{"id":2557,"date":"2019-04-25T22:09:18","date_gmt":"2019-04-25T22:09:18","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2557"},"modified":"2019-05-07T22:10:11","modified_gmt":"2019-05-07T22:10:11","slug":"die-transzendenz-des-ackers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2557","title":{"rendered":"Die Transzendenz des Ackers"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bezogen auf eine kleine d\u00f6rfliche Siedlung, ist die T\u00e4tigkeit am Acker eine Transzendenz. Gerade in Nieder\u00f6sterreich, sind die \u00c4cker im Fr\u00fchling strukturierte &#8220;Leere&#8221;:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/bleibfern.eu\/owncloud\/s\/CnqHowbm3AoejDS\/preview\" alt=\"\" \/><\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/bleibfern.eu\/owncloud\/s\/nojNMQbLFRfnBXq\/preview\" alt=\"\" \/><\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/bleibfern.eu\/owncloud\/s\/xsijXxPH9HqX9K7\/preview\" alt=\"\" \/><\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Riesige Fl\u00e4chen Erde, strukturiert von Windschutzg\u00fcrteln. Ein Spiel-Raum, aber ein existenzieller. Ohne Acker keine Ernte. Ohne Ernte kein \u00dcberleben, nicht nur der Bauern sondern der ganzen Siedlung (minus die globalen Import- und Handelsm\u00f6glichkeiten, die dieses Verh\u00e4ltnis graduell ent-dramatisieren).<\/p>\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Transzendenz, die \u00fcber den Horizont des Dorfes hinausgeht, ist ein \u00dcber<em>steigen<\/em> im r\u00e4umlichen Sinne, d.h. eine Expansion, eine Bewirtschaftung, eingeschr\u00e4nkt und eingebettet durch einen gesellschaftlich erarbeiteten Fl\u00e4chenwidmungsplan. Die Fl\u00e4che ist einem Zweck gewidmet, d.h. es wird hier (einmal) etwas (Bestimmtes) sein (was sich ernten l\u00e4sst). Die Expansion, die \u00fcber den Lebensraum des Dorfes hinausgeht, &#8216;sichert&#8217; die Existenz. Es ist etwas subtiler: Die Subjektivit\u00e4t des Bauern h\u00e4ngt ab von (1) der Strukturierung, Bearbeitung, und Pflege des Raumes au\u00dferhalb des unmittelbaren Wohn- &amp; Lebensraums, und (2) der Verausgabung seines K\u00f6rpers zur Affirmation dieser r\u00e4umlichen Abh\u00e4ngigkeit <em>und<\/em> der versuchten Entsch\u00e4rfung derselben Abh\u00e4ngigkeit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweck-gebundene Gemeinschaft mit ihrer r\u00e4umlichen Expansion hat, wie jeder Zusammenschluss aus Menschen nach Gilden, B\u00fcnden, oder professionellen Communities (&#8220;Cybersecurity Group of Interest&#8221; usw.) den Nachteil der Partikularit\u00e4t der Ziele. Es geht im Leben nicht nur um Felder und Ernten, und selbst wenn das so w\u00e4re, wird die Art der Bewirtschaftung innerhalb dieses Ziels von einer vorherrschenden Meinung dominiert. Die r\u00e4umliche \u00dcberschreitung einer Grenze bedeutet keine \u00dcberschreitung der gewohnten (&#8220;bew\u00e4hrten&#8221;) Erfahrungen und Bet\u00e4tigungs<em>felder<\/em> (im konkretesten Sinne). Wenn man einem Bauern mit Cybersecurity kommt, st\u00f6\u00dft man auf Unverst\u00e4ndnis (Und umgekehrt). Oder monothematisch: Konventioneller Landbau spie\u00dft sich mit Bio-Landbau. Andererseits, warum soll es keine Bauern geben, die auch Cybersecurity-Interessiert sind (Punkt 2 der Subjektivit\u00e4t, die Entsch\u00e4rfung der r\u00e4umlichen Abh\u00e4ngigkeit, macht es m\u00f6glich)?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fl\u00e4chenwidmung ist eine politische Frage. Die \u00dcbersetzbarkeit und Diskussion <em>verschiedener<\/em> Bestrebungen und Ansichten in einer losen (die B\u00fcnde \u00fcbergreifenden) Gesellschaft ist ein Thema von &#8216;Zivilgesellschaft&#8217; und den Medien. Die strategische Ausn\u00fctzung von Meinungsbildungsprozessen der Zivilgesellschaft wiederum ist die Basis von Volksparteien. Man m\u00f6chte Themen f\u00fcr sich beanspruchen, die m\u00f6glichst viele W\u00e4hlergruppen ansprechen, um breite Unterst\u00fctzung zu erhalten, Entscheidungen zu treffen, und, so das Versprechen, die Menschen der Region zu repr\u00e4sentieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier wird nicht der Raum \u00fcberschritten, sondern die Orientierung durch die verschiedenen, inflexiblen, partikularen Ziele. <em>\u00dcber<\/em>schreitung (dar\u00fcber schreiten) bedeutet hier das Ignorieren der Inflexibilit\u00e4t bei Entscheidungen dar\u00fcber, was wichtig ist (f\u00fcr die Widmung der Fl\u00e4chen).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Einsch\u00e4tzung von Volksparteien vergisst, dass die Gr\u00fcndung solcher Parteien m\u00f6glich war aufgrund von Ideen <em>zus\u00e4tzlich<\/em> zur Ignoranz der Inflexibilit\u00e4t, die einen attraktiven Horizont vorgeben, innerhalb dessen man flexibel sein kann. Quer durch die Themen und Interessenslagen der Leute kann man mit \u00fcbergreifenden Ideen vorw\u00e4rts kommen. Dadurch verachtet diese Transzendenz die Zweckgebundenheit der B\u00fcnde nicht (unbedingt), stellt sie aber in einem umfassenderen Zusammenhang, durch den die Kompatibilit\u00e4t mit anderen partikularen Zwecken hergestellt werden kann.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Ideen haben verschiedenste Leute bewegt, sich unter einer Flagge zu versammeln, und zwar obwohl Cybersecurity und Feldbewirtschaftung sich wohl nicht dar\u00fcber einig werden, was der Staat vorsehen soll (im Sinne des Fl\u00e4chenwidmungsplanes und seinen \u00c4quivalenten), und obwohl Bio-Landbau und konventioneller Landbau sich in zentralen Punkten widersprechen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Ideen kommen in einer Fassung, die historisch Bedeutung gewonnen hat. Sie schaffen es, Stimmungen zu b\u00fcndeln (manches scharf zu formulieren, anderes abzuflachen, Alternativen verblassen zu lassen), Priorit\u00e4ten verst\u00e4ndlich zu machen, und Irrelevantes offen zu lassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Offenheit und der Verschluss der Originalfassung der Ideen k\u00f6nnen sich sp\u00e4ter r\u00e4chen. Denn genauso wie bei meiner naiven Vorstellung der Bauern: Die Orientierung an der Originalfassung zementiert einen bestimmten Horizont ein bzw. macht eine Praxis des Laissez-faire selbstverst\u00e4ndlich, die wichtige Probleme unsichtbar macht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun liegt die Frage nahe, wie ernst man es mit der Treue zu den Gr\u00fcndungsideen nimmt. Oft sind diese Gr\u00fcndungsideen nur eine unter vielen Faktoren f\u00fcr Entscheidungen die die Gegenwart betreffen, und nicht <em>der <\/em>Ma\u00dfstab f\u00fcr Entscheidungen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Orientierung an Ideen (bzw. danach die Prinzipientreue) l\u00e4sst sich \u00fcberschreiten. Angenommen den Fall, dass man nicht zu neuen Ideen kommt, dann landen wir beim Pragmatismus oder Opportunismus: Die historisch wichtig gewordenen Ideen der Gemeinschaft bilden dabei nicht <em>die<\/em> Basis f\u00fcr Handlungen und Entscheidungen, sondern werden durch die pragmatische Brille verw\u00e4ssert, oder die am Einfluss orientierte Brille preisgegeben aber durch leere Phrasen verteidigt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pragmatismus: Lass uns einen Kompromiss finden, der auch der Konfliktparteie, die die Orientierung an der Idee herausfordert, mehr oder weniger gerecht wird. Reden wir dar\u00fcber. Es gibt bestimmt eine L\u00f6sung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Opportunismus: Wir orientieren uns an der Mehrheitsmeinung. Doch wie kann man argumentieren, um nicht prinzipienlos zu erscheinen? Wie antwortet man auf eine Interviewfrage: &#8220;Wie christlich-sozial ist die \u00d6VP noch?&#8221;? Man m\u00f6chte authentisch erscheinen, ohne es zu sein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine kritsiche Analyse dar\u00fcber, wie es um die Prinzipientreue einer Partei und Gemeinschaft steht, bei konkreten Entscheidungen, und eine Analye \u00fcber die Aktualit\u00e4t dieser Prinzipien, wird man nicht leicht wagen; das w\u00fcrde ja implizieren, dass man nicht mehr \u00fcberzeugt ist von seiner Prinzipientreue oder den Prinzipien. Fragen w\u00fcrden aufkommen: Haben sich die Parteigr\u00fcnder geirrt? M\u00fcssen sie heute korrigiert werden? Muss &#8216;das Heute&#8217; korrigiert werden? Oder beides?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pragmatiker w\u00fcrden hier statt dieser Retrospektive zeigen, wie wichtig es ist, statt einer Besch\u00e4ftigung mit sich selbst, weiterzumachen, und wenn sie clever sind argumentieren, dass die Gemeinschaft getragen von, aber nicht fixiert auf, die Ideen der Vergangenheit ist. Die Vergangenheit braucht darum nicht in den Fokus des Interesses zu kommen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sind trotz Pragmatismus oft Analysen, R\u00fcckblicke, Abrechnungen, Vergleiche (in welcher Genauigkeit und mit welchen Motiven auch immer) mit Bezug auf die Vergangenheit gemacht worden (Die Diagnose &#8220;Machtversessenheit und Zukunftsvergessenheit&#8221; zu Beginn bei Christian Kern, bzw. die j\u00fcngsten Gedanken von Reinhold Mitterlehner zur Gefahr des Umbaus \u00d6sterreichs zu einer autorit\u00e4ren Demokratie).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist die Reflexionsf\u00e4higkeit, oder sagen wir der Reflexionswille, mit dem auch eine Art von Z\u00f6gern einhergeht, zweckwidrig oder fremdartig f\u00fcr eine Volkspartei oder \u00e4hnliche aus heterogenen Interessen zusammengesetzten Gemeinschaften? Sind Zweifel daran, ob man wirklich getragen ist von den Ideen der Gr\u00fcndungsv\u00e4ter, oder ob es gut ist, dass man von ihnen getragen ist, angebracht, oder schw\u00e4chen sie &#8216;den Flow&#8217; jener Initiative, die man doch &#8220;im Prinzip&#8221; unterst\u00fctzt?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man kann den Gedanken nicht ganz wegwischen, dass Pragmatismus und Kompromiss vor allem in Zusammenh\u00e4ngen relevant sind, die nicht einseitig beeinflussbar, oder nicht \u00fcberschaubar, sind, d.h. wo es nicht m\u00f6glich ist die verschiedenen Interessen mit Hilfe einer (neuen\/erneuerten) attraktiven Idee zusammenzuf\u00fchren, und wo die Tragf\u00e4higkeit der vergangenen Ideenfassung zu W\u00fcnschen \u00fcbrig l\u00e4sst. Pragmatismus und Flexibilit\u00e4t sind verst\u00e4ndlich in aporetischen Situationen, in denen weiterhin &#8216;Fl\u00e4chenwidmungen&#8217; gemacht werden m\u00fcssen, jedoch die Ideenfassung fehlt (oder nicht greift), die unabh\u00e4ngig von der Mehrheitsmeinung orientiert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist, um eine Antwort auf die im vorletzten Absatz gestellten Fragen zu versuchen, ein Schritt zu viel des Pragmatismus einer Gemeinschaft, wenn er diese Analysen unterbinden oder abwehren m\u00f6chte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn Parteimitglieder sind zum Teil aus idealistischen Motiven in die Politik und in eine bestimmte Partei eingestiegen. Wenn sich diese hinstellen, die Partei kritisieren, und im selben Atemzug sagen, dass man Teil dieser kritisierten Partei ist und (immer) bleiben wird, dann liegt diese Einstellung <em>quer<\/em> zum Pragmatismus (und den &#8216;faulen&#8217; Kompromissen) und <em>gegen<\/em> den Opportunismus, welcher versucht die Mehrheitsmeinung (oder zumindest was davon durch Meinungsumfragen, &#8216;Gesp\u00fchr&#8217;, und Marktforschung sichtbar geworden ist ) bei Themen, die durch Zivilgesellschaft und Medien aufgeladen wurden, als Orientierung zu nehmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Mischung aus Zweifel und Interesse an der gegenw\u00e4rtigen Prinzipientreue oder an der Originalfassung der Prinzipien ist eine Art von Transzendenz, die weder in einer Expansion endet, noch in einer Idee, noch in einer Pragmatik (und vom Jenseits war nicht die Rede). Dieser Zweifel aus Interesse ist negativ und manchmal n\u00f6tig. Er \u00fcberschreitet, oder man sollte besser sagen durchschreitet, diese Optionen, kommt aber nicht selbst\u00e4ndig zu einer neuen L\u00f6sung. Er diagnostiziert die Absenz von Orientierung durch das Interesse an einer m\u00f6glichen Pr\u00e4senz und ihrer Fl\u00e4chenwidmung, (1) mit dem Risiko in Melancholie oder Pessimismus zu kippen, was Pragmatismus und Opportunismus weiter st\u00e4rkt, und (2) mit der Chance auf Erneuerung, die auch schiefgehen kann.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bezogen auf eine kleine d\u00f6rfliche Siedlung, ist die T\u00e4tigkeit am Acker eine Transzendenz. Gerade in Nieder\u00f6sterreich, sind die \u00c4cker im Fr\u00fchling strukturierte &#8220;Leere&#8221;: Riesige Fl\u00e4chen Erde, strukturiert von Windschutzg\u00fcrteln. Ein Spiel-Raum, aber ein existenzieller. Ohne Acker keine Ernte. 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