{"id":3075,"date":"2021-07-12T13:52:21","date_gmt":"2021-07-12T13:52:21","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3075"},"modified":"2021-07-12T20:49:04","modified_gmt":"2021-07-12T20:49:04","slug":"quarantane-einst-und-jetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3075","title":{"rendered":"Quarant\u00e4ne, einst und jetzt"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/damian.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3096\" width=\"405\" height=\"329\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/damian.jpeg 870w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/damian-300x244.jpeg 300w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/damian-768x625.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 405px) 100vw, 405px\" \/><figcaption><strong><a href=\"https:\/\/thecentralminnesotacatholic.org\/st-damien-of-molokai-leper-priest-in-hawaii\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/thecentralminnesotacatholic.org\/st-damien-of-molokai-leper-priest-in-hawaii\/\">Damian de Veuster, Priester der Auss\u00e4tzigen<\/a><\/strong><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein starkes Argument gegen die stellenweise einschneidenden administrativen Ma\u00dfnahmen zur Kontrolle der CoVID19 Pandemie ist die Kritik an ihrer leitenden Pr\u00e4misse: Es geht darum, Leben zu sch\u00fctzen. Dieser Anspruch, so wird eingewandt,  schadet mehr, als er n\u00fctzt . Er erm\u00f6glicht zudem staatlichen Autorit\u00e4ten, abgesehen vom Notfall willk\u00fcrlich in den Alltag der B\u00fcrgerinnen einzugreifen. Dazu sind zwei Bemerkungen am Platz. (1) Die genannte Maxime ist eine direkte Folge massen-medial unterlegter Demokratie. Diese erzwingt ein solches Vorgehen. Wie sollte stattdessen eine konsensf\u00e4hige Grundregel aussehen? Gesetzt also, dass diesem Prinzip nur schwer auszuweichen ist, stellt sich (2) die Frage, was an dieser Vorgabe eigentlich so anst\u00f6\u00dfig ist?  <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Leben sch\u00fctzen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gegenw\u00e4rtige Pandemie unterscheidet sich von Epidemien der vergangenen Jahrzehnte in wichtigen Punkten. Die Ansteckung ist nicht auf vorhersehbare Risikogruppen beschr\u00e4nkt, Symptome sind erst verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sp\u00e4t (oder gar nicht) zu bemerken und es fehlt jede direkte Medikation. Kurz gesagt: sie stellte anfangs ein unkalkulierbares Risiko f\u00fcr die Gesamtbev\u00f6lkerung aller Nationen dar und verlangte politische Antworten. Im Umfeld liberaler Rechtsstaaten waren &#8212; unter Krisendruck &#8212; Mittel und Wege zu finden, zwischen bestehenden Institutionen und  zahlreiche Interessensvertretungen einen belastbaren Konsens \u00fcber Notma\u00dfnahmen herzustellen. Mir fehlt die Phantasie, vorzustellen, wie Wissenschaft, Medizin, Gewerkschaften, Wirtschaft, Bildungseinrichtungen, Kulturschaffende, f\u00f6derale Instanzen, Gastronomie und Kirchen sich in kurzer Zeit auf einen Rahmenplan h\u00e4tten einigen k\u00f6nnen. Priorit\u00e4t f\u00fcr den Schutz des Lebens ist eine plausible Devise. Sie l\u00e4sst die Frage offen, welche Ma\u00dfnahmen im Einzelnen dazu erforderlich sind, doch genau das ist ihre Attraktivit\u00e4t. Diese Programm\u00fcberschrift schlie\u00dft niemanden aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Publizistisch wurde aufmerksam verfolgt, ob und wann sich in den einberufenen Entscheidungsgremien interne Spannungen ergaben. Das Aufsp\u00fcren und Aufblasen solcher Diskrepanzen ist ein bekanntes (und legitimes) Gesch\u00e4ft des Journalismus. Doch es ist nicht zu sehen, inwiefern intern gespaltene Beratungs- und Planungsgruppen in strategischen Schl\u00fcsselfragen zu Regelungen kommen k\u00f6nnen, denen ein Land zu folgen hat. Der Anhaltspunkt &#8220;Leben sch\u00fctzen&#8221; war wohl das wirksamste Mittel, das ungew\u00f6hnlich dirigistische  Eingreifen des Staates begreiflich zu machen. Es geht hier nicht darum, inwiefern die betreffenden Ma\u00dfnahmen im Einzelnen klug und\/oder sachgerecht gew\u00e4hlt waren, blo\u00df um den Wahlspruch, unter den sie gestellt wurden. Der Blick auf eine andere Quarant\u00e4ne kann das Dilemma beleuchten. Die folgende historische Vignette illustriert, wie die europ\u00e4ische Gesellschaft ehemals mit Lebensbedrohungen durch Masseninfektion umging. Sie stammt aus einer Zeit unbefragter Autorit\u00e4tsstrukturen und sinnstiftenden Glaubens. In dieser Hinsicht also aus einem Gegenbild der heutigen Situation.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">&#8220;Separatio Leprosorum&#8221;     <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die &#8220;Biomacht&#8221; des Mittelalters \u00fcbten kirchliche Instanzen aus. Eine Studie \u00fcber das Leben von Leprakranken im schweizerischen Kanton Waadt[ref]Piera Borradori:  <a href=\"https:\/\/www.unil.ch\/hist\/files\/live\/sites\/hist\/files\/shared\/publications\/CLHM\/CLHM7_Piera BORRADORI.pdf\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.unil.ch\/hist\/files\/live\/sites\/hist\/files\/shared\/publications\/CLHM\/CLHM7_Piera BORRADORI.pdf\">Mourir au Monde<\/a>.  Les l\u00e9preux dans le Pays de Vaud XIIIe &#8211; XVIIe si\u00e8cle[\/ref] beschreibt das Vorgehen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Bis etwa zum f\u00fcnfzehnten Jahrhundert war die Verwaltung des Eigentums der Leprakranken, die Leitung der Einrichtungen, die sie beherbergen, und die Befugnis, \u00fcber die Isolierung der Leprakranken zu entscheiden, kirchlichen Stellen anvertraut.. &#8230; In Colovray konnte die Gemeindeverwaltung der Stadt Nyon \u00fcber die Internierung von Leprakranken entscheiden, aber ein Beamte konnte eingreifen und die endg\u00fcltige Entscheidungen treffen. Er war die Aufsichts- und Berufungsinstanz f\u00fcr alle Lepraprobleme der Di\u00f6zese. Ihm meldete man die Verdachtsf\u00e4lle von Lepra, er war derjenige, der Leprakranke vor sein Tribunal lud und \u00c4rzte zum Krankenbesuch einteilte. Schlie\u00dflich war es immer er, der das Urteil \u00fcber den Ausschlusses aus der Gesellschaft f\u00e4llte, und die Bestrafung widerspenstiger Auss\u00e4tziger, die Exkommunikation, verf\u00fcgte. Die Leprosaria von Lausanne werden von den Pfarrern von St-Laurent und Vidy verwaltet . Was die Auss\u00e4tzigen betrifft, so standen sie unter der direkten Gerichtsbarkeit des Bischof, der es an den Pfarrer von Vidy delegierte. (S.21)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rund um diese gesundheitspolitischen Ma\u00dfnahmen hatte sich seit dem 7. Jahrhundert ein spezielles Ritual  herausgebildet. Es war ein suggestiv bedeutungsgeladener, schreckerregender Vorgang. Auss\u00e4tzige wurden vor ein offenes Grab gef\u00fchrt und einer Begr\u00e4bniszeremonie unterworfen, der [ref]<em><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Separatio_Leprosorum\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Separatio_Leprosorum\">separatio leprosorum<\/a><\/em>[\/ref]. Der Priester verk\u00fcndete: &#8220;Tot der Welt, wiedergeboren in Gott&#8221;[ref]&#8221;sis mortuus mondo, vivens iterum Deo&#8221;[\/ref] und designierte die Kranken damit als lebend-tote Zwischenwesen. Ihr Leiden versinnbildlichte Tod und Auferstehung Jesu Christi.[ref]&#8221;I will argue that the leprous body was an intermediary to the body of Christ in the minds of late medieval viewers. They could utilize this accessible body as a tool to cultivate a closer relationship with Christ. I will explore imagery of Christ and lepers created in England, Flanders, France, Germany, and Italy from 1300 through 1500 to demonstrate my argument. I will compare representations of the Flagellation of Christ and Christ as the Man of Sorrows to images of Christ healing lepers in order to show that the leprous body could be understood as a substitute for the body of the Crucified.&#8221; Jenna Ogden: <a href=\"https:\/\/core.ac.uk\/download\/pdf\/216946306.pdf\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/core.ac.uk\/download\/pdf\/216946306.pdf\">The Leprous Christ and the Christ-like Leper<\/a>: The Leprous Body as an Intermediary to the Body of Christ in late Medieval Art and Society.[\/ref] &#8220;An Ostern d\u00fcrfen Leprakranke f\u00fcr ein paar Tage aus dem Grab kommen, wie Christus selbst.&#8221;[ref] Histoire de la m\u00e9dicine IX ] <a href=\"http:\/\/coursneurologie.free.fr\/lepre.HTM\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/coursneurologie.free.fr\/lepre.HTM\">Histoire de la L\u00e8pre<\/a>[\/ref]<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Zwischen den Zeiten<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abgesehen vom wissenschaftgl\u00e4ubigen \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl: Schaudern, Ironie und ein Quentchen Bewunderung. Nostalgie ist nicht am Platz. so wenig wie Verachtung. Die harte Gegen\u00fcberstellung der beiden Strategien zur Seuchenbew\u00e4ltigung zielt, trotz ihrer exotischen Unverh\u00e4ltnism\u00e4ssigkeit, auf einen unspektakul\u00e4ren Punkt. Viele Kritikerinnen der Devise &#8220;Zu allererst Leben retten&#8221; sprechen sich f\u00fcr Augenma\u00df im politischen Handeln, f\u00fcr die Priorit\u00e4t  individueller Verantwortung, und allgemein f\u00fcr &#8220;das gute Leben&#8221; aus. Verlangt wird h\u00e4ufig auch ein gelassenes Verh\u00e4ltnis  zum Tod. Woher die Einigung unter diesen Maximen kommen k\u00f6nnte, bleibt unbestimmt. Zahlreiche Optionen stehen im Widerspruch zueinander[ref]Besinnlichkeit und Berufserfolg (ein gutes Buch\/ein gutes Gesch\u00e4ft), Bescheidenheit und Ehrgeiz (gute Gesundheit\/eine gute Nachrede), Verl\u00e4sslichkeit und Gl\u00fccksgriff (eine gute Grundlage\/eine gute Partie.)[\/ref] Aus deren Agglomeration folgt keine nationale Gesundheitspolitik.  Unsere Verfassung macht deren Leitlinien vom abstrakten &#8220;W\u00e4hlerwillen&#8221; abh\u00e4ngig; seinen m\u00f6glichst mehrheitsf\u00e4higen Vorgaben versuchen Politikerinnen zu entsprechen. Dass sie damit die \u00f6ffentliche Meinung gespalten haben, ist eine bittere Lehre aus der Pandemie. Hier ein kleiner Trost: Es h\u00e4tte besser laufen k\u00f6nnen, aber fr\u00fcher war es nicht besser. Die Phantasie, fr\u00fcher w\u00e4ren &#8220;noch&#8221; ausgewogene  Mittel zum gesellschaftlichen Umgang mit Tod und Verderben zur Verf\u00fcgung gestanden, ist ein Phantasma. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein starkes Argument gegen die stellenweise einschneidenden administrativen Ma\u00dfnahmen zur Kontrolle der CoVID19 Pandemie ist die Kritik an ihrer leitenden Pr\u00e4misse: Es geht darum, Leben zu sch\u00fctzen. Dieser Anspruch, so wird eingewandt, schadet mehr, als er n\u00fctzt . 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