{"id":3203,"date":"2022-02-26T18:09:10","date_gmt":"2022-02-26T18:09:10","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3203"},"modified":"2022-02-26T23:08:14","modified_gmt":"2022-02-26T23:08:14","slug":"die-muhen-der-geschichtsdeutung-politisch-und-religios","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3203","title":{"rendered":"Die M\u00fchen der Geschichtsdeutung. Politisch und Religi\u00f6s."},"content":{"rendered":"<p><\/p>\r\n<figure>\r\n<figure id=\"attachment_3204\" aria-describedby=\"caption-attachment-3204\" style=\"width: 623px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3204\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Synagoga_and_Ecclesia_in_Our_Time.jpg\" alt=\"\" width=\"623\" height=\"540\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Synagoga_and_Ecclesia_in_Our_Time.jpg 831w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Synagoga_and_Ecclesia_in_Our_Time-300x260.jpg 300w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Synagoga_and_Ecclesia_in_Our_Time-768x665.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 623px) 100vw, 623px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3204\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Allegories of Judaism and Christianity&#8221;. Bronze sculpture. St Joseph&#8217;s University, Philadephia. Image Credits: Calimeronte, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/User:Calimeronte\">Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International<\/a><\/figcaption><\/figure>\r\n<\/figure>\r\n<figure><a href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3002#more-3002\">Vor etwa einem Jahr<\/a> habe ich hier \u00fcber Ecclesia und Synagoga geschrieben: das Figurenpaar, das die j\u00fcdische Synagoge und die christliche Kirche personifiziert. Das Bild, das ich damals verwendete, stellte die \u00dcberlegenheit von Ecclesia gegen\u00fcber Synagoga dar. Es offenbarte eine \u00fcberhebliche Geste. In der obigen Skulptur von 2015, sitzen die beiden Damen gleich berechtigt und gleich bef\u00e4higt. Die Skulptur wurde zum 50-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums des zweiten Vatikanischen Konzils errichtet. Im Oktober 1965 wurde &#8211; nach mehreren Revisionen &#8211; die Deklaration &#8220;Nostra aetate&#8221; (dt.: &#8220;In unserer Zeit&#8221;) verabschiedet, die die Einstellung der katholischen Kirche zum Judentum radikal ver\u00e4nderte, und die \u00dcberheblichkeit weitgehend hinter sich lie\u00df. Auch <a href=\"https:\/\/www.vatican.va\/content\/francesco\/de\/apost_exhortations\/documents\/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium.html#Die_Beziehungen_zum_Judentum\">das erste apostolische Schreiben von Papst Franziskus im Jahr 2013<\/a> zeigt das Bem\u00fchen um ein freundschaftliches Verh\u00e4ltnis mit dem Judentum, und weist auf die antisemitische Vergangenheit der katholischen Kirche hin. Mittlerweile sind beide Institutionen &#8220;alt&#8221;, und die christliche Leseart der j\u00fcdischen Schriften ist etabliert, neben der j\u00fcdischen. So k\u00f6nnen beide nebeneinander sitzen.<br \/><br \/>Diese Maturit\u00e4t ist im Russland-Ukraine-NATO-Konflikt noch zu vermissen. Russland (1) wirft der NATO vor, entgegen fr\u00fcherer Versprechungen, zu weit nach Osten vorzudringen, und (2) behauptet, dass die Ukraine kein eigenst\u00e4ndiger Staat w\u00e4re. (3) Die NATO andererseits verweigert, auf russische sicherheitspolitische Bedenken einzugehen. Ein gef\u00e4hrlicher Deadlock. [1]<\/figure>\r\n<figure>Es folgen zwei Gedanken dazu. Der erste hat politischen Bezug und weist auf eine kleine Auslassung in der Geschichtsdarstellung in einem &#8220;Die Zeit&#8221;-Artikel hin. Angesichts der russischen milit\u00e4rischen Intervention mag dies kleinlich wirken. Es reicht jedoch nicht, den russischen Machthabern ein irrationales Vorgehen vorzuwerfen, ohne zumindest den Versuch zu machen, das Verhalten in historische Zusammenh\u00e4nge zu bringen. Dort angekommen, wird es immer noch ein fataler Sprung sein, der zur Entscheidung einer milit\u00e4rischen Intervention f\u00fchrt. Aber zumindest wird man sich die <em>F\u00e4higkeit<\/em> zu einem zuk\u00fcnftigen Dialog erhalten. Verstehen hei\u00dft nicht Akzeptieren. [2]<\/figure>\r\n<figure>Der zweite Gedanke: Die systematischen \u00dcberlegungen des Jesuiten Henri de Lubac haben &#8211; neben anderen franz\u00f6sischen Katholiken in dieser Zeit &#8211; die katholische Kirche zu einem vertieften Verst\u00e4ndnis der j\u00fcdischen Spiritualit\u00e4t gef\u00fchrt. Das kann hier nur angedeutet werden. [3] F\u00fcr mich ist es ein Hinweis darauf, dass die religi\u00f6sen Traditionen Sch\u00e4tze und Konflikte aufbewahren, die auch in &#8220;s\u00e4kularen&#8221; Zeiten wertvoll und lehrreich sind. Hier meine ich vor allem den Umgang mit \u00fcberliefertem Text, der am fruchtbarsten ausf\u00e4llt, wenn man ihn sowohl historisch-kritisch als auch inspiriert von gegenw\u00e4rtigen Problemen liest:<br \/><br \/><em>&#8220;Je reicher und kraftvoller der religi\u00f6se Gehalt eines Textes ist, um so leichter wird er durch eine allzu rasche oder allzu beschr\u00e4nkte Art, darin nach einem &#8220;geistigen&#8221; Sinn zu fahnden, seiner Kraft und Sch\u00f6nheit beraubt. Hier zeigt sich, da\u00df beide, die kritische und die allegorische Methode, wo sie auf ihrer Ausschlie\u00dflichkeit bestehen, nur ert\u00f6tend wirken. Es gilt daher, gegen eine \u00fcbertriebene oder allzu unmittelbare Anwendung der geistigen Deutung aufzutreten, im Namen des religi\u00f6sen Wertes, der im Buchstaben und in den Situationen des Alten Bundes enthalten ist.&#8221;<\/em> (S. 35) [4]<br \/><br \/><br \/><\/figure>\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\r\n<figure>\r\n<h2>1. Die Geschichtsdeutung der NATO-Ost-Erweiterung<\/h2>\r\n<\/figure>\r\n<figure>&#8220;Falsch gedeutete Geschichte kann Krieg begr\u00fcnden&#8221;, schreibt Michael Thumann, 23.2.2022 in der Zeit Online in einem Artikel mit dem Titel &#8220;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2022\/09\/wladimir-putin-russland-westen-geschichte-fernsehansprache\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wladimir Putin: Der Geschichtsvollzieher<\/a>&#8220;. In dem Text wird eine Aussage Putins bei einer Pressekonferenz im April 2004 zitiert, unmittelbar nach der Ost-Erweiterung der Nato (<span class=\"VIiyi\" lang=\"de\"><span class=\"JLqJ4b ChMk0b\" data-language-for-alternatives=\"de\" data-language-to-translate-into=\"en\" data-phrase-index=\"0\" data-number-of-phrases=\"1\">Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rum\u00e4nien, Slowakei und Slowenien<\/span><\/span>), gemeinsam mit dem deutschen Kanzler, Gerhard Schr\u00f6der: &#8220;Hinsichtlich der Nato-Erweiterung haben wir keine Sorgen mit Blick auf die Sicherheit der Russischen F\u00f6deration.&#8221; Und jedes Land habe &#8220;das Recht, seine eigene Form der Sicherheit zu w\u00e4hlen.&#8221; <br \/><br \/>Thuman deutet die Geschichte so: &#8220;<strong>Kein Wort<\/strong> von gebrochenen Versprechen oder einer Gef\u00e4hrdung Russlands&#8221; und impliziert: Wenn Putin vor 18 Jahren kein Problem mit der Nato-Erweiterung hatte, und zugestimmt hat, wie kann er jetzt die Ukraine angreifen und in Besitz nehmen?<\/figure>\r\n<figure>Wor\u00fcber Thumann <em>kein Wort<\/em> verliert, ist im &#8220;The Telegraph&#8221;-Artikel von Anton La Guardia im Jahr 2004 nachzulesen: &#8220;President Vladimir Putin yesterday shrugged off the expansion of Nato to Russia&#8217;s borders <em><strong>despite open hostility from senior Russion officials and MPs<\/strong><\/em>&#8221; &#8211; und dazu geh\u00f6rte auch der derzeitige und damalige Au\u00dfenminister Sergei Lavrov: &#8220;We didn&#8217;t want this enlargement, and we will continue to maintain a negative attitude. It&#8217;s a mistake.&#8221;<br \/><br \/>Geschichtsdeutung ist kein einfaches Unterfangen, f\u00fcr niemanden. Man sieht seine Anliegen allzu schnell in der Vergangenheit best\u00e4tigt \/ verankert.<br \/><br \/><\/figure>\r\n<figure>\r\n<h2>2. Henri de Lubac \u00fcber das Schriftverst\u00e4ndnis<\/h2>\r\n<br \/>Auf einem anderen Feld (Religion) zu einer anderen Zeit (1950&#8217;er und 60&#8217;er Jahre) macht sich Henri de Lubac Gedanken \u00fcber die Deutungs-Operationen, die von den fr\u00fchen Christen vorgenommen wurden, um mit dem \u00fcberlieferten j\u00fcdischen Texten umzugehen und eine neue Begebenheit zu integrieren: Jesus. Man modifiziert die <em>Deutung<\/em> eines w\u00f6rtlich unver\u00e4nderten Textkorpus. Man findet in den &#8220;alten&#8221; Texten Hinweise, die verbl\u00fcffende Vorahnungen sind von dem was sich durch Jesus ereignet hat. Man schreibt die neuen Testamente, inspiriert von den alten, und findet in den alten Texten das Werkzeug f\u00fcr die neuen Texte und Praktiken.<\/figure>\r\n<figure>Die Integration ging zun\u00e4chst einher mit einer Verachtung der Mainstream-Praxis der &#8220;Pharis\u00e4er&#8221;, die sich auf diese Texte in ihrer alten Leseform beriefen und die die &#8220;<span id=\"de-HOF-27135\" class=\"text Acts-24-5\">Nazarener<\/span>&#8221; als Sekte ansahen. Paulus, vor seiner Bekehrung selbst ein Pharis\u00e4er, ist bekannt f\u00fcr seine &#8220;kraftvollen theoretischen Formeln, die entscheidend auf die christliche \u00dcberlieferung wirkten&#8221;:(S. 36) &#8220;Das Gesetz [von Mose], das t\u00f6tet&#8221;, aber &#8220;der Geist, der lebendig macht&#8221;. Den problematischen Aspekt der Pr\u00e4figuration habe <a href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3002#more-3002\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ich letztes Jahr<\/a> mit Klaus Heinrich und seinem Text &#8220;Wie eine Religion der anderen die Wahrheit wegnimmt&#8221; behandelt.<\/figure>\r\n<figure>Heute m\u00f6chte ich die Warnung von Henri de Lubac hervorheben, dass man beide Schriftsinne braucht, den w\u00f6rtlichen und den allegorischen, f\u00fcr einen zukunftstr\u00e4chtigen Fortbestand, der sich zum Teil vergangenen Erlebnissen, Handlungen und Gedanken einer Gruppe von Menschen verdankt. Die Allegorisierung ist nur unter Umst\u00e4nden gerechtfertigt, wenn sie das, was als Material genommen wird, f\u00fcr sich ernst nimmt, durchgearbeitet hat und versteht, warum der neue Deutungshorizont in diesem Kontext auftauchen konnte.<br \/><br \/><\/figure>\r\n<figure>De Lubac unterscheidet in einem ersten Anlauf zwischen dem w\u00f6rtlichen Sinn\/Geschichtssinn und dem geistigen\/allegorischen Sinn (der dann noch einmal dreigeteilt werden kann und in Summe den vierfachen Schriftsinn ergibt). Die unmittelbare Anwendung des geistigen Sinnes l\u00e4uft Gefahr, zu oberfl\u00e4chlich und inhaltsleer zu werden, wenn man sich nicht die M\u00fche macht, auch den w\u00f6rtlichen Sinn zu verstehen.<\/figure>\r\n<figure>Nichtsdestotrotz h\u00e4lt de Lubac an der Wichtigkeit von Allegorien fest, die es erm\u00f6glichen, die Relevanz der Texte in der Gegenwart (d.h. f\u00fcr die Fr\u00fchchristen: die Relevanz der Texte nach Tod und Auferstehung Jesus) und sein eigenes pers\u00f6nliches Glaubensverst\u00e4ndnis am \u00fcberlieferten Text zu verfeinern: <em>&#8220;Bevor man den Alten Bund durch den Neuen geistig auslegen kann, muss man notwendig den Neuen durch den Alten geschichtlich verstanden haben.<\/em>&#8221; (S.34) Die Voraussetzung dieser Kombination von zwei Operationen ist, dass der neue Bund, wie ein Axiom angenommen d.h. geglaubt wird. Unter diesen Vorzeichen ist die Verf\u00fchrung gro\u00df, direkt das oberfl\u00e4chliche Verst\u00e4ndnis des Alten zu kritisieren und zu revidieren. Wenn man der Versuchung widersteht und es vermeidet, ohne Einsicht in die geschichtliceh Entwicklung schnelle Konsequenzen zu ziehen, kommt man in die Gelegenheit, die Entstehung des Neuen historisch zu erforschen und seine Neuheit besser einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen.<\/figure>\r\n<figure>Es ist also nicht nur <a href=\"https:\/\/glaubenssache-online.ch\/2021\/04\/21\/leere\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der Bruch, der gr\u00fcndet (Michel de Certeau)<\/a>, sondern die historische Basis. Das Neue h\u00e4ngt ab von dem Entstehungskontext, und dieser ist sowohl als historischer Ablauf als auch allegorisch beschreibbar. <a href=\"https:\/\/la.wikisource.org\/wiki\/De_Abraham_(Ambrosius)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ambrosius in &#8220;De Abraham&#8221;<\/a> definiert eine Allegorie wie folgt: &#8220;Allegoria est cum aliud geritur et aliud figuratur&#8221; (unzureichend \u00fcbersetzt: Von einer Allegorie spricht man, wenn etwas durch etwas anderes geformt wird).&#8221; Um die Allegorie im historischen Ablauf zu sehen, braucht man jedoch eine Orientierung, und die gibt das neue Axiom. Darum ist f\u00fcr de Lubac wichtig festzuhalten, dass Allegorien zur Phantasie werden, wenn es die Grundlage f\u00fcr dieses Axiom nicht geben w\u00fcrde, d.h. wenn es Christus, (a) angebahnt durch die stetige Entwicklung im alten Bund, (b) zum ersten Mal realisiert in Jesus von Nazaret, und (c) weiter fortgesetzt durch die Kirche, nicht geben w\u00fcrde:<br \/><br \/><\/figure>\r\n<blockquote>\r\n<figure>&#8220;Wenn demnach das Faktum Christi nicht best\u00fcnde und nicht in der Kirche seine Fortsetzung f\u00e4nde, dann w\u00e4ren alle Auslegungen, die innerhalb des Christentums mit dem Namen &#8220;geistige Sicht&#8221; oder mit \u00e4hnlichen Namen bezeichnet werden, reine Hirngespinste. [&#8230;] Denn die &#8220;Neuheit&#8221;, auf der diese Auslegungen beruhen, w\u00e4re dann ebenso &#8220;eitel&#8221; und hohl wie das &#8220;Alte&#8221;, das sie beiseite schieben. Um von Israel zur Kirche \u00fcberzugehen, bedurfte es der christlichen Revolution. Um den christlichen Sinn der j\u00fcdischen Schriften zu entdecken nicht minder. [&#8230;] Er [der christliche Sinn, A.K.] setzt einen Schnitt voraus, einen Abbruch, das \u00dcberschreiten einer Schwelle, was bei einer rein-historischen Auslegung niemals gerechtfertig w\u00e4re.&#8221; (S.38)<\/figure>\r\n<\/blockquote>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\r\n<figure>Man ben\u00f6tigt ein Vorverst\u00e4ndnis um das Neue \u00fcberhaupt zu erkennen. Den Ansto\u00df schafft das die historische Situatione erweiternde Faktum, das nicht komplett neu ist, aber eine Diskontinuit\u00e4t einf\u00fchrt.<\/figure>\r\n<figure>Dies k\u00f6nnte man f\u00fcr die oben vorgestellte Ukraine-Russland-Nato-Problematik bedenken : Basiert die eingef\u00fchrte Diskontinuit\u00e4t auf einem greifbaren Tatbestand in der Gegenwart, oder einer willk\u00fcrlichen Setzung? Die Vergangenheit und ihre Vertr\u00e4ge, Konflikte, und Begebenheiten, auch wenn sie unter derzeitigen Vorzeichen untragbar scheinen, bed\u00fcrfen einer Auslegung im geschichtlichen \/ w\u00f6rtlichen Sinn.<\/figure>\r\n<figure>Ist ein Geschichtsverst\u00e4ndnis dieser Art unrealistisch? Gewalt und Macht k\u00f6nnen diese Versuche schnell blockieren und zus\u00e4tzliche Fakten schaffen. Zumindest k\u00f6nnen Teile der Zivilbev\u00f6lkerung diese Pr\u00fcfung durchf\u00fchren.<\/figure>\r\n<figure>Die pessimistische Nachricht ist: Die katholische Kirche hat Jahrhunderte gebraucht, um sich vom Resentiment jener historischen Situation, aus der sie entstanden ist, zu verabschieden. Es ist eine Gratwanderung, einerseits von der Wahrheit \u00fcberzeugt zu sein und dennoch Raum anderes zu lassen.<\/figure>\r\n<figure>Bleibt zu hoffen, dass die Fallen der s\u00e4kularen Schrift- &amp; Geschichtssinne auf allen Seiten schnell erkannt und vermieden werden k\u00f6nnen.<\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p><\/p>\r\n<h2>Bemerkungen<br \/><br \/><\/h2>\r\n<p><strong>[1]<\/strong> <a href=\"https:\/\/truthout.org\/articles\/us-approach-to-ukraine-and-russia-has-left-the-domain-of-rational-discourse\/\">Noam Chomsky&#8217;s Analyse ist<\/a>, dass Russland&#8217;s Sicherheitsbedenken in den vergangen Jahren in den Verhandlungen ignoriert wurde: &#8220;We might ask why Putin has taken such a belligerent stance on the ground. There is a cottage industry seeking to solve this mystery: Is he a madman? Is he planning to force Europe to become a Russian satellite? What is he up to? One way to find out is to listen to what he says: For years, Putin has tried to induce the U.S. to pay some attention to the requests that he and Foreign Minister Lavrov repeated, in vain. One possibility is that the show of force is a way to achieve this objective. That has been suggested <a href=\"https:\/\/mondediplo.com\/2022\/02\/02ukraine\">by well-informed analysts<\/a>. If so, it seems to have succeeded, at least in a limited way.&#8221;<\/p>\r\n<p><strong>[2]<\/strong> Das ist u.A. eine philosophische Kritik, die Alain Badiou an Kant angebracht hat, in einem Gespr\u00e4ch mit Jean-Luc Nancy. &#8220;As soon as we start to say that there is a \u201cthing\u201d whose true nature is that we cannot know it, we enter the realm of obscurantism\u2014we adopt a dangerous vision of existence according to which we have to accommodate and live with things that exist, that are there, but that we can neither know nor even understand. Now I think this kind of vision manifests itself in all sorts of contemporary claims.<br \/><br \/>When the prime minister of my country [France] says that to attempt to explain something is already to justify it (yes, he said it in relation to the mass murders in Paris in November 2015), then this amounts to saying: if you attempt to explain these terrible things, you are already on the way to excusing them. He said: to explain, that is, to attempt to know, to understand, is already to excuse. And that\u2019s a very widespread idea. Combatting this idea philosophically requires us to affirm that this kind of statement is obscurantist and inadmissible.<\/p>\r\n<div class=\"cxmmr5t8 oygrvhab hcukyx3x c1et5uql o9v6fnle ii04i59q\">\r\n<div dir=\"auto\">We have to universally uphold the thesis that we can acquire genuine knowledge of what takes place.&#8221;<\/div>\r\n<div dir=\"auto\">from: <span class=\"d2edcug0 hpfvmrgz qv66sw1b c1et5uql lr9zc1uh a8c37x1j fe6kdd0r mau55g9w c8b282yb keod5gw0 nxhoafnm aigsh9s9 d3f4x2em iv3no6db jq4qci2q a3bd9o3v b1v8xokw oo9gr5id hzawbc8m\" dir=\"auto\"><span class=\"d2edcug0 hpfvmrgz qv66sw1b c1et5uql lr9zc1uh a8c37x1j fe6kdd0r mau55g9w c8b282yb keod5gw0 nxhoafnm aigsh9s9 d3f4x2em iv3no6db jq4qci2q a3bd9o3v b1v8xokw oo9gr5id hzawbc8m\" dir=\"auto\">Alain Badiou and Jean-Luc Nancy: German Philosophy: A Dialogue. The MIT Press. 2018.<\/span><\/span><\/div>\r\n<div dir=\"auto\">\u00a0<\/div>\r\n<\/div>\r\n<p><strong>[3]<\/strong> Siehe <span class=\"name\">Richard Francis Crane: <\/span>&#8220;<a href=\"https:\/\/ejournals.bc.edu\/index.php\/scjr\/article\/view\/5265\/4739\">Cracks in the Theology of Contempt: The French Roots of Nostra Aetate<\/a>&#8221; (2013). Noch vor dem zweiten Weltkrieg hatte der franz\u00f6sische Philosoph Jacques Maritain (1882-1973), der 1906 mit seiner von Russland geflohenen j\u00fcdischen Frau Ra\u00efssa (1883-1960) zum Christentum konvertiert ist, auf die Achtung der j\u00fcdischen Wurzeln hingewiesen. Die beiden hatten jedoch eine radikale Umkehr hinter sich. Vor 1930 finden sich vor allem auch anti-semitische Vorstellungen, die sp\u00e4ter abgelegt wurden: Im Jahr 1935 ver\u00f6ffentlichte Ra\u00efssa einen Aufsatz (Histoire d\u2019Abraham ou La saintet\u00e9 dans l\u2019\u00e9tat de nature \/ dt.: ), der 30 Jahre sp\u00e4ter die stark umstrittene Deklaration des 2. Vatikanischen Konzils mitinspirierte: <br \/><br \/><em>&#8220;[This article is an] exegetical reading of Genesis to explore the inner life of Abraham. Ra\u00efssa portrayed Abraham (whom Bloy had once portrayed as an \u201cincomparable blackguard\u201d) as the first in a long line of mystical heroes whose faith emerged from the dark night of the soul. She thus pushed back on prevailing discourses in Europe that claimed the figures from the Hebrew Bible lacked interiority. She dismantled the classic accusation of Jewish legalism by showing how Abraham\u2019s fidelity to the<\/em><br \/><em>law is grounded in love, and Abraham consequently becomes the figure who \u201cunites the Old and New Testaments.\u201d She read the later Pauline notion of law as rooted not only in the gospel and but also Deuteronomy. Ra\u00efssa\u2019s essay was republished in the postwar period, expanding the conversation her friend Oesterreicher, later one of the drafters of Nostra Aetate, had been initiating.&#8221;<\/em> (page 7)<br \/><br \/>Im Text von <span class=\"name\">Richard Francis Crane finden sich auch mehr Hintergrundinformationen \u00fcber die Schwierigkeit f\u00fcr die katholische Kirche, den theologischen Anti-Semitismus abzulegen. Es empfiehlt sich (auch f\u00fcr mich) eine genauere Lekt\u00fcre.<\/span><br \/><br \/><br \/><strong>[4]<\/strong> Die Seitenzahlen im Flie\u00dftext beziehen sich auf: Henri de Lubac: <em>Typologie. Allegorie. Geistiger Sinn. Studien zur Geschichte der christlichen Schriftauslegung<\/em>. 3. Auflage 2014. Johannes Verlag. Einsiedeln 1999. Es handelt sich um eine \u00dcbersetzung von Rudolf Voderholzer von Teilen dieser Originaltexte:<\/p>\r\n<ul>\r\n<li>L&#8217;\u00c9criture dans la Tradition (Aubier 1966)<\/li>\r\n<li>Ex\u00e9g\u00e8se m\u00e9di\u00e9vale. Les autre sens de l&#8217;\u00c9criture (Aubier 1959-1964)<\/li>\r\n<li>Th\u00e9ologies d&#8217;occasion (Descl\u00e9e de Brouwer 1984)<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p><script src=\"moz-extension:\/\/894e539c-0cc4-492f-9c46-787c93b2bb66\/js\/app.js\" type=\"text\/javascript\"><\/script><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13,15],"tags":[252,256,34,54,250,239,254,255,142,251,253],"class_list":["post-3203","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politik-2","category-theologie","tag-allegorie","tag-antisemitismus","tag-badiou","tag-christentum","tag-de-lubac","tag-ereignis","tag-geschichtssinn","tag-konflikt","tag-politik","tag-russland","tag-schriftsinn"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3203","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3203"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3203\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3238,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3203\/revisions\/3238"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3203"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3203"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3203"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}