{"id":3048,"date":"2021-05-09T15:02:17","date_gmt":"2021-05-09T15:02:17","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3048"},"modified":"2021-05-10T16:18:53","modified_gmt":"2021-05-10T16:18:53","slug":"agamben-adam-eva","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3048","title":{"rendered":"Agamben, Adam &#038; Eva"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/mondrian-blur.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3046\" width=\"329\" height=\"327\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/mondrian-blur.jpg 768w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/mondrian-blur-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 329px) 100vw, 329px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein un\u00fcbertrefflicher Souver\u00e4n verf\u00fcgt eine weltber\u00fchmte Ausnahme. An Ausnahmen h\u00e4ngt, <a href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-admin\/post.php?post=3028&amp;action=edit&amp;classic-editor__forget\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-admin\/post.php?post=3028&amp;action=edit&amp;classic-editor__forget\">wie G. Agamben ausf\u00fchrt<\/a>, das vorausgesetzte Regelsystem insgesamt..<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen B\u00e4umen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und B\u00f6se darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben. (Gen 2, 16f)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gott erweist sich als Herr der Welt, indem er einen Sonderfall festlegt, dessen Missachtung alle geltenden Erlaubnisse tilgt. Adam und Eva werden vertrieben, weil sie dieses Ausnahme-Recht des Souver\u00e4ns \u00fcbertreten.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>(Adam) antwortete: Ich habe dich im Garten kommen h\u00f6ren; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich. (Gen. 3, 10)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jenseits des Paradieses bleibt das nackte Leben. Adam und Eva gibt es weiterhin als Gesch\u00f6pfe Gottes, doch ohne Anteil mehr an ihm. Ihre Existenz ist ein Restzustand: abgetrennt vom Souver\u00e4n, unter dessen Gebot sie jedoch noch immer stehen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Agambens Auffassung der &#8220;abendl\u00e4ndischen Politik&#8221; [ref]Giorgio Agamben: Homo sacer. Die souver\u00e4ne Macht und das nackte Leben. Frankfurt am Main 2002, S.17[\/ref] gleicht der biblischen Erz\u00e4hlung in wesentlichen Punkten, allerdings verschieben sich die Rollen. Im &#8220;Prozess der Disziplinierung durch &#8230; die Staatsmacht&#8221; (a.a.O. S.19) unterwirft eine destruktive Gewalt, die blo\u00df das nominelle Leben gelten l\u00e4sst, Menschen, die vordem gewachsenen Gemeinschaftsordnungen folgten. &#8220;die Ausname (wird) \u00fcberall zur Regel&#8221; (a.a.O.), die Einbeziehung &#8220;des nat\u00fcrlichen Lebens in die Mechanismen und Kalk\u00fcle der Staatsmacht&#8221; (a.a.O. S.12) beseitigt ehemalige Freir\u00e4ume. &#8220;Unsere Politik kennt heute keinen anderen Wert &#8230; als das Leben&#8221; (a.a.O. S.20). Vom nat\u00fcrlichen Leben als einem Gut an sich (Aristoteles, a.a.O. S.11) \u00fcber das Einschreiten &#8220;der neuen Biomacht&#8221; (a.a.O. S.13) als Souver\u00e4n, zur &#8220;Dringlichkeit der Katastrophe&#8221; (a.a.O. S.21)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drehpunkt der beschworenen Katastrophe ist eine bedenkenswerte These Agambens: jede Ausnahme sei zugleich Ausschluss und Einschluss. Das Trauma des Ge\u00e4chteten besteht darin, dass sein <em>Verh\u00e4ltnis<\/em> zum staatlichen Gesetz seine <em>Verbannung<\/em> ist.. Nach Agamben verwehrt die Biopolitik den Betroffenen alle Lebensm\u00f6glichkeiten, abgesehen vom \u00dcberleben. Die Signatur der Epoche ist nach ihm schon 1995 das &#8220;Lager als absoluter Ausnahmeraum&#8221; (a.a.O. S.30) Kein Wunder, dass er in den Notverordnungen zur Eind\u00e4mmung der Covid-Pandemie ausschlie\u00dflich Kontrollzwang und Freiheitsverlust sieht. In den <a href=\"https:\/\/aphelis.net\/agamben-coronavirus-pandemic-interventions\/\">Beitr\u00e4gen ab Februar 2020<\/a> st\u00f6\u00dft er sich an vielen Details dieses Regimes. Der Ton ist schrill, die Beobachtungen bisweilen treffend. Geleitet werden sie vom doppelten Horror &#8220;der Biopolitik des modernen Totalitarismus&#8221; und der &#8220;Massengesellschaft des Konsums und des Hedonismus&#8221; (a.a.O. S.21). Diesen ausgepr\u00e4gten Feindbildern seien hier zwei weniger plakative Beobachtungen entgegengestellt..<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die eine Anmerkung betrifft Agambens Kritik am Diktat des blanken Lebens als h\u00f6chstem Wert. Seine Fixierung auf &#8220;Das Lager als <em>n\u00f3mos<\/em> der Moderne&#8221; (a.a.O. S.175) \u00fcberdeckt die Frage, wonach sich denn das w\u00fcnschenswerte Leben orientieren soll. Agamben diagnostiziert einen umfassenden Glaubensverlust.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wir warten weder auf einen neuen Gott noch auf einen neuen Menschen \u2013 vielmehr suchen wir hier und jetzt, in den Tr\u00fcmmern, die uns umgeben, nach einer bescheidenen, einfacheren Lebensform, die keine Fata Morgana ist, weil wir uns an sie erinnern und sie erfahren, auch wenn feindliche M\u00e4chte in uns und au\u00dferhalb von uns sie jedes Mal in ihrer Vergesslichkeit ablehnen. [ref] <a href=\"https:\/\/sunzibingfa.noblogs.org\/post\/2020\/11\/30\/ueber-die-kommende-zeit\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/sunzibingfa.noblogs.org\/post\/2020\/11\/30\/ueber-die-kommende-zeit\/\">https:\/\/sunzibingfa.noblogs.org\/post\/2020\/11\/30\/ueber-die-kommende-zeit\/<\/a>[\/ref]<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles, was gut und teuer war, wird in den Strudel des Bio-Totalitarismus gezogen. Aber inwiefern gleichen einander die Intensivstationen unserer Spit\u00e4ler und die Konzentrationslager des vergangenen und gegenw\u00e4rtigen Faschismus? Es trifft zu, dass in den Demokratien der n\u00f6rdlichen Hemisph\u00e4re eine fortgeschrittene normative Pluralisierung tendentiell nur mehr die Einigung auf &#8220;wir sind alle Menschen&#8221; \u00fcbrig l\u00e4sst. Ist das gering zu sch\u00e4tzen, blo\u00df weil es einen kleinsten gemeinsamen Nenner darstellt? Jedes Leben bestm\u00f6glich zu sch\u00fctzen ist das Ende einer Entwicklung, die ihre dunklen Seiten hat. Und ein Beginn, wenn man den Nihilismus nicht zum Ma\u00df aller Dinge macht..<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweite Anmerkung betrifft Agambens Begriff der Ausnahme als Einschluss und Ausschluss. Ein Gremium k\u00f6nnte in seiner Gesch\u00e4ftsordnung festlegen, dass Bereichsverantwortliche an Abstimmungen \u00fcber ihr Team nicht teilnehmen d\u00fcrfen. Oder, ein anderes Beispiel, die Chefin eines Betriebs darf nicht Vorgesetzte einer Person sein, mit welcher sie verheiratet ist.. Solche \u00dcberlegungen sind nicht ungew\u00f6hnlich. Ein allgemeines Fahrverbot gilt nicht f\u00fcr Rettungsfahrzeuge. Aus diesem Umstand lassen sich dialektische Spielereien basteln. Als Gef\u00e4hrt ist das Fahrzeug vom Verbot betroffen, als Rettung aber nicht. Angesichts eines Notfalls verschwimmen Recht und \u00dcbertretung in einem unentschiedenen Zwischenzustand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Agamben hat diese Doppelfunktion von Ausnahmen hervorgehoben. Das Drama des &#8220;nackten Lebens&#8221; ist davon nur eine apokalyptische Variante. Dass Ausnahmen &#8212; und ausnahmsweise Sonderregelungen &#8212; oft dem gedeihlichen Zusammenleben dienen, ist in seinen Dunkelzeichnungen nicht vorgesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein un\u00fcbertrefflicher Souver\u00e4n verf\u00fcgt eine weltber\u00fchmte Ausnahme. An Ausnahmen h\u00e4ngt, wie G. Agamben ausf\u00fchrt, das vorausgesetzte Regelsystem insgesamt.. Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen B\u00e4umen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und B\u00f6se darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben. 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