{"id":1710,"date":"2017-01-29T12:11:03","date_gmt":"2017-01-29T11:11:03","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1710"},"modified":"2017-01-29T12:11:03","modified_gmt":"2017-01-29T11:11:03","slug":"1710","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1710","title":{"rendered":"&#8220;Alternative Fakten&#8221; und Bruno Latour"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/trumpobama.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1711\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/trumpobama.jpg\" alt=\"trumpobama\" width=\"539\" height=\"304\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es wurde behauptet, dass es sich bei Donald Trumps Inaugurationsfeier um die gr\u00f6\u00dfte Feier dieser Art gehandelt hat. Dagegen spricht das Foto, das zeigt, dass Obamas Publikum bei der Inaugurationsfeier wesentlich zahlreicher war als Trumps Publikum. Wie steht es nun um die Fakten? In diesem Eintrag soll der Versuch gemacht werden, diese Frage mit Bruno Latour, speziell seiner Ansicht zur \u201cKritik\u201d, zu beantworten.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nSean Spicer, der Pressesprecher des White House hat kurz nach Trumps Inaugurationsfeier behauptet: \u201cThis was the largest audience ever to witness an inauguration, period, both in person and around the globe.\u201d Nun kann man die Anzahl der Zuschauerinnen vor Ort messen, indem man Aufnahmen aus der Vogelperspektive vergleicht, die bei den Inaugurationsfeiern jeweils von Trump und von Obama gemacht wurden und sieht, dass Obamas Publikum wesentlich gr\u00f6\u00dfer ist. Die \u201calternativen Fakten\u201d besagen etwas anderes, n\u00e4mlich dass es nicht so sehr darum gehe, was gesehen, sondern was emotional empfunden werde. \u201cDie Welt besteht aus mehr als nur objekiven Fakten!\u201d Gerade im Zuge einer Inaugurationsfeier sei es doch gewiss zul\u00e4ssig, dass man es nicht so genau nimmt, sondern sich treiben l\u00e4sst vom Gef\u00fchl. Die Inaugurtionstorte, um die Argumentation an weiteren Beispielen zu illustrieren, ist ja auch zum \u00fcberwiegenden Teil aus Styropor gewesen und man kann trotzdem \u201cTorte\u201d dazu sagen, ebenso wie man nicht so taktlos sein sollte, seinen Kindern in der Mall zu sagen, dass unter dem Bart des Weihnachtsmannes vielleicht eine prek\u00e4re Existenz steckt, wenn diese sich so sehr \u00fcber Santa freuen. Auf dieser Grundlage kann der Spie\u00df dann umgedreht werden, etwa indem man dem fragenden Reporter vorwirft, dass er die \u201cwahren Fakten\u201d nicht sieht.<\/p>\n<p>Es ist durchaus denkbar, dass der Journalist entgegnet: \u201cAber, Fakten sind doch Fakten! Wir k\u00f6nnen nur \u00fcber eine Form von Fakten sprechen und die sind nicht vereinbar mit Diskussionen; Tatsachen verhindern jede Diskussion im Vorhinein und wo diskutiert werden kann, handelt es sich (noch) nicht um Tatsachen.\u201d Doch dieser aufkl\u00e4rerisch-kritischen Haltung des Reporters sei, so meint Bruno Latour, die Luft ausgegangen.<\/p>\n<p>Die kritische Haltung der Wissenschaften, die lange Zeit daf\u00fcr k\u00e4mpften, (z. B. religi\u00f6se) Vorstellungen zu entkr\u00e4ften, stellt der Autor folgenderma\u00dfen dar:<\/p>\n<p>&#8220;Wenn der naive Gl\u00e4ubige sich an seine Objekte klammert und behauptet, es seien seine G\u00f6tter, seine Poese, seine Lieblingsobjekte, die ihn zum Handeln veranla\u00dften, dann kann man aus all diesen Bindungen Fetische machen und den Gl\u00e4ubigen dem\u00fctigen, indem man zeigt, da\u00df es sich um nichts handelt als um seine eigene Projektion, die Sie und nur Sie sehen k\u00f6nnen. Sobald aber der naive Gl\u00e4ubige etwas Mut zum Glauben an seine eigene Wichtigkeit, an seine eigene projektive Kapazit\u00e4t hat, verpasst Sie ihm einen weiteren Aufw\u00e4rtshaken und dem\u00fctigen ihn erneut, diesmal, indem Sie zeigen, da\u00df sein ganzes Verhalten, was immer er denkt, durch die T\u00e4tigkeit m\u00e4chtiger, ihm unbekannter Kausalit\u00e4ten determiniert ist, die allein Sie der niemals ruhende Kritiker, sehen k\u00f6nnen.&#8221; (Latour 2007 38ff)<\/p>\n<p>Der Tonfall, in dem diese Beschreibung vorgenommen wird, ist streng und polemisch. Naturwissenschaftler\/innen w\u00fcrden sich wohl in dieser Darstellung ihrer T\u00e4tigkeit nicht wiederfinden und w\u00fcrden vielleicht annehmen, dass hier ein Dekonstruktivist am Werke ist, der die \u201czwei Kulturen\u201d mehr auseinandertreiben als zusammenbringen will. Und doch, so wissen Latours Leser, setzt der Franzose sich genau umgekehrt sehr f\u00fcr einen Austausch besonders zwischen Naturwissenschaft (das Themengebiet, mit dem er sich am Anfang seiner Karriere vorwiegend besch\u00e4ftigte) und den Sozialwissenschaften (der Bereich, den er in seinen sp\u00e4teren Werken immer mehr zu seinem Hauptanliegen gemacht hat) unter dem die beiden \u00fcberspannenden Bereich der Politik (den Worten des Autors nach versteht er sich eher als politischer Philosoph als als Metaphysiker (Latour et al. 2011 30)) ein. Was soll also dieser polemische Tonfall? Vielmehr als das Anliegen des Autors, sich gegen diejenigen zu richten, die Fetische und Tatsachen streng getrennt sehen wollen, ist f\u00fcr die Wortwahl der genannten Textstelle die \u00dcberzeugung verantwortlich, dass die Methode der Kritik \u201c\u00fcber unklar gezogene Grenzen geschmuggelt wurde und der falschen Partei in die H\u00e4nde geriet\u201d (Latour 2007 16). Latours angriffige Beschreibung richtet sich also nicht gegen die Naturwissenschaften, sondern gegen diejenigen, die sich die Strategie der Kritik zu eigen gemacht haben, womit nicht nur die rationalen Wissenschaftsvorstellungen, sondern auch diejenigen gemeint sind, die durch diese kiritsiert werden. Die Grenze zwischen Natur- und Sozialwissenschaften wird hier um neunzig Grad gedreht und die neue Grenze verl\u00e4uft zwischen denen, die noch (affirmativ oder negierend) auf Tatsachen pochen und denen, die diese, der Meinung des Autors nach, \u00fcberkommene Strategie (zugunsten einer politischen Perspektive) verwerfen.<\/p>\n<p>Als Beispiel gibt Latour die Strategie der Klimawandelskeptiker. Welche Mittel diese zur Verf\u00fcgung haben, um eine solch kuriose Drehung notwendig zu machen, bringt der Begriff \u201cbrownlash\u201d (vgl. Ehrlich et al. 1996) zutage. Dabei handelt es sich kurz gesagt um eine Strategie, durch den Hinweis auf die Konstruiertheit von Fakten m\u00f6glichst lange Kontroversen ge\u00f6ffnet zu halten, deren Schlie\u00dfung zu ungewollten (etwa \u00f6konomiesch\u00e4digenden) Konsequenzen f\u00fchrt. Latour schlie\u00dft aus dieser Umkehrung:<\/p>\n<p>\u201cDie Gefahr l\u00e4ge dann nicht mehr in einem exzessiven Vertrauen auf ideologische Argumente, die sich als Tatsachen ausgeben &#8211; Argumente der Art, wie wir sie so wirksam zu bek\u00e4mpfen gelernt haben &#8211; sondern in einem exzessiven <em>Mi\u00dftrauen<\/em> in solide Tatsachen, die man als ideologische Vorurteile ausgibt.\u201d (Latour 2007 10)<\/p>\n<p>Umgem\u00fcnzt auf die Trump-Aff\u00e4re: M\u00fcssen Reporterinnen, die gewohnt sind, Fakten hinter Fiktionen aufzudecken, nun umgekehrt ihre eigene Unbefangenheit, ihre gute Intention, ihre Objektivit\u00e4t beweisen, um ihr investigatives Anliegen schlagend machen zu k\u00f6nnen, \u00e4hnlich wie Wissenschaftlerinnen, die es gewohnt waren, (z. B. religi\u00f6se) Vorstellungen niederzurei\u00dfen, indem sie \u00fcberpr\u00fcfbare Tatsachen entdeckten, sich nunmehr daf\u00fcr rechtfertigen m\u00fcssen, worin \u00fcberhaupt ihre Autorit\u00e4t in Sachen Fakten besteht, weil diese von ihnen nicht entdeckt wurden, sondern vielmehr als konstruiert, regulativ und notwendigerweise unvollst\u00e4ndig gelten?<\/p>\n<p>F\u00fcr Latour resultiert aus dieser Frage die Notwendigkeit, fr\u00fcher brauchbare Konzepte der Kritik zu pr\u00fcfen und diejenigen Strategien zu ersetzen, die von \u201cdemselben Entlarvungs-Impetus aufgezehrt worden waren\u201d, mit dessen Hilfe die wissenschaftliche Kritik operiert. Im Speziellen meint Latour hier die Strategie, Tatsachen als ahistorisch, universell g\u00fcltig und apolitisch anzusehen, wogegen er vorbringt, dass Tatsachen (<em>matters of fact<\/em>) im Endeffekt immer eine \u201cWiedergabe\u201d von Dingen von Belang (<em>mattters of concern<\/em>) sind (Latour 2007 21). Der Vorschlag ist also, die Sachlage umzudrehen und sich selbst und damit dem Gegner ins Lee zu bringen, indem die Anspr\u00fcche der Wissenschaft ins Politische verlagert werden, dem Gegner die Grundlage f\u00fcr seine Kritik zu nehmen, indem man ihn auf dieselbe Basis stellt, auf der man selbst steht.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Wissenschaft w\u00fcrde das die Notwendigkeit bedeuten, \u201c\u00fcber das Objekt von Wissenschaft und Technologie, den Gegenstand, zu sprechen, als ob er die reichen und komplizierten Qualit\u00e4ten des vielger\u00fchmten Dings [bei Heidegger] h\u00e4tte\u201d (Latour 2007 25ff). Bezogen auf die Klimawandeldebatte verspricht sich Latour, dass die eben beschriebene Strategie dazu f\u00fchren werde, dass sich Tatsachen stabilisieren, solange bis \u201cdie Black Box der Wissenschaft verschlossen [bleibt]\u201d (Latour 2007 44) und aufgrund einer \u201cgewissen Solidarit\u00e4t\u201d (ebd. 45) gegen die Kritik der Gegner gewappnet sei, was eine im Rahmen der Science and Technology Studies durchaus vertretbare These darstellt. F\u00fcr die Politik schl\u00e4gt Latour vor, dass die von ihm gew\u00fcnschte Strategie dazu f\u00fchre, den Gegner \u201cdas Leben schwerer\u201d zu machen, indem sie dazu gezwungen werden, \u201cihre Argumentation bis zum bitteren Ende zu entfalten\u201d (Latour 2005 27).<\/p>\n<p>Der Vorschlag Latours, die Wissenschaft zu schw\u00e4chen, um sie zu st\u00e4rken, wirkt bedenklich und ebenso der Vorschlag, blo\u00df die Argumentation hinreichend zu artikulieren (womit bei Latour nicht nur Rhetorik gemeint ist, sondern das Einbringen von Dingen von Belang). Es l\u00e4uft auf Fakten hinaus, die einerseits sehr sensiblel f\u00fcr die Vernetzungen sind, daf\u00fcr aber blind f\u00fcr ideologische, etwa moralische, \u00dcberzeugungen: Best\u00fcnde die M\u00f6glichkeit, alle durch Technologien gew\u00e4hrleisteten M\u00f6glichkeiten zur Teilnahme an Trumps Inauguration, in welcher Form der Konsumption von Informationen dar\u00fcber auch immer, aufzusummieren, stellte sich vielleicht wirklich heraus, dass es die gr\u00f6\u00dfte (medienwirksamste, meistverfolgte, am meisten mit Aufmerksamkeit versehene) Inaugurationsfeier aller Zeiten war; ob gewisse Ideologien eine solche Zusage f\u00fcr unvertretbar und gef\u00e4hrlich ansehen oder nicht. Andererseits sind diese Fakten wohlwollend gegen\u00fcber Ideologien und dadurch gef\u00e4hrdet, ihre eigene Fakzitit\u00e4t zu verlieren, wenn es &#8211; bezogen auf den Anspruch Latours, den Gegenstand im Sinne von Heideggers Dings (und dem damit verbundenen Geviert) zu sehen &#8211; in die Faktenlage mitaufgenommen werden muss, wenn der ehemalige US-Pr\u00e4sident G. W. Bush bei der Trauerfeier anl\u00e4sslich des Absturzes des Columbia-Shuttles sagt:<\/p>\n<p>\u201c\u00b4Die Besatzung des Columbia-Shuttle kehrte nicht heil zur Erde zur\u00fcck; aber wir k\u00f6nnen beten, da\u00df sie alle heil nach Hause gekommen snd.\u00b4 Als ob kein Shuttle jemals blo\u00df in den Weltraum, sondern immer auch in den Himmel fl\u00f6ge.\u201d (Latour 2007 29)<\/p>\n<p>Auch wenn diejengien, die sich mit dem Tathergang des Absturzes besch\u00e4ftigen, schwertun werden, diese Aspekte in ihre Arbeit mit einzubeziehen. Latour spicht in einem neueren sehr kurzen Text \u00fcber Trump und die durch ihn entstehenden \u201ctwo bubbles of unrealism\u201d (Latour 2016 2), die als Beispiel f\u00fcr diese Strategie der Widerspiegelung dienen k\u00f6nnen: eine Grenzen aufl\u00f6sende und gleichzeitig erzeugende und eine, die Grenzen hochzieht, die nicht mehr helfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wohin f\u00fchrt aber der Vorschlag Latours? Die Trump-Debatte, die oben angesprochen wurde, betreffend wissen wir bisher nur, dass eine Art Spiegelung der Strategien stattfindet: Die Trumpgegner werfen den Trumpanh\u00e4ngern vor, blo\u00dfen Fetischismus zu betreiben und lassen den Hammer von Fakten niedersausen. Die Trumpanh\u00e4nger werfen den Trumpgegnern Vorurteile der Medien (die Trump fetischisieren) gegen ihren legitim gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten vor und bringen \u201calternative Fakten\u201d vor, die als netzwerkartige oder politisch-idealistische auftreten k\u00f6nnen und daf\u00fcr sorgen, dass sich die Soziet\u00e4t, im Sinne des Vorschlags von Latour, stabilisiert.<\/p>\n<p>Um dagegen vorzugehen empfiehlt Latour: \u201cDer Kritiker ist nicht derjenige, der entlarvt, sondern der, der versammelt.\u201d (Latour 2007 55) Um die Bildung der beiden Blasen zu vermeiden, m\u00fcssen ihre Inhalte sich vermengen. Das ist prinzipiell eine wohlgemeinte L\u00f6sung, aber es bleibt ein schales Gef\u00fchl im Mund zur\u00fcck, wenn man das geagt hat. Es ist das eine, anzuerkennen, dass nicht-wissenschaftliche Faktoren, etwa \u00f6konomische, an der Produktion von Fakten beteiligt sind (dagegen h\u00e4tte selbst Alan Sokal, einer der gr\u00f6\u00dften Kritiker Latours, nichts), aber es ist etwas ganz anderes, diese Faktoren als Grundlage f\u00fcr die Produktion dieser Fakten mit einzubeziehen und zwar in einem solchen Ma\u00dfe, dass die dabei produzierten Tatsachen immer wieder auf ihre Rolle als Dinge von Belang zur\u00fcckgeworfen werden k\u00f6nnen (wohlgemerkt bei Latour nicht durch soziale, sondern durch sozio-technische Konstruktionen), also ihre universelle Aussagekraft verlieren. Ganz \u00e4hnlich ist es das eine, gewisse Vorstellungen (etwa, dass die Columbia-Besatzung in den Himmel gekommen ist) in die in der politischen \u00d6ffentlichkeit stattfindenden Verhandlungen um Sachverhalte mit einzubeziehen, aber etwas ganz anderes, diese zur Grundlage von politischen Entscheidungen zu machen. In beiden F\u00e4llen werden die Kontroversen und Verwirrungen nur vermehrt, anstatt vermindert.<\/p>\n<p>Der Latourleser wei\u00df, dass dem Autor diese Konsequenz wohlbekannt ist. Trotzdem kann diese St\u00e4rkung-durch-Schw\u00e4chung-Strategie als ein Haupmotiv Latours gesehen werden. Es ist allerdings bedenklich, dass die Strategie, die darin besteht, eine generelle Vermischtheit zu attestieren und damit die Positionen austauschbar zu machen, um daraufhin zu behaupten, dass es gen\u00fcgt, alle vorgebrachten Artikulationen zu versammeln, damit sich Fakten (die der reinen Faktizit\u00e4t entwischen, weil sie immer wieder zu Dingen von Belang werden k\u00f6nnen) ergeben, die \u00fcberzeugen, egal von welcher Position aus man sie betrachtet, denn dann l\u00e4sst sich die von Latour eher ermutigend gemeinte Frage gegen den Autor selbst richten: \u201cWarum k\u00f6nnen wir nie dieselbe H\u00e4rte, denselben soliden Realismus erkennen, wenn wir die offenkundig gewebeartigen, \u00b4dinghaften\u00b4 Qualit\u00e4ten der matters of concern zutage f\u00f6rdern?\u201d (Latour 2007 35) Ja, warum k\u00f6nnen wir es nicht, auch wenn wir es versuchen?<\/p>\n<p>Es scheint, als seien diejenigen, die sich vornehmen zu entscheiden, ob es sich bei Trumps Inaugurationsfeier um die gr\u00f6\u00dfte &#8211; im netzwerkartigen oder ideologischen Sinn &#8211;\u00a0 Feier dieser Art handelte, wenn sie Latours vorgeschlagene Strategie verwenden, bei der Beantwortung der Frage immer wieder darauf verwiesen, neue Dinge von Belang in Betracht zu ziehen, bevor sie die Antwort geben k\u00f6nnen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass sich jede\/r im Sinne eines \u201canything goes\u201d denken kann, was sie\/er will. Aber es bedeutet, dass Kontroversen l\u00e4nger offen gehalten werden k\u00f6nnen als n\u00f6tig, was genau der Strategie entspricht, gegen die Latour sich einsetzen will. Und auch wenn Latour davon spricht,\u00a0 es sei notwendig zu verhindern, dass \u201cgef\u00e4hrlich Extremisten sich auf eben dieses Argument der sozialen Konstruiertheit berufen, um m\u00fchsam gewonnene Beweise, <em>die unser Leben retten k\u00f6nnten<\/em> [Hvhg. bg], zu vernichten\u201d (Latour 2007 11), er sozusagen einen Schutzmechanismus fordert, ist schwer ersichtlich, wie diese geforderten Beweise \u00fcberhaupt gewonnen werden konnten.<\/p>\n<p>Einerseits scheint der \u201cdiplomatische\u201d Weg, den Latour vorschl\u00e4gt, gangbar, denn er steht f\u00fcr Entschleunigung, Vermischung und eine \u00fcberraschend erfrischende \u00dcberzeugung, dass es einen Ausweg aus den Krisen der Gesellschaft gibt. Andererseits stellt der Autor der Entschleunigung einen \u201cInstant-Revisionismus\u201d (Latour 2007 13) zur Seite und bel\u00e4dt sie mit der un\u00fcberschaubaren F\u00fclle der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, oder \u201cZeit des Gleichzeitigen\u201d (Latour 2005 74), wie der Autor es ausdr\u00fcckt, erm\u00f6glicht durch die Auswechselbarkeit der kritischen Positionen in der Vermischung die k\u00fcnstliche Offenhaltung von Kontroversen und l\u00e4sst diejenigen, die nach dem Ausweg suchen, immer einen Schritt zur Seite gehen anstatt nach vorne.<\/p>\n<p>Jede\/r Leser\/in muss nun selbst entscheiden, ob <em>diese<\/em> Hoffnung, die Latour verspricht, in Pandoras B\u00fcchse war, um die Krisen abzumildern, oder ob sie sich zu recht und als Teil des Problems darin befand. Dem am Anfang angesprochenen Journalisten, der fragt, was denn nun mit den Fakten sei, w\u00fcrde die eben vorgenommene Antwort, die hier im Sinne Latours zu geben versucht wurde, wohl nicht befriedigt zur\u00fccklassen. Und was ist mit dem \u201cbrownlash\u201d? Wie werden mit Latour Tatsachen gewonnen, die stabil genug sind, um den Abrisswerkzeugen der Gegner standzuhalten? Nachdem die Konstruiertheit der Fakten angenommen wird, hat Latours Ansatz den Vorteil, dass sich darum bem\u00fcht wird, gut konstruierte Fakten zu produzieren, die tats\u00e4chlich stabil wirken. Allerdings kommen die konstruierten Fakten niemals an die ultimative Stabilit\u00e4t heran, die Tatsachen nun einmal inh\u00e4rent sein muss, damit sie Kontroversen (zumindest partiell) schlie\u00dfen k\u00f6nnen, um daraufhin Initiativen in die Wege zu leiten, die nicht bei ihrer Implementierung stecken bleiben.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend: Und doch bleibt der Gedanke lebendig, dass sich die Welt immer mehr dem angleichen k\u00f6nnte, was Latour \u00fcber sie sagt. Auch wenn seine Ans\u00e4tze (etwa seine Meinung zu wissenschaftlicher Kritik, die wohl nur wenige der damit Vorgestellten wirklich teilen wollen) Widerwillen erzeugen, kann es sein, dass sich die Umst\u00e4nde immer mehr ins Raster dieser Ans\u00e4tze verschieben, wovon die Pr\u00e4sidentschaft Trumps, \u00fcber die man, aber auch f\u00fcr und gegen die man gleicherma\u00dfen mit Latour in gewissem Sinne sprechen kann, zu zeugen scheint. Denn durch die Spiegelung der Positionen, die Latour beschreibt, l\u00e4sst sich dessen Vorgehen besser nachvollziehen und verstehen als mit den &#8220;alten&#8221; kritischen Ans\u00e4tzen (nat\u00fcrlich nicht, weil Latour ein Bef\u00fcrworter Trumps w\u00e4re, er sieht ihn kritisch (Latour 2016), aber eben seinem eigenen Konzept der Kritik gem\u00e4\u00df). Auch wenn also fraglich ist, ob Latour eine L\u00f6sung anbieten kann, ist doch gewiss, dass sein Ansatz eine Strategie darstellt, die zumindest daran interessiert ist, alte Bunker abzuklopfen und wo n\u00f6tig, der Kritik neuere Werkzeuge zur Verf\u00fcgung zu stellen, als die, die mittlerweile ihre Wirkungskraft verloren haben, weil sie sich gegenseitig zu zerlegen scheinen, ohne dass, zumindest der Meinung des Verfassers dieses Eintrags nach, ein Sieg der Rationalit\u00e4t in K\u00fcrze zu erwarten w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ehrlich, Paul R.\/Ehrlich, Anne H. (1998) &#8211; Betrayal of Science and Reason: How Anti-Environment Rhetoric Threatens Our Future; Island Press; Waschington<\/p>\n<p>Latour, Bruno (2007) &#8211; Elend der Kritik: Vom Krieg um Fakten zu Dingen von Belang; \u00dcbers.: Heinz Jatho; diaphanse; Z\u00fcrich\/Berlin<\/p>\n<p>Latour, Bruno (2016) &#8211; \u201cHow not to be too mistaken about Trump?\u201d; in: Le Monde, 12-13 November; http:\/\/www.bruno-latour.fr\/sites\/default\/files\/downloads\/LEMONDE-12-11-16-GB_1.pdf (letzter Zugriff: 28. 01. 117)<\/p>\n<p>Latour, Bruno (2005) &#8211; Von der Realpolitik zur Dingpolitik: Wie man Dinge \u00f6ffentlich macht; \u00dcbers.: Gustov Ro\u00dfler; Merve; Berlin<\/p>\n<p>Latour, Bruno\/Harman, Graham\/Erd\u00e9lyi, Peter (2011) &#8211; The Prince and the Wolf: Latour and Harman at the LSE; Zero Books; Winchester\/Washington<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wurde behauptet, dass es sich bei Donald Trumps Inaugurationsfeier um die gr\u00f6\u00dfte Feier dieser Art gehandelt hat. Dagegen spricht das Foto, das zeigt, dass Obamas Publikum bei der Inaugurationsfeier wesentlich zahlreicher war als Trumps Publikum. Wie steht es nun um die Fakten? In diesem Eintrag soll der Versuch gemacht werden, diese Frage mit Bruno<a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1710\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,13],"tags":[17,48,49,66,79,117],"class_list":["post-1710","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-philosophie-klassisch","category-politik-2","tag-akteur-netzwerk-theorie","tag-brownlash","tag-bruno-latour","tag-donald-trump","tag-fakten","tag-kritik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1710","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1710"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1710\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1710"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1710"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1710"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}