{"id":2112,"date":"2018-11-08T11:17:16","date_gmt":"2018-11-08T11:17:16","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2112"},"modified":"2019-01-20T13:24:36","modified_gmt":"2019-01-20T13:24:36","slug":"ein-interview-korpernah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2112","title":{"rendered":"Ein Interview, k\u00f6rpernah"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-2113\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/IMG_0530-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/IMG_0530.jpg 1024w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/IMG_0530-300x225.jpg 300w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/IMG_0530-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/p>\n<p>Interviews sind Schnittstellen, unter anderem zwischen Reportern und politischen Funktion\u00e4ren. Zum Beispiel zwischen dem Falter-Team Sibylle Hamann plus Florian Klenk und dem Bildungsminister Heinz Fa\u00dfmann((Siehe <a href=\"http:\/\/www.falter.at\/archiv\/wp\/ja-wo-sind-denn-die-lehrer\">hier))<\/a>. Zahlreiche derartige Interviews gleichen Wohlt\u00e4tigkeitsveranstaltungen oder Ringk\u00e4mpfen. Das trifft in diesem Fall nicht zu. Die Beteiligten respektieren ihr jeweiliges Gegen\u00fcber und r\u00e4umen einander Chancen ein. Darum ist am Beispiel gut zu sehen, wo die M\u00f6glichkeiten und die Grenzen dieser Redeform liegen. Und es ist zu beobachten, dass in ihrem Rahmen die (umstrittene) Integrit\u00e4t des politischen Funktion\u00e4rs nicht verlorengeht((Die &#8220;unabh\u00e4ngige Bildungsgewerkschaft&#8221; <a href=\"http:\/\/www.dieubg.at\/2018\/10\/31\/was-hat-sich-seit-ihrer-volkschulzeit-ge\u00e4ndert-herr-bildungsminister-gar-nicht-so-viel\/\">sieht das anders<\/a>.))<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Ziele der beiden Seiten, die ein solches Gespr\u00e4ch f\u00fchren, \u00fcberkreuzen sich. Der Politiker will als Person wahrgenommen werden, die eine Aufgabe erf\u00fcllt; die Journalistinnen ansatzweise als Politikerinnen. Als Vertreterinnen jener Medien, die ein moderner Staat n\u00f6tig hat. Beide Zielrichtungen sind im Interview zu verfolgen. Fa\u00dfmann spielt diskret mit dem Umstand, dass ihm die Karriere nicht in den Scho\u00df gefallen ist. Es war, fragt der FALTER, nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass er aufs Gymnasium geht?<\/p>\n<blockquote><p>Nein, vom Elternhaus her nicht.<\/p>\n<p>Um eine K\u00fcnette auszuheben, w\u00e4ren die k\u00f6rperlichen Hebel zu ung\u00fcnstig.<\/p><\/blockquote>\n<p>Umgekehrt sind die Journalistinnen professionell vorbereitet und finden sich mit hinhaltenden Antworten zur Gesamtschule nicht ab.<\/p>\n<blockquote><p>Warum nicht gleich in einem gemeinsamen Schulgeb\u00e4ude?<\/p>\n<p>Halten Sie die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-J\u00e4hrigen also f\u00fcr sinnvoll oder nicht?<\/p><\/blockquote>\n<p>Fa\u00dfmann &#8220;entzieht sich der Frage&#8221;. Zu Beginn des Interviews hat er ein privates Profil aufgebaut, in der politischen Frage \u00fcberl\u00e4sst er den Kontrahenten das Feld.<\/p>\n<p>&#8220;Der Mensch im Politker&#8221; und &#8220;Die politische Verantwortung der Medien&#8221; sind gut aufeinander eingestellt. Das Gespr\u00e4ch rei\u00dft keine Fronten auf. Dennoch macht sich, bei aller Freundlichkeit, hinter dem R\u00fccken der Beteiligten auch eine Gegentendenz bemerkbar. Sie untergr\u00e4bt den Zug zur Volksn\u00e4he und \u00fcberhitzt den Anspruch des politisierenden Journalismus. Fa\u00dfmann bringt seine Schwester, anfangs eine Hauptsch\u00fclerin, als Beispiel daf\u00fcr, &#8220;wie durchl\u00e4ssig das System ist&#8221;. Ein Besuch in der Neuen Mittelschule Koppstra\u00dfe dient als Beleg f\u00fcr die Erfolgsaussichten dieses Schultyps. Der rasante Wechsel vom Einzelnen zum Allgemeinen ist eine \u00dcberrumpelung. Sie geht allerdings nur teilweise auf Fa\u00dfmanns Konto, sondern ergibt sich aus der Konstruktion solcher Interviews. Mit einer Geste vermenschlichen sie das Abstrakte, in einer gegenl\u00e4ufigen Bewegung rei\u00dfen sie einen Graben zwischen Einzelf\u00e4llen und dem sozialen Ganzen auf.<\/p>\n<p>Der journalistischen H\u00f6flichkeit ergeht es nicht besser. Nachdem das Interviewteam seine sozialpolitischen Positionen markiert hat, wird es pers\u00f6nlich.<\/p>\n<blockquote><p>Sie sind jetzt ein Jahr lang Minister. Womit sind Sie unzufrieden?<\/p>\n<p>Zucken Sie manchmal zusammen &#8230;?<\/p>\n<p>Wieso erwidern Sie nichts?<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit der Brechstange wird versucht, dem Vertreter der unerw\u00fcnschten Regierung pers\u00f6nliche Bekenntnisse zu entlocken. Auch mich w\u00fcrde interessieren, wie er es mit den dubiosen Arbeitskollegen aush\u00e4lt, aber das ist ein Thema f\u00fcr Klatschspalten. Analytischer ausgedr\u00fcckt: die Sph\u00e4ren der Staatspolitik, der Ethik und der Demagogie sind, bei allen Interferenzen, dennoch funktional zu trennen. Dagegen steht freilich die verkreuzte Interessenskonstellation des Interviews. Gerade mit dem \u00dcberlappen von Pers\u00f6nlichkeit und Funktion\u00e4r ist auch das aussichtslose Unterfangen verbunden, politische Sacharbeit an individuellen Gef\u00fchlen zu messen.<\/p>\n<p>Dem Dilemma ist auf zwei Falterseiten nicht zu entkommen. Es spricht f\u00fcr die Qualit\u00e4t des Interviews, dass es &#8211; unter diesen Rahmenbedingungen &#8211; einen ansehnlichen sachpolitischen Kern enth\u00e4lt. Teils informativ, teils kontrovers. Es beleuchtet die Notwendigkeit, sich ein pr\u00e4zises Bild von den Schwachstellen des Bildungssystems und seiner Finanzierung zu machen und dabei auf die Kooperation zwischen Bund und L\u00e4ndern zu setzen. Konfliktpunkte zwischen Wien und T\u00fcrkis-Blau werden nicht verschwiegen.<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe nie ein Wien-Bashing betrieben.<\/p>\n<p>Das Bashing empfinde ich aber oft auch umgekehrt.<\/p>\n<p>Ich habe das bei den Deutschf\u00f6rderklassen bemerkt, wo man mein Projekt heftig bek\u00e4mpft hat, obwohl es manche Lehrer dringend wollten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Interview endet, trotz des angesprochenen Dilemmas, mit einem Glanzlicht. Am Anfang: ungeeignet zum Bauarbeiter wegen mangelnder k\u00f6rperlicher Hebelwirkung. Der FALTER (ein Schmetterling) fordert diese Wirkung dennoch, wenn auch metaphorisch, ein.<\/p>\n<blockquote><p>Wo endet die noble Zur\u00fcckhaltung und wo muss man hineingr\u00e4tschen?<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Minister nimmt die Metapher auf und dreht sie in seinem Sinn.<\/p>\n<blockquote><p>Ich f\u00fcrchte fast, dass ich mir beim Hineingr\u00e4tschen einen Meniskusschaden holen w\u00fcrde.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist nicht blo\u00df eine schlagfertige Replik auf die Anstiftung zur inner-koalition\u00e4ren Ruhest\u00f6rung. Die Wendung zieht den Spielraum, den solche Interviews er\u00f6ffnen, auf einen Schmerzpunkt zusammen. Metaphorische Gr\u00e4tschen ((Eine Zwischen\u00fcberschrift zu Petra Stuibers <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/2000090525396\/Fassmann-will-nicht-graetschen\">Kommentar im STANDARD<\/a> lautet: &#8220;&#8216;H\u00edneingr\u00e4tschen&#8217; w\u00e4re Pflicht&#8221; )) werden anschaulich am K\u00f6rperbau einer Person. Deren individuelles Knie ist es aber auch, das zu Schaden kommt, wenn sie der Suggestion der Metapher folgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interviews sind Schnittstellen, unter anderem zwischen Reportern und politischen Funktion\u00e4ren. Zum Beispiel zwischen dem Falter-Team Sibylle Hamann plus Florian Klenk und dem Bildungsminister Heinz Fa\u00dfmann((Siehe hier)). Zahlreiche derartige Interviews gleichen Wohlt\u00e4tigkeitsveranstaltungen oder Ringk\u00e4mpfen. Das trifft in diesem Fall nicht zu. Die Beteiligten respektieren ihr jeweiliges Gegen\u00fcber und r\u00e4umen einander Chancen ein. 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