{"id":2604,"date":"2019-05-06T21:08:10","date_gmt":"2019-05-06T21:08:10","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2604"},"modified":"2019-05-07T08:36:38","modified_gmt":"2019-05-07T08:36:38","slug":"verkorperte-philosophie-platon-und-die-chief-philosophy-officers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2604","title":{"rendered":"Verk\u00f6rperte Philosophie? Platon und die Chief Philosophy Officers"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">&#8220;<em>Fachzeitschriften begn\u00fcgen sich nicht damit, ihre Seiten f\u00fcr Kulturinformationen zu \u00f6ffnen[&#8230;] Zur wissenschaftlichen Strenge der Analysen gesellen sich [..] dogmatische Legenden im Predigtton. Philosophien des Armen f\u00fcr Fachkader! Sie entsprechen indes einem Bed\u00fcrfnis.<\/em>&#8221;<br \/>\n&#8211; Michel de Certeau: Die Gegenwart wagen. Aus: GlaubensSchwachheit (Kohlhammer 2009). S.83<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-2605\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Codex_ephremi.jpg\" alt=\"\" width=\"432\" height=\"241\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Codex_ephremi.jpg 1024w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Codex_ephremi-300x167.jpg 300w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Codex_ephremi-768x428.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 432px) 100vw, 432px\" \/><\/p>\n<p>In dem <a href=\"https:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/unternehmensfuehrung-cpo-philosophen-erobern-die-chefetagen-a-1264642.html\">j\u00fcngsten Blog-Artikel aus dem &#8220;Manager Magazin&#8221;<\/a> schreibt Personalberaterin und Pr\u00e4sidentin des Ethikverbandes der deutschen Wirtschaft Irina Kummert von Ihrer Beobachtung, dass immer mehr Menschen mit Philosophischer Ausbildung Karriere in der Wirtschaft machen und allm\u00e4hlich in der F\u00fchrung von Unternehmen landen. Sie nennt Platon als Pate, der in seiner Konzeption des Idealstaats Philosophen in Herrschaftspositionen vorgesehen hat. Sie w\u00e4ren besonders geeignet, Gerechtigkeit in einer Gemeinschaft zu bewahren. In dem Artikel wird dann in weiterer Folge Platon zum Vordenker f\u00fcr Team-Work und Heterarchie und kompatibel mit der &#8220;Intelligenz der Vielen&#8221; gemacht.<\/p>\n<p>Es folgt eine kurze Kritik an der gefilterten Darstellung Platons sowie der affirmativen Bewerbung dieser Art von Karriere, ohne die Risiken zu nennen und ohne auf Br\u00fcche zwischen der Tradition Platos und den Dynamiken von (gegenw\u00e4rtigen) Betriebsst\u00e4tten aufmerksam zu machen. Daran schlie\u00dft sich eine weitere \u00dcberlegung \u00fcber die prek\u00e4re Situation <em>verk\u00f6rperter<\/em> Philosophie. Sie kann sich nicht f\u00fcr immer auf das vorg\u00e4ngige, &#8216;gespeicherte&#8217; Training verlassen. Sie ist eine Zusatz-Anstrengung die den stattfindenden Dynamiken der Umgebung eine\u00a0 retardierende Wendung gibt, dessen Nutzen nicht greifbar ist und die nicht prim\u00e4r an den Bed\u00fcrfnissen des Unternehmens orientiert ist, obwohl sie diese registriert und im gelungenen Fall informiert. Das geht auch in die andere Richtung: Die verk\u00f6rperte Philsophie wird von den Unternehmensdynamiken registriert und &#8211; hier ist das Risiko &#8211; inkorporiert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Was fehlt in der Darstellung von Frau Kummert und was ist zuviel? Stark verk\u00fcrzt gesagt: Von Platons\/Sokrates Opposition gegen Sophismus sagt diese (so untertitelte) &#8216;Meinungsmache&#8217; nichts. Dass von dem Volk in Debatten wenig Intelligenz zu erhoffen ist, ebenfalls. Ganz zu schweigen davon, dass die F\u00fchrungsschicht besitzlos sein soll, passt nicht ganz zu LinkedIn, Flicker, und PayPal. Was ist denn bitte die philosophische Pr\u00e4gung, die Philosophie-Abg\u00e4nger in F\u00fchrungsposition dem Unternehmen gegeben haben? Welchen Unterschied machen Philosophen wenn sie in Machtpositionen sind? Machen Sie dem Namen alle Ehre? W\u00fcrden sie selbst sagen, dass das was sie in ihrem Job tun, Philosophie ist?<\/p>\n<p>Wenn Frau Kummert&#8217;s Beitrag einerseits die St\u00e4rken von ihrem eigenen Studienhintergrund Philosophie hervorheben m\u00f6chte und welchen Mehrwert er f\u00fcr Unternehmen bringen kann, m\u00f6chte ich hiermit auf die Widerspr\u00fcche zwischen dem Anspruch philosophischer T\u00e4tigkeit einerseits und dem wirtschaftlichem Getriebe andererseits aufmerksam machen.<\/p>\n<p>Ich bin in der ungeeignetsten Position, mich \u00fcber die Tatsache zu beschweren, dass Personen mit philosophischer Ausbildung auch in der Wirtschaft t\u00e4tig sind, und auch liegt mir fern, dies jemanden abzusprechen. Ich bin auch \u00fcberzeugt, dass man manches miteinbringen kann. Doch falls es diesen Trend gibt, dass Leute die Philosophie studiert haben sp\u00e4ter eine Karriere in der Wirtschaft machen, sollte uns das nicht besorgen (in der pessimistischen Variante) oder (in philosophischer Manier) zumindest verwundern? Manches was Philosophie als T\u00e4tigkeit vermittelt muss durch diesen Schritt geopfert werden, anderes kann (zumindest ist es nicht unm\u00f6glich) fortgesetzt werden.<\/p>\n<p>Doch warum genau jemanden wie Platon, dessen Opposition aber auch intensive Auseinandersetzung mit Sophisten (an den Bed\u00fcrfnissen orientierte Berater und Coaches) in jedem Werk wichtig ist, als Paten f\u00fcr diesen Trend nehmen und Plato&#8217;s Lehre als Role Model f\u00fcr Unternehmensf\u00fchrung in der Digitalisierung ausgeben?<\/p>\n<p>Muss uns nicht diese Tendenz\u00a0 von der Philosophie zur Wirtschaft verwundern, bevor wir sie selbstverst\u00e4ndlich konstruktiv als Bereicherung f\u00fcr Unternehmen (und vielleicht f\u00fcr Gesellschaft) deuten? Man kann diese Verwunderung verschieben, nachdem sozusagen die Akademie eine (digitale) Betriebsst\u00e4tte geworden ist, und die Spielr\u00e4ume in <em>allen<\/em> Bereichen (und in allen Zeiten), nicht nur in der Wirtschaft, zum Denken eine nicht unerhebliche Anstrengung erfordern. Ich m\u00f6chte dazu meine Erfahrung, die ich bisher in wirtschaftlichen Kontexten gemacht habe, beitragen (und die sich vielleicht auch auf andere Kontexte \u00fcbertragen l\u00e4sst):<\/p>\n<p>Es gibt eine Spannung zwischen den betrieblichen Abl\u00e4ufen einerseits und den Voraussetzungen f\u00fcr Gedanken andererseits. Diese Abl\u00e4ufe geben kein gutes Substrat um zu denken, wiewohl sie st\u00e4ndig gutes und wichtiges Material liefern w\u00fcrden. Das wird in dem Artikel verschwiegen. Ein Schl\u00fcssel der meine Irritation \u00fcber dieses Verschweigen zugleich beruhigt und verst\u00e4rkt ist der letzte Absatz des Artikels:<\/p>\n<blockquote><p>Philosophen machen den Unterschied. Aufgrund ihrer Art zu denken k\u00f6nnen sie gar nicht anders: Sie verk\u00f6rpern, sie leben eine digitale, eine vernetzte F\u00fchrungskultur. Dadurch sind sie bestens in der Lage, Menschen und damit Unternehmen auf dem Weg in die Digitalisierung und zu Innovation mitzunehmen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Lassen wir die weitere Irritation (Philosophie lebt eine digitale, vernetzte F\u00fchrungskultur) f\u00fcr diesen Beitrag beiseite und fokusieren auf den zun\u00e4chst beruhigenden Aspekt: Ja, man befindet sich in einer widrigen Umgebung um zu denken. Doch es gibt Hoffnung: Philosophen haben sich eine Art zu denken antrainiert und angew\u00f6hnt, sie <em>verk\u00f6rpern<\/em> sie und bringen sie in die Umgebung ein. Davon handelt auch Platons Staat, von einem rigorosen Training und einer Disziplin, K\u00f6rper in Balance und Geist in Balance zu halten, d.h. den Exzessen fernzubleiben und sich letzltich am Guten orientieren (wobei die inhaltliche Bestimmung des Guten nicht greifbar ist).<\/p>\n<p>Doch da kommt inmitten dieser Hoffnung auch schon der Zweifel: Die Balance, w\u00fcrde ich meinen, ist ziemlich prek\u00e4r (darum auch diese ganze Installation von Erziehungsma\u00dfnahmen in Platons Staat, um die Chancen f\u00fcr so eine Balance zu erh\u00f6hen, und selbst diese Ma\u00dfnahmen, so wird bei Platon zugestanden, schafften es nicht in die Umsetzung, sondern sie werden als ideales Vorbild den Einzelnen zur Orientierung ihrer selbst aufgetragen). So eine Balance braucht erfahrungsgem\u00e4\u00df Anstrengungen auch nach dem Studium. Der K\u00f6rper, und unser Ged\u00e4chtnis, ist wie ein Palimpsest, er vergisst vielleicht nichts, jedoch verblassen die Einschreibungen. Antrainierte Muster ersetzen sich schleichend durch Eindr\u00fccke und Dynamiken aus der Umgebung.<\/p>\n<p>Die Hoffnung, dass Philosophie-Abg\u00e4nger die Digitalisierung fixen, ist ohne der Kenntnis des Risikos, dass diese sich wie andere Studienabg\u00e4nger anpassen an die Gegebenheiten, naiv. So ist Kapitalismus selbst also taktischer und subversiver als man denkt, seine Best\u00e4ndigkeit verdankt sich dem wiederholenden Abschleifen und dem Integrieren von system-kritischen Einwirkungen. Darum soll man sich nichts vormachen, wenn Philosophen an die Macht kommen. Die Macht kommt (neben der Verantwortung) mit einem Risiko: dass am Ende von der verk\u00f6rpterten Philosophie nur noch die Gewohnheit \u00fcbrig bleibt, diesen Namen zu tragen und sich mit diesem Namen zu vermarkten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Fachzeitschriften begn\u00fcgen sich nicht damit, ihre Seiten f\u00fcr Kulturinformationen zu \u00f6ffnen[&#8230;] Zur wissenschaftlichen Strenge der Analysen gesellen sich [..] dogmatische Legenden im Predigtton. Philosophien des Armen f\u00fcr Fachkader! Sie entsprechen indes einem Bed\u00fcrfnis.&#8221; &#8211; Michel de Certeau: Die Gegenwart wagen. Aus: GlaubensSchwachheit (Kohlhammer 2009). 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