{"id":1728,"date":"2017-04-18T01:23:08","date_gmt":"2017-04-18T01:23:08","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1728"},"modified":"2018-11-15T07:27:00","modified_gmt":"2018-11-15T07:27:00","slug":"anstosig-ist-die-lokalisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1728","title":{"rendered":"&#8220;Anst\u00f6\u00dfig ist die Lokalisierung&#8221;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.agnesprammer.com\/Happiness-is-here\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1729 aligncenter\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Agnes_Prammer_Happiness_is_here_ToonTown.jpg\" alt=\"Agnes_Prammer_Happiness_is_here_ToonTown\" width=\"300\" height=\"450\" \/><\/a><br \/>\n(c) Agnes Prammer &#8211; <a href=\"http:\/\/www.agnesprammer.com\/Happiness-is-here\">Happiness is here (<\/a>January 2016, Tokyo)<\/p>\n<p>&#8220;Anst\u00f6\u00dfig ist die Lokalisierung&#8221;, schreibt Herbert Hrachovec <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1722\">zwei Blog-Posts vorher<\/a>. Er nimmt Bezug darauf, wie eine seiner Studentinnen (m\/w) ihre Anregung zur Lehrveranstalltung in die Tat umsetzte. Statt darauf zu warten, dass die Lehrperson die hiesige Lernplattform modifiziert, verwendet die Teilnehmerin eine existierende Facebook-Gruppe um ihren Vorschlag gleich in Gang zu setzen. Dadurch erhielt sie eine gr\u00f6\u00dfere Leserschaft &#8211; gr\u00f6\u00dfer als der Kreis des an Teilnehmern beschr\u00e4nkten Seminars und konnte au\u00dferdem ihrem Impuls sofort nachgehen. Die Lehrkraft weist darauf hin, dass Facebook nicht der geeignete Ort ist, ein Seminar zu organisieren: Die Kr\u00e4fte geh\u00f6ren lokal gebunden.<\/p>\n<p>Es folgen \u00dcberlegungen die nahelegen, die Begriffe Immanenz, Transzendenz und Offenbarung im Licht von Smartphones, Cloud Computing und Immigration neu zu denken.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie Agnes Prammer am Bild oben zeigt, gelingt es nicht einmal Vergn\u00fcgungsparks, die Aufmerksamkeit lokal zu binden.[1. Einige Bilder sind Teil der Ausstellung &#8220;Das bessere Leben&#8221;, die gerade im <a href=\"http:\/\/www.k-haus.at\/de\/ausstellungen\/aktuell\/324\/das-bessere-leben.html\">K\u00fcnstlerhaus in Wien<\/a> gezeigt wird.] Ein physischer Ort ist ein tempor\u00e4rer Bezugspunkt der Aufmerksamkeit, ein Referenzpunkt f\u00fcr Kommunikation und Anschauung, den man mit Hilfe von Telekommunikation, mobilen Endger\u00e4ten, hochverf\u00fcgbarer Internettechnologien, und cleveren Social Media-Produkten teilweise ausblenden kann. Unsere Aufmerksamkeit entkoppelt sich von den lokalen Adh\u00e4sionskr\u00e4ften, den famili\u00e4ren, insitutionellen und organisatorischen Zusammenh\u00e4ngen, welche mit Wartezeiten und Bedingungen verbunden sind, auf die man sich einlassen muss, um in diesen Rahmen mitzuspielen. Dadurch, dass man sich diesen lokalen Rhythmen entziehen kann, erodieren ihre Wirkungen.<\/p>\n<p>Es ist ja nicht so, dass wir <em>irgendwo<\/em> andocken w\u00fcrden, wenn wir auf unsere Smartphones sehen, kommunizieren, wischen, bewegte Bilder ansehen. Wir sind in einem gewissen Sinn noch da und in einem anderen Sinne <em>woanders. <\/em>Die Transzendenz des Moments er\u00f6ffnet uns einerseits ein Universum von M\u00f6glichkeiten, schr\u00e4nkt unseren Blick andererseits ein auf M\u00f6glichkeiten, die von komplexen Technologien, Serverfarmen und multinationalen Unternehmen vorgegeben werden. Diese M\u00f6glichkeiten, k\u00f6nnte man kritisch einwenden, tragen nicht aktiv zur Verbesserung der lokalen Lebenswirklichkeit bei, sondern degradieren sie zum Hintergrund.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem ist die Flucht vor dem Moment keine Himmelfahrt. Zieht man in Betracht, dass man mit Internettechnologie den Spielregeln der Institutionen eigentlich entfliehen wollte; so unterwirft man sich eher neuen Spielregeln und Rhythmen. Globale Technologien begleiten uns, protokollieren unsere Aktivit\u00e4ten, indexieren die Orte, die wir besuchen, navigieren uns zu anderen Orten und sortieren alles nach Gesichtspunkten, die uns nicht klar sind.<\/p>\n<p>Was man als Beobachter schnell merkt, jedoch selbst leicht \u00fcbersieht ist, dass die synchrone Kommunikation durch das st\u00e4ndige Angebot der asynchronen Kommunikation behindert wird. Wenn ich jemanden einen Brief oder eine E-Mail schreibe, dann ist das mitunter eine abendf\u00fcllende T\u00e4tigkeit. Auch so mit einem Blog-Post. Daf\u00fcr nimmt man sich Zeit, dediziert.<\/p>\n<p>Dagegen sind Aktivit\u00e4ten am Smartphone ad hoc. Ich kann Wartezeiten, langweilige oder unangenehme Momente \u00fcberbr\u00fccken: Ein Smiley hier, ein Like da und ein Selfie mit &#8220;Check-In&#8221;. Schon gebe ich jemanden in der Ferne den Eindruck, dass er\/sie wichtig f\u00fcr mich ist &#8211; bei priviater Kommunikation; und dass ich f\u00fcr die Leute in der Ferne wichtig bin &#8211; bei einem Post in den &#8220;social&#8221; Media.<\/p>\n<p>Umgekehrt: Der Erhalt einer Nachricht ist eine Ersch\u00fctterung: Mein Handy vibriert. Das Gespr\u00e4ch das ich gerade f\u00fchre verl\u00e4uft sich ins Leere mit einem Blick auf das Handy. Und auch wenn ich dies unterlasse, bin ich kurz irritiert. Diese St\u00f6rung wird versuchsweise ins Gespr\u00e4ch eingebunden. Es ist aber eine Ersch\u00fctterung von au\u00dfen. Sie hat per se nichts mit dem Gespr\u00e4ch zu tun. Wie eine Offenbarung kommt die Nachricht &#8220;aus dem Nichts&#8221;. Doch nicht einmal vor zweitausend Jahren &#8211; alle zwei Minuten.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Was gibt es allgemein f\u00fcr M\u00f6glichkeiten des Umgangs mit dem Einbrechen von Nachrichten in den Alltag?<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Immanenz<\/strong>: Mittlerweile ist es ein Luxus von Smartphone auf Feature Phone zur\u00fcckzuwechseln, um sich Push Notifications &amp; Co zu entziehen. Dadurch schottet man sich ab von zugegebenerma\u00dfen hin und wieder hilfreichen Irritationen.<\/li>\n<li><strong>Transzendenz<\/strong>: Sie geht einher mit einem Verzicht auf Immanenz, jener Sph\u00e4re in der die Rhythmen des Moments z\u00e4hlen. Indem man jede Irritation aufnimmt, schottet man sich ab, auf andere Art: man weigert sich n\u00e4mlich, sich auf das einzulassen, was in n\u00e4chster N\u00e4he passiert, und priorisiert stattdessen das, was von der Ferne kommt und in die Ferne geht.<\/li>\n<li><strong>Distanz:<\/strong> Vielleicht ist dieser Gegensatz (entweder Verzicht auf den Fokus meiner beschr\u00e4nkten Lebensrealit\u00e4t oder Verzicht auf Neues) zu abstrakt. Es gibt ein Verst\u00e4ndnis von empfangen\/aufnehmen, in dem der bestehende Rhythmus nicht \u00fcber Bord geworfen wird. Das Kommende (die Nachricht) k\u00f6nnte zwar zun\u00e4chst vergebens gesendet worden sein; man nimmt es nicht auf, weil man gerade nicht bereit dazu ist. Gerade aber die Pause, die zeitliche Distanz zwischen dem Ankommen und dem Aufnehmen der Nachricht, erm\u00f6glicht die Einbindung der Nachricht in den Rhythmus. Das w\u00fcrde erm\u00f6glichen nicht jedem Zuruf oder jedem Einfall sofort nachzugehen, jedoch ihre Neuerung bei Gelegenheit zur Kenntnis zu nehmen und bestenfalls einzuflechten. Dass man sich dadurch die &#8220;Invasion&#8221; auf Distanz h\u00e4lt, darf man bei dieser Kompromissl\u00f6sung nicht vergessen. Man schiebt eine unvermeidliche Entscheidung auf. Ob man einer Nachricht <em>letztlich<\/em> Aufmerksamkeit schenkt kann man nur mit ja oder nein beantworten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Frage bleibt: Was \u00e4ndert sich, wenn wir heute davon ausgehen m\u00fcssen, dass der Alltag von den globalen Kommunikationsplattformen organisiert ist, und die Nachricht aus der lokalen Umgebung hereinbricht? Grob gesagt, Immanenz und Transzendenz wechseln die Position. (So wie die Nachricht <em>auf Facebook<\/em>, dass man Seminarangelegenheiten mit den Tools des Seminars und nicht auf Facebook organisiert?)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<blockquote><p>&#8220;Er kam in sein Eigentum &#8211; und die Eigenen nahmen ihn nicht auf&#8221; (Joh 1,11)<\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<div><\/div>\n<blockquote>\n<div>&#8220;Aber h\u00f6r einen Augenblick zu: ich spreche nicht von der Zukunft, ich spreche von einer<\/div>\n<div>immerw\u00e4hrenden Gegenwart. Und das bedeutet, da\u00df es die Hoffnung nicht gibt, denn sie ist nicht l\u00e4nger eine verschobene Zukunft, sie ist das Heute. Weil der Gott keine Versprechungen macht. Er ist viel gr\u00f6\u00dfer als das: Er ist und Er h\u00f6rt niemals auf zu sein. Wir sind es, die dieses stets gegenw\u00e4rtige Licht nicht ertragen, und dann verschieben wir es auf sp\u00e4ter, nur um es nicht schon heute und sofort zu sp\u00fcren. Die Gegenwart ist das Antlitz des Gottes. <span class=\"highlight selected\">Die Erkennt<\/span>nis, da\u00df wir Gott sehen, noch w\u00e4hrend wir leben, fl\u00f6\u00dft uns Entsetzen ein. Und Gott sehen wir sogar mit offenen Augen. Wenn ich das Antlitz der Wirklichkeit auf die Zeit nach meinem Tod verschiebe, so aus reiner List, weil ich es vorziehe, in der Stunde, in der ich Ihn sehe, tot zu sein; auf diese Weise glaube ich, da\u00df ich Ihn nicht richtig sehen werde, genauso wie ich auch nur dann, wenn ich schlafe, den Mut habe, wirklich zu tr\u00e4umen. Ich wei\u00df, da\u00df das, was ich sp\u00fcre, gef\u00e4hrlich ist und mich zerst\u00f6ren kann. Denn es ist, als \u00fcberbr\u00e4chte ich mir die Nachricht, da\u00df das Himmelreich bereits jetzt ist. Ich aber will diesen Ort der ewigen Seligkeit nicht, ich will ihn nicht, ich ertrage nur seine Verhei\u00dfung! Diese Nachricht, die ich mir selbst \u00fcberbringe, klingt mir nach Unheil und erneut nach dem D\u00e4monischen. Aber nur aus Angst. Es ist Angst. Denn auf die Hoffnung zu verzichten hei\u00dft, da\u00df ich anfangen mu\u00df, zu leben und nicht nur, mir das Leben zu versprechen.&#8221;<br \/>\n(Clarice Lispector: Die Passion nach G.H.)<\/div>\n<\/blockquote>\n<div>\n<hr \/>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(c) Agnes Prammer &#8211; Happiness is here (January 2016, Tokyo) &#8220;Anst\u00f6\u00dfig ist die Lokalisierung&#8221;, schreibt Herbert Hrachovec zwei Blog-Posts vorher. Er nimmt Bezug darauf, wie eine seiner Studentinnen (m\/w) ihre Anregung zur Lehrveranstalltung in die Tat umsetzte. 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