{"id":1784,"date":"2017-10-12T08:54:25","date_gmt":"2017-10-12T08:54:25","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1784"},"modified":"2018-11-15T07:25:39","modified_gmt":"2018-11-15T07:25:39","slug":"betriebsblind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1784","title":{"rendered":"betriebsblind?"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\">\n<a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?attachment_id=1785\" rel=\"attachment wp-att-1785\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1785 size-full\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/maxbaut.png\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"301\" \/><\/a>\n<\/div>\n<p>Vor einiger Zeit ist ein Gespr\u00e4ch mit Anke Grane\u00df in die <a href=\"https:\/\/audiothek.philo.at\">Philosophische Audiothek<\/a> aufgenommen worden. Unter dem Titel <a href=\"https:\/\/audiothek.philo.at\/podcasts\/werkstattgespraeche\/weltweite-wirtschaftliche-gerechtigkeit\">&#8220;Weltweite wirtschaftliche Gerechtigkeit&#8221;<\/a> ging es um einen Artikel, den Frau Grane\u00df publiziert hatte: <a href=\"http:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/17449626.2015.1010014\"> &#8220;Is the debate on \u2018global justice\u2019 a global one? Some considerations in view of modern philosophy in Africa&#8221;<\/a>. Den Titel der Sendung h\u00e4tte man vielleicht mit einem Fragezeichen versehen k\u00f6nnen. Allerdings wurde gleich zu Beginn betont, dass die Debatte \u00fcber globale Gerechtigkeit einseitig im europ\u00e4ischen und US-amerikanischen Raum konzentriert ist. Das reichte nicht, um eine massive Kritik zu verhindern.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Said Salasar schrieb in einem <a href=\"https:\/\/audiothek.philo.at\/admin\/comments\">Kommentar<\/a> unter anderem:<\/p>\n<blockquote><p>Alles was dann noch gesagt wird, auch all die besprochenen nichtwestlichen Philosophen, gehen, soweit dies den Ausf\u00fchrungen zu entnehmen ist, unisono von einem grunds\u00e4tzlich westlich, auf Ratio basierenden Menschenbild aus. Anderes wird, wie es scheint, von Philosophen nicht als philosophisch wahrgenommen.<\/p>\n<p>Dass die schreiende, weltzerst\u00f6rende und entmenschlichende &#8220;Ungerechtigkeit&#8221; (das Wort, das Konzept GerechtigKEIT stellt bereits eine Vorentscheidung zu unseren Gunsten dar) durch das westliche Menschenbild permanent reproduziert wird, dass &#8211; aller verbalen Kritik zum Trotz &#8211; dieses Menschenbild Kapitalismusapologetik ist, scheint den Diskutierenden, bei allem Respekt, \u00fcberhaupt nicht aufzufallen.<\/p>\n<p>Unsere existenzielle Abh\u00e4ngigkeit von der Beraubung der Welt schafft eine Betriebsblindheit, die dann doch immer aufs neue entsetzlich ist. Was sich von den antiken Griechen herleiten Philosophie nennt, ist &#8211; nicht nur aber massiv &#8211; Apologetik unserer Lebensweise, Liebe zur Weisheit, soviel darf mensch heute sagen, ist es kaum, ZUviel Ego.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Absicht des Gespr\u00e4ches war, auf die <strong>Zweischneidigkeit<\/strong> der Rede von &#8220;weltweiter Gerechtigkeit&#8221; hinzuweisen. Der Beitrag in einer angesehenen Fachzeitschrift, geschrieben in Englisch und mit 62 Anmerkungen, wird tats\u00e4chlich in gesicherten Verh\u00e4ltnissen diskutiert. Es wird nichts unternommen, um sich f\u00fcr diese Asymmetrie zu entschuldigen. Europ\u00e4ische Hochschullehrerinnen (w\/m) leisten diese Arbeit. Ihre Parteistellung ist allerdings komplexer, als es der Vorwurf, sie seien unreflektiert Teil des herrschenden kapitalistischen Systems, zugesteht. Dazu eine Pointe aus der Geistesgeschichte.<\/p>\n<p>Abd al Rahman Al-Jabarti, ein Scheich in Kairo, war zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Rahmen der \u00e4gyptischen Expedition Napoleons mit der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung konfrontiert. Die franz\u00f6sische Revolution, so h\u00f6rte er, beruht auf der Gleichheit aller Menschen. Al-Jabarti antwortet dem Franzosen (&#8220;His saying &#8230;&#8221;) folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<blockquote><p>.His saying \u2018[all people] are equal in the eyes of God\u2019 the Almighty, this is a lie and stupidity. How can this be when God has made some superior to others as is testified by the dwellers in the Heavens and on the Earth? [1. <a href=\"http:\/\/www.markuswiener.com\/books\/napoleon-in-egypt-al-jabartis-chronicle-of-the-french-occupation-of-1708\">Napoleon in Egypt: Al-Jabarti&#8217;s Chronicle of the French Occupation, 1798<\/a> (S.31). Den Hinweis verdanke ich Christopher de Bellaigue: <a href=\"http:\/\/www.christopherdebellaigue.com\/books\/\">The Islamic Enlightenment: The Modern Struggle Between Faith and Reason<\/a> S.5]<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist die &#8220;Blindheit&#8221; der Aufkl\u00e4rungstradition, die beim Lesen dieser Passage einen gelinden Schock hervorruft. Dem Gleichheitsideal wird L\u00fcge und Dummheit vorgeworfen. Wobei &#8220;wir Europ\u00e4er&#8221; doch so stolz darauf sind, dass jeder einzelne Mensch mit den M\u00e4chten, die ihn umgeben, zumindest im Prinzp autonom umgehen kann. Wie der Mann, der auf seinen Stangen dem Kirchturm konkurriert. Von wegen Kirchturm. Hier beginnt die Zweischneidigkeit.<\/p>\n<p>Die &#8220;abendl\u00e4ndische&#8221; Tradition enth\u00e4lt einen bleibenden Widerspruch: Seit allen Menschen (anfangs als &#8220;Gotteskindern&#8221;) die gleiche W\u00fcrde zugesprochen wurde, kollidiert dieses Theologumenon mit den Praktiken der r\u00e4uberischen und destruktiven Expansion[2. Ich stehe nicht an, in diesem Zusammenhang beliebige Schimpfworte zu verwenden.] Das ist ein bedr\u00fcckendes Problem, aber man muss sich vor Augen halten, was der Scheich, wie jahrhundertelang auch die christlichen Kirchen, dagegen anzubieten hat. <em>Offensichtlich<\/em> habe Gott die Gesellschaft hierarchisch eingerichtet, sodass manche oben, andere unten zu stehen kommen.<\/p>\n<p>Die imperialistische Expansion verbreitete in ihrem Gefolge auch die Ideen der Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Napoleon, der Kondottiere, schlug eine Bresche in das vor-neuzeitliches Glaubenssystem des \u00e4gyptischen Islams, nachdem die neuzeitliche Republik den K\u00f6nig von Frankreich gek\u00f6pft hatte. Zerst\u00f6rung begleitet seinen Weg &#8211; und die Verbeitung wissenschaftlicher Methoden zur Kriegsf\u00fchrung, Agrartechnik und Seuchenpr\u00e4vention. In diesem Traditionszusammenhang steht auch die interkulturelle Philosophie. Sie ist nicht unschuldig, aber sie verdient nicht, dass man ihre Leistungen halbiert. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit ist ein Gespr\u00e4ch mit Anke Grane\u00df in die Philosophische Audiothek aufgenommen worden. Unter dem Titel &#8220;Weltweite wirtschaftliche Gerechtigkeit&#8221; ging es um einen Artikel, den Frau Grane\u00df publiziert hatte: &#8220;Is the debate on \u2018global justice\u2019 a global one? Some considerations in view of modern philosophy in Africa&#8221;. 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