{"id":2049,"date":"2018-07-05T09:50:14","date_gmt":"2018-07-05T09:50:14","guid":{"rendered":"http:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2049"},"modified":"2018-11-15T07:23:22","modified_gmt":"2018-11-15T07:23:22","slug":"ein-kuchenstuck-macht-furore","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2049","title":{"rendered":"Ein Kuchenst\u00fcck macht Furore"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #0000ff;\">Sie kauft ein St\u00fcck vom Waldviertler Guglhupf, ein Riesenst\u00fcck. Es w\u00fcrde reichen f\u00fcr drei, denke ich. Sie wirkt gar nicht so hungrig, so als w\u00fcrde sie das St\u00fcck gar nicht f\u00fcr sich kaufen. Sie ist wahrscheinlich Mitglied des Pfarrgemeinderates, denke ich. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Die Verk\u00e4uferin wird pl\u00f6tzlich unruhig.\u00a0<\/span><span style=\"color: #0000ff;\">&#8220;Jetzt geh&#8217; raus. Verschwind! Du hast schon bekommen&#8221; faucht sie \u00fcber den Tresen mit den vielen Kuchen. Aber er geht nicht weg &#8211; ein hochgeschossener, schwarzhaariger Noch-nicht-Mann, der mit einem leisen L\u00e4cheln den leer gegessenen Plastikteller \u00fcber den Tresen zu reichen versucht. Provokant.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Es ist pl\u00f6tzlich ganz still, und die Pfarrgemeinder\u00e4tin sagt laut: &#8220;Geben Sie ihm. Ich zahle, was er will.&#8221; Der Verk\u00e4uferin ist es peinlich. &#8220;Nein, das geht nicht!&#8221;. Das will Chefin nicht. Wir sollen geben, sagt Chefin. Aber nur einmal.&#8221; Sie nimmt den Plastikteller, legt ohne Nachfrage an den Hungrigen ein St\u00fcck Kuchen drauf, reicht den Teller schweigend zur\u00fcck.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Die Pfarrgemeinder\u00e4tin will zahlen, da mischt sich ein \u00e4lterer Mann aus der Warteschlange ein: &#8220;Sie l\u00fcgen alle. Alle l\u00fcgen sie.&#8221; Wie kommt er auf L\u00fcge, denke ich. &#8220;Das k\u00f6nnen wir uns noch leisten&#8221;, sagt die Pfarrgemeinder\u00e4tin, &#8220;Hunger braucht hier niemand zu haben.&#8221; &#8220;Aber sie l\u00fcgen ja nur.&#8221; Die Verk\u00e4uferin reicht das Geld, das sie f\u00fcr das Extrakuchenst\u00fcck bekommen hat, zur\u00fcck. &#8220;Das will Chefin nicht. Chefin ist sozial.&#8221; Ich komme dran, verlange meinen Lieblingskuchen und dass ich den zus\u00e4tzlichen Kuchen bezahlen darf.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Doch die Verk\u00e4uferin bleibt dabei: &#8220;Ich bin selber Ausl\u00e4nderin. Ich sage meinen Kindern: Ihr m\u00fcsst wissen, wie ihr euch benehmt. Der hat kein Benehmen. Wissen Sie, das ist Bettelmafia. Die sollen aufh\u00f6ren. Schau&#8217;n Sie drau\u00dfen den Schwarzen, der Augustin verkauft. Der ist h\u00f6flich. Der wei\u00df, wie man sich benimmt.&#8221;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #0000ff;\"><strong>Kira Euklid<\/strong><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Begebenheit kann als Spiegel der Verh\u00e4ltnisse dienen, die seit der Migrationsbewegung 2015 akut geworden sind. Bruchlinien eingespielter Vers\u00f6hnlichkeiten zeichnen sich ab. Der sozio-\u00f6konomische Ort der Sprecherinnen (m\/w) ist leicht zu erkennen. Dem folgenden Versuch, aus dem Vorfall eine Lehre zu ziehen, liegen drei Annahmen zu Grunde.<\/p>\n<ul>\n<li>Jede Person dieses diskursiven Szenarios steht f\u00fcr eine unbestreitbare Lebenserfahrung. Keine hat mit ihrer Artikulation unrecht.<\/li>\n<li>Alle Beteiligten operieren auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Sie vertreten einen pers\u00f6nlichen Standpunkt <em>und<\/em> nehmen, ob sie wollen oder nicht, auch eine Stellung zur Gesamtsituation ein.<\/li>\n<li>Die eklatante Asymmetrie der Sprech- und Handlungsoptionen ist nicht &#8211; aus guter Absicht &#8211; antizipatorisch zu besch\u00f6nigen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Aus diesen Annahmen ergeben sich zwei Schlussfolgerungen. (1) Die beschriebenen Versuche, die Interessenskollision zu beheben, stehen einander im Weg. (2) <em>Die<\/em> L\u00f6sung dieser Blockade gibt es nicht. Die Beklemmung, welche die Begegnung am Verkaufstresen ausl\u00f6st, l\u00e4sst sich nicht mit einem Rezept beheben, das vorgibt, wie es richtig geht.<\/p>\n<p>Vier L\u00f6sungsversuche fallen auf die Verliererseite. Die sprachlose, subversiv provokante, Hilflosigkeit des Bettlers verursacht den Konflikt, zu seiner Bew\u00e4ltigung tr\u00e4gt sie nicht bei. Ihr Gegenbild ist die H\u00f6flichkeit des Bed\u00fcrftigen, der sich zu benehmen wei\u00df. Sie ist ein kl\u00fcgerer Versuch, zum Ziel zu kommen, doch sie \u00fcbernimmt die Deklassierung, die Hilfesuchenden zugedacht ist. Sie vermeidet den \u00c4rger des einheimischen Provos, der seinerseits die dritte Defensivposition besetzt. Die Begebenheit zeigt es paradigmatisch: er ist nicht in der Lage, vern\u00fcnftig zu argumentieren. Mit L\u00fcge hat die Szene nichts zu tun. Emotionalisierungen sind wirksam, aber nicht konsensf\u00e4hig. Zuletzt die Verk\u00e4uferin, die den Anweisungen der Chefin und\/oder der Kundinnen folgt. Auch daraus ergibt sich keine Perspektive f\u00fcr die Aufl\u00f6sung des Konflikts.<\/p>\n<p>Bleiben die Vertreterinnen der aufgekl\u00e4rten Zivilgesellschaft. Sie unterscheiden sich von den anderen Beteiligten in einem markanten Punkt. Wer \u201eAlle l\u00fcgen\u201c sagt, macht aus seiner Emp\u00f6rung ein Pauschalurteil; wer sprachlos den Plastikteller hinschiebt, macht aus seinem Bed\u00fcrfnis einen bedingungslosen Appell. Die Vertreterin im Pfarrgemeinderat wei\u00df es besser. Sie unterscheidet zwischen sich als Einzelperson und ihrem Blick aufs Ganze. Er zeigt ihr, dass die richtige Vorgangsweise nicht darin bestehen kann, die eigene Position zu verabsolutieren. Sie sieht, dass im Zeichen der \u2013 hic et nunc \u2013 irreparablen Asymmetrie ein tempor\u00e4rer Ausgleich geschaffen werden kann. \u201eEine Spende lindert die Not.\u201c Das klingt nach Phrase und so gar nicht nach Gerechtigkeit. Dennoch ist es diese Maxime, die \u201eder herrschenden Klasse\u201c erm\u00f6glicht, mit Blick auf ihr Ganzes immer wieder Benachteiligte auf ihre Seite zu ziehen.<\/p>\n<p>Diese Option ist menschenfreundlich und dennoch unfair. Aber was will man mehr? Das ist eine bittere Frage. Wie kann eine L\u00f6sung aussehen, in der die Asymmetrie wirksam beseitigt wird? Der eine Schritt ist vielversprechend: Denke daran, dass alle Menschen gleiche Rechte haben. Der zweite Schritt ist, danach entsprechende Verh\u00e4ltnisse herzustellen. Nur leider ist dabei bisher immer nur St\u00fcckwerk herausgekommen. Menschen torpedieren die Gleichberechtigung von Menschen quer durch die Geschichte. Eine Reaktion auf dieses Faktum ist: \u201eJetzt erst recht\u201c. Das ist der Schritt von Szenen siehe Kuchenkauf zur Welt der Postulate. Es ist eine hochgemute Realit\u00e4tsverweigerung nach der Parole \u201eWeil nicht sein kann, was nicht sein darf\u201c. Verankert ist dieser Satz in der Parteinahme f\u00fcr eine vern\u00fcnftige L\u00f6sung, sei sie auch \u201eidealistisch\u201c.<\/p>\n<p>Es ist degoutant, hier von \u201eGutmenschen\u201c zu sprechen. Die selbsternannten Pragmatiker, die nicht \u201ean das Gute im Menschen\u201c glauben, bleiben die Antwort auf das Dilemma schuldig und bieten stattdessen aggressive Stichelei. Allerdings: die Ratlosigkeit ist nicht zu leugnen. Ich schlage vor, sie darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die Frage zu allgemein gestellt ist. Der Ausfall kommt daher, dass ein Rezept erwartet wird, wie ein T\u00e4ter oder eine T\u00e4terin in einem herk\u00f6mmlichen Krimi. So eine Antwort gibt es nicht. Vorgaben f\u00fcr globale Gerechtigkeit sind einem Rezept vergleichbar, in dem es hei\u00dft: \u201eNehmen Sie das Kochgut, erhitzen Sie es je nach seiner Beschaffenheit, und w\u00fcrzen Sie nach Geschmack.\u201c Es fehlen die Details. L\u00f6sungen sind m\u00f6glich, aber es empfiehlt sich, aus Respekt vor den dabei offen bleibenden Fragen, von gro\u00dfen T\u00f6nern abzusehen.<\/p>\n<p>Eine Teilnehmerin an der Begebenheit l\u00e4dt, vielleicht, den ungezogenen Burschen, die Pfarrgemeinder\u00e4tin, den defekten L\u00fcgendetektor, den Augustin-Kolporteur, die Verk\u00e4uferin und ihre Chefin dazu ein, bei ihr einen Kuchen zu backen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie kauft ein St\u00fcck vom Waldviertler Guglhupf, ein Riesenst\u00fcck. Es w\u00fcrde reichen f\u00fcr drei, denke ich. Sie wirkt gar nicht so hungrig, so als w\u00fcrde sie das St\u00fcck gar nicht f\u00fcr sich kaufen. Sie ist wahrscheinlich Mitglied des Pfarrgemeinderates, denke ich. Die Verk\u00e4uferin wird pl\u00f6tzlich unruhig.\u00a0&#8220;Jetzt geh&#8217; raus. Verschwind! 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