{"id":1742,"date":"2017-06-05T21:18:17","date_gmt":"2017-06-05T21:18:17","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1742"},"modified":"2018-11-15T07:26:26","modified_gmt":"2018-11-15T07:26:26","slug":"gott-ist-tot-immanente-mini-transzendenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1742","title":{"rendered":"Gott ist tot. Mini-Transzendenz und Aufmerksamkeit"},"content":{"rendered":"<p>Zuletzt erschien <a href=\"https:\/\/audiothek.philo.at\/podcasts\/philosophische-brocken\/menschen-gehen-ueber-sich-hinaus\">ein Podcast<\/a> in der Philosophischen Audiothek, der einen Vortrag von Ernst Tugendhat von 2002 neu kommentiert:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/audiothek.philo.at\/media\/menschen-gehen-ueber-sich-hinaus\/embed_player\" width=\"400\" height=\"225\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p>\n<p>Den Ausgangspunkt bildet die durch Nietzsche zugespitzte Aussage &#8220;Gott ist tot&#8221;, und dadurch die Erkenntnis, dass der Bezug auf \u00dcbernat\u00fcrliches nicht (mehr) wesentlich zum Menschen dazugeh\u00f6rt und ihn bewegt. Was bleibt ist: Menschen gehen, so der Titel des Podcasts, \u00fcber sich hinaus. Zwischen einem selber und Gott gibt es ein weites Feld f\u00fcr \u00dcberschreitungen, das zwar nicht \u00fcbernat\u00fcrlich ist, aber auch nicht v\u00f6llig vereinnahmt werden kann. Auf dieses Feld zielt die immanente Transzendenz ab, dessen Ausgestaltung im Podcast er\u00f6rtert wird. Ich verharre in diesem Blogpost erst einmal beim Ausgangspunkt und lasse dann meine Lekt\u00fcre zu Michel de Certeau, Pierre Manent, und einen Veranstaltungsbesuch \u00fcber die Generation Y miteinfliessen, um zu sagen: Die immanente Transzendenz enth\u00e4lt keine inhaltliche Vorgabe, wohin die Reise geht. Sie stellt uns vor Herausforderungen, wenn es um die Bildung einer gemeinsame Stimme geht, die <em>f\u00fcr<\/em> eine Sache fortschreitet. Dieser Mangel kann durch m\u00e4chtige Interessen (z.B. \u00f6konomisch oder politisch) ausgenutzt werden.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dass Gott tot ist, wird heute nicht nur von Migranten aus muslimisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern bestritten. Zeitgen\u00f6ssische Denker wollen auf den Bezug zur Stimme Gottes in der Gesellschaft nicht verzichten und argumentieren sogar, dass man es ohne diesen Bezug schwer haben wird, in Europa einen \u00f6ffentlichen Raum zu halten, der es Neuank\u00f6mmlingen erm\u00f6glicht, sich einzubringen, auf Erwartungen einzustellen, d.h. das zu tun, was man unter Integration versteht:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;It does not suffice to bring men together to declare or even to guarantee their rights. They need a form of common life. In France, a nation of the Christian mark is the only form that can bring us all together.<br \/>\n&#8230; When some of our citizens take up arms against us so brazenly and implacably, this means that not only our state, our government, and our political body but we ourselves have lost the capacity to gather and direct our powers, to give our common life form and force.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das schreibt der Franzose Pierre Manent im Artikel &#8220;<a href=\"https:\/\/www.firstthings.com\/article\/2016\/04\/repurposing-europe\">Repurposing Europe<\/a>&#8220;, ver\u00f6ffentlicht im April 2016 im amerikanischen Journal &#8220;First Things&#8221;, herausgegeben vom Institut f\u00fcr Religion und \u00d6ffentliches Leben. Auf der <a href=\"https:\/\/www.firstthings.com\/about\/\">Homepage<\/a> liest man zum Institut:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;The Institute was founded in 1990 by Richard John Neuhaus and his colleagues to confront the ideology of secularism, which insists that the public square must be \u201cnaked,\u201d and that faith has no place in shaping the public conversation or in shaping public policy.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass eine Nation christlicher Pr\u00e4gung die einzige Form ist, um &#8220;uns alle zusammenzubringen&#8221;, ist gerade im Land der franz\u00f6sischen Revolution, in der &#8220;Entchristianisierung&#8221; und Widerstand gegen den Klerus das Land stark gepr\u00e4gt haben, problematisch. Man k\u00f6nnte zugestehen, dass es wichtig ist, den Begriff des &#8220;christlichen Abendlandes&#8221; (\u00e4hnlich wie Alexander van der Bellen es auf politischer B\u00fchne mit dem Begriff der Heimat versucht hat) nicht den Populisten zu \u00fcberlassen und insofern sind die Gedanken von Pierre Manent wichtig. Sie erm\u00f6glichen Menschen, sich als Christen in einem Land zu engagieren und sich nicht zu sch\u00e4men, wenn sie an Gott glauben und diesen Glauben bei der Gestaltung des \u00f6ffentlichen Raumes miteinbringen.<\/p>\n<p>Man kann jedoch nicht bei ihnen (Pierre Manents Gedanken) stehen bleiben, weil die aktuelle Kultur und Praxis in Europa schon l\u00e4ngst \u00fcber sie hinausgegangen ist. Die Kirche bildet keinen zentralen Ort der Gesellschaft (mehr) und ihr Anspruch, den Sinn der Geschichte f\u00fcr alle zu sagen, wird nicht ernst genommen. Hierf\u00fcr k\u00f6nnen Gedanken von Michel de Certeau aus den 1980&#8217;ern herangezogen werden:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Die Frage nach dem Sinn der Existenz wird nicht mehr von Institutionen abgedeckt, ebenso wenig ihre Beantwortung durch soziale Gruppen garantiert. Sie veranlasst zu privaten gemeinsamen Ausarbeitungen in den Zwischenr\u00e4umen der technokratischen Unternehmen und \u00f6ffentlichen Dienstleistungen.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Wir k\u00f6nnen nicht voraussetzen, dass das &#8220;Po\u00e8me du Christ&#8221; ein wirklicher Raum in der Gesellschaft ist oder einen solchen schafft, und wir d\u00fcrfen einen mythischen Ort nicht mit einem sozialen Platz verwechseln. Die christliche Gemeinschaft gr\u00fcndet sich dagegen auf beider Identit\u00e4t, indem sie glaubt, aus dem Mythos das zu machen, was eine Gruppe definiere. Doch die Erfahrung zeigt: Wenn die Gruppe den Mythos festhalten will, verschwindet sie, wenn sie aber handeln und leben will, eliminiert sie de facto, wenn nicht de iure ihre christliche Definition und oft jeden christlichen Bezug \u00fcberhaupt. &#8230; Das Christentum kann nicht mehr als Platz gelten, von dem aus ein Sprechen m\u00f6glich ist, sobald es zum Gegenstand einer Anstrengung wird, die von dem Ort ausgehen, an dem wir in der Gesellschaft von heute stehen und der fortan weder religi\u00f6s noch christlich ist.&#8221;<br \/>\n<em>(Michel de Certeau: GlaubensSchwachheit. 2009. W. Kohlhammer. &#8220;IV. Auf &#8220;ungebahnten Wegen&#8221; gehen.&#8221; S.222f, Fu\u00dfnote 8)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Was Michel de Certeau dann gegen Ende des zitierten Buches vorschl\u00e4gt wurde von Theologen teilweise stark kritisiert (Stichwort: &#8220;mystische Ausl\u00f6schung&#8221;, siehe Daniel Bogner: Gebrochene Gegenwart. Mystik und Politik: &#8220;Zwischenreflexion: Die zerbrochene Repr\u00e4sentation&#8221;, S.246-248). Und zwar l\u00e4sst man die christlichen Inhalte als Bestand ruhen und sieht die formale Praxis des Transzendierens als Wesen des Spirituellen. Die christlichen Schriften und Institutionen bleiben zwar erhalten, k\u00f6nne aber nicht den Kern einer christlichen Praxis ausmachen.<\/p>\n<p>So gesehen: Die immanente Transzendenz aus dem Vortrag von Ernst Tugendhat tr\u00e4gt einen spirituellen Rest, n\u00e4mlich die Vorstellung, dass es gut und dem Menschen eigen ist, in Richtung auf ein objektives\/inter-subjektives\/exzellentes Ziel fortzuschreiten, und es sich nicht allzu bequem zu machen im status quo, auch wenn es angenehmer w\u00e4re. Nun ist angesichts eines \u00f6konomischen oder politsichen Interesses die Frage angebracht, woher der Ma\u00dfstab des Guten kommt. Der Ausspruch von Steve Jobs &#8220;Keep Looking, Don&#8217;t Settle&#8221; hat in einer Hinsicht spirituellen, zumindest anthropoligischen Hintergrund, andererseits ist die &#8220;Generation Praktikum&#8221; und &#8220;Mingle statt Love&#8221; damit hingerissen, sich nicht festzulegen, weil die formale, nicht-metaphysische Version der Transzendenz &#8220;Alles was wir gut machen, k\u00f6nnen wir besser machen&#8221; zu abstrakt ist, um mit der Aufgabe zu starten, etwas gut zu machen, was n\u00e4mlich? Mit dem Mangel an inhaltlichen Vorgaben und der st\u00e4ndigen Verf\u00fcgbarkeit von Mini-Transzendenz-Angeboten via Smartphone umzugehen und trotzdem eine gemeinsame Stimme (z.B. im Kontrast zum Bestehenden und in der Vorschau auf das Kommende) zu finden, ist eine neue Herausforderung der Generation Y (Zugezogen oder Einheimisch), wie ich beim Besuch einer <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/events\/1448157581933455\/?ref=br_rs\">Podiumsdiskussion<\/a> feststellte.<\/p>\n<p>Es ist zwar nicht Aufgabe der Philosophie, diese Herausforderung zu l\u00f6sen, und auch nicht sie zu erleichtern, sehr wohl aber auf sie aufmerksam zu machen. Aufmerksamkeit ist vielleicht das entscheidende Merkmal, mit dem sich die Mini-Transzendenz von der im Podcast verhandelten immanenten Transzendenz unterscheiden l\u00e4sst. Obwohl man sich in beiden F\u00e4llen \u00f6ffnet auf eine (wie immer vorpr\u00e4parierte) Realit\u00e4t, wird man ohne Aufmerksamkeit und sich auf etwas einzulassen nicht verstehen, was mit der Tiefendimension der Welt gemeint ist. Augmented Reality und Artifical Assistance bieten uns zwar eine neue Sicht auf die Welt, sind aber nicht daf\u00fcr zust\u00e4ndig, die Bilder, die wir uns von der Welt machen, zu durchdringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuletzt erschien ein Podcast in der Philosophischen Audiothek, der einen Vortrag von Ernst Tugendhat von 2002 neu kommentiert: Den Ausgangspunkt bildet die durch Nietzsche zugespitzte Aussage &#8220;Gott ist tot&#8221;, und dadurch die Erkenntnis, dass der Bezug auf \u00dcbernat\u00fcrliches nicht (mehr) wesentlich zum Menschen dazugeh\u00f6rt und ihn bewegt. 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