{"id":2712,"date":"2019-09-21T08:23:43","date_gmt":"2019-09-21T08:23:43","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2712"},"modified":"2019-09-21T10:05:56","modified_gmt":"2019-09-21T10:05:56","slug":"tunesien-gehen-oder-bleiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2712","title":{"rendered":"Tunesien: Gehen oder Bleiben?"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/bleibfern.eu\/owncloud\/s\/TDReGqSakMqHxHf\/download\" alt=\"\" width=\"589\" height=\"331\"\/><figcaption>Die Vision eines Innovationsviertels in Sousse<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/bleibfern.eu\/owncloud\/s\/SWmFnbLjfksGCmH\/download\" alt=\"\"\/><figcaption>Bauarbeiten eines Geb\u00e4udes im Innovationsviertel<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die letzen 10 Tage war ich in Sousse in Tunesien. Dort fanden am Wochenende Pr\u00e4sidentschaftswahlen statt, nachdem der fr\u00fchere Pr\u00e4sident, Beji Caid Essebsi, mit 92 Jahren verstarb, der sich seit der Unabh\u00e4ngigkeit Tunesiens von Frankreich erfolgreich etabliert hat. Es folgt ein kurzer Reisebericht \u00fcber die IT-Wirtschaft einer Stadt, die haupts\u00e4chlich vom Tourismus bekannt ist.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Parlamentswahlen wurden auf November verschoben, weil erst ein Pr\u00e4sident gew\u00e4hlt werden muss, der dann eine Regierung angeloben kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Umfragen sahen Nabil Karoui als Erstplatzierten, ein Medienmogul, der wegen Steuerhinterziehung vor dem Wahlbeginn inhaftiert wurde. Er inszenierte sich als Retter der Armen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tats\u00e4chlich h\u00f6rt man, dass nach dem Arabischen Fr\u00fchling die sich etablierende Demokratie in Tunesien bei vielen nicht zu einer Verbesserung ihrer Situation gef\u00fchrt hat. Es gibt viel Korruption und hohe Inflationsraten. Universit\u00e4tsstudien sind zwar gratis, doch die Absolventen ziehen bereits nach 1-2 Jahren nach Frankreich, vor allem die IT&#8211;Fachkr\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hiesige lokale Firmen in Sousse haben darum mit hohen  Fluktuationen ei ihren Mitarbeitern umzugehen. Sie beiten einen Studiumsbegleitenden Jobb an, mit einer Arbeitszeit von 09:00 bis 16:00 Uhr und danach Abendstudium. Eine intensive Phase, h\u00f6rt man von den MitarbeiterInnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bildungsminister von Tunesien findet diesen &#8220;brain drain&#8221; auch noch gut. Man kann es auf individueller Ebene verstehen. Jene tunesischen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, die  ihn beklagen,  schicken ihre eigenen S\u00f6hne und T\u00f6chter auch fallweise nach Europa zum Studieren und Arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hoffnung,  dass diese gut ausgebildeten  jungen Leute wieder zur\u00fcck nach Tunesien kommen, ist wenig realistisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Diversit\u00e4t von Meinungen &amp; Weltanschaungen im von vielen Regimen kolonialisierten Land ist bemerkenswert. Ein Indiz: Es gab 26 Pr\u00e4sidentschaftskandidaten. Die gro\u00dfteils s\u00e4kulare Partei Nidaa Tounes (&#8220;Ruf Tunesien&#8221;) nach der Unabh\u00e4ngigkeit d\u00fcrfte ma\u00dfgeblich zu dieser \u00f6ffentlich sichtbaren Vielfalt beigetragen haben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein paar Eindr\u00fccke:<br>(1) Die jungen Frauen tragen Hijab oder auch nicht, sind westlich gekleidet oder auch nicht. Diese Gruppe ist in den lokalen IT-Firmen mittlerweile in der Mehrheit. Das liegt u.a. daran, dass Frauen l\u00e4nger im Land bleiben als  M\u00e4nner,  die h\u00f6here Bezahlung und Karrierechancen im frankophonen Ausland anstreben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(2) Wenn man \u00fcber die Pr\u00e4sidentschaftskandidaten spricht, entfacht sich eine lebendige Diskussion um Feminismus, der Rolle von Religionen, ungleich verteilte Erbschaften von M\u00e4nnern und Frauen, und die Frage ob Nabbil Karoui zurecht im Gef\u00e4ngnis sitzt.  Man w\u00fcnscht sich jemanden, der oder die eine Vision f\u00fcr das Land hat und das Land weiterbringen will, anstatt in seine eigene Tasche zu wirtschaften.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(3) Etwas anderes ist bemerkenswert: Arabische und westliche Philosophie wird intensiv unterrichtet in der Sekundarstufe und &#8211; im Vergleich zu \u00d6sterreich &#8211; sehr streng benotet. Man lernt \u00fcber Sokrates, Descartes, Kant, und Nietzsche genauso wie \u00fcber Ibn Sina und andere arabische Philosophie. Das scheint in den arabischen L\u00e4ndern \u00fcblich zu sein:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8220;Philosophy education has a long tradition in some of the Arab states. According to a UNESCO-led poll, philosophy is taught at secondary level in Algeria, Bahrain, Egypt, Kuwait, Lebanon, Morocco, Mauritania, Qatar, the Syrian Arab Republic, Tunisia and Yemen.&#8221;<\/p><cite>https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Philosophy_education#Africa_and_the_Middle_East<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>in Algeria, in the two last years of high school, 4 hours per week are allotted to a philosophy class for the literature branch, and 2,5 for the science branch; in Bahrain, 50 minutes per week are allotted to this discipline in the three years of high school, in the literature branch; in the Syrian Arab Republic, 50 minutes per week are allotted to the course entitled \u201cPrinciples of philosophy and sociology\u201d in the first year of high school; in Yemen, 3 hours per week are allotted to \u201cPhilosophy and logic\u201d course in the last year of high school in the literature branch, etc.<\/p><cite>https:\/\/web.archive.org\/web\/20120407025033\/http:\/\/unesdoc.unesco.org\/images\/0018\/001852\/185218e.pdf<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Java-Programmierer outet sich bei mir als Dostojewsk-Liebhaber, den er in der arabischen \u00dcbersetzung liest.  Er empfiehlt mir &#8220;The King of Dove&#8221; von Ibm Hazm.  Erstaunlich. Ich habe ihm eine Empfehlung eines kurzen Textes von Alain Badiou versprochen. Europa braucht mehr Einfallsreichtum bei der Kooperation mit Nordafrika. Und lokale Perspektiven. Damit die Wahl &#8220;gehen oder bleiben&#8221; nicht nur eine emotionale ist: aus Heimatliebe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die letzen 10 Tage war ich in Sousse in Tunesien. Dort fanden am Wochenende Pr\u00e4sidentschaftswahlen statt, nachdem der fr\u00fchere Pr\u00e4sident, Beji Caid Essebsi, mit 92 Jahren verstarb, der sich seit der Unabh\u00e4ngigkeit Tunesiens von Frankreich erfolgreich etabliert hat. 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