{"id":3207,"date":"2022-02-27T11:39:04","date_gmt":"2022-02-27T11:39:04","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3207"},"modified":"2022-02-27T11:39:04","modified_gmt":"2022-02-27T11:39:04","slug":"sondern-eine-bagatelle-zu-wittgenstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3207","title":{"rendered":"&#8220;sondern&#8221;. Eine Bagatelle zu Wittgenstein"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/sondernPhBplus.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3219\" width=\"639\" height=\"581\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/sondernPhBplus.png 762w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/sondernPhBplus-300x273.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 639px) 100vw, 639px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geht um eine zentrale methodologische Bemerkung Wittgensteins und ein nebens\u00e4chliches Komma. Um die vielschichtige Arbeit an seinem Nachlass und eine am\u00fcsante Unsch\u00e4rfe, die sich dabei ergeben hat. Um hohe kulturelle Bedeutsamkeit und eine Frage der Beistrichregeln. Zusammengefasst um das ungleiche Verh\u00e4ltnis zwischen einer Edition<a href=\"https:\/\/www.unesco.at\/kommunikation\/dokumentenerbe\/weltdokumentenerbe-in-oesterreich\/der-philosophischer-nachlass-von-ludwig-wittgenstein\"> als UNESCO Weltkulturerbe<\/a> und einer anregenden textkritischen Kleinigkeit. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u00dcberlegung, die Wittgenstein 1929 in einen Manuskriptband (Ms 106, S. 257) eintr\u00e4gt, distanziert sich von der kecken Selbstsicherheit, die im Tractatus Logico-Philosophicus mit &#8220;der&#8221; Philosophie kurzen Prozess machte. Er hat bemerkt, dass seine Analysen nur greifen, wenn sie dem Analysierten angemessen sind, also dem menschlichen Sprachgebrauch. Der aber ist stellenweise undurchsichtig; Versuche, ihn philosophisch aufzukl\u00e4ren, sind es ebenso. Dabei <em>sollte<\/em> die Philosophie ganz einfach sein. Wittgenstein findet eine frappante Aufl\u00f6sung dieses Dilemmas. Logische Transparenz bleibt das Ziel, doch sie muss beschwerliche Umwege durch das verwirrende Dickicht &#8220;unseres verknoteten Verstandes&#8221; auf sich nehmen. Das ist schon fr\u00fch ein Grundgedanke, der 1948 zur Einsicht f\u00fchrt: &#8220;Beim Philosophieren mu\u00df man ins alte Chaos hinabsteigen, &amp; sich dort wohlf\u00fchlen.&#8221; (Ms-136, S. 51)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Passage ist prominent in ein Typoskript aufgenommen worden, das Wittgenstein 1930 aus seinen Manuskriptb\u00e4nden zusammengestellt hat (Ts 209, S.1). Ihr letzter Satz  sieht so aus:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"150\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/sondernTs1091-cut-spect-1024x150.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3223\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/sondernTs1091-cut-spect-1024x150.png 1024w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/sondernTs1091-cut-spect-300x44.png 300w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/sondernTs1091-cut-spect-768x112.png 768w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/sondernTs1091-cut-spect.png 1311w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das &#8220;d&#8221; von &#8220;die&#8221;, mit dem der Nebensatz beginnt, hat sich beim Tippen ohne Zwischenraum an das &#8220;sondern&#8221; angeh\u00e4ngt. Dann wurde es zweifach wieder abgetrennt: mit Schr\u00e4gstrich und mit einem Komma. Das Bild des Faksimiles zu Beginn dieses Beitrags zeigt deutlich, dass Wittgenstein im Manuskript weder den syntaktisch erforderlichen, noch den zweiten Beistrich gesetzt hat. Dieser Sachverhalt ist eindeutig. Nicht ganz eindeutig ist, wie mit der vertippten Stelle umzugehen ist. Wissenschaftliche Werkausgaben bieten korrekte Transkriptionen, <a href=\"http:\/\/www.wittgensteinsource.org\/\">im Fall Wittgensteins<\/a> in &#8220;diplomatischer&#8221; und &#8220;normalisierter&#8221; Form. Einerseits die \u00dcbertragung der Quelle inklusive ihrer eventuelle Fehler und \u00dcberarbeitungen, andererseits eine Gebrauchsfassung des rekonstruierten Lesetextes. So sieht die detaillierte Transkription aus; sogar das doppelt getippt &#8220;n&#8221; in &#8220;so<strong>n<\/strong>dern&#8221; ist erfasst:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"756\" height=\"156\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/sondernMs106257-D.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3226\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/sondernMs106257-D.png 756w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/sondernMs106257-D-300x62.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 756px) 100vw, 756px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Soweit, so gut. Wie sollte nun aber die normalisierte Fassung aussehen? Intuitiv w\u00fcrden vermutlich viele sagen: &#8220;&#8230; ist nicht die ihrer Materie, sondern die unseres verknoteten Verstandes&#8221;. So steht es jedenfalls <a href=\"https:\/\/www.duden.de\/sprachwissen\/sprachratgeber\/Besonderheiten-von-sondern\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">im Duden<\/a>. Die Version in der Bergen Electronic Edition sieht aber anders aus:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"747\" height=\"128\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/sondern-N.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3229\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/sondern-N.png 747w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/sondern-N-300x51.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 747px) 100vw, 747px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><meta http-equiv=\"content-type\" content=\"text\/html; charset=utf-8\">Das Komma w\u00e4re nach Duden gerechtfertigt, wenn nach dem &#8220;sondern&#8221; ein Nebensatz folgt, also etwa: &#8220;Die Komplexit\u00e4t der Philosophie ist <mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-pale-pink-color\">nicht die ihrer Materie, sondern, dass sie <\/mark>auf einen verknoteten Verstand angewandt wird.&#8221; Nach heutigem Verst\u00e4ndnis geh\u00f6ren dagegen &#8220;sondern die unseres verknoteten Verstands&#8221; zusammen. Soll man annehmen, das zweite Komma sei unwillk\u00fcrlich hereingerutscht? Dem ist nicht so, wie der anschlie\u00dfende Beitrag zeigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es geht um eine zentrale methodologische Bemerkung Wittgensteins und ein nebens\u00e4chliches Komma. Um die vielschichtige Arbeit an seinem Nachlass und eine am\u00fcsante Unsch\u00e4rfe, die sich dabei ergeben hat. Um hohe kulturelle Bedeutsamkeit und eine Frage der Beistrichregeln. Zusammengefasst um das ungleiche Verh\u00e4ltnis zwischen einer Edition als UNESCO Weltkulturerbe und einer anregenden textkritischen Kleinigkeit.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[206],"class_list":["post-3207","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-philosophie-klassisch","tag-wittgenstein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3207","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3207"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3207\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3244,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3207\/revisions\/3244"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3207"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3207"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/quatsch.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}