{"id":2090,"date":"2018-09-19T16:30:12","date_gmt":"2018-09-19T16:30:12","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2090"},"modified":"2019-01-19T09:28:16","modified_gmt":"2019-01-19T09:28:16","slug":"sicut-erat-in-principio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2090","title":{"rendered":"Sicut erat in principio"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2093\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IMG_0952.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IMG_0952.jpg 1024w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IMG_0952-300x225.jpg 300w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IMG_0952-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>\n<p>Der\u00a0<a href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2076\">vorherige Beitrag<\/a> von Andreas Kirchner behandelt die Rolle von Philosophen in mittelfristiger Zukunft. Im vorliegenden Text geht es philosophisch um die Rolle der Vorzukunft. Zwei Orientierungsversuche.<\/p>\n<p>Werbung ist heute, <strong>Lobpreis<\/strong> war gestern. Wenn man von Peter Handke absieht, ist das Wort praktisch aus unserem Wortschatz verschwunden. Im religi\u00f6sen Leben spielt es noch eine gewisse Rolle. Dort nennen die Fachleute &#8220;Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem heiligen Geiste&#8221; eine doxologische Formel, vom Griechischen &#8220;doxa&#8221; f\u00fcr Ehre. Es gibt nach wie vor Ehrungen, Ehrenmitgliedschaften und verehrte Festg\u00e4ste, doch die verehrungsvolle Anrufung der Dreifaltigkeit geh\u00f6rt nicht zum Repertoire der Konsumgesellschaft.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich bin auf das verlorene Wort bei \u00dcberlegungen zur <strong>Vorzukunft<\/strong> gesto\u00dfen. Alain Badiou hat diesen Zeitmodus zur Charakterisierung seines &#8220;Ereignisses&#8221; herangezogen. Einschneidende Weltver\u00e4nderungen sind nicht gleich, beim ersten Auftreten, erkennbar. Sie lassen sich benennen, aber zum gefestigten Glauben an ihre Wirksamkeit bedarf es der \u00dcberzeugung, dass ihr Versprechen <em>eingel\u00f6st sein wird((<\/em>&#8220;Weil das Ereignis keine dauerhafte, wahrnehmbare und objektive Spur hinterl\u00e4sst, also nicht im herk\u00f6mmlichen Sinn als Vergangenheit erinnert werden kann, ist die spezifische Zeitlichkeit des Ereignisses notwendigerweise an die Zeitform des <em>futur anterieur<\/em>, der Vorzukunft, gebunden, die in der Treue des Ereigniszeugen ihren Niederschlag findet&#8221;. Peter Zeilinger, <em>Badiou und Paulus. Das Ereignis als Norm?<\/em>, in: IWK-Mitteilungen 61.3-4 (2006), 6-12)) Die Pointe dieser Konstruktion besteht darin, dass die Sprecherin in eine Zukunft <em>vorausblickt<\/em>, die ihrerseits den <em>Charakter der Vergangenheit<\/em> besitzt. Sie antizipiert ein Ergebnis, das sich zur Zeit der betreffenden Aussage erst in Entwicklung befindet.<\/p>\n<p>Das ist eine Rundreise innerhalb der Zeit. Von der Vergangenheit kommt die Faktizit\u00e4t, von der Zukunft das Erfolgsrisiko und die Gegenwart koordiniert beide zu einem temporalen Gesamtprogramm. Die Ausdrucksweise erinnert &#8212; hier kommt Religion ins Spiel &#8212; an die Formel, die dem zitierten Lobpreis (einer Doxologie) in christlichen Liturgien gew\u00f6hnlich folgt:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit, und in Ewigkeit. Amen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Hier scheint es sich um ein besonders umfassendes Beispiel des Rundumprogramms zu handeln. Was kommen wird, ist schon zu Beginn vorgelegen, darum ist es auch jetzt in Kraft und wird sich niemals \u00e4ndern. Eine wahrlich abenteuerliche Aussicht. Aber der Eindruck der Rundreise t\u00e4uscht. Zwischen der liturgischen Ehrerbietung und der philosophischen Wendung besteht, wenn man genau hinsieht, ein wichtiger Unterschied. Um ihn zu sehen, muss man beim Griechischen beginnen, in dem die Bekr\u00e4ftigungsformel urspr\u00fcnglich formuliert war. Die Grammatik der Ausgangssprache widerspricht der Tendenz, den die lateinische, und in der Folge die weiteren Versionen des Satzes erwecken.<\/p>\n<p>Hier die griechische Formulierung:<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u0394\u03cc\u03be\u03b1 \u03a0\u03b1\u03c4\u03c1\u1f76 \u03ba\u03b1\u1f76 \u03a5\u1f31\u1ff7 \u03ba\u03b1\u1f76 \u1f09\u03b3\u03af\u1ff3 \u03a0\u03bd\u03b5\u03cd\u03bc\u03b1\u03c4\u03b9<br \/>\u03ba\u03b1\u1f76 \u03bd\u1fe6\u03bd \u03ba\u03b1\u1f76 \u1f00\u03b5\u1f76 \u03ba\u03b1\u1f76 \u03b5\u1f30\u03c2 \u03c4\u03bf\u1f7a\u03c2 \u03b1\u1f30\u1ff6\u03bd\u03b1\u03c2 \u03c4\u1ff6\u03bd \u03b1\u1f30\u03ce\u03bd\u03c9\u03bd.<br \/>\u1f08\u03bc\u03ae\u03bd.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>und die lateinische \u00dcbersetzung:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto.<br \/>Sicut erat in principio, et nunc, et semper, et in s\u00e6cula s\u00e6culorum. Amen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Aus &#8220;jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit&#8221; ist &#8220;Wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit, und in Ewigkeit&#8221; geworden. Textkritische Untersuchungen legen nahe, dass sich die Hinzuf\u00fcgung des Anfangs auf die erste Zeile des Johannesevangeliums bezieht: &#8220;Im Anfang war das Wort&#8221;. Heute wird der Satz als Ehrerbietung an die Dreifaltigkeit verstanden, doch urspr\u00fcnglich d\u00fcrfte <em>erat<\/em> (er\/sie\/es war) sich auf Gott Sohn bezogen haben, als Stellungnahme gegen den heterodoxen Arianismus, der die volle Gottheit Jesu Christi leugnete. Die Details bilden ein philologisches Puzzle((<a href=\"http:\/\/www.sanctamissa.org\/en\/resources\/articles\/doxology-fortescue.html\">Sancta Missa: Doxology))<\/a>, das Ergebnis enth\u00e4lt dar\u00fcber hinaus einen bemerkenswerten philosophiehistorischen Aspekt.<\/p>\n<p>Der griechischen und der lateinischen Fassung liegt ein unterschiedliches Zeitverst\u00e4ndnis zu Grunde. In der urspr\u00fcnglichen Version hei\u00dft es, w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt:<\/p>\n<blockquote>\n<p>und jetzt und immer und in Ewigkeit<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Gegenwart der Anrufung weitet sich auf alle Zeiten aus. Die Glorie im Augenblick erf\u00fcllt in zweimaliger Verst\u00e4rkung den gesamten Kosmos. Es ist jedoch bekannt, dass die Zeit im griechischen Denken nicht nach modernen Mustern vorgestellt wurde((<a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/services\/aop-cambridge-core\/content\/view\/9733F61247356158CD0467BCDD8299D1\/S205863101600026Xa.pdf\/div-class-title-tense-time-aspect-and-the-ancient-greek-verb-div.pdf\">Jerome Moran: Tense, Time, Aspect and the Ancient Greek Verb))<\/a>. Ihr Modell war nicht &#8220;der Pfeil der Zeit&#8221;, dem entlang sie sich linear entfaltet. Schon der hebr\u00e4isch gedachte Beginn des Johannesevangeliums deutet in eine andere Richtung. Und im Lateinischen Spruch ist der sukzessive temporalen Ablauf manifest: Anfang &#8211; Gegenwart &#8211; Allezeit. Dieser Kette l\u00e4sst sich leicht ein Glied hinzuf\u00fcgen: Anfang &#8211; Gegenwart &#8211; Zukunft &#8211; Allezeit. Und damit ist der Rahmen eines Rundumschlags vorgezeichnet, in dem Vergangenheit in die Zukunft importiert wird. Ehre sei Gott, wie es (schon immer) immer gewesen sein wird.<\/p>\n<p>Zwei Schlussfolgerungen legen sich nahe. Erstens ist die christliche Lobpreisung ein eigent\u00fcmliches Konglomerat aus drei verschiedenen Kulturkreisen. Ihr Gebrauch hat sich durch die Jahrhunderte zu einer Kundgebung des Glaubens verdichtet und verk\u00fcrzt. Die Vorzukunft spielt dabei nur eine Nebenrolle. Anders bei Alain Badiou. Sein &#8220;Ereignis&#8221; tr\u00e4gt Z\u00fcge einer Offenbarung, welche die Welt ver\u00e4ndert. Aber es l\u00e4sst sich nicht verherrlichen. Sein Erscheinen ist in eine prek\u00e4re Vorzukunft gefasst.(( Vgl. <a href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=1794\">es wird schon werden))<\/a>Davon ein andermal.<\/p>\n<p>\u00a0<br \/>\u00a0<\/p>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der\u00a0vorherige Beitrag von Andreas Kirchner behandelt die Rolle von Philosophen in mittelfristiger Zukunft. Im vorliegenden Text geht es philosophisch um die Rolle der Vorzukunft. Zwei Orientierungsversuche. Werbung ist heute, Lobpreis war gestern. Wenn man von Peter Handke absieht, ist das Wort praktisch aus unserem Wortschatz verschwunden. Im religi\u00f6sen Leben spielt es noch eine gewisse Rolle.<a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2090\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,15],"tags":[],"class_list":["post-2090","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-philosophie-klassisch","category-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2090","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2090"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2090\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2477,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2090\/revisions\/2477"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2090"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2090"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2090"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}