{"id":2348,"date":"2019-01-13T12:22:37","date_gmt":"2019-01-13T12:22:37","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2348"},"modified":"2019-01-28T08:19:14","modified_gmt":"2019-01-28T08:19:14","slug":"namen-leeerstelle-treue","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2348","title":{"rendered":"Namen, Leerstelle, Treue"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"604\" height=\"580\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/waage-alt.jpg\" alt=\"\" data-id=\"2345\" data-link=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?attachment_id=2345\" class=\"wp-image-2345\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/waage-alt.jpg 604w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/waage-alt-300x288.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 604px) 100vw, 604px\" \/><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"754\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/GoldeneWageZerstoert-754x1024.jpg\" alt=\"\" data-id=\"2461\" data-link=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?attachment_id=2461\" class=\"wp-image-2461\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/GoldeneWageZerstoert-754x1024.jpg 754w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/GoldeneWageZerstoert-221x300.jpg 221w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/GoldeneWageZerstoert-768x1043.jpg 768w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/GoldeneWageZerstoert.jpg 787w\" sizes=\"auto, (max-width: 754px) 100vw, 754px\" \/><\/figure><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap has-small-font-size wp-block-paragraph\">Zur Linken, in einer <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/rhein-main\/goldene-waage-in-frankfurt-wie-ein-totempfahl-14294035.html\">Fotografie von etwa 1935<\/a>, das &#8220;Haus zur goldenen Waage&#8221; in der Frankfurter Innenstadt. Namen kn\u00fcpfen oft an handgreifliche Details an. In diesem Fall an den Laden des Gew\u00fcrzh\u00e4ndlers Abraham von Hameln. Namen m\u00fcssen eingespielt sein, um ihre Aufgabe zu erf\u00fcllen. Sie konservieren den Bezug zu Sachen und Vorg\u00e4ngen, die immer wieder gebraucht und angesprochen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Wie soll man den Tr\u00fcmmerhaufen nennen, den <a href=\"http:\/\/www.altfrankfurt.com\/spezial\/krieg\/Altstadt\/DomWest\/Hoellgasse\/GoldeneWage\/GoldeneWageZerstoert-0.htm\">das rechte Foto (1944)<\/a> zeigt? Wegr\u00e4umen! Der Tr\u00e4ger des Namens ist einem Bombardement zum Opfer gefallen. Der Vorfall hat die Welt \u00fcberw\u00e4ltigt, in der Gesch\u00e4ftsadressen funktionierten. Ein Umbruch ist eingetreten, etwas Neues m\u00f6glich und n\u00f6tig geworden. Es hat Zeit gebraucht. 2017 war die Au\u00dfenseite des nachfolgenden Geb\u00e4udes fertiggestellt. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div align=\"center\">\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/waage2018-s.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2344\" width=\"327\" height=\"375\"><\/figure><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Wie soll man diese Rekonstruktion nennen? Die Antwort ist nat\u00fcrlich &#8220;Haus zur goldenen Waage&#8221;. Nat\u00fcrlich, aber nicht selbstverst\u00e4ndlich. Eine eingespielte Welt ist bodenlos geworden; die Entwicklung hat an die leere Stelle eine Wiederbelebung der ehemaligen Form gesetzt. Kein Stein ist am anderen geblieben &#8212; und alle Steine tragen das gleiche Haus. Der Name \u00fcberbr\u00fcckt den Ausfall. Es ist zu fragen, in welcher Hinsicht und mit welchem Recht das neue Geb\u00e4ude den Bauplatz und den Namen des zur Ruine gewordenen Vorg\u00e4ngers einnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Unsentimental ist es die Frage, wie, angesichts der Tatsache, dass sie nicht mehr besteht, an die ehemalige Welt angekn\u00fcpft wird. Pers\u00f6nlich und politische aufgeladen geht es um Treue. Das Bestehende ist versunken, wozu steht man <em>jetzt<\/em>? Zur Vergangenheit oder zur Existenz im Verlust? Die Fassade demonstriert eine Antwort: die Leerstelle soll nicht sein. Was gewesen ist, soll in neuem Glanz erstehen. Der Triumph der Rekonstruktion bedeutet auch einen Sieg \u00fcber die Zerst\u00f6rung. Und das Haus wird zum Museum.((Dieser Beitrag ist von einer Bemerkung Andreas Kirchners inspiriert: &#8220;Badiou trennt scharf zwischen Altem und Zerst\u00f6rung und Neuem, doch kann man das wirklich in dieser reinen Form tun? Die Unterst\u00fctzung des Neuen sollte mitbedenken, was man verliert &#8230; Badiou meint, dass die kommende Situation alles pr\u00e4sentiert was die aktuelle Situation pr\u00e4sentiert, aber er verschweigt dass das was die Alte Ordnung &#8220;selbst&#8221; w\u00e4hrend der Transformation zerst\u00f6rt hat, unwiederbringlich verloren ist.&#8221; (pers\u00f6nliche Mitteilung) ))<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Der Schmerz am gl\u00e4nzenden \u00c4u\u00dferen (es gibt ihn!) ist ein Kollateralschaden des Verlustes, den das frische Bauwerk besiegelt. In hochgestochenem philosophischen Jargon &#8220;des Verlustes des Verlustes&#8221; oder auch &#8220;ein Verst\u00e4ndnis des Seins als pure Anwesenheit&#8221;. Beschw\u00f6rungen der dunklen Seite im Licht des Wiederaufbaus. Es gibt auch andere M\u00f6glichkeiten, mit dem Thema umzugehen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"584\" height=\"906\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/berlin-ged\u00e4chtniskirche1-s.jpg\" alt=\"\" data-id=\"2346\" data-link=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?attachment_id=2346\" class=\"wp-image-2346\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/berlin-ged\u00e4chtniskirche1-s.jpg 584w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/berlin-ged\u00e4chtniskirche1-s-193x300.jpg 193w\" sizes=\"auto, (max-width: 584px) 100vw, 584px\" \/><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"584\" height=\"809\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/berlin-ged\u00e4chtniskirche2.jpg\" alt=\"\" data-id=\"2347\" data-link=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?attachment_id=2347\" class=\"wp-image-2347\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/berlin-ged\u00e4chtniskirche2.jpg 584w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/berlin-ged\u00e4chtniskirche2-217x300.jpg 217w\" sizes=\"auto, (max-width: 584px) 100vw, 584px\" \/><\/figure><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Kaiser-Wilhelm-Ged\u00e4chtniskirche<\/em> am Berliner Kurf\u00fcrstendamm reicht in fr\u00fchere Zeiten zur\u00fcck und verweist noch heute auf ein Gotteshaus, das diesen Namen tr\u00e4gt. Am Namen ist es nicht erkennbar, aber das Bezeichnete erinnert daran, was 1944 geschehen ist. Es \u00fcberspringt das Bombardement nicht, sondern pr\u00e4sentiert es ebenso, wie den Entschluss, es nicht dabei zu belassen. Diese Architektur (Egon Eiermann) ist, im Jargon, &#8220;nicht seinsvergessen&#8221;. Treue ist, in dieser Erscheinungsform, nicht das Festklammern an einer Auspr\u00e4gung des Lebens, sondern das Verfolgen ihrer Spur in der M\u00fchle der Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">In diesen \u00dcberlegungen ist das weltersch\u00fctternde Ereignis negativ konnotiert. Sie unterscheiden sich in dieser Hinsicht vom Revolutionspathos, das Badiou leitet. Doch eine Lehre kann aus den beiden Beispielen des Wiederaufbaus auch f\u00fcr die wohlgemute Version gezogen werden. Der glatte Neuanfang, die Beseitigung des Schutthaufens, f\u00fchrt in eine prek\u00e4re Situation. Was kann gebaut werden, wenn es keineswegs mit Altem befrachtet sein soll? Das Fehlen der Ankn\u00fcpfungspunkte \u00f6ffnet das Tor zur \u00dcberidentifikation des <em>Alles-wie-es-einmal-war<\/em>. Die konservierte Ruine als Teil der neuen Ged\u00e4chtniskirche blockiert diesen Weg. Das hei\u00dft auch: H\u00fctet Euch vor der Euphorie der Leere.((Um diese Problematik drehen sich auch die <a href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2325#comment-484\">Kommentare<\/a> zum vorhergehenden Beitrag.)) Es ist schwer zu sagen, was nachkommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Linken, in einer Fotografie von etwa 1935, das &#8220;Haus zur goldenen Waage&#8221; in der Frankfurter Innenstadt. Namen kn\u00fcpfen oft an handgreifliche Details an. In diesem Fall an den Laden des Gew\u00fcrzh\u00e4ndlers Abraham von Hameln. Namen m\u00fcssen eingespielt sein, um ihre Aufgabe zu erf\u00fcllen. 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