{"id":2659,"date":"2019-07-05T15:16:02","date_gmt":"2019-07-05T15:16:02","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2659"},"modified":"2019-07-06T06:39:32","modified_gmt":"2019-07-06T06:39:32","slug":"planlose-mannigfaltigkeit-ein-testbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2659","title":{"rendered":"Planlose Mannigfaltigkeit. Ein Testbericht"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide\" style=\"grid-template-columns:57% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"338\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/planlos.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2667\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/planlos.png 450w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/planlos-300x225.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">&#8220;Was ist das?&#8221; &#8212;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">&#8220;Keine Ahnung.&#8221; &#8212;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">&#8220;M\u00f6chtest Du es wissen?&#8221;  &#8220;Es ist ein Foto&#8221;. &#8212;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">&#8220;Und was stellt es dar?&#8221;<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:42px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An dieser Szene lassen sich wesentliche Merkmale des Umgangs mit Unbekanntem ablesen. Und sie hilft zum Verst\u00e4ndnis der Frage, was es nach Alain Badiou mit &#8220;dem Sein&#8221; auf sich hat.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hermeneutik<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein unverst\u00e4ndliches St\u00fcck Welt aus Farben und Formen erweckt Aufmerksamkeit &#8212; und vergrault sie gleichzeitig. Mit ihm ist nichts anzufangen. Viele Weltbestandteile sind so, doch dieser hat etwas Besonderes zu bieten. Er ist das Viereck einer Kameraaufnahme. Obwohl es nichtssagende Ablagerungen sind, hat jemand sich um sie gek\u00fcmmert. Das ist zumindest ein Ankn\u00fcpfungspunkt. Der Versuch ist erlaubt, mit dem Durcheinander dennoch etwas anzufangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die damit beginnende Geschichte hat mehrere Etappen. Die erste ist das Unverst\u00e4ndnis, die zweite ein Deutungsangebot (Photo) und die dritte beginnt mit der Aussicht, Sinn zu finden. Entscheidend ist der Schritt, in dem sich herausstellt: eine bedeutungslose Konfiguration ist in einem Rahmen festgehalten worden. Was immer dieses Bild besagen soll, hier muss die Auslegung ansetzen. An dieser Stelle mutiert Unsinn in m\u00f6glichen Sinn. Wie kann das sein? Farbsedimente , f\u00fcr sich betrachtet, sind unbedeutend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Bedeutungslosigkeit ist das genaue Gegenst\u00fcck zur Ratlosigkeit  im ersten Schritt. Die Unf\u00e4higkeit, etwas mit der Vorgabe anzufangen, und die materielle Stumpfheit dieser Vorgabe ihrerseits, blockieren einander. Die Pointe der kleinen Szene liegt darin, dass sie dabei nicht stehenbleibt. Das Foto bef\u00f6rdert den Weltausschnitt in einen Verstehenshorizont. &#8220;Es ist das Detail einer vergammelten Hauswand.&#8221; Die Auskunft macht den &#8220;ehemals&#8221; opaken Weltausschnitt bedeutsam. Sie adoptiert ihn sozusagen in eine Diskursgemeinschaft. Adoptierte befanden sich ausserhalb und gerieten in eine Familie <em>hinein<\/em>. Sie erzeugt <em>retroaktiv<\/em>, im R\u00fcckgriff auf eine Vorgeschichte, neue Familienmitglieder. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ontologie<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ontologie erh\u00f6ht den Einsatz. Sie besch\u00e4ftigt sich damit, was <em>s\u00e4mtliche<\/em> Weltausschnitte <em>sind<\/em>. Der Fachausdruck f\u00fcr ihren Untersuchungsgegenstand  ist &#8220;alles Seiende&#8221;, egal wie es daherkommt. Keine Farben, Formen und Gewichte, sondern der abstrahierte Hinblick darauf, was es \u00fcberhaupt gibt. Die erste Reaktion auf diese Zumutung entspricht dem Achselzucken angesichts des Fotos. &#8220;Was <em>ist<\/em> das alles?&#8221; &#8212; &#8220;Keine Ahnung.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite Schritt erzeugt einen Angelpunkt zwischen diesem &#8220;Kannitverstan&#8221; und der Aussicht auf Erkl\u00e4rung. Er gleicht dem Hinweis auf die Kamera. &#8220;Die Weltausschnitte gib es nicht nur so, sie sind im Nachdenken zu einer Totalit\u00e4t zusammengefasst.&#8221; Nochmal im Fachjargon: &#8220;ihnen allen kommt Sein zu&#8221;. Was immer in der Welt auftritt, k\u00f6nnen wir zum Seienden z\u00e4hlen. Am Beispiel des Fotos ist das gut vorstellbar, doch ontologisch hat es seine T\u00fccken. Was ist unter diesem &#8220;Sein&#8221;, das keinerlei weltliche Eigent\u00fcmlichkeiten aufweisen kann, zu denken?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> Die Abhandlungen dar\u00fcber f\u00fcllen Bibliotheken. Eine Standardantwort lautet: Jedwedes Seiende ist <em>eins<\/em>. Es muss in seiner singul\u00e4ren Besonderheit von anderen Seienden unterscheidbar sein. Dieser Beitrag der Ontologie wird dann, so war es auch beim Foto, auf den ersten Schritt zur\u00fcckprojiziert. Dort waren es willk\u00fcrliche Sedimente, die als Schnappschuss sinnvoll werden konnten.  Beim &#8220;Sein&#8221; wird oft ebenso sinnstiftend vorgegangen. Wenn jedes Seiende eins ist, legt es sich nahe, Sein selbst  als \u00fcbergeordneten Zusammenhalt von Allem zu verstehen. Es ist dann, retroaktiv betrachtet, der Grund daf\u00fcr, dass jedes Seiende sich identifizieren l\u00e4sst. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An diesem Punkt passt allerdings das Beispiel des Fotos nicht mehr. Es zeigt ein Durcheinander, kein Prinzip der Vereinigung. Dabei orientiert es sich am Gegenzug zur gebr\u00e4uchlichen Ontologie, den Badiou vorgeschlagen hat. Sein ist, in dieser Umkehrung, planlose Mannigfaltigkeit, bevor die ordnende Kraft der Begriffsbildung Mengen jeder Art erzeugt. Badious retroaktive Charakteristik des Vorbereichs f\u00fcr Ordnungen innerhalb des Seienden ist eine unzusammenh\u00e4ngende Vielfalt; ein Farb- und Formgest\u00f6ber, wenn man sich darunter etwas vorstellen k\u00f6nnte. Welt ist nicht, wie in der klassischen Ontologie, abk\u00fcnftig von einer Ordnung aller Ordnungen, sie besteht aus Situationen auf der Grundlage einer Grundlage, die keine ist: Verstreuung. Badious Fassung des Seins ist Unterh\u00f6hlung, nicht \u00dcberh\u00f6hung des Philosophiekonstrukts &#8220;Sein&#8221;. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Testergebnis<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alain Badiou adressiert die Seinsfrage. Er \u00fcbernimmt die reflexive Wendung, mit welcher die Ontologie das Insgesamt der Bestandteile der Welt zu fassen sucht. Dabei verkehrt er die Tendenz, Sein als die ultimative Garantie f\u00fcr Koh\u00e4renz aufzufassen, und betrachtet es als bodenlosen Ort, aus dessen Planlosigkeit sich Inseln der Organisation herauskristallisieren. Dem Sein als F\u00fclle, Gott und Licht stellt er das Sein als ungeregeltes Durcheinander entgegen. Seine Welt besteht aus Situationen, die in sich stimmig sind, doch ohne sch\u00fctzenden Horizont auskommen m\u00fcssen. Die Aussicht \u00fcber das Universum der Stimmigkeit hinaus ist nicht verboten, aber von ihr ist nichts zu erwarten. Der Welt, so wie sie eingerichtet ist, fehlt die M\u00f6glichkeit,  auf Beitr\u00e4ge von Seiten des Seins zur\u00fcckzugreifen.  Es sei denn, es schl\u00e4gt der Blitz ein; aber das ist eine andere Szene. <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:51px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Ulrichskirchen.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2686\" width=\"668\" height=\"502\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Ulrichskirchen.png 451w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Ulrichskirchen-300x225.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 668px) 100vw, 668px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Was ist das?&#8221; &#8212; &#8220;Keine Ahnung.&#8221; &#8212; &#8220;M\u00f6chtest Du es wissen?&#8221; &#8220;Es ist ein Foto&#8221;. &#8212; &#8220;Und was stellt es dar?&#8221; An dieser Szene lassen sich wesentliche Merkmale des Umgangs mit Unbekanntem ablesen. Und sie hilft zum Verst\u00e4ndnis der Frage, was es nach Alain Badiou mit &#8220;dem Sein&#8221; auf sich hat.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[34,135],"class_list":["post-2659","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized","tag-badiou","tag-ontologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2659","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2659"}],"version-history":[{"count":32,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2659\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2701,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2659\/revisions\/2701"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2659"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2659"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2659"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}