{"id":3340,"date":"2026-09-20T15:03:38","date_gmt":"2026-09-20T15:03:38","guid":{"rendered":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3340"},"modified":"2026-09-20T23:07:21","modified_gmt":"2026-09-20T23:07:21","slug":"von-wikis-zu-sprachmodellen-technische-losungen-als-zivilisatorische-herausforderungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3340","title":{"rendered":"Von Wikis zu Sprachmodellen. Technische L\u00f6sungen als zivilisatorische Herausforderungen."},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"427\" src=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/book-search-chat-1024x427.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3345\" srcset=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/book-search-chat-1024x427.png 1024w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/book-search-chat-300x125.png 300w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/book-search-chat-766x319.png 766w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/book-search-chat-1536x640.png 1536w, https:\/\/quatsch.philo.at\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/book-search-chat.png 1942w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sprachmodelle sind eingebettet in ein Medium, das abh\u00e4ngig ist von Web 2.0 Internettechnologien. Benutzerinnen (m\/w) sind vertraut mit schriftlicher \/ audio-visueller Echtzeitkommunikation zwischen Sender und Empf\u00e4nger. Bei ChatGPT und \u00e4hnlichen Plattformen zahlt man daf\u00fcr (mit Daten oder Geld), dass der zweite Gespr\u00e4chsteilnehmer ein Sprachmodell ist, das (fast) alle Artefakte der Menschheit in einer hilfreichen Weise abrufen und in einen Zusammenhang mit meiner Frage stellen kann. Das seltsame Problem der Herrschaft der Sprache, von dem <a href=\"https:\/\/quatsch.philo.at\/?p=3323\" data-type=\"post\" data-id=\"3323\">im letzten Beitrag <\/a>die Rede war, wird in diesem Zusammenhang versuchsweise pr\u00e4zisiert.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ist ein Gespr\u00e4ch?<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Angenommen, ein Gespr\u00e4ch besteht aus Gespr\u00e4chsteilnehmern (m\/w\/b), die Nachrichten austauschen.<br><\/li>\n\n\n\n<li>Man kann dann zwischen dem Resultat eines Gespr\u00e4chs und der Aufzeichnung des Gespr\u00e4chs unterscheiden. Die Aufzeichnung des Gespr\u00e4chs ist objektiv verf\u00fcgbar, das Resultat kann f\u00fcr jeden Gespr\u00e4chsteilnehmer unterschiedlich sein.<br><\/li>\n\n\n\n<li>Das Resultat eines Gespr\u00e4chs ist die Ver\u00e4nderung der Situation. Ich beginne ein Gespr\u00e4ch aus einer Motivation heraus, d.h. einem Bed\u00fcrfnis, welches am Ende des Gespr\u00e4chs befriedigt, entt\u00e4uscht, oder neu arrangiert wird.<br><\/li>\n\n\n\n<li>Das (b) in Punkt 1 stand f\u00fcr Bot: Ein Sprachmodell in einer Chatbot-Plattform ist ein Gespr\u00e4chsteilnehmer. Die Plattform stellt diesen Teilnehmer f\u00fcr ihre Benutzer (m\/w) zur Verf\u00fcgung. In aktuellen ChatGPT-\u00e4hnlichen Plattformen gibt es \u00fcblicherweise einen menschlichen Teilnehmer (den Benutzer), und einen Teilnehmer, das Sprachmodell. Der Einfachheit halber werden stille Teilnehmer (die asynchron oder synchron eingebunden sind) im Folgenden nicht prim\u00e4r besprochen.<br><\/li>\n\n\n\n<li>Jeder Benutzer der Plattform findet f\u00fcr sich ein Resultat des Gespr\u00e4chs, und hat au\u00dferdem eine Aufzeichnung des Gespr\u00e4chs zur Verf\u00fcgung. Das Sprachmodell erh\u00e4lt iterativ Zugriff auf die Aufzeichnung des Gespr\u00e4chs und generiert Token-f\u00fcr-Token weitere Zeichenketten nach bestimmten Kriterien und auf Basis der im Modell komprimiert gespeicherten Informationen.<br><\/li>\n\n\n\n<li>Das Hauptkriterium f\u00fcr das Sprachmodell ist gegenw\u00e4rtig N\u00fctzlichkeit. Dies liegt daran, dass Benutzer Chatbot-Plattformen vor allem dann verwenden, wenn sie damit ein Bed\u00fcrfnis befriedigen k\u00f6nnen. Es ist jedoch technisch m\u00f6glich und in manchen Kontexten sinnvoll, die Optimierung von N\u00fctzlichkeit auf andere Kriterien zu orientieren: z.B. den Erwerb von F\u00e4higkeiten der Benutzer in Bildungskontexten, oder das Befolgen von Gesetzen, auch wenn sie das Bed\u00fcrfnis der Benutzer entt\u00e4uscht, usw.<br><\/li>\n\n\n\n<li>Man kann die informationstechnologische Entwicklung so sehen, dass sie zunehmend in Richtung individuelle N\u00fctzlichkeit optimiert wird. Das kann wie folgt an drei Kulturtechniken skizziert werden:<br>Buch: Wissen steht als statische Informationsquelle zur Verf\u00fcgung. Eine konkrete Fragestellung des Individuums kann nicht unmittelbar beantwortet werden. Man tritt auch nicht in ein Gespr\u00e4ch mit dem Autor des Buches, au\u00dfer metaphorisch. Die Antwort findet sich beim Lesen und Durchforsten des Buches.<br><br>Wiki \/ Suchmaschine: Die r\u00e4umliche Beschr\u00e4nkung von B\u00fcchern wird effektiv durch Wikis aufgehoben. Zeitlicher Aufwand wird durch Suchen minimiert. Wikis k\u00f6nnen konzeptionell unendlich lang sein (B\u00fccher sind Geduldig, aber Datenbanken um ein Vielfaches mehr). Diese Qualit\u00e4t macht die Suche mit Suchbegriffen zu einer essenziellen Kulturtechnik. Die Suchmaschine generalisiert die Suche in einem konkreten Dokument auf den gesamten im Internet \u00f6ffentlich verf\u00fcgbaren Dokumentkorpus. Das erm\u00f6glicht Benutzern zwar konkrete Fragen zu stellen, die Antworten stehen aber in vielen F\u00e4llen in einer Distanz zur Frage. <br><\/li>\n\n\n\n<li>Sowohl B\u00fccher als auch Suchmaschinen ben\u00f6tigen daher die F\u00e4higkeit der Selbstreflexion. Man kann beim Lesen eines Buches und zu einem gewissen Grad beim Durchforsten von Suchergebnissen vom existierenden Material und seinen \u00dcberlegungen dazu bewogen werden, die Fragestellung zu \u00e4ndern: Das Buch stellt meine Fragestellung in Frage, sie \u00e4ndert &#8220;in mir&#8221; etwas (Anf\u00fchrungszeichen sind hier angebracht). Die nur teilweise relevanten Suchergebnisse machen es notwendig, mich anders auszudr\u00fccken &#8211; oder zu realisieren, zu welchem Teil meine Fragestellung speziell ist und im etablierten Wissenskorpus nicht explizit vorhanden ist, oder zu realisieren, dass meine Frage keinen Sinn macht. Die Suchmaschine stellt im Vergleich zum Buch jedoch einen ersten Schritt zur Optimierung auf individuelle Fragestellungen vor, man k\u00f6nnte sagen, dass der Bias des Buches die Wissenspraktiken in Richtung Konsumieren von etablierten, aufgeschriebenen Wissens optimierte (Autorit\u00e4ten), w\u00e4hrend die Suchmaschine bereits die Vorstellung verst\u00e4rkt, dass mir zu meiner Fragestellung konkretes Material zur Verf\u00fcgung gestellt wird, um mein Bed\u00fcrfnis zu befriedigen und ich mir die Antwort dann selbst zusammenstellen kann (Remix-Kultur). Die Neugier f\u00fcr ein allgemeines Thema, das ein Buch behandelt, wird fokusiert auf Hilfreiches f\u00fcr meine spezielle Fragestellung. Es scheint, dass der Benutzer des Tools dadurch an Macht gewinnt, andererseits verl\u00e4sst man sich zunehmend darauf, dass das Medium konkrete Antworten liefert. Beim Buch muss man selbst relevante Stellen finden; die Suchmaschine findet f\u00fcr einen relevante Stellen. Die Suchmachine folgt jedoch Algorithmen, die im Rahmen von privatwirtschaftlichen Interessen entwickelt und verfeinert werden. Es soll n\u00fctzlich wirken, damit Benutzer weiterhin interagieren, doch tats\u00e4chlich wird das Bed\u00fcrfnis nach Wissen gekapert und durch Interessen von Unternehmen, die eigene Inhalte positionieren, \u00fcberlagert.<br><\/li>\n\n\n\n<li>Chatbot-Plattformen erm\u00f6glichen einen signifikanten Qualit\u00e4tssprung, was die automatische Erstellung von Antworten auf Benutzerfragen betrifft. Dadurch wird dem Medium jedoch noch mehr Macht zugesprochen. Ich stelle eine Frage und bekomme eine glaubw\u00fcrdige Antwort. Die Glaubw\u00fcrdigkeit kommt dadurch zustande, dass Sprachmodelle auf menschliche N\u00fctzlichkeit hin optimiert wurden. Die Konstruktion der Antwort erfolgt Token f\u00fcr Token so, dass Benutzerinnen h\u00f6chstwahrscheinlich die Antwort f\u00fcr plausibel halten. Was dadurch mit Hilfe von stochastischen Methoden kaschiert wird ist der Unterschied zwischen der spezifischen Fragestellung und vergangenen Dokumenten.<br><\/li>\n\n\n\n<li>Was uns als Homo sapiens auszeichnete, zum Beispiel die F\u00e4higkeit, eigene Problemstellungen auf Basis von etabliertem Wissen <strong>und <\/strong>eigener Vorstellungskraft zu l\u00f6sen, wird nun durch Sprachmodelle herausgefordert. Es scheint, als ob das Modell <em>uns<\/em> versteht, und darum direkte L\u00f6sungen liefern kann. Mit zunehmender Verwendung und Verfeinerung der Plattformen wird die Qualit\u00e4t der Antworten verbessert und der Anschein von Verst\u00e4ndnis verst\u00e4rkt. Wir f\u00fchlen uns verstanden. Daf\u00fcr brauchen wir keine Anf\u00fchrungszeichen.<br><\/li>\n\n\n\n<li>Kommunikationstheoretisch sind Gespr\u00e4che in der Chat-Plattform komplement\u00e4r, so wie ein Arzt-Patienten-Gespr\u00e4ch: Ich habe diese Beschwerden und suche Erleichterung. Suchmaschinen konnten in vielen F\u00e4llen nur Ans\u00e4tze zur Verf\u00fcgung stellen bzw. auf Dokumente von anderen Personen hinweisen, in denen gesuchte Worten vorkommen. Sprachmodelle hingegen induzieren die Vorstellung, dass eine passende Antwort zu meiner Frage automatisch generiert wird, unabh\u00e4ngig von menschlichen Produktionen. Technisch gesehen ist die Einbindung von menschlichen Produktionen einerseits vorgelagert auf die Phase des Trainings und Optimierens des Sprachmodells, andererseits abh\u00e4ngig von der Frage selbst: \u00dcber Stochastik, nicht \u00fcber logische Schlussfolgerungen oder Beherrschung von Wissensdom\u00e4nen, werden etabliertes Wissen und individuelle Frage in Einklang gebracht. So erhielt ich eine konkrete Antwort auf meine Frage, wie ich die Version dieses Blogs mit Hilfe eines Command Line Interfaces im Terminal des Servers aktualisiere.<br><\/li>\n\n\n\n<li>Dieser Beitrag spricht nicht oder nur indirekt von zwischen<em>menschlichen<\/em> Gespr\u00e4chen. Es gibt in diesem Fall zwei Gespr\u00e4chsresultate: Das Resultat f\u00fcr Teilnehmer 1 und das Resultat f\u00fcr Teilnehmer 2. Gemeinsame Sprache ver\u00e4ndert sich durch diese Divergenz. Man versteht etwas anderes, weil man eine andere Position einnimmt, weil man andere Voraussetzungen\/Motivationen\/Bed\u00fcrfnisse hat. Ein Sprachmodell hat auf diese Diversit\u00e4t keinen Zugriff, so wie Teilnehmer 1 nicht auf Teilnehmer 2. M\u00f6chte man sagen. Was aber l\u00e4sst mich wissen, dass das Sprachmodell keinen Zugriff hat auf vor-sprachliche Motivationen, dieses messy Territorium, das aber mit Sprache zusammenh\u00e4ngt? Wie unterscheide ich zwischen einem menschlichen Teilnehmer 2 und einem Sprachmodell-Teilnehmer 2? <br><\/li>\n\n\n\n<li>Ein Versuch: Sprachmodelle kalkulieren das n\u00e4chste Wort, auf Basis von Input und Gewichten. Sie sind in der Sprache mehr zu Hause als menschliche Teilnehmer. Menschen versuchen sich auszudr\u00fccken, wenn sie sprechen und schreiben. Und weil es sich um eine gemeinsame Sprache handelt, sind sie mit dem Gesagten nie ganz zufrieden. Die W\u00f6rter sind inad\u00e4quat im Vergleich zu dem, was sie sagen wollen. Die Inkonsistenz der Sprache wird von Sprachmodellen konsistent gemacht, und diese Tatsache durch Wahrscheinlichkeiten kaschiert. Ist es m\u00f6glich, das an Beispielen aufzuzeigen? Vielleicht ein anderes Mal.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprachmodelle sind eingebettet in ein Medium, das abh\u00e4ngig ist von Web 2.0 Internettechnologien. 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