{"id":3002,"date":"2021-01-04T00:43:31","date_gmt":"2021-01-04T00:43:31","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3002"},"modified":"2021-01-04T01:15:35","modified_gmt":"2021-01-04T01:15:35","slug":"im-anfang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3002","title":{"rendered":"&#8220;Im Anfang&#8221;"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"602\" height=\"660\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Ecclesia_und_Synagoga.png\" alt=\"Ecclesia und Synagoga beim Gekreuzigten\" class=\"wp-image-3004\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Ecclesia_und_Synagoga.png 602w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Ecclesia_und_Synagoga-274x300.png 274w\" sizes=\"auto, (max-width: 602px) 100vw, 602px\" \/><figcaption><em>Ecclesia und Synagoga<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Beginn des Johannesevangeliums (der heute, 03.01.2021, im r\u00f6misch-katholischen Ritus gelesen wird) <em>verr\u00e4t<\/em> den Beginn des Buchs Genesis der hebr\u00e4ischen Bibel, im dreifachen Sinn von (1) eine Gruppe im Stich lassen, (2) ein Geheimnis verraten, und (3) zur Verwendung an jemand anderen \u00fcbergeben (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.biblestudytools.com\/lexicons\/greek\/nas\/paradidomi.html\" target=\"_blank\">paradidomi)<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8220;Im Anfang (bereschit)<br>schuf Gott <br>Himmel und Erde&#8221;<\/p><cite>(Gen 1,1)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8220;Im Anfang (en arche) <br>war das Wort (ho logos)&#8221;<\/p><cite>(Joh 1,1)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der am 23. November 2020 verstorbene Religionsphilosoph Klaus Heinrich schreibt im Aufsatz &#8220;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.ca-ira.net\/neuerscheinung-wie-eine-religion-der-anderen-die-wahrheit-wegnimmt\/\" target=\"_blank\">Wie eine Religion der anderen die Wahrheit wegnimmt<\/a>&#8221; von einer Konkurrenz-Situation zwischen Sch\u00f6pfer und Sch\u00f6pfungswort, die vom Johannesevangelium hergestellt wird (Heinrich, S.16). Au\u00dferdem w\u00fcrde das Johannesevangelium nahelegen, dass das Mosaische Gesetz ohne Wahrheit und gnadenlos w\u00e4re (Heinrich, S.17):<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8220;Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben (edothe)<br>die Gnade und Wahrheit (he charis kai he aletheia) ist durch Jesum Christum geworden (egeneto).&#8221;<\/p><cite>(Joh 1,17)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klaus Heinrich schreibt von einem Unbehagen, das sich einstellt, wenn man das Johannesevangelium liest. Mir scheint, das kann man bei der Lekt\u00fcre von <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/bibeltext.com\/l12\/john\/8.htm\" target=\"_blank\">Johannes 8<\/a> selbst nachvollziehen: Jesus behauptet, er w\u00e4re &#8220;vor&#8221; Abraham, und dass diejenigen, die an seine Rede glaubten, die Wahrheit erkennen werden, und dass die Wahrheit sie &#8220;frei machen&#8221; werde. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diejenigen, die seiner Rede nicht glaubten, h\u00e4tten den Teufel zum Vater. Die j\u00fcdischen Schriftgelehrten, zu denen er spricht, werfen ihm im Gegenzug vor, vom Teufel zu sein. Die Szene endet mit Steinw\u00fcrfen auf Jesus, der sich verstecken musste. Dazu muss man noch wissen: Johannes 8 begann damit, dass eine Frau nach den Gesetzen Moses gesteinigt h\u00e4tte werden sollen (weil sie beim Ehebruch erwischt wurde), und Jesus diese &#8220;Gesetzestreue&#8221; bekannterweise mit: &#8220;Wer unter euch ohne S\u00fcnde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.&#8221; kommentierte und damit verhinderte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von diesem Zusammenhang spricht Klaus Heinrich nicht. Er fokusiert sich vor allem darauf, dass &#8220;&#8216;die Wahrheit wird euch freimachen&#8217; wie ein erster Aufruf zum Pogrom erscheint&#8221; (S.17), und dass es dem Verfasser des Johannesevangeliums u.a. darum gegangen ist, die Juden als von Gott abgefallene und als M\u00f6rder des Sch\u00f6pfungswortes darzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Analyse von Heinrich verk\u00fcrzt: Fr\u00fche Christen haben die Angst des eigenen Abfalls von der j\u00fcdischen Tradition verarbeitet, indem sie Christus <em>vor<\/em> Abraham stellten. Dadurch ergibt sich, dass die j\u00fcdische Religion ein Abfall vom Christentum w\u00e4re, welcher Gnade und Wahrheit fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Spaltung ist der hier passende Begriff, den Heinrich in einem Vortrag &#8220;Vom Nutzen und Nachteil der Spaltung&#8221;, der im Buch &#8220;Anfangen mit Freud&#8221; ver\u00f6ffentlicht wurde, genauer analysierte, mit Bezug auf Religion, dem Platonischen Geschlechtermythos, und \u00dcberlegungen von Freud. Diese Richtung heben wir uns f\u00fcr ein anderes Mal auf.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es handelt sich  um eine Verengung des Bundes mit Gott auf eine Person, Jesus. Denn: Der Glaube an das Kommen des Messias in der j\u00fcdischen Religion ist nicht Messias-Glaube. Das ist ein erster Hinweis darauf, dass es eine Verk\u00fcrzung und Projektion ist, zu sagen, dass Jesus die Erf\u00fcllung der Schrift ist. Was man sagen kann ist, dass es Christentum nicht ohne die Hebr\u00e4ische Bibel, und die Etablierung des Treue-Begriffs (emeth) g\u00e4be.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist damit eine unvers\u00f6hnbare Spaltung er\u00f6ffnet, eine Erz\u00e4hlung (Jesus ist <em>vor <\/em>Abraham und Moses), die Juden nicht mitmachen k\u00f6nnen und die Christen eine \u00dcberlegenheitsgewissheit gibt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/bistummainz.de\/export\/sites\/bistum\/schule\/.galleries\/downloads\/RU-heute-02-2019-web.pdf\" target=\"_blank\">Zeitschrift des Bistum Meinz sind 2019<\/a> Beitr\u00e4ge erschienen, die das Verh\u00e4ltnis von Judentum und Christentum bedenken. \u00dcberlegungen von Josef Ratzinger (ehemals Benedikt XVI), der sich 2018 zum Thema zu Wort meldete, werden aufgegriffen. Demgem\u00e4\u00df ist eine Missionierung von Juden nicht n\u00f6tig, denn nur diejenigen, die Gott noch nicht kennen, sollen auf ihn aufmerksam werden. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Au\u00dferdem kann man die feindseligen Worte des Johannesevangeliums durch die R\u00f6merbriefe des Paulus relativieren: \u201eDenn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gew\u00e4hrt\u201c (R\u00f6m 11,29), was gem\u00e4\u00df der &#8220;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.dbk.de\/fileadmin\/redaktion\/diverse_downloads\/presse_2015\/Vatikandokument-50-Jahre-Nostra-aetate.pdf\" target=\"_blank\">Kommission f\u00fcr die religi\u00f6sen Beziehungen zum Judentum<\/a>&#8221; (die 1974 eingerichtet wurde), bedeutet, dass der Bund Gottes mit Israel von Gott her nie aufgehoben wurde, und dass also &#8220;Israel insgesamt gerettet wird&#8221; (Zeitschrift Bistum Meinz, 2\/2019, S.31). Und doch kann es aus christlicher Sicht nur <strong><em>einen<\/em><\/strong> Heilsweg geben, und der wird durch Jesus Christus vermittelt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man wird den Eindruck nicht los, dass das Christentum sich als \u00fcberlegene Religion sieht, indem die Kirche sowohl Vergangenheit als auch Gegenwart und Zukunft in sich vereint, w\u00e4hrend die j\u00fcdische Religion auf einer &#8220;niedrigeren Stufe&#8221; verortet wird. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(\u00dcbrigens wird im Christentum auch Vater und Sohn vereint, was zu einer einzigartigen Immunisierung gegen\u00fcber personalen und sozialen Konflikten f\u00fchrt, die au\u00dferdem die Geschlechterspannung aufhebt (Vgl. Heinrich, S.30) &#8211; ob es sich tats\u00e4chlich um Vereinung handelt ist fraglich. Alternative Interpretation: Zusammenarbeit von Vater und Sohn).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gewissheit der \u00dcberlegenheit m\u00f6chte der Theologe Klaus von Stoch mit einem Gedanken unterbrechen. Er bringt auf, dass beide, sowohl Judentum als auch Christentum beim J\u00fcngsten Gericht eine \u00dcberraschung erleben k\u00f6nnten. Wie l\u00e4sst sich denn der Auferstandene Jesus Christus identifizieren? Die Zukunft ist f\u00fcr Christen nur auf generische Weise gewiss, doch die &#8216;finale&#8217; Wahrheit des Glaubens an Jesus Christus, der als Richter erscheint, wird erst am Ende der Zeit klar. &#8220;Ich werde sein, der ich sein werde&#8221; beschreibt die Nicht-Festlegbarkeit, die in der \u00dcberlieferung mit Gnade und Treue kombiniert wird. Eine generische Vorzeichnung der Zukunft. Wer sagt, dass die Aufhebung der j\u00fcdischen <em>in der christlichen Lehre<\/em> passieren muss? Es ist durchaus m\u00f6glich, dass die christlichen Hoffnungen in j\u00fcdischen (oder islamischen?) Vorstellungen aufgehoben werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Johannesevangelium alleine, folgt man Klaus Heinrich, kann diesen Vers\u00f6hnungsschritt nicht unternehmen. Eine fundamentalistische Sekte raubt dem Judentum die Wahrheit, injiziert Jesus in allerlei j\u00fcdischen \u00dcberlieferungen, und wirft den Juden vor, den Abfall von der Wahrheit nicht zuzugeben, d.h. zu l\u00fcgen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wir befinden uns im Medium einer latenten Geschichtszerst\u00f6rung. Das Spiel mit Pr\u00e4- und Postfiguration signalisiert einen fortschreitenden Realit\u00e4tsverlust&#8230; eine Vergangenheit, die nicht stattgefunden hat, begegnet einer Zukunft, die schon geschehen ist.&#8221; ( Heinrich, S.25-29)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Tatsache, so Heinrich, dass es im Christentum Momente des Personenkults und sektiererischem Fundamentalismus gibt\/gab, wird nicht dadurch verarbeitet und wiedergutgemacht, dass man sich z.B. auf den R\u00f6merbrief beruft und Johannes mit seinen realen historischen Effekten unthematisiert l\u00e4sst. Und dann geht Heinrich dazu \u00fcber, Elemente im Johannesevangelium selbst zu benennen, die einen Ausweg bieten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass Treue bei einer Auseinandersetzung mit Verrat verstanden werden kann, ist f\u00fcr weitere \u00dcberlegungen festzuhalten. Die eingangs erw\u00e4hnte Mehrdeutigkeit des Worts Verrat, die n\u00fctzliche Rolle des Verr\u00e4ters Judas f\u00fcr die &#8220;Erf\u00fcllung der Schrift&#8221;, und die \u00dcberlegungen eines produktiven Verrats, wie in <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=2987#more-2987\" target=\"_blank\">Herbert Hrachovec im letzten Beitrag<\/a> beim Schweige-Gebot Wittgensteins beschreibt, nehmen wir ebenfalls mit in die \u00dcberlegungen f\u00fcr 2021, gemeinsam mit dem Risiko einer \u00dcberheblichkeit des Verr\u00e4ters, der sich gegen\u00fcber dem, wen oder was er verr\u00e4t, selbst als Sieger darstellt &#8211; so geschehen beim Paar &#8220;Ecclesia und Synagoga&#8221; im Halbreliefs der Stiftskirche St. Peter in Bad Wimpfen: Zur Linken von Jesus die hinsinkende Synagoga mit Augenbinde, gebrochener Lanze, zerrissener Fahne und zu Boden fallender Krone, der linken Hand entgleiten die Gesetzestafeln. Zur Rechten von Jesus die &#8220;gekr\u00f6nte Ecclesia, in der rechten Hand einen Kelch, in der linken den Kreuzstab mit wehender Osterfahne&#8221; (<a href=\"https:\/\/bistummainz.de\/export\/sites\/bistum\/schule\/.galleries\/downloads\/RU-heute-02-2019-web.pdf\">Bistum Mainz, RU heute, S.32<\/a>).  Bescheidenheit kommt von Bescheid wissen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Beginn des Johannesevangeliums (der heute, 03.01.201, im r\u00f6misch-katholischen Ritus gelesen wird) verr\u00e4t das Buch Genesis der hebr\u00e4ischen Bibel, im dreifachen Sinn von (1) eine Gruppe im Stich lassen, (2) ein Geheimnis verraten, und (3) zur Verwendung an jemand anderen \u00fcbergeben (paradidomi):<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[34,242,241,229,240,198],"class_list":["post-3002","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-theologie","tag-badiou","tag-heinrich","tag-johannesevangelium","tag-treue","tag-verrat","tag-wahrheit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3002","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3002"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3002\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3015,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3002\/revisions\/3015"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3002"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3002"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3002"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}