{"id":2939,"date":"2020-09-07T17:41:43","date_gmt":"2020-09-07T17:41:43","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2939"},"modified":"2020-09-07T17:49:08","modified_gmt":"2020-09-07T17:49:08","slug":"alain-badiou-die-wiederkehr-ist-die-stutze-des-neuen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2939","title":{"rendered":"Alain Badiou: Die Wiederkehr ist die St\u00fctze des Neuen."},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/external-content.duckduckgo.com\/iu\/?u=https%3A%2F%2Fcdn-images-1.medium.com%2Fmax%2F1200%2F1*appBwh6_RtvocVxwqpplHA.jpeg&amp;f=1&amp;nofb=1\" alt=\"Dijkstra was right \u2014 recursion should not be difficult\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich nehme den <a href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2927\">Pass von Herbert Hrachovec<\/a> auf&#8230;. Die Dynamik im Buch &#8220;Sein und Ereignis&#8221; von Alain Badiou wird oft nur oberfl\u00e4chlich vorgestellt, zum Teil von Badiou selbst: Status Quo, Ereignis, <strong><em>Bruch<\/em><\/strong> mit dem Status Quo, Treue zum Ereignis, Wahrheit. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Lekt\u00fcre der christlichen \u00dcberlegungen von Michel de Certeau gaben mir in der Masterarbeit den Anlass, auch bei Badiou den Bezug zum Bestehenden klarer herauszuarbeiten.  Aus taktischen, bzw. wie er es nennt &#8220;militanten&#8221; Gr\u00fcnden, hebt Badiou den Bruch mit dem Bestehenden st\u00e4rker hervor als die Abst\u00fctzung durch Teile des Bestehenden. Es folgt ein erster Vorsto\u00df&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u00dcberbetonung des Bruchs bei Badiou ist keine Identifikation mit dem Bruch, kein Manich\u00e4ismus, in dem alles Alte zu verdammen und nur das Ereignis gut ist: Es gibt nichts <em>absolut<\/em> Neues. Alles Neue ist relativ zum Bestehenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie verlangen Nachweise? Die k\u00f6nnen Sie haben\u2026<br><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man ist versucht, &#8220;Sein und Ereignis&#8221; so zu lesen: <br> <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Sein: Der status quo, die Situation, in der wir uns befinden, ist \u00fcberdeterminiert. Jede Begegnung ist bereits ein Vorkommnis, das eine etablierte Interpretation mitliefert. Die Gegenwart und die Zukunft sind eine <strong><em>endlose Wiederholung<\/em><\/strong> der Vergangenheit. <\/li><li>Ereignis: Bis etwas passiert, das uns aus dem Zwang zur Wiederholung l\u00f6st und uns erkennen l\u00e4sst, dass das Bestehende nicht alternativlos ist: Ein Ereignis rei\u00dft uns aus dem Trott und wir stehen vor der Entscheidung, sich ihm ganz zuzuwenden (und d.h. sich vom Bestehenden abzuwenden), oder sich nicht st\u00f6ren zu lassen (und das Ereignis zu ignorieren).<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hat die Entscheidung <em>f\u00fcr<\/em> ein Ereignis zur Folge, dass man sich <em>v\u00f6llig<\/em> vom Bestehenden abwendet und nur noch f\u00fcr das Ereignis eintritt? Badiou w\u00e4re nicht nur Apologet der Treue zum Ereignis sondern auch ein Advokat des absoluten Neuanfangs. <em>Spoiler-Alarm<\/em>: Letzteres ist er nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine wichtige Nahtstelle zwischen dem Bestehenden und dem Entstehenden ist der <strong><em>Eingriff <\/em><\/strong>des Subjekts, das zwischen Situation und Ereignis gespalten ist. Diese Spaltung des Subjekts, und damit die M\u00f6glichkeit des Eingriffs setzt aber voraus, dass vorab in der Situation, wenn auch verblasst, Reste eines Ereignisses vorhanden sind, die dem Subjekt den Abstand zur Ideologie des Bestehenden erm\u00f6glichen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Situation: Erstens ist der Tr\u00e4ger des Subjekts ein Individuum mit Interessen, die sich durch die Situation ergeben, z.B.: Man m\u00f6chte ein regelm\u00e4\u00dfiges Einkommen und \u00fcberschaubare Verh\u00e4ltnisse beim Zusammenleben.<\/li><li>Ereignis: Zweitens gibt es kein Subjekt ohne die Hoffnung auf etwas, das die Situation \u00fcberschreitet. Diese Hoffnung h\u00e4ngt zusammen mit etwas aus der bestehenden Situation und mit dem Ereignis.<\/li><li>Ereignis in der Situation: Damit ein Individuum von dem Ereignis Notiz nimmt und es wirksam ins Spiel des Bestehenden bringen kann, braucht es einen Abstand von der Verfassung der Situation, d.h. der vorherrschenden Ideologie \u00fcber das Bestehende. Diesen erh\u00e4lt es durch eine <strong><em>Wiederkehr<\/em><\/strong> von einem Zustand, der f\u00fcr besser als der Zustand der dominierenden Ideologie des Bestehenden gehalten wird, das jedoch bis dahin versch\u00fcttet oder nicht prominent zur Kenntnis genommen wurde.<\/li><li>So gesehen wird der Eingriff eines Subjekts m\u00f6glich, indem es sich zwischen zwei Ereignissen aufspannt: dem &#8220;alten Ereignis&#8221;, das Teil des Bestehenden ist, und dem &#8220;neuen Ereignis&#8221;, das erst durch den Eingriff in der Situation benannt wird, indem etwas von der vorherrschenden Ideologie Ausgeschlossenes, aufgegriffen wird.<\/li><li>Der Eingriff unterbricht (versuchsweise) die <em>Wiederholung<\/em> des Bestehenden und leitet die <em>Wiederkehr<\/em> eines bestehenden Ereignisses ein &#8211; in Form eines neuen Ereignisses.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist das wirklich Alain Badiou, fragen Sie sich? Ja, man kann dies gegen Ende der Meditation 20 von Sein und Ereignis, vor der Auseinandersetzung mit Pascal und dem Christentum, angek\u00fcndigt als &#8220;Fundierung der Zeit&#8221;, nachlesen. Badiou fragt sich, wie der Eingriff m\u00f6glich ist. Antwort: Durch ein anderes, <em>fr\u00fcheres<\/em> Ereignis, aus dem Konsequenzen gezogen wurden. Auf diese Anstrengungen kann man sich st\u00fctzen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8220;Es ist die Rekursivit\u00e4t des Ereignisses, die den Eingriff begr\u00fcndet. Oder anders gesagt: Es gibt eingreifendes Verm\u00f6gen, welches f\u00fcr die Zugeh\u00f6rigkeit einer ereignishaften Vielheit zu einer Situation konstitutiv ist, nur im Netz der Folgerungen aus einer zuvor entschiedenen Zugeh\u00f6rigkeit. Der Eingriff ist das, was ein Ereignis als das vorgekommene eines anderen pr\u00e4sentiert. Es ist ein ereignishaftes Zwischen-Zwei. [\u2026] Die Zeit ist [\u2026] der Eingriff selbst, als Abstand zwischen zwei Ereignissen gedacht. Die wesentliche Geschichtlichkeit des Eingriffs [\u2026] beruht darauf, dass das eingreifende Verm\u00f6gen sich von der Situation nur insofern trennt, als es sich auf die schon entschiedene Zirkulation einer ereignishaften Vielheit st\u00fctzt. Allein diese St\u00fctze, im Verbund mit dem Aufsuchen der St\u00e4tte, kann zwischen dem Eingriff und der Situation einen ausreichend gro\u00dfen Teil an Nichtsein einf\u00fcgen, damit \u00fcber das Sein selbst, als Sein [\u2026] gewettet werden kann. [\u2026]Damit es ein Ereignis gibt, ist es erforderlich, dass man sich am Punkt der Folgerungen aus einem anderen Ereignis befinden kann.&#8221; <\/p><cite>Badiou, Alain: Das Sein und das Ereignis. Berlin: Diaphanes, 2005. S.238f<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Eingriff autorisiert sich nicht selbst, sondern st\u00fctzt sich auf Bestehendes, nicht nur in Abgrenzung zum Bestehenden, sondern positiv auf ein Ereignis, das bereits im Bestehenden zirkuliert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zusammengefasst: Bei allem Fokus auf den Bruch mit der herrschenden Ordnung sind letztlich die Bedingungen f\u00fcr einen Eingriff und in weiterer Folge einer Treue zweifach im Bestehenden verankert: <br>(1) durch das bereits zirkulierende fr\u00fchere Ereignis, das den Ort oder die St\u00fctze daf\u00fcr bildet, um aus der (2) bestehende Ereignisst\u00e4tte einen Repr\u00e4sentanten zu w\u00e4hlen, um das Ereignis zu benennen und in der Folge mit anderen Bestandteilen der Situation zu verkn\u00fcpfen. Das Neue ist nie absolut neu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man kann Badiou daf\u00fcr kritisieren, diesen Punkt relativ unterbelichtet zu belassen im Vergleich zu den Stellen, wo der status quo kritisiert wird, andererseits k\u00f6nnen Kritiker die ihm vorwerfen, ein Ereignis <em>nur<\/em> aus der Leere zu ziehen, an diese neuraligische Stelle in &#8220;Sein und Ereignis&#8221; verwiesen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese \u00dcberlegungen sind im Kontext von Badiou ungewohnt, jedoch nicht neu: Nach Ludwig Wittgenstein kommt beim Folgen einer Regel sowohl das schlagartige Verstehen (Ereignis) als auch das gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Verstehen (die Bedeutung liegt im Gebrauch) zur Anwendung. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Andreas Kirchner spielt den Pass zur\u00fcck an Herbert Hrachovec, der Wittgensteins Werk dazu genau gelesen hat.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei allem Fokus auf den Bruch mit der herrschenden Ordnung sind letztlich die Bedingungen f\u00fcr einen Eingriff und in weiterer Folge einer Treue zweifach im Bestehenden verankert:<br \/>\n(1) durch das bereits zirkulierende fr\u00fchere Ereignis, das den Ort oder die St\u00fctze daf\u00fcr bildet, um aus der (2) bestehende Ereignisst\u00e4tte einen Repr\u00e4sentanten zu w\u00e4hlen, um das Ereignis zu benennen und in der Folge mit anderen Bestandteilen der Situation zu verkn\u00fcpfen. Das Neue ist nie absolut neu.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,15],"tags":[34,239,235,237,238],"class_list":["post-2939","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-apologe","category-theologie","tag-badiou","tag-ereignis","tag-michel-de-certeau","tag-paulus","tag-wiederholung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2939","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2939"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2939\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2947,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2939\/revisions\/2947"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2939"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2939"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2939"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}