u\u00dferungen beeinflusst wird, etwa wenn \u201cChad\u201d sich zu Inhalten des Programms in Echtzeit ironisch \u00e4u\u00dfert. Diese \u00c4u\u00dferungen werden sogleich wieder ins Programm integriert und damit Teil desselben. Die Einf\u00fchrung z. B. eines sogenannten \u201cSidekicks\u201d anstatt des Chats (zu vergleichen mit dem, was Schiller als das Substitut des Chors durch den \u201cVertrauten\u201d in der franz\u00f6sischen Trag\u00f6die bezeichnet) ist offensichtlich hierf\u00fcr nur ein schwacher Ersatz. Eine ernsthafte Integration erfordert vom Sendungsmacher viel mehr als diesen d\u00fcrftigen Platzhalter: \u201c[E]r mu\u00df ihn poetisch erschaffen und einf\u00fchren, das ist, er mu\u00df mit der Fabel, die er behandelt, eine solche Ver\u00e4nderung vornehmen, wodurch sie in jene kindliche Zeit und in jene einfache Form des Lebens zur\u00fcckversetzt wird.\u201d Bezogen auf zeitgen\u00f6ssische Medienformate kann also gesagt werden: Verspielte Kommunikation statt stupide Konsumption!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Interaktion m\u00fcssen das Programmformat und auch die Moderierenden zutr\u00e4glich sein. Die Grundlage daf\u00fcr muss geschaffen werden, indem das \u201cReale\u201d, das der \u201cChad\u201d einbringt, nicht als das Profane gesehen wird, das die Handlung irritiert, sondern als st\u00e4ndig zu erneuernde Reinstitution von bereits vorhandenen Ideen, die aufgegriffen und Teil der Handlung werden k\u00f6nnen. Das geschieht entweder, mit Schiller quergelesen, \u201cinnig verbunden zusammen\u201d (vgl.: Q&amp;A) oder \u201cnebeneinander\u201d in oszilierend ineinander \u00fcbergehende Weise (vgl. Chatduell). \u201cDer Chor reinigt also das tragische Gedicht, indem er die Reflexionen von der Handlung absondert und eben durch diese Absonderung sie selbst mit poetischer Kraft ausr\u00fcstet.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Des \u00f6fteren haben RBTV-Moderatoren darauf hingewiesen, dass der \u201cChad\u201d den gro\u00dfen Vorteil bietet, aus tausenden Varianten von Witzen, lustigen, ernsthaften und unerwarteten Aussagen zu bestehen und dass er diesen Vorteil jedem zwangsl\u00e4ufig kleinerem Autoren- und Redakteurteam voraus hat. Auch wenn die Chatteilnehmerinnen nicht unbedingt die \u201cganze Sprache des Gedichts erheben\u201d, wie Schiller schreibt, so ist doch ersichtlich, dass diese die Vielfalt der m\u00f6glichen Aussagen erheblich vermehren, den Raum f\u00fcr Sprachspiele erheblich vergr\u00f6\u00dfern. Der Chat wird so \u201ceine einzige reale Person, die die ganze Handlung tr\u00e4gt und begleitet\u201d.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Anschluss daran stellt sich eine Frage, die wohl die gr\u00f6\u00dfte Schwierigkeit der Macher von RBTV darstellt: Wer bestimmt eigentlich die Handlung? Es liegt auf der Hand, dass diese desto weniger von den Machern und Moderatoren von RBTV geschrieben wird, je mehr der \u201cChad\u201d eingebunden wird. Zudem sprechen \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse dagegen, etwa Vorgaben von und Vertr\u00e4ge mit <em>Youtube<\/em> und allgemeine gesetzlichen Bestimmungen, die manches erlauben und anderes verhindern. Sie wird aber auch nicht zur G\u00e4nze vom \u201cChad\u201d bestimmt, da dieser durch mehrere Faktoren in seinem Ausdruck eingeschr\u00e4nkt wird, etwa durch Chat-Moderatoren, die \u201cTrolle\u201d &#8211; also Chatteilnehmer, die sich gegen die Gespr\u00e4chskultur stellen &#8211; ausschlie\u00dfen und nat\u00fcrlich durch die Sendungsmacher, die die M\u00f6glichkeit der Interaktivit\u00e4t bereitstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schiller fiel noch leicht, vom \u201cAutor \u201c sprechen zu k\u00f6nnen, aber in der anhand des Beispiels von RBTV beschriebenen Situation wird dies zu einer schwierigen Sache f\u00fcr die Macherinnen. Im herk\u00f6mmlichen Moderatoren\/Zuschauer-Verh\u00e4ltnis &#8211; ohne Chat-Einbindung &#8211; hatten die Zusehenden nur die M\u00f6glichkeit, durch ihre Abwesenheit, also sinkende Zuschauerzahlen, ihre Meinung kund zu tun. Die Sendungsmacher mussten sich nur an der Zahl der Zuschauer orientieren, konnten Versuche starten, die gl\u00fcckten oder scheiterten, hatten auch mit \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen zu tun, konnten aber immer in ihrem (\u201cSchein\u201d-)Bereich bleiben. Dadurch, dass die Zuseherinnen zus\u00e4tzlich zu ihrer aussagekr\u00e4ftigen Abwesenheit nun die M\u00f6glichkeit haben, aktiv die Programmgestaltung mit zu bestimmen, wird diese Trennwand verschoben und ein neuer Bereich erschlossen, der den (\u201cSchein\u201d-)Bereich gleich mit modifiziert. Diese Modifikation f\u00fchrt dazu, dass die \u201cAutorenschaft\u201d st\u00e4ndig neu verhandelt werden muss, dieser Umstand aber in die Handlung integriert werden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So wie Schiller nach etlichen Jahrhunderten die Bedeutung des urspr\u00fcnglichen Chors in der griechischen Trag\u00f6die wiederentdeckt und in seine Zeit &#8211; nicht detailgetreu, sondern als eine Art \u201c\u00dcbersetzung\u201d &#8211; zu transportieren versucht hat (was zu seiner Zeit nicht von gro\u00dfem Erfolg gekr\u00f6nt war), so ist es, das ist der Schluss, der aus dem bisher Vorgelegten gezogen werden soll, an Medienschaffenden, die die M\u00f6glichkeiten der Interaktivit\u00e4t nicht nur halbherzig und mit einer ungeeigneten Methode zug\u00e4nglich machen wollen, dem Chat seine geb\u00fchrende Aufmerksamkeit zu schenken und ihn in modifizierter, \u201c\u00fcbersetzter\u201d Form wieder zu entdecken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Bildquelle: https:\/\/twitter.com\/__gngr) &nbsp; In diesem Beitrag wird die Herangehensweise an \u201cInteraktivit\u00e4t\u201d zwischen Sendungsmachern und Zuschauern des Internetfernsehsenders Rocketbeans.tv (RBTV) als Fallbeispiel herangezogen, um eine neuartige Rolle des \u201cChats\u201d vorzustellen. Diese neue Funktion wird mit den Gedanken Friedrich Schillers zum Chor in der griechischen Trag\u00f6die in Bezug gesetzt, wie sie der Autor in der Vorrede zu<a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1702\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[52,53,64,85,103,105],"class_list":["post-1702","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienphilosophie","tag-chat","tag-chor","tag-die-braut-von-messina","tag-friedrich-schiller","tag-interaktivitat","tag-irc"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1702","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1702"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1702\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1702"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1702"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1702"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}