{"id":1791,"date":"2017-11-15T20:58:50","date_gmt":"2017-11-15T20:58:50","guid":{"rendered":"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=1791"},"modified":"2018-11-15T07:25:01","modified_gmt":"2018-11-15T07:25:01","slug":"revolte-per-ubersetzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1791","title":{"rendered":"Revolte per \u00dcbersetzung"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\">\n<p><a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?attachment_id=1792\" rel=\"attachment wp-att-1792\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1792 aligncenter\" src=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/straubA.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"287\" \/><\/a>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die &#8220;Antigone&#8221; des Sophokles ist ein Paradigma des Widerstands. Sie stellt sich gegen ihren Onkel Kreon, als er bei Todesstrafe verbietet, den in der Schlacht get\u00f6teten Bruder ordnungsgem\u00e4\u00df zu bestatten. Dieser hatte einen Angriffskrieg gegen die Stadt gef\u00fchrt, doch Antigone verteidigt sein Recht auf ein herk\u00f6mmliches Begr\u00e4bnis. Lieber w\u00e4hlt sie selbst den Tod, als sich der Rache des Siegers zu beugen.<\/p>\n<p>Soweit ist die narrative Vorgabe unumstritten. Damit ist allerdings noch nichts \u00fcber die <em>Gr\u00fcnde<\/em> des Widerstands und \u00fcber die <em>Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit<\/em> der Strafandrohung sowie des Einsatzes des eigenen Lebens gesagt. Dazu ist viel geschrieben worden. Ist Antigone eher eine Jeanne d&#8217;Arc oder eine <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Maria_Restituta_Kafka\">Maria Restituta Kafka<\/a>? Die Frage soll hier offen bleiben. Ein kleines Detail beleuchtet den Beitrag, den \u00dcbersetzungen zu dieser Diskussion beisteuern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das St\u00fcck beginnt mit einem Dialog zwischen Antigone und ihrer Schwester Ismene. Antigone fragt sie, ob sie beim Begr\u00e4bnis des Bruders mitmacht. Sie jedenfalls sei entschlossen dazu.<\/p>\n<blockquote><p>ISMENE: Weh mir, wie bin in Angst ich um dich \u00c4rmste!<br \/>\nANTIGONE: Um mich sei dir nicht bang! Bring dein Geschick ins Los!<br \/>\nISMENE: Verrat zumindest keinem diese Tat, verbirgt sie im Geheimen, und auch ich will&#8217;s tun!<br \/>\nANTIGONE: Nein, posaun es aus! Weit mehr noch hass ich dich, wenn du&#8217;s verschweigst, wenn du&#8217;s nicht allen k\u00fcndest! <a href=\"https:\/\/www.reclam.de\/detail\/978-3-15-019075-3\/Sophokles\/Antigone\">\u00dcbersetzung Kurt Steinmann<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist ein klarer Hinweis darauf, dass Antigone die \u00d6ffentlichkeit sucht. Eine Kampfansage an Kreon. Nur steht das nicht im Original.<\/p>\n<p>Ismene beginnt mit &#8220;\u03bf\u1f34\u03bc\u03bf\u03b9 \u03c4\u03b1\u03bb\u03b1\u03af\u03bd\u03b7\u03c2, \u1f61\u03c2 \u1f51\u03c0\u03b5\u03c1\u03b4\u03ad\u03b4\u03bf\u03b9\u03ba\u03ac \u03c3\u03bf\u03c5&#8221;. &#8220;\u03bf\u1f34\u03bc\u03bf\u03b9&#8221; ist &#8220;Ausdruck des Schmerzes oder der Verwunderung:<em> weh<\/em>, <em>ach<\/em>&#8221; [1. <a href=\"http:\/\/www.oldenbourg.de\/osv\/reihe\/r-4081\/ra\/titel\/9783637002340\">Gemoll Griechisch-deutsches Schul- und Handw\u00f6rterbuch W\u00f6rterbuch<\/a>], also korrekt \u00fcbersetzt. Im Gegensatz zum anderen Vorkommen der Vokabel in Antigones zweiter Antwort: &#8221; \u03bf\u1f34\u03bc\u03bf\u03b9, \u03ba\u03b1\u03c4\u03b1\u03cd\u03b4\u03b1: \u03c0\u03bf\u03bb\u03bb\u1f78\u03bd \u1f10\u03c7\u03b8\u03af\u03c9\u03bd \u1f14\u03c3\u03b5\u03b9&#8221;. Hier \u00fcbertr\u00e4gt es Steinmann  pl\u00f6tzlich mit &#8220;Nein&#8221;!? Was geht hier vor?<\/p>\n<p>Auch Antigone ist bewegt vom Schmerz. Daraus macht Kurt Steinmann eine direkte Zur\u00fcckweisung Ismenes. Nicht genug damit, er geht noch weiter. &#8220;\u03ba\u03b1\u03c4\u03b1\u03c5\u03b4\u03ac\u03c9&#8221; bedeutet nach Gemoll &#8220;poetisch: ansagen, verk\u00fcnden&#8221;, nach Liddell &#038; Scott [2. <a href=\"http:\/\/www.perseus.tufts.edu\/hopper\/text?doc=Perseus%3Atext%3A1999.04.0058%3Aentry%3Dkatauda%2Fw\">Liddell,  Scott: An Intermediate Greek-English Lexicon<\/a>, Perseus Project] &#8220;to speak out, speak plainly, Sophokles&#8221;. Von &#8220;ausposaunen&#8221; ist das weit entfernt. <a href=\"https:\/\/www.kroener-verlag.de\/details\/product\/sophokles-die-tragoedien\/\">Heinrich Weinstock<\/a> gibt die Wendung folgenderma\u00dfen wieder: &#8220;Oh! Rede nur!&#8221;.<\/p>\n<p>Steinmann hat mit zwei ungerechtfertigten Wort\u00fcbertragungen aus einer Frau, die mit der Schwester klagt und aus Entt\u00e4uschung \u00fcber deren Kleinmut den Vorschlag, insgeheim zu handeln, zur\u00fcckweist, eine Agitatorin gemacht.<\/p>\n<p>Meine Bewunderung des Antigone-Films von <a href=\"http:\/\/www.straub-huillet.com\/work\/sophocleholderlin-brechthuilletstraub-antigone\/\">von  Jean-Marie Straub und Dani\u00e8le Huillet<\/a> ist durch diese kleine Beobachtung nochmals gewachsen. Die beiden unterscheiden deutlich zwischen der griechischen Herkunft des Theaterst\u00fccks und der Gelegenheit, beim Rezitieren dieses Textes die Kluft zwischen deren Fremdheit und dem gegenw\u00e4rtigen Verstehenshorizont wahrzunehmen. So kann auch die Jeanne d&#8217;Arc Option zu ihrem Recht kommen, wenn es denn sein muss.<\/p>\n<p>Es ist freilich (auch) eine Geschmackssache. Der eine liebt Erdbeeryoghurt, der andere zieht Naturyoghurt vor und f\u00fcgt &#8211; wenn die Saison gekommen ist &#8211; frischen Erdbeeren hinzu.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die &#8220;Antigone&#8221; des Sophokles ist ein Paradigma des Widerstands. Sie stellt sich gegen ihren Onkel Kreon, als er bei Todesstrafe verbietet, den in der Schlacht get\u00f6teten Bruder ordnungsgem\u00e4\u00df zu bestatten. Dieser hatte einen Angriffskrieg gegen die Stadt gef\u00fchrt, doch Antigone verteidigt sein Recht auf ein herk\u00f6mmliches Begr\u00e4bnis. Lieber w\u00e4hlt sie selbst den Tod, als<a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1791\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,13],"tags":[],"class_list":["post-1791","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienphilosophie","category-politik-2"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1791","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1791"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1791\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2131,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1791\/revisions\/2131"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1791"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1791"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1791"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}