{"id":2949,"date":"2020-10-07T16:27:31","date_gmt":"2020-10-07T16:27:31","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2949"},"modified":"2020-10-26T10:20:39","modified_gmt":"2020-10-26T10:20:39","slug":"regelbruch-im-spielverlauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2949","title":{"rendered":"Regelbruch im Spielverlauf"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/moving.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2950\" width=\"338\" height=\"246\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/moving.jpeg 811w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/moving-300x218.jpeg 300w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/moving-768x558.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 338px) 100vw, 338px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andreas Kirchner hat eine Passage aus Alain Badious &#8220;Sein und Ereignis&#8221; <a href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2939\">hervorgehoben<\/a>, die das Missverst\u00e4ndnis korrigiert, dessen &#8220;Ereignis&#8221; tr\u00e4te unversehens, g\u00e4nzlich ohne Vorl\u00e4ufer, in die Welt. Es ist, so muss man ber\u00fccksichtigen, durch vorangegangene Ereignisse pr\u00e4figuriert. Eine rekursive Struktur ist anzunehmen: Ereignisse setzen Ereignisse voraus. Das passt \u00fcberraschend gut zu <a href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2927\">meinem Hinweis<\/a> auf <em>Befreiung<\/em> in Louis Reimers Kierkegaard-Interpretation. Um sich aus einem Ungemach befreien zu k\u00f6nnen, bedarf es eines &#8220;Lichtblicks&#8221;, der dessen dunkle Totalit\u00e4t durchbricht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Frage habe ich noch, bevor in dieser Sache ein <em>happy end<\/em> verk\u00fcndet werden kann. Wie steht es mit der Rekursionsbasis? Sie ist der Ausgangspunkt der Kette, die sich durch die festgelegten Rekursionsschritte ergibt. Hier scheint das Dilemma wiederzukehren. Ein solcher Punkt wird definitorisch angenommen. Aus ihm folgen, wie aus Axiomen, die Konsequenzen, w\u00e4hrend er seinerseits in der Luft h\u00e4ngt. Wie alle Psychoanalytikerinnen (m\/w) eine Lehranalyse ben\u00f6tigen, nur Sigmund Freud nicht; er hat sich eigenh\u00e4ndig analysiert. Das klingt nun doch nach einem Ursprung, der produktiv ist, ohne Vorstufen zu ben\u00f6tigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Regelfolgen, wie Wittgenstein es beschreibt, weist tats\u00e4chlich, wie Andreas Kirchner andeutet, dieser Problemstellung verwandte Z\u00fcge auf. Multiplizieren lernt eine Sch\u00fclerin nur, weil Multiplizieren schon gelehrt und praktiziert worden ist. &#8220;Jetzt wei\u00df ich, wie es geht!&#8221; ist ein Aha-Erlebnis &#8212; als Einstieg in die laufend befolgte Regel. Und auch hier kann gefragt werden, ob Henne oder Ei zuerst kamen. Hat man die Rechenregel verstanden, bevor sie angewandt wurde, oder ist sie umgekehrt aus Anwendungsf\u00e4llen induktiv abstrahiert? Eine Orientierung an Wittgensteins Zugangsweise hilft weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was in diesem Kontext als Problem des Regelfolgens diskutiert wird, l\u00e4sst sich im Anschluss an eine (englische) Redewendung allgemeiner fassen, als es in der Fachliteratur gew\u00f6hnlich diskutiert wird.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8220;you cannot move the goalposts during the game&#8221;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese sch\u00f6ne Metapher kann man in eine n\u00fcchterne Aufforderung \u00fcbersetzen: &#8220;Kein Regelbruch w\u00e4hrend des Spielverlaufes!&#8221; So gesehen ist der Engf\u00fchrung, die Andreas Kirchner widerlegt [ref]&#8221;Hat die Entscheidung&nbsp;<em>f\u00fcr<\/em>&nbsp;ein Ereignis zur Folge, dass man sich&nbsp;<em>v\u00f6llig<\/em>&nbsp;vom Bestehenden abwendet und nur noch f\u00fcr das Ereignis eintritt?&#8221;[\/ref], ebenso wie der Schwierigkeit mit der Rekursion zu begegnen. In einem eingespielten Zusammenhang taucht unversehens etwas Neues auf. Die Reaktion kann unterschiedlich ausfallen. <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Der Vorfall wird als \u00dcbertretung der Regel korrigiert und\/oder bestraft.<\/li><li>Er f\u00fchrt, in schwerwiegenden F\u00e4llen, zum Ausschluss aus der geteilten Praxis, alternativ zum Austritt aus der Bezugsgruppe.<\/li><li>Es kann aber auch sein, dass eine Ausnahme gemacht wird. Dann hat die Regel weiterhin Bestand, in diesem Fall &#8220;verkraftet&#8221; sie zus\u00e4tzlich einen Regelbruch.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Optionen bieten sich an, um mit Dissonanzen im sozialen Gef\u00fcge umzugehen. Abmahnung, Ausschluss, Ausnahme. Um mit diesem Instrumentarium umzugehen, muss man nicht fragen, ob und wo der Bruch\/das Neue schon in der Regel angelegt ist. Obwohl sich dar\u00fcber oft hitzige Debatten entwickeln. Doch in <em>einer<\/em> weiteren Konstellation liegt Sprengkraft, die nicht auf diese Weise beizulegen ist.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Das Neue macht dem geregelten Zusammenhang prinzipiell die &#8220;angema\u00dfte&#8221; Bedeutung streitig. Umgekehrt begn\u00fcgt sich der <em>status quo<\/em> nicht damit, die Heterodoxie (anderswo) gew\u00e4hren zu lassen, sondern bek\u00e4mpft sie als vitale Bedrohung.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist martialisch formuliert, aber das Vorgehen ist aus zahlreichen Situationen bekannt. Wie soll man zum Beispiel mit den Ausf\u00fchrungen Raik Garves umgehen, der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=HFrysFphilQ\">in einem youtube Video<\/a> \u00fcber die &#8220;Corona Virus Hysterie&#8221; Louis Pasteur als Schwindler darstellt, der die Existenz von Viren erfunden h\u00e4tte, ein Betrug, der dann mit Hilfe von Dunkelm\u00e4nnern aus Wissenschaft und Wirtschaft durchgesetzt worden w\u00e4re[ref]Siehe zu seiner Position die Anmerkungen <a href=\"https:\/\/wiki.univie.ac.at\/pages\/viewpage.action?pageId=117084491\">auf dieser Seite<\/a>.[\/ref] Die resolute Stellungnahme in solchen F\u00e4llen bleibt einem nicht erspart.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Gestus, mit dem Alain Badiou an die Politik des Sp\u00e4tkapitalismus herangeht, hat etwas von der Unerbittlichkeit einer unbestreitbaren Wahrheit, die sich darin best\u00e4tigt, dass sie &#8220;am Ende&#8221; recht gehabt haben wird. Er entwickelt damit eine Option, auf die nicht verzichtet werden kann, wenn &#8212; unter bestimmten Umst\u00e4nden &#8212; die Grundlagen des Weltverst\u00e4ndnisses einer Personengruppe auf dem Spiel steht. Dann z\u00e4hlt nicht, welche Kompromisse man schlie\u00dft, sondern die Insistenz, dass einer offenbaren Wegweisung zu folgen ist. Gemessen daran, sind die Vorstufen und Folgewirkungen der Betroffenheit Hilfskonstruktionen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas Kirchner hat eine Passage aus Alain Badious &#8220;Sein und Ereignis&#8221; hervorgehoben, die das Missverst\u00e4ndnis korrigiert, dessen &#8220;Ereignis&#8221; tr\u00e4te unversehens, g\u00e4nzlich ohne Vorl\u00e4ufer, in die Welt. Es ist, so muss man ber\u00fccksichtigen, durch vorangegangene Ereignisse pr\u00e4figuriert. Eine rekursive Struktur ist anzunehmen: Ereignisse setzen Ereignisse voraus. Das passt \u00fcberraschend gut zu meinem Hinweis auf Befreiung in<a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2949\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,13],"tags":[],"class_list":["post-2949","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-philosophie-klassisch","category-politik-2"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2949","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2949"}],"version-history":[{"count":18,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2949\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2970,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2949\/revisions\/2970"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2949"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2949"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2949"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}